Die apokalyptische Vision und die Neutralisierung des Adventismus

George R. Knight

 

Originalausgabe 2008, deutsche Übersetzung 2011

 

Ein seltsames Buch! Von konservativen Kreisen in unserer Kirche wurde ich aufgefordert, es doch zu lesen und dann eine Buchbesprechung auf meine Internetseite zu stellen (wahrscheinlich in der Hoffnung, dass ich dadurch vielleicht von meinem angeblich liberalen Kurs abzubringen sei!). Aus dem gegenteiligen Lager hörte ich Stimmen, die entsetzt vom Inhalt dieses Buches waren, weil es so gar nicht in die Tendenz der bisher im Deutschen erschienen Bücher dieses Autors passe. Beide Seiten – so scheint es mir – versuchen, dieses Buch zu instrumentalisieren. Vor allem das konservative Lager meint, in diesem Buch gute Argumente für ihre mehr rückwärts gerichtete Grundeinstellung zu finden.

 

Ich war nun sehr gespannt, was ich vorfinden würde. Und ich fand ein durchaus empfehlenswertes Buch für alle, die mit den inneren Problemen der adventistischen Kirche vertraut sind. ‚Neueinsteiger’ und ‚Randsiedler’ werden wohl bei vielen Aussagen nur verständnislos den Kopf schütteln, aber für informierte ‚Insider’ könnte es eine spannende Lektüre sein.

 

Nach dem Lesen stellten sich mir einige Fragen:

Was veranlasste einen Kirchenhistoriker, sich so tief in das Gestrüpp der Theologie zu wagen? Will er womöglich eine Spaltung der Kirche anregen, damit die von ihm als treuer Rest empfundene Gruppe die eigentliche Aufgabe des Adventismus wieder voll zur Geltung bringen kann? Warum hat er in seinen früheren Büchern ein so ganz anderes Bild vom Adventismus geschildert? (Oder habe ich da vielleicht manches missverstanden?)

 

Dieses Buch geht zurück auf eine Vortragsreihe, die G. R. Knight 2007 das erste mal vor rund 800 Geistlichen unserer Kirche in den USA gehalten hat. Die Wirkung auf die Zuhörerschaft zeigte ihm, dass „die Predigerschaft ... gerade bei den Themen, die unser Adventistsein ausmachen, völlig gespalten ist.“[1]  Und weil das so ist, hat er einen „Weckruf“ geschrieben, „der aus dem Bauchgefühl heraus entstand, dass der Adventismus dabei ist, vom Weg abzukommen.“[2]

 

Nun ist diese Sorge nicht ganz unbegründet. Es gibt eine ganze Reihe von führenden Persönlichkeiten unserer Kirche, die sich Sorgen machen, aber nicht alle sehen das so pessimistisch – oder so einseitig - wie Knight. Der letzte Präsident der Generalkonferenz, Jan Paulsen, hat sich auch in einer kleinen Broschüre dazu geäußert, aber dieser Text atmet einen ganz anderen Geist.[3] Knight geht von einem Sachverhalt aus, der natürlich den Verantwortlichen unserer Kirche zu schaffen macht: Der deutliche Gliederschwund in den entwickelten Ländern (Nordamerika, Europa). Knight kennt den Grund: “Wir stehen nicht mehr allzu tatkräftig hinter der traditionellen Sichtweise unserer Glaubensgemeinschaft.“[4] Kulturrelevant zu sein, ist für Knight ein Irrweg.[5] Nötig sei ein uneingeschränkter Sonderstatus, er nennt das „heilige Arroganz“. „Wenn eine Kirche in ihren Ansprüchen politisch korrekt wird und ein angemessenes Maß an ‚heiliger Arroganz’ hinsichtlich der Botschaft und ihres Auftrags verliert, schafft sie es, sich selbst zu entmannen, selbst wenn sie weiterhin mit ihrer Potenz prahlt.“[6] Knight empfiehlt einen klaren Konfrontationskurs: „Ein gesundes Christentum muss unbedingt einen Gegenpol zu den Werten der vorherrschenden Kultur bilden und Wahrheiten vertreten, die die Gesellschaft allgemein wenig anziehend findet.“ Oder: „...die Menschen suchen nach einer Kirche, die sich gegen die Kultur stellt, eine, die arrogant genug ist, zu glauben, dass es Wahrheit und Irrtum gibt und sie diese Wahrheit besitzt.“[7] Solche Sätze erschrecken den Leser, aber man sollte genau hinsehen. Natürlich vertritt Knight einen deutlichen Exklusivitätsanspruch. Ich werde darauf zurückkommen, wenn ich seine Sicht des Begriffes der ‚Übrigen’ darstelle. Aber seine Distanz zur herrschenden Kultur hat gute Gründe: „Evangelisation, die das Evangelium zum Mittelpunkt hat, führt dazu, Menschen unangepasst zu machen, wenn es um eine Kultur geht, die vom Kreuz her gewogen und als zu leicht befunden wird.“[8] Diese Einschränkung ist wichtig, sonst würde man Knight in eine falsche Ecke schieben. Viele ‚Werte’ der modernen westlichen Gesellschaft (Knight spricht hier immer von „Kultur“) sind zweifellos vom Evangelium her zu verwerfen. Und nur das empfiehlt Knight.

 

Viele Seiten verwendet Knight damit, die Botschaft der Offenbarung des Johannes mit den Aussagen Jesu in den Evangelien zu verbinden. Ich habe hier nie ein Problem gesehen, aber offensichtlich hat Knight andere Erfahrungen gemacht. Die Einzelheiten der Textauslegung ermüden etwas, weil hier nicht wesentlich Neues zu lesen ist. Lediglich die Kombination von „Lamm Gottes“ mit dem „Löwen aus Juda“ könnte für Theologen reizvoll sein.

 

Dann schildert Knight sehr ausführlich einzelne Phasen der frühen Adventgeschichte, und hier ist es v. a. J. Bates, der für ihn die entscheidenden theologischen Impulse für die Adventbewegung geliefert hat. Die ‚Reformation’ von 1888 wird erwähnt und dann kommt Knight zu seinem wichtigsten Thema: „Abschließend möchte ich einmal mehr wiederholen, dass die Begründer des Adventglaubens die Bedeutung ihrer Bewegung in den prophetischen Aussagen von Offenbarung 14 fanden, die von der ersten zur zweiten und weiter zur dritten Engelsbotschaft fortschreitet und im weiteren Verlauf das Weltende schildert. Sie sahen sich als ein herausgerufenes Volk mit einer besonderen Endzeitbotschaft, die sie der ganzen Welt zu verkündigen hatten. Es war dieses prophetische Verständnis, das die Siebenten-Tags-Adventisten mit Vollmacht ausstattete und sie zu einer dynamischen Bewegung machte.“[9] Wenn man das so liest, könnte es scheinen, als ob die Botschaft der drei Engel die wichtigste Aussage in Offenbarung 14 sei. Damit aber tun wir dem Text Gewalt an. Ellen White hat einmal geschrieben, dass man das ganze Kapitel beachten solle  - und nicht nur isoliert die Verse 6-13 - und dann ist natürlich der Vers 14 der Mittelpunkt.[10] Dieses Kapitel ist bei genauem Hinsehen wie ein Triptychon aufgebaut. Erst drei Engel – dann Vers 14 – und dann wieder drei Engel. Den Mittelpunkt bildet also die Darstellung des kommenden Königs – mit Krone und Sichel – nicht die sechs Engel stehen im Mittelpunk! Das scheint Knight ähnlich zu sehen, aber er formuliert das nur so nebenbei: „Die Endzeitvision des Johannes beschäftigt sich mit diesen beiden Themen („Anbetung“ und „soziale Gerechtigkeit“ d. Verfasser), aber ihr Hauptzweck besteht darin, uns den glorreichen Jesus darzustellen, der wiederkommt und allem Elend und aller Ungerechtigkeit ein Ende bereiten wird.“[11] Damit wären wir bei Vers 14, aber Knight bleibt bei seinem Hauptanliegen: Es geht ihm letztlich ‚nur’ um die Botschaft der drei ersten Engel aus Off. 14, und damit wird eine Engführung der Gedanken bewirkt, die weder im Sinne von EGW ist, noch entspricht sie dem biblischen Text.

 

Dann aber zieht er eine Schlussfolgerung, die ich so überhaupt nicht nachvollziehen kann. Sie ist m. E. weder biblisch noch adventistisch. Ich jedenfalls habe so etwas noch nirgendwo gelesen: „Ohne Zweifel ist das Vorwiederkunftsgericht das zentrale Thema in der dreifachen Engelsbotschaft.“[12] Knight wird nicht müde im weiteren Verlauf dieses Themas immer wieder zu betonen, dass dieses Gericht etwas sei, worauf man sich freuen könne. „In der Bibel ist der Richter nicht gegen uns. Er ist nicht einmal neutral. Der Richter ist für uns.“[13] Aber wozu dann das Ganze? „Das Gericht und die Gerichtsbücher sind nicht für Gott da, sondern für den Rest des Universums.“[14] Wenn das so ist, warum beschäftigen wir uns so intensiv mit diesem Gericht? Wenn es nur die Bewohner des Universums betrifft und vielleicht noch die Heiligen nach der ersten Auferstehung, dann können wir doch getrost dieses Thema den himmlischen Wesen überlassen! Nachdem Knight diesen Sachverhalt formuliert hat, verstehe ich nicht, wie er zu der These kommt, dass dieses Gericht der Kern der dreifachen Engelsbotschaft sei.

 

Natürlich kommt Knight in diesem Zusammenhang auch auf das Heiligtum zu sprechen. Aber hier ist er sehr vorsichtig in seinen Formulierungen. „Vor diesem Hintergrund müssen wir uns vorsehen, dass wir nicht etwas in den Text hineinlesen, was dort gar nicht steht.[15] Was das konkret bedeuten könnte, beschreibt er nicht.

 

Dann setzt er sich mit dem Begriff „Die Übrigen“ auseinander. Knight unterscheidet sehr deutlich zwischen dem Taufbekenntnis (welche Formulierung meint er hier?) und den 28 Glaubensüberzeugungen. Im Taufbekenntnis wird von der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten als von der „Gemeinde der Übrigen“ gesprochen und in den Glaubensüberzeugungen wird nur von der Botschaft der Übrigen gesprochen. „Diese Botschaft soll der Welt von dem Teil der Übrigen verkündigt werden, der bereits in der Gemeinde ist.“[16] Damit wird klar ausgesagt, dass es nicht nur die Adventisten sind, die die ‚Gemeinde der Übrigen’ bilden, sondern wir sind lediglich ein Teil davon. Das ist auch die bisher offiziell vertretene Auffassung. So warnte Jan Paulsen in der Schlusspredigt der GC-Sitzung in Toronto: „Es ist der Wille Gottes, dass elitäres Denken, Rassismus, Nationalismus und das Gefühl der Exklusivität keinen Platz in der Gemeinde haben.“[17] Im Kompendium zu unseren Glaubenslehren findet sich zu diesem Thema der Satz: „Gott hat in allen Kirchen und Gemeinschaften seine Kinder.“[18] George Knight scheint offensichtlich diese Meinung nicht zu teilen. Hier befindet er sich im deutlichen Gegensatz zur offiziellen Linie unserer Kirche. Das spricht nicht unbedingt gegen ihn, aber es ist doch bezeichnend für dieses Buch.

 

Ich habe dieses Buch mit steigender Aufmerksamkeit gelesen und war immer wieder überrascht von dem profunden Wissen des Autors. Vielen Thesen kann ich zustimmen. So hat er z. B. eine Forderung erhoben, die ich schon seit langem als Begriff benutze: „(k)eine eurozentristische“ Auslegung.[19] Knight beschränkt seinen Hinweis leider auf das Heilige Land. Ich gehe einen Schritt weiter und fordere eine globale Deutung vor allem der prophetisch-apokalyptischen Texte.[20] Aber es gibt in diesem Buch auch Aussagen, die mich doch daran erinnert haben, dass der Autor als Amerikaner schreibt. Wenn er vom Anschlag auf das World Trade Center in New  York spricht:„Jeder – außer jenen, die mit völliger Blindheit geschlagen waren – konnte sich die endzeitliche Bedeutung dieses Ereignisses ausmalen.“[21] Dann gehöre ich wohl zu den mit Blindheit Geschlagenen.

 

Auch wenn George Knight manchmal mit seinen ‚Gegnern’ nicht gerade wohlwollend umgeht (so bezeichnet er einmal Referenten, die eine andere Meinung vertraten als er als solche, die mit „viel Gefühlsduselei“ argumentierten oder attestierte ihnen „ziemlich törichte Gefühlsäußerungen“[22]), so stimme ich doch einer seiner entscheidenden Aussagen zu: „Hier macht Jesus den Maßstab für das Gericht in beispielloser Deutlichkeit klar. Die Menschen werden nicht gefragt, was sie geglaubt oder ob sie den Sabbat gehalten haben, den Zehnten gezahlt oder auf ihre Gesundheit geachtet haben. Obwohl diese Dinge wichtig sind, kann man sie sehr streng halten und trotzdem verloren sein (Mt 23,23.24). Worum es im Gericht eigentlich geht, ist die Frage, ob wir unseren Mitmenschen ganz konkret Liebe erwiesen haben.“[23]

 

Ein Buch, das letztlich bei mir zwiespältige Reaktionen verursacht hat. Auf der einen Seite stimme ich seinen christozentrischen Aussagen ohne Einschränkung zu. Und die sind nicht zu überlesen. Auf der anderen Seite habe ich Bedenken bei seinem Versuch, die befürchtete „Neutralisierung des Adventismus“ dadurch zu verhindern, dass theologische Positionen reaktiviert werden, die wir als Kirche überwunden haben. Natürlich enthalten die Aussagen der ersten drei Engel wichtige Verkündigungselemente, aber für die Bewältigung des  Alltags könnte eine konkrete Auslegung und Anwendung der „Seligpreisungen“ hilfreicher sein. Knight schreibt manchmal von einer dynamischen Botschaft. Das aber bedeutet, dass wir nicht „mit dem Rückwärtsgang in die Zukunft“ fahren dürfen. Ich teile viele Sorgen des Autors, aber ich möchte meiner Kirche keine Theologie empfehlen, die im 19. Jahrhundert wurzelt. Und genau das versucht George Knight. Trotzdem: Ein empfehlenswertes Buch – aber nur für Adventisten, die sich mit den Problemen unserer Kirche auskennen. Für die anderen gibt es bessere Bücher.

Im Juni 2013

 

 



[1] G.R.Knight,Die apokalyptische Vision, Wegweiser Verlag Wien, 2011, S. 157

 

[2] G.R.Knight, a. a. O. S. 156

 

[3] Siehe meine Buchbesprechung auf dieser Webseite

 

[4] G.R.Knight, a. a. O. S. 24

 

[5] Vielleicht ein Ratgeber für das deutsche iku-institut?

 

[6] G.R.Knight, a. a. O. S. 25

 

[7] G.R.Knight, a. a. O. S. 29

 

[8] G.R.Knight, a. a. O. S. 31

 

[9] G.R.Knight, a. a. O. S.71f

 

[10] Aus einem Manuskript aus dem Jahre 1896: „...Die erste, zweite und dritte Engelsbotschaft gehören zusammen und werden im 14. Kapitel der Offenbarung von Vers 6 an bis zum Kapitelende dargelegt.“ (aus: Christus kommt bald, 1994, S.50)

 

[11] G.R.Knight, a. a. O. S. 87

 

[12] G.R.Knight, a. a. O. S. 103

 

[13] G.R.Knight, a. a. O. S. 103f

 

[14] G.R.Knight, a. a. O. S.104

 

[15] G.R.Knight, a. a. O. S. 110

 

[16] G.R.Knight, a. a. O. S. 115

 

[17] In AE, Nr. 2, 2001

 

[18] Was Adventisten glauben, Advent Verlag, 1996, S. 252

 

[19] G.R.Knight, a. a. O. S. 90

 

[20] Zum Beispiel in meinem Referat „Daniel 2 und die Chinesen“.

 

[21] G.R.Knight, a. a. O. S. 121

 

[22] G.R.Knight, a. a. O. S. 24f

 

[23] G.R.Knight, a. a. O. S. 142f