Buchbesprechung "Amerika – Mit Gewalt in den Gottesstaat"

Nachdem ich zwei Rezensionen gelesen hatte, war ich gespannt, wie das Buch auf mich wirken würde. Heinz Hopf hatte es in den höchsten Tönen gelobt und auch Thomas Lobitz kommt nur gegen Ende seines Artikels zu einigen kritischen Bemerkungen. Zudem wurde mir das Buch vom Co-Autor sehr empfohlen. Ich traf Christian Wannenmacher anlässlich einer Tagung der Gemeindeakademie des NDV in Mühlenrahmede. Dabei ließ er so nebenbei die Bemerkung fallen, dass er für die vielen Zitate die Recherche- Verantwortung trage. Das muss eine gewaltige Fleißarbeit gewesen sein; denn in den 250 Seiten Text finden sich 967 (!) Zitate, und das Personenregister umfasst sechs Seiten 2-spaltig geschrieben! Da drängt sich die Frage auf: Wo verstecken sich die eigenen Gedanken des Hauptautors?

Aber sie lassen sich finden. Nur wenn man sie gefunden hat, breitet sich Enttäuschung aus. Padderatz bezeichnet sich selbst als Historiker und Theologen und hat laut Klappentext seinen Wohnsitz in Michigan, USA. Das sollten eigentlich beste Voraussetzungen sein, um vor allem europäische Leser mit neuen Gedanken zu konfrontieren. Neu ist hier gemeint als Ergänzung zu den sattsam bekannten meist negativen Beurteilungen der Amerikaner durch viele Journalisten und Buchautoren diesseits und jenseits des Atlantik.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Padderatz setzt noch eins drauf! Er überbietet sich im Zitieren negativer Informationen über die USA. Die negative Sicht des Amerikaners gipfelt in dem Satz: „Es ist nur leicht übertrieben zu behaupten, manche Amerikaner meinen, alle Menschen außerhalb Amerikas lebten auf Bäumen.“ Fast zynisch klingen Sätze, die das Verständnis der Amerikaner vom Begriff „Freiheit“ verdeutlichen sollen. „Es scheint innerhalb von Amerika allerdings nicht um die Freiheit von Kriminalität, Armut, Angst und Unwissenheit zu gehen, sondern eher um eine Freiheit, die nach Beendigung von Kaltem Krieg und Kommunismus noch nicht neu definiert wurde. Vielleicht ist es die Freiheit, überall in den Vorstädten einen Parkplatz zu finden, an jeder Ecke bei McDonald’s essen und in jedem Supermarkt, selbst bei Aldi, auf die Toilette gehen zu können.“ Dagegen wirken zahlreiche Zitate, die den religiösen Wissensstand des Durchschnittsamerikaners beschreiben sollen, eher possierlich. „Noah, der biblische Archenkapitän, hatte eine französische Frau, und zwar aus dem Herzogtum Bar in Lothringen. Die hieß Jeanne d’Arc. … Fast zwei Drittel der US-Bürger können nicht einmal die Hälfte der Zehn Gebote nennen und kaum 50 Prozent von ihnen auch nur einen der vier Evangelisten. Amüsant ist auch die Tatsache, dass jeder zweite amerikanische Oberschüler Sodom und Gomorrha für ein Ehepaar hält.“ Diese Informationen entstammen einem Buch, das 2006 erschien. Aber die Tatsache, dass Padderatz diese Informationen weitergibt, lassen den Schluss zu, dass er die gleiche Sicht von seinen amerikanischen Freunden hat.

Damit nähern wir uns einem Hauptthema des Buches.  Es ist die Abrechnung des Autors mit den Evangelikalen, den Fundamentalisten, den Charismatikern, der christlichen Rechten. Hier sieht Padderatz gewaltiges Unheil auf die Menschheit zukommen. Er wird nicht müde, diese Gruppe mit immer neuen Argumenten zu bekämpfen, ihr alles Schlechte anzulasten, sie in vielen Variationen aufzuspüren, um sie schließlich in einer nicht ganz neuen Verschwörungstheorie zum Gegner Nummer eins für jeden frommen Christen darzustellen.

142 Seiten benötigt Padderatz, um den von den extrem Konservativen angestrebten Gottesstaat gedanklich vorzubereiten. Alle Gruppierungen dieser Richtung werden hier über einen Kamm geschoren. Dann aber werden Belege angeführt, die jeden wohlwollenden Leser erschrecken müssen. Da wird ein berühmter Fernsehprediger ausführlich zitiert. Höhepunkt: Der Terroranschlag vom 11. September 2001 war ein Gottesurteil. Die christliche Rechte sei, und damit betritt Padderatz politischen Boden, eine wesentliche Stütze der Republikanischen Partei. Das ist nicht neu, aber die Zielrichtung der Argumente lässt aufhorchen. Es geht dem Autor um nicht mehr und nicht weniger als um den Nachweis, dass die USA dabei sind, einen Gottesstaat zu errichten, der dann alle Andersgläubigen und vor allem alle Ungläubigen unterdrücken würde.

Ein typischer Beleg in der Argumentationskette des Autors ist der Hinweis auf ein geplantes Gesetz (Constitution Restoration Act), das zwar 2004 noch keine Mehrheit im Kongress gefunden hat, aber immer noch auf der Tagesordnung der religiösen Rechten steht. „Wäre dieses Gesetz durchgekommen – und es ist zu befürchten, dass es irgendwann wieder eingebracht wird und dann vielleicht eine Mehrheit findet – dann hätte Amerika ein Gesetz, das direkt zum Gottesstaat führt.“ Dem aufmerksamen Leser fällt auf, dass Padderatz hier nur im Konjunktiv (wäre, hätte) formuliert, aber wer liest schon so genau. Soll hier etwa Angst geschürt werden?

Padderatz versucht sich auch als politischer „Prophet“. Er kann sich nicht vorstellen, dass der nächste Präsident der USA aus den Reihen der Demokratischen Partei kommt. Es wird wohl wieder ein Republikaner sein.  „Es ist durchaus vorstellbar – wenn auch weniger wahrscheinlich – dass der nächste Präsident der Demokratischen Partei angehört. Dies dürfte jedoch nur dann möglich sein, wenn sich dieser den politischen Forderungen der religiösen Rechten unterwirft.“ „Insofern spricht vieles dafür, dass auch im Jahr 2008 wieder ein Republikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird.“ Wir werden sehen. Aber ich bezweifele, dass sich Barak Obama den Forderungen der religiösen Rechten unterwirft.

Kühn mutet die These an, dass Amerika dabei sei, die Demokratie insgesamt abzuschaffen. „Das allen gemeinsame Ziel ist die Schaffung einer evangelikal-fundmentalistischen Kultur und – so muss man befürchten – letztendlich die zwangsweise ‚Christianisierung’ Amerikas und damit die Abschaffung der Demokratie.“ Dabei ist sich der Autor sicher, dass auch wir in Europa die bisher praktizierte Form der Demokratie verlieren werden; denn es wird „de facto wohl auf eine amerikanisch-fundmentalistische Kolonisierung Europas hinauslaufen“.

Das Buch endet mit einer düsteren Prognose. „Noch beherrscht Amerika nicht die Welt – jedenfalls nicht uneingeschränkt. … Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, dass sich die religiöse Rechte der USA der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht Amerikas bedient, um ihre Vorstellung von einer christlichen Welt sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres eigenen Landes – und vielleicht sogar in ‚heiligen Kriegen’ – gewaltsam durchzusetzen. … Es (Amerika) hat seine eigenen höchsten Werte verraten und marschiert geradewegs zurück ins Mittelalter. Es ist zu befürchten, dass es den Rest der Welt früher oder später auf diesem Marsch mitnehmen wird. Die Unterdrückung und Verfolgung derer, die nicht im Gleichschritt mitmarschieren, wird mit jedem Tag wahrscheinlicher.“ Es ist nur gut, dass wir in Deutschland Pressefreiheit haben; denn den USA die Absicht zur Kolonisierung Europas zu unterstellen – und dazu sogar mit dem Mittel eines Djihad – ist schon starker Tobak!

Des Autors düstere Zukunftsprognose gipfelt in der Behauptung: „Dann wird er (der Zeitgenosse) nämlich bemerken, dass wir Zeugen einer beginnenden  ‚christlich’-fundamentalistischen Talibanisierung Amerikas und potenziell der ganzen Welt sind.“
Der Leser fragt sich nach der Lektüre des Buches unwillkürlich: Wie kommt ein akademisch gebildeter Autor zu solch einem „Tunnelblick“? Die Antwort könnte in der Tatsache begründet liegen, dass Padderatz schon so amerikanisiert ist, dass er die Welt nur noch aus amerikanischem Blickwinkel sieht. Wie sonst konnte der Eindruck entstehen, dass die politische, wirtschaftliche und religiöse Zukunft der Menschenmassen in Indien und China von den Plänen der religiösen Rechten in den USA abhängt? Glaubt der Autor wirklich immer noch an die Vorrangstellung des weißen Mannes in der Welt? Hat er noch nicht zur Kenntnis genommen, dass die Musik längst in Asien spielt? Ich erspare mir hier Zahlen, aber wenn schon von Religion die Rede ist, dann darf doch wohl auch gefragt werden, ob die Millionen Buddhisten, Hindus und vor allem Moslems ihre Eigenständigkeit aufgeben und sich der religiösen Rechten der USA unterordnen werden.

Ich halte die von Gerhard Padderatz hier vorgelegte Studie für einseitig und historisch überholt. Fast alle Zukunftsforscher geben der Vormachtstellung der USA nur noch eine begrenze Dauer. Wir werden uns in Europa daran gewöhnen müssen, das wir nicht mehr der Nabel der Welt sind. Die Verschiebung des wirtschaftlichen und politischen Schwerpunkts der Weltgeschichte geht nicht Richtung USA, sondern eindeutig Richtung Asien. Wer das aus den Augen verliert oder gar wissentlich ignoriert, kommt zwangsläufig auch in große Schwierigkeiten beim Lesen und Deuten prophetisch-apokalyptischer Texte der Bibel. Hier nur aus Gründen der Tradition die immer gleichen Deutungen anzubieten, reicht nicht mehr. Die eurozentristische Methode der Textdeutung muss ergänzt werden durch einen globalen Ansatz.  Hier bietet Padderatz nichts Neues und deshalb ist sein Buch zwar interessant zu lesen, enthält auch eine Fülle von Belegen für Leser, die ihre negative Einstellung zu den USA bestätigt finden wollen, aber es ist im Grunde ein überflüssiges Buch.

L. E. Träder, im März 2008

"Amerika – Mit Gewalt in den Gottesstaat"

Gerhard Padderatz, Amerika – Mit Gewalt in den Gottesstaat, 334 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, 2007,  ISBN 978-3-89812-473-7