Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, II

 

Jetzt liegt der zweite Band vor, und er hat mich genauso angesprochen wie der erste. Es ist schon erstaunlich, dass der amtierende Pontifex noch so viel Zeit findet, gute Bücher zu schreiben.

 

Natürlich darf man sich nicht an typisch katholischen Wendungen stören, wenn man Begriffe wie „der heilige Paulus“ oder „der heilige Markus“ liest. Auch sind die Schlussfolgerungen, die der Autor aus den Sätzen Jesu am Kreuz bezogen auf Maria und Johannes zieht – besondere Stellung der Maria! – für Adventisten nicht nachvollziehbar. Aber schon im Vorwort wird deutlich, dass sich der Papst mit klaren Äußerungen durchaus in der Nähe adventistischer Theologie befindet. Wenn er zum Beispiel die „historische Hermeneutik“ ergänzt durch eine „Hermeneutik des Glaubens“. (S. 11) Die historisch-kritische Methode hat zweifellos einige wichtige Beiträger geliefert, so Ratzinger, aber sie ist an ihre Grenzen gestoßen. Hier setzt die Hermeneutik des Glaubens an.

 

Das Ende des Tempels, das Ende aller Opferrituale ist mit dem Tod Jesu gekommen. Hier findet der Autor unmissverständliche Formulierungen. Aber er versucht, Verbindungen zum Judentum herzustellen: „Wir erkennen es nach Jahrhunderten des Gegeneinanders als unsere Aufgabe, dass diese beiden Weisen der neuen Lektüre der biblischen Schriften – die christliche und die jüdische – miteinander in Dialog treten müssen, um Gottes Willen und Wort recht zu verstehen.“ (S.49) Auch ein möglicher Ansatz für adventistische Theologen?

 

Ein eigenes Kapitel ist dem Hohepriesterlichen Gebet gewidmet. Hier geht es natürlich auch um die Einheit, und der Papst lässt keinen Zweifel aufkommen, worin das letzte Ziel dieses Gebets besteht: „Deshalb bleibt das Ringen um eine sichtbare Einheit der Jünger Jesu Christi ein dringender Auftrag für die Christen aller Zeiten und aller Orten. Die unsichtbare Einheit der >Gemeinde< genügt nicht.“ (S. 114) Man kann vermuten, dass diese sichtbare Einheit doch wohl unter dem Patronat des Bischofs von Rom gedacht ist!

 

Wichtige Aussagen finden sich im Kapitel über das letzte Abendmahl. „Die neutestamentliche Botschaft ist nicht nur Idee; … Der biblische Glaube erzählt nicht nur Geschichten als Symbole für übergeschichtliche Wahrheiten, sondern er gründet auf Geschichte, die sich auf dem Boden dieser Erde zugetragen hat. … Wenn die Glaubensgewissheit allein auf historisch-wissenschaftlicher Vergewisserung beruhen würde, dann würde sie immer revidierbar bleiben.“ (S. 122f) Breiten Raum widmet der Autor einem Problem der Chronologie des letzten Mahls. Auf der einen Seite stehen die Synoptiker und auf der anderen Seite die Datierung durch Johannes. Joseph Ratzinger entscheidet sich für die Chronologie des Johannes. Ich kann ihm darin folgen, wenn auch da noch einige Zweifel bleiben. Sie scheint mir aber theologisch stringenter zu sein. Erhellend ist der Hinweis, dass es sich beim letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern offensichtlich nicht um das typische Passahmahl gehandelt habe. „In diesem vollen Wissen lud er die Seinen zu einem Letzten Mahl ganz besonderer Art ein, das keinem bestimmten jüdischen Ritus zugehörte, sondern sein Abschied war…“ (S.133)

 

Für ungeübte Leser wirkt die „Einführung der Sonntagsfeier“ zunächst überzeugend. „Der Morgen des ersten Tages wurde damit von selbst der Zeitpunkt des christlichen Gottesdienstes, der Sonntag zum >Tag des Herrn<. … offensichtlich ist der Sonntag der Versammlungstag der korinthischen Gemeinde und damit doch wohl auch eindeutig der Tag ihres Gottesdienstes. … Für Ignatius von Antiochien (gest. ca. 110) ist das Leben >nach dem Tag des Herrn< bereits Unterscheidungskennzeichen der Christen gegenüber denen, die den Sabbat feiern. … Der Tag der Auferstehung ist der äußere und innere Ort des christlichen Gottesdienstes.“ (S.162ff) Hier ist zweifellos Einspruch notwendig! Aber dieses Thema gehört nicht zum Hauptanliegen des Buches.

 

Sehr ausführlich befasst sich der Autor mit der Verurteilung Jesu. Dabei unterscheidet er drei Etappen: „eine Ratsversammlung im Haus des Kajaphas, das Verhör Jesu vor dem Synedrium und schließlich den Prozess vor Pilatus.“ (S. 190) Es wird deutlich, dass sich alle bemühen, juristisch korrekt zu bleiben. Nur Pilatus versagt. Er hätte Jesus freisprechen müssen, aber „Der Friede ging ihm in diesem Fall über die Gerechtigkeit.“ (S. 224)

 

Für mich sehr spannend waren die Ausführungen in Kapitel 9 zu lesen: Die Auferstehung Jesu aus dem Tod. Ohne weiteres kann man dem Satz zustimmen: „Der christliche Glaube steht und fällt mit der Wahrheit des Zeugnisses, dass Christus von den Toten auferstanden ist.“ (S. 266) Aber was meint der folgende Satz: „Wer an die Auferstehungsberichte mit der Meinung herantritt, er wisse, was Auferstehung von den Toten ist, der kann die Berichte nur falsch verstehen und muss sie dann als unsinnig beiseitelegen.“? (S. 267) Hier verlässt der Autor eingefahrene Gedankengänge. „Wenn es sich bei der Auferstehung Jesu nur um das Mirakel einer wiederbelebten Leiche handeln würde, ginge sie uns letztlich nichts an. … Jesu Auferstehung war der Ausbruch in eine ganz neue Art des Lebens, in ein Leben, das nicht mehr dem Gesetz des Stirb und Werde unterworfen ist, … Jesus ist nicht in ein normales Menschenleben dieser Welt zurückgekehrt wie Lazarus …“ (S. 268f) Und trotzdem hält der Autor an der konkreten Visualisierung fest. „Einerseits ist Jesus nicht in die empirische Existenz zurückgekehrt, … Andererseits ist wichtig, dass die Begegnungen mit dem Auferstandenen etwas anderes sind als innere Ereignisse oder als mystische Erfahrungen – sie sind wirkliche Begegnungen mit dem Lebenden…“ (S. 293) „Nur ein wirkliches Ereignis von radikal neuer Qualität konnte die apostolische Predigt ermöglichen, die nicht mit Spekulationen oder inneren, mystischen Erfahrungen zu erklären ist.“ (S. 301) In diesen und ähnlichen Sätzen spüre ich die Nähe zur adventistischen Theologie. Auch wir halten an der Realität und Glaubwürdigkeit der beschriebenen und bezeugten Ereignisse fest.

 

Etwas zu kurz kommt der letzte Abschnitt dieses Buches. Jedenfalls ist das mein Eindruck. Es geht um die >Himmelfahrt< Jesu und sein Wiederkommen. Aber vielleicht wollte der Autor sein Buch, das ja eine Lebensbeschreibung Jesu sein soll, mit Tod und Auferstehung gedanklich abschließen. Aber da wir Adventisten Wert auf die Verkündigung Seiner Wiederkunft legen, spüre ich hier doch einen Mangel. Joseph Ratzinger erläutert kurz die entsprechenden Bibeltexte, wobei er ausdrücklich festhält: „Das Fragen nach Zeiten und Fristen wird ausdrücklich abgelehnt.“ (S. 307) „Der Glaube an die Wiederkunft Christi ist die zweite Säule des christlichen Bekenntnisses.“ (S. 312) Aber ich denke, ich habe den Papst richtig verstanden, wenn ich einen Einwand vorbringen muss. Der Autor beruft sich in seiner Argumentation an einer entscheidenden Stelle auf Bernhard von Clairvaux. Dieser unterscheidet eine dreifache Ankunft des Herrn: „In der ersten Ankunft kam er im Fleisch und in der Schwachheit. In der mittleren kommt er in Geist und Kraft, in der letzten in Herrlichkeit und Majestät. (S. 315f) Ratzinger scheint die mittlere Ankunft der letzten vorzuziehen. Jetzt ist die Zeit, in der wir dem Herrn begegnen können, in der Kraft des Heiligen Geistes. Sein Reich ist zwar noch zukünftig, aber es ist jetzt schon Realität. „Sie gibt die Erwartung der endgültigen weltwendenden Ankunft nicht auf, zeigt aber, das die Zwischenzeit nicht leer ist, dass es in ihr eben den Adventus medius gibt, die mittlere Ankunft,“ (S. 316) Und wohl hauptsächlich diese ist gemeint, wenn Ratzinger schreibt: „Können wir also um das Kommen Jesu beten? Können wir aufrichtig sagen: >Marana tha<!  Komm, Herr Jesus!< Ja, wir können es. Nicht nur das: Wir müssen es!“ (S. 317)

 

Es ist ein Buch, das für Nicht-Theologen geschrieben ist, also leicht verständlich. Es ist getragen von einem stark seelsorgerlichen Impuls. Die Menschen sollen durch dieses Buch (ebenso wie Band I) hingeführt werden zu einem Jesus von Nazareth, der auch heute noch das Heil für alle bereit hält.  In manchen Rezensionen war vor allem die Rede davon, dass der Papst sehr positive Formulierungen für die Juden gefunden hat. Aber das war für mich bei der Lektüre nicht der Haupteindruck. Hier schreibt ein ausgewiesener Theologe sehr deutlich über die Grenzen der historisch-kritischen Bibelauslegung und stellt seine Hermeneutik des Glaubens dagegen. Er will zum Glauben an diesen Jesus von Nazareth hinführen und ich denke, dieser Versuch ist gelungen. Deshalb also auch für bibelfeste Adventisten ein sehr lesenswertes Buch.

L. E. Träder

Im März 2011

 

Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth Band II, Herder Verlag, 2011,

ISBN 978-3-451-32999-9

Ein neues Buch des gegenwärtig amtierenden Papstes.

Ein lesenswertes Buch!