Buchbesprechung "Gegen den Strom oder voll im Trend?"

G. Padderatz versucht mit diesem Buch zum zweiten Mal, den Leser für seine Weltuntergangssicht zu gewinnen. Aber so wenig ihm das beim Buch über „Amerika“ gelungen ist, so wenig gelingt ihm das mit diesem Buch.

Seine Ausgangsfrage ist schlicht: Warum haben die Adventisten in Deutschland einen so geringen Erfolg in ihren Missionsbemühungen – im Gegensatz zum Rest der Welt? Er hat eine Vermutung: „Gibt es ein Skelett in unserem historischen Kleiderschrank, das man herauslassen und vernünftig beerdigen müsste?“ (7) Und er hat dieses Skelett gefunden. Es ist der deutsche Weg des Adventismus, begründet von Conradi und verfestigt durch die historischen und kulturellen Entwicklungen in Mitteleuropa. Hier hätte sich eine Chance zu gründlichen kirchenhistorischen Überlegungen ergeben. Aber das war von vornherein nicht geplant: „Das Buch ist keine wissenschaftliche Arbeit.“ (10)

So kommt es zu vielen historischen Fehlurteilen, manchmal sogar mit herablassender Tendenz, so wenn er auf die Verhältnisse in der DDR zu sprechen kommt: „Ein Verlust an adventistischer Identität in dieser Region kann somit nicht überraschen – sollte aber korrigiert werden“(20) Wer selbst nie in einem diktatorischen Staat gelebt hat, sollte vorsichtiger formulieren. Aber auch der Westen kommt nicht viel besser weg, wenn ich die anmaßende Überschrift lese: „Die nichtadventistische Prägung der Prediger“ (27) Aber nicht nur die Prediger werden hart kritisiert, auch die Laien sind offensichtlich ein Problem. Von wenig qualifizierten Laien als Gemeindeleiter wird gesagt: „Ihr Verständnis von adventistischer Identität war oft noch weniger ausgeprägt als das der Prediger.“ (29) Waren sie akademisch gebildet, „ging von ihnen ein prägender Einfluss aus, der eher nichtadventistisch war und ist.“ (30) Oder sie erhalten schlicht die wenig schmeichelhafte Titulierung „Rädelsführer“.(30)

Da es Padderatz offensichtlich auch um eine Darstellung der adventistischen Identität geht (so im Untertitel seines Buches), ist es schon schockierend, wenn er dabei für Deutschland zu dem Schluss kommt:“Sie (die Gemeinde) hat daher ein anderes Selbstverständnis und eine andere Identität.“ (38) Gemeint ist, als der Rest der weltweiten Adventgemeinde. Meine Frau und ich haben alle Kontinente bereist und dabei auch unsere Gemeinden besucht. Dabei haben wir Unterschiede in vielem erlebt, aber nicht in der Identität mit der biblischen Botschaft. Die Begründung für seine Behauptungen sieht er im deutschen Anti-Amerika-Komplex. Und da wird Padderatz teilweise sehr konkret: „Eine Konsequenz dieser Amerika-Reaktion oder Abwehr war auch die Schaffung einer eigenen Sabbatschullektion.“(45) Dass die Sabbatschulabteilung der GK die deutsche Fassung der Lektionen als vorbildlich eingestuft hat, wird geflissentlich verschwiegen.

Die Darstellung dessen, was Padderatz unter adventistischer Identität versteht, wird in seiner Bedeutung für den Leser sehr eingeschränkt durch den Hinweis, das alles sei nur seine private Meinung. Die Auflistung trägt also mehr privaten Charakter. „Natürlich sind sie zunächst einmal subjektiv.“ (50) Und dann folgt eine Vielzahl von Teilthemen, die er für identitätsstiftend hält. Das geht bis zu so banalen Bemerkungen wie: „Selbst meine Garderobe … ist … von meiner christlichen Überzeugung geprägt.“ (64)

In der Einleitung hat uns Padderatz schon darauf vorbereitet, dass dieses Buch ein Sammelsurium verschiedener Aufsätze und Beiträge sei, die zu sehr unterschiedlichen Anlässen verfasst worden sind.(10) So nimmt es nicht Wunder, dass es zu einigen Wiederholungen kommt. So zum Beispiel beim Thema „Gottesbild“. Aber ist es wirklich adventistisch zu schreiben: „Es (das adventistische Gottesbild) unterscheidet sich deutlich vom Gottesbild praktisch aller anderen Christen.“? (81)

Überraschend ist bei seiner durch und durch elitären Grundhaltung die Feststellung: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die meisten Menschen, die am Ende gerettet werden, heute anderen Kirchen als der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten angehören.“ (91) Dieser Satz leitet das 6. Kapitel ein, in dem sich Padderatz mit Babylon befasst. Erfreulich ist die Tatsache, dass er sich hier nicht einseitig auf die röm.-kath. Kirche festlegt, sondern in einem Rundumschlag Babylon schlicht in fast allen christlichen Gruppen aufspürt. Damit endet der eigentlich theologische Teil des Buches..

Die 2. Hälfte des Buches ist konkreten Fragestellungen gewidmet. Es beginnt mit einer Analyse unserer gemeindeinternen Verfassung. Padderatz prägt den Begriff der „theokratischen Demokratie“ (107), um unser System zu charakterisieren. Er hat allerdings Zweifel, ob das bis jetzt noch funktionierende Prinzip zukunftstauglich sei. (118) Hier ist ihm uneingeschränkt zuzustimmen, nur macht er leider keinen Vorschlag, wie denn ein neues System der Verwaltung aussehen könnte.

Ein ganzes Kapitel ist der „Sabbatschule“ gewidmet. Begriffe wie „Bibelschule“ oder „Bibelgespräch“ scheint er abzulehnen (123). Er preist die Vorzüge dieser Einrichtung und hier wird ihm jeder Leser beipflichten, aber es findet sich auch ein sehr entlarvender Hinweis. Die Sabbatschule hat für Padderatz auch eine „korrigierende Funktion“. (131) „Das studierte … Sabbatschulheft erlaubt es der Kirchenleitung, theologische Themen und Fragen adventistischer Identität gezielt aufzugreifen und an die Gemeindebasis heranzubringen“ (131) Mir fällt in diesem Zusammenhang nur das Wort „Manipulation“ ein. Ich kann mir zwar nicht denken, dass Padderatz das so gemeint hat, aber so wirkt es auf mich als Leser. Er fragt ja direkt, ob sich die Verantwortlichen in der Generalkonferenz dieser Chance eigentlich bewusst sind und sie auch nutzen (131).Einer, so lesen wir, nutzt sie auf jeden Fall: Clifford Goldstein. „Sein Beitrag zur Lektion (gemeint ist hier jede Ausgabe!) ist teilweise groß, oft sogar bedeutend (bisweilen sogar größer als der des Autors).“ (131)

Das 11. Kapitel enthält eine Reihe von Behauptungen, die für einen schlichten Bibelleser, der sich etwas in der Geschichte auskennt und zudem reges Interesse am Tagesgeschehen hat, ziemlich abenteuerlich wirken. Es sind zum Teil die gleichen Prognosen, die Padderatz in seinem Amerikabuch vertritt. Durch die Wiederholung werden sie allerdings nicht überzeugender. Er beginnt dieses Kapitel mit einem Bekenntnis: „…bin ich ganz entschieden der Meinung, dass es keine 100 Jahre mehr dauern wird:“ (155) Gemeint ist die Wiederkunft Christi. Begründet wird diese verkappte Zeitangabe mit den „Zeichen der Zeit“. Und die können nur wir  richtig deuten; denn „Wir gehen davon aus, dass wir als Siebenten-Tags-Adventisten im Großen und Ganzen den Code der biblischen Prophetie … geknackt haben.“ (157) Also, der Fahrplan steht fest, es sind nur noch ein paar kleine Ungenauigkeiten auszumerzen. So kommt Padderatz wohl auch zu seiner Vermutung „keine 100 Jahre mehr“. Er vertritt im folgenden Thesen in Bezug auf die zukünftige Rolle der USA, die höchst kühn anmuten. Kühn deshalb, weil sie sich kaum mit der Realität decken. „Seitdem (gemeint ist das Jahr 2001) können die von den Neokonservativen entworfenen Pläne einer amerikanischen Weltherrschaft mit großer Leichtigkeit fast überall in der Welt umgesetzt werden.“ (160) Leider hat eine im September 2008 vorgelegte Studie der CIA eine andere Prognose veröffentlicht. „Dass Amerika … den Zenit seiner Macht überschritten hat.“ (160) Aber hier kann Padderatz eine Lösung anbieten. Wenn also die Zeit drängt, müsse man eben schneller handeln – „etwa im Sinne eines Ertrinkenden, der in seiner Todesangst alles ergreift und mit sich hinunterzieht.“ (161) Sollte es wirklich eintreten, dass die USA an Macht verlören, dann würden die von Padderatz befürchteten Ereignisse sich viel schneller entwicklen, als normalerweise vorgesehen. Aber wir haben etwas Zeit gewonnen. „Nun scheint durch die Wahl des Demokraten Barack Obama zunächst eine Verschnaufpause auf dem Weg der Erfüllung prophetischer Ereignisse eingetreten zu sein.“ (168)

Neben seinem Amerikabild hat Padderatz auch eine klare Prognose für die röm.-kath. Kirche parat: „Der Geist der Verfolgung erhebt seit Benedikt XVI wieder einmal sein hässliches Haupt am Horizont:“ (164) Beruhigend ist nur, dass dieser Mann schon so alt ist, „dass er nicht der Verfolgungspapst sein wird.“ (164) Die Tatsache, dass er mit seiner Prophezeiung in Bezug auf den nächsten Präsidenten der USA falsch gelegen hat ( Es würde auf keinen Fall ein Demokrat sein!) erliegt er der Versuchung einer erneuten Prophezeiung. Diesmal geht es um den nächsten Papst. „William Joseph Levada, Erzbischof von San Francisco, … hat damit …. gute Chancen, der nächste Papst zu werden.“(164f) Vielleicht erleben wir das ja noch.

Brandgefährlich scheinen mir Hinweise zu sein, die wohl doch aus nicht ganz seriösen Quellen stammen: „Es gibt durchaus Hinweise darauf, dass die Anschläge vom 11. Sept. 2001 möglicherweise ein *insiderjob* politischer Kräfte in den USA waren.“ (170) Das passt natürlich bestens zusammen mit den Prognosen über die bald beginnende Verfolgung religiöser Minderheiten; denn diesem Ziel dienen eigentlich die  Antiterrorgesetze.

Wer diese Sicht nicht teilt, befördert die Polarisierung in den Gemeinden. Und hier wird Padderatz noch einmal theologisch: „Immer mehr Geschwister stellen sich die Frage, ob nicht das, was wir Polarisierung nennen, in Wirklichkeit die Anfänge der vorhergesagten Sichtung sind.“ (182) Und damit auch jeder weiß, auf wen die Sichtung zuerst zu beziehen ist: „Ellen White sagt uns, dass am Ende außerdem einige unserer leuchtendsten Sterne oder eindrucksvollsten Persönlichkeiten in der Gemeinde erlöschen werden.“ (182)

Ganz zum Schluss wird dem Leser noch ein sehr konkreter Rat gegeben: „Außerdem ist bekannt, dass die adventistische Identität nirgends so ausgeprägt ist und so klar nach innen und außen kommuniziert wird wie in Baden-Württemberg. … Angesichts dieser Erfolgsgeschichte muss man sich wundern, warum die Gemeinschaft in Deutschland nicht schon längst die Baden-Württembergische Vereinigung als Vorbild für die Arbeit auch in anderen Regionen betrachtet.“ (194) Dieser Satz erklärt vielleicht auch die sonst eher etwas peinlich wirkende Auflistung der zustimmenden Leserbriefe  auf der Rückseite des Buches. Sie stammen alle aus Baden-Württemberg.

Die Sprache des Buches ist leicht verständlich, wenn auch mit einigen journalistischen Plattheiten durchsetzt. So wenn von Elia die Rede ist: „Er war völlig durch den Wind.“ (86) Oder wenn von Führungspersönlichkeiten unserer Kirche die Rede ist, die Padderatz nicht „in die Pfanne hauen“ will.(113) Bezeichnend ist wohl auch, dass dieses Buch, das sich ja ausschließlich an Adventisten richtet, nicht in einem offiziellen adventistischen Verlag erschienen ist, sondern Herausgeber ist amazing discoveries e. V.

Es gibt sicherlich einige Adventisten im deutschsprachigen Raum, die dieses Buch begeistert lesen werden, weil sie viele ihrer vorgefassten Meinungen bestätigt finden. Ich gehöre nicht zu ihnen.

Im März 2009

L. E. Träder

"Gegen den Strom oder voll im Trend?"

Gerhard Padderatz, Gegen den Strom oder voll im Trend? 2008 amazing discoveries e. V. 208 Seiten, ISBN 978-3-9809109-9-6