Besprechung "Die Ehe"


Dieses Buch trägt offiziellen Charakter; denn es ist herausgegeben im Auftrag des Biblical Research Committee der Euro-Afrika-Division. Damit sind die in diesem Buch vertretenen Ansichten kirchenamtlich autorisiert. Schon deshalb lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Gerade beim Thema Ehe zeigen sich aktuell in der Gemeindepraxis doch sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Und dieses Buch lässt kaum ein wichtiges Teilthema aus: Das biblische Eheverständnis, Ehescheidung, Wiederheirat, Mischehen, Konkubinat,  Homosexualität, Ehevorbereitung, kirchliche Hochzeitszeremonie und zusätzlich diverse Einzelstudien.

19 Autoren haben in 20 Teilthemen ihre Positionen formuliert. Dabei kann es natürlich nicht ausbleiben, dass sich manches wiederholt, aber das schmälert nicht den Wert dieses Buches. Auffällig ist, dass jeder Autor sein Thema sehr persönlich behandelt. Manchmal spürt man die strenge Unerbittlichkeit des Dogmatikers (Ekkehardt Müller, Homosexuelle Partnerschaft im Licht der Heiligen Schrift: „Die Haltung der Adventgemeinde in der Frage der Homosexualität ist klar. Die Kirche ist gegen jegliche Ausübung von Homosexualität und gründet ihre Entscheidung allein auf die Schrift.“ S.127) oder die mehr seelsorgerliche Verantwortung im Blick auf die Realität (Carlos Puyol, Seelsorge an konfessionsverschiedenen Ehepaaren: „Wenn wir jedoch dem Recht Geltung verschaffen, müssen wir der Gnade erst recht Raum geben.“ S.401)

Es würde den Rahmen einer Rezension sprengen, würde jedes Kapitel und damit jedes Teilthema für sich gewürdigt. Ich habe zwei Kapitel ausgewählt, an Hand derer ich die Bedeutung dieses Buches erläutern möchte. Zum einen das Kapitel 10 „Sexualität und Ehe aus theologischer Sicht“, geschrieben von Thomas Domanyi. Es ist eines der umfangreichstes Kapitel, und wenn man nur dieses Kapitel lesen würde, bekäme man einen umfassenden Einblick und einen ausgezeichneten Überblick über das vorgegebene Thema. Eine gründliche Textanalyse der wichtigsten Bibelstellen aus dem AT und dem NT bildet die Voraussetzung zu konkreten Schlussfolgerungen. Man spürt, hier schreibt ein Ethikprofessor oder besser gesagt, ein praktizierender Seelsorger. Wenn er zum Beispiel das Thema Homosexualität berührt, empfiehlt er die „Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Erkenntnisse … die auf die mögliche pathologische Natur der Homosexualität verweisen.“ (S.233) Und Domanyi ergänzt diesen Hinweis unter Bezug aufs Evangelium mit der Forderung: „… wird doch in der Bibel niemand wegen krankhafter Störungen der Verachtung preisgegeben.“ (S. 233) Wer von möglicher pathologischer Störung spricht, kann nicht unbedingt und ausschließlich von Sünde sprechen. - Im weiteren Verlauf seiner Darstellung wird nicht nur die rabbinische Tradition mit einbezogen, sondern Domynyi greift fast alle Teilthemen auf, die von Interesse sind: „Der Sinn der Ehe“, „Die Ausschließlichkeit der Ehe“, „Die Ehe auf Probe“, „Intimbeziehungen vor der Ehe“ usw. Domanyi nimmt auch Stellung zur aktuellen Problematik der Ziviltrauung: „Da indes heute bestimmte Alternativformen der Partnerschaft nicht allein von der Gesellschaft akzeptiert, sondern auch durch staatliche Gesetze der Ehe immer mehr gleichgestellt werden, kommen die Kirchen nicht daran vorbei, darüber nachzudenken, anhand welcher rechtlicher und gesellschaftlicher Kriterien sie eine Partnerschaft vor Gott und den Menschen als geschlossen betrachten wollen.“ (S.245) Ob meine Kirche schon angefangen hat, darüber nachzudenken, ist mir nicht bekannt.

Zum zweiten greife ich Kapitel 13 heraus: „Sexualität, Ehe, Scheidung und Wiederheirat bei den frühen Adventisten und bei Ellen G. White“, geschrieben von Heinz Schaidinger. Entscheidend ist seine Prämisse: „Ein grundlegender hermeneutischer Zugang bei einem solchen Aufsatz ist der Versuch einer Horizontverschmelzung; es gilt die Ausdrucksweise der Zeit zu verstehen.“ (S.291) Diese „Horizontverschmelzung“ ist die Geheimwaffe, die es ihm ermöglicht, alle unverständlichen Ratschläge der frühen Adventisten, auch die von E. G. White formulierten, zu ertragen. Tapfer listet er die zum Teil peinlichen Aussagen auf: Die Aussagen zum Thema Masturbation; der Rat an Frauen, sich von keinem männlichen Arzt behandeln zu lassen und auch umgekehrt; vor einer Heirat zwischen Weißen und Schwarzen wird gewarnt, usw. Schaidinger bietet zwei Auswege an: Wenn manches vielleicht als unwissenschaftlich abgetan werden sollte, so gilt „Gerade deshalb scheint es zu früh, diese Aussagen (bezogen hier auf die sexuelle Überbetätigung. L.E.Tr.) als ‚unwissenschaftlich’ abzutun; sie sind höchstens noch nicht wissenschaftlich untersucht.“ (S.298) Damit soll wohl angedeutet werden, dass manche Aussagen E. G. Whites zu bestimmten Themen uns heute zwar seltsam und vielleicht auch unbegreiflich erscheinen, aber haben wir bitte Geduld. Es könnte der Zeitpunkt kommen, wo (fast) alles wissenschaftlich bewiesen werden kann. Als Beispiel für diese Hoffnung erwähnt Schaidinger die jahrzehntelange Weigerung der Tabakindustrie, endlich zuzugeben, dass Rauchen für die Gesundheit schädlich sei. (S.295)

Aber auch ohne die Hoffnung auf wissenschaftliche Beweise trägt Schaidinger der Realität Rechnung – und damit zeigt er einen zweiten Ausweg (zum Rat: Frauen sollten zur Frauenärztin und Männer zu männlichen Ärzten gehen) „Diese Problemdarstellung mutet uns heute altmodisch an. … Dem Kern nach ist dieser Ratschlag auch heute sinnvoll, denn die Gesellschaft ist nicht tugendhafter geworden. Dennoch wäre es unsinnig, würde ich einer Frau ein schlechtes Gewissen machen, weil ein männlicher Arzt ihr Geburtshelfer ist … Ellen White würde die Position des gesunden Menschenverstandes vertreten.“ (S.297)

Damit bin ich bei einem für mich unerwarteten Ergebnis. Als ich anfing, dieses Kapitel zu lesen, war ich darauf gefasst, Wiederholungen sattsam bekannter Positionen zu finden. Heinz Schaidinger hat mich eines Besseren belehrt. Ellen White ist viel moderner und vor allem viel weniger dogmatisch als viele vermuten. Natürlich vertritt sie in den zur Diskussion stehenden Themen die allseits bekannten biblischen Grundsätze. Aber es geht Schaidinger nicht nur darum, „Prinzipien herauszudestilieren“ (S.307), sondern er weist nach, dass es bei Ellen White in vielen Fällen „keine festen Regeln“ gibt! (S.313) Das bedeutet doch wohl im Klartext, dass Ellen White zwar im Grundsatz die biblischen Prinzipien vertrat, aber in der praktischen Anwendung nicht nur sehr moderat, sondern auch sehr flexibel reagiert hat, sehr oft zum Missfallen ihrer Zeitgenossen. „Dementsprechend gab sie in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Ratschläge.“ (S.314) Ellen White wertete jeden Fall einzeln, sie legte kein dogmatisches Schema an und urteilte nicht rigoros nach „Ordnung und Gesetz“. Selbst in Scheidungsfragen sah sie immer den Einzelfall. So konnte sie über einen Ehemann schreiben: „Er ist nicht dazu verpflichtet, jemanden an seiner Seite zu behalten, der nur seine Seele quält…“(S.316) Und in diesem Fall ging es nicht um Ehebruch. Schaidinger fasst zusammen:“Nach der Lektüre der verschiedenen Fälle ist offensichtlich, dass Ellen White zwar etliche aus der Bibel abgeleitete Grundprinzipien hatte, die sie auch einhielt; sie wandte diese nie mit blindem Schematismus an, sondern in jeder gegebenen Situation neu durchdacht und so praktiziert, dass die Ehre Gottes einerseits erhöht und das Elend der Menschen andererseits gelindert wurde.“(S.319)

Dieses Buch ist nicht nur lesenswert, sondern in vielen Fällen auch wirklich hilfreich. Es sollte in keiner Gemeindebibliothek fehlen, und es sollte nicht nur zur Pflichtlektüre für unsere Pastoren zählen. Jeder, der an diesen Themen interessiert ist, findet hier nicht nur eine Fülle informativer Auslegungen, sondern ein Kompendium seelsorgerlicher Ratschläge, die nicht nur bei kritischen Ausschusssitzungen eine Rolle spielen sollten. Die Ehe – ein Auslaufmodell? Hier werden wir eines Besseren belehrt.

L. E. Träder
September 2010

"Die Ehe"

Biblische, theologische und pastorale Aspekte
Band 1 der „Studien zur adventistischen Ethik“,446 Seiten, Advent-Verlag, 2010 ISBN:978-3-8150-1400-4