Lasst Kinder wieder Kinder sein

Dr. Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, außerdem ist er als Sozialpsychiater tätig. Er hat eine eigene Praxis in Bonn und  jetzt sein drittes Buch veröffentlicht. Sie alle beschäftigen sich mit Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. In diesem Buch allerdings werden auch die Erwachsenen und ihr Verhalten thematisiert.

 

Winterhoff geht aus von Beobachtungen, die wir alle machen. „Die Probleme der Jugendlichen zeigen sich dabei auf zwei Ebenen. Es fehlt sowohl an Fähigkeiten in den ganz normalen Kulturtechniken wie Lesen und Rechnen als auch an den Sekundärtugenden wie Arbeitshaltung, Pünktlichkeit, Höflichkeit im Umgang mit anderen Menschen.“[1] Hier werden keine Schuldzuweisungen  formuliert; die Ursachen liegen tiefer.  Winterhoff stellt die Frage, „ob Kinder im Erwachsenen heute noch in ausreichendem Maße ein Gegenüber vorfinden, an dem sie sich orientieren und entwickeln können.“[2] Auf Grund seiner Analysen verneint Winterhoff diese Frage. Er stellt fest, dass die Jugendlichen „in einem immer früheren Alter emotional und sozial“ [3] stagnieren. Das hat natürlich gravierende Folgen.

 

Winterhoff fragt nach den Gründen für diese Fehlentwicklungen. Zunächst stellt er fest, dass „die Kindheit als eigenständige, wunderbare Entwicklungsphase des Menschen mehr und mehr abgeschafft wird.“[4] So wird schon kleinen Kindern ein >partnerschaftliches< Verhalten aufgenötigt. Damit sind sie ausnahmslos überfordert. Natürlich sind die Kinder vollwertige Familienmitglieder, deren Individualität respektiert werden sollte. „Das ist bei Achtjährigen allerdings nicht der Fall, wenn von ihnen erwartet wird, etwa Verständnis für die Probleme  bei der Rückzahlung eines Kredites aufzubringen.“[5] Solche Debatten bei Tisch überfordern die Kinder.

 

Die Überforderung ist die eine Ursache, aber Winterhoff hat einen deutlich schwerwiegenderen Grund für das gestörte Verhältnis zwischen Kindern und

Erwachsenen gefunden. Wir Erwachsenen lassen uns in einen Zustand versetzen, der es uns nicht mehr ermöglicht, ruhig und emotional ausgeglichen den Kindern ein Vorbild zu sein. Der Grund hierfür liegt in der permanenten Katastrophenstimmung, in die uns die Umwelt, v. a. die Medien versetzen. „Der eigentliche Schauplatz dieses existenziellen Kampfes, den wir unbewusst ausfechten, ist unsere Psyche. Sie bekommt einen permanenten Katastrophenalarm vorgegaukelt, der uns an den Rand unserer Existenz zu bringen scheint.“[6] „Ich gehe davon aus, dass unsere Psyche durch äußere Einflüsse heute nicht mehr in ausreichendem Maß ihrer Steuerungsfunktion für den menschlichen Alltag gerecht werden kann. Wir sind alle in Gefahr, nicht mehr Herr dieser Einflüsse zu sein, weil wir uns  einem dauerhaften Katastrophenalarm ausgesetzt sehen.“[7] „Unsere Psyche ist nicht mehr in der Lage, in Ruhe zu reflektieren.“[8]

 

Damit ist ein Hauptthema dieses Buches genannt. Auf der einen Seite der ständig aktive Katastrophenalarm und auf der anderen Seite die dadurch verloren gegangene innere Sicherheit. Menschen mit diesen Belastungen können als Gegenüber für Heranwachsende keine förderlich prägende Hilfe sein. Sie sind der Grund dafür, dass junge Erwachsene heute oft die psychischen Merkmale kleiner Kinder aufweisen.

 

Der Eintritt unserer Gesellschaft in die digitale Welt erhöht die Flut der negativen Meldungen. Da wir ständig online sein wollen / müssen, verdichtet sich die Alarmstimmung. Und hier füge ich ein: Wenn dann auch noch Pastoren ihre Weltuntergangsszenarien verkünden, wird der Druck nur noch erhöht. Viele Menschen flüchten dann in die >sozialen Medien<. Facebook, Twitter, StudiVZ u. a. bieten die Möglichkeit, sich ständig in einer fast irrealen Welt zu tummeln. Aber wer auf diese Weise ständig online ist, gerät zunehmend in einen ungeheuren Druck.  „Je mehr Freunde bei Facebook, desto größer die Angst, wichtige Dinge zu verpassen.“[9] Dadurch steigt der „Zwang zur permanenten Erreichbarkeit“.[10] Handy und Laptop garantieren einen Zustand, in dem Arbeitszeit und Freizeit fließend werden. „Kein Wochenende, kein Feierabend, kein Urlaub. Körper und Geist sind >on<, bis einer von beiden aufgibt. >Burn-out< nennt man das dann.“[11]

 

Gefährdet ist unsere Psyche auch durch die schier unbegrenzten Auswahlmöglichkeiten. Eine Kapitelüberschrift bei Winterhoff lautet: „Wir haben die freie Auswahl. Aber wollen wir das überhaupt?“[12] Es ist die Rede von einer „Diktatur der unbegrenzten Möglichkeiten“.[13] Sehr eindrucksvoll wird das sichtbar beim Thema >Partnerschaft<.  Durch die riesige Auswahl entsteht ein „überzogenes Anspruchsdenken in Bezug auf einen potenziellen neuen Partner,“[14] Das hat Folgen. „Die Akzeptanz von Schwächen, das Miteinander-Auskommen >in guten wie in schlechten Tagen< ist zur Ausnahmeregelung herabgestuft.“  „Die banale Erkenntnis, dass Partnerschaften, wenn sie von Dauer sein sollen, früher oder später mit Kompromissen leben müssen, kommt in diesem System nicht mehr vor.“[15]

 

Nicht nur bei Partnerschaften sieht Winterhoff >die Diktatur der unbegrenzten Möglichkeiten<. Dieses Problem zeigt sich allgemein im Konsumverhalten der Menschen. Die totale Auswahl überfordert unsere Psyche. Die Analysen zeigen, dass z. B. bei technischen Produkten „eine Auswahl von mehr als sieben Möglichkeiten die meisten Konsumenten überfordert“.[16] Wer sich z. B. ein neues Fernsehgerät kaufen will und dazu in einen Großmarkt geht, wird u. U. erleben, dass er ohne einen Kaufabschluss wieder nach Hause geht. Die Riesenauswahl verwirrt nicht nur, sondern da man ja keinen Fehlkauf tätigen und am liebsten auch den günstigsten Preis erzielen möchte, streikt unsere Psyche. Die Anforderungen sind zu hoch. Hier erinnern wir uns an das alte Sprichwort: >Wer die Wahl hat, hat die Qual!<

 

Der Ausweg? Winterhoff führt hier den Begriff >Intuition< ein. Er definiert diesen Begriff nicht expressis verbis, sondern spricht vom >Bauchgefühl<, davon, dass der Mensch eine Mitte haben muss, um zur Ruhe kommen zu können. Dazu gehört auch, dass wir wieder den Kopf frei bekommen, nicht frei von Wissen, aber „frei von negativen Belastungen, frei vom psychischen Überdruck“.[17] „Dazu kann dann durchaus auch gehören, eine Entwicklung einmal nicht mitzumachen.“[18] Wer von uns bringt diesen Mut auf?

 

Umgang mit der Zeit. Hier wird der Computer als Problem erkannt. „Ich kann mit dem Computer nur dann klarkommen, wenn ich ihn bestimme und nicht er mich.“[19] Winterhoff zitiert Thomas Montasser: „Es ist mir auch aufgefallen, dass alles immer schneller und schneller gehen muss! Kurioserweise  verbringen wir trotzdem immer mehr Zeit am Computer, um irgendetwas zu installieren, deinstallieren, synchronisieren, posten, updaten, downloaden oder sonstwie zu organisieren. Denn die Computerindustrie hat es geschafft, uns ein System zu implantieren, das immer neue Bedingungen stellt. Hast du dieses, brauchst du jenes, willst du dies, brauchst du erst einmal das.“[20]

 

Immer wieder kommt Winterhoff auf die Beziehung der Erwachsenen zu den Heranwachsenden zu sprechen. Viele Elter zerreißen sich fast, um ihren Kindern eine erfolgreiche Zukunft zu ermöglichen.  Aber da viele Eltern heute selbst unter einem enormen Druck stehen, kommt es immer wieder zu gravierenden Problemen. „Zum einen entstehen durch den rotierenden Erwachsenen Störungen der Beziehung zum Kind, die diesem keine normale psychische Entwicklung ermöglichen; zum anderen gibt der Erwachsene den Druck vielfach an das Kind weiter, das dadurch permanent in einem ungesunden Spannungsfeld lebt.“[21]  Und wie sieht das aus? „Eile bei der Fahrt zur Schule, Stress beim Mittagessen, Druck bei den Hausaufgaben. Dazu kommt die Terminhatz, der immer mehr Kinder heute ausgesetzt sind..“[22]

 

Und die Folgen? Hier wird uns eine Erklärung für ein Phänomen angeboten, die es in sich hat. Gemeint ist das fehlende Unrechtsbewusstsein vieler Jugendlicher. Wir denken an brutale Übergriffe auf U-Bahnstationen oder die per Handy gefilmte Gewalt auf manchen Schulhöfen. „Ich sehe in den verschiedenen Zusammenhängen, in denen ich arbeite, ob Praxis, Heim, Kindergärten oder Schule, heute immer mehr Kinder, die die Folgen des eigenen Tuns nicht erkennen. Unsoziales Verhalten bis hin zur Straffälligkeit ist in diesen Fällen nicht selten.“[23] Und die Erklärung: „Dieses nicht altersangemessene Schuldbewusstsein ist keine Folge fehlender Erziehung, sondern ein logisches Ergebnis fehlender psychischer Entwicklung.“[24] Damit ist eine weitere Kernthese dieses Bucher formuliert. Es gehe nicht so sehr um Pädagogik, sondern um die gesunde psychische Entwicklung des Kindes. „Alle pädagogischen Bemühungen, Erziehungsstile und –modelle können sich nicht auswirken, wenn die Voraussetzungen für die Entwicklung der kindlichen Psyche nicht vorhanden sind.“[25]

 

Einen Begriff kritisiert Winterhoff besonders scharf: Multitasking. Dabei geht es bekanntlich um den Versuch, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Schirrmacher stellt fest: „Multitasking ist der zum Scheitern verurteilte Versuch des Menschen, selbst zum Computer zu werden.“[26]  Winterhoff resümiert: „Es ist ein Irrglaube der heutigen Zeit, ständiges Bemühen darum, immer mehr Dinge gleichzeitig zu erledigen, führe zu höherer Produktivität.“[27] Die Erklärung für dieses Missverständnis liefern die Forschungsergebnisse z. B. des Hirnforschers Gerhard Roth. Danach sei der Mensch „schlicht und ergreifend nicht in der Lage, mehr als einen Gedanken gleichzeitig zu verfolgen.“[28] Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die zwei Aufgaben gleichzeitig lösen müssen, 40 Prozent mehr Zeit verbrauchen als diejenigen, die diese zwei Aufgaben nacheinander zu lösen hatten.

 

Reizvoll ist die Frage, die in diesen Zusammenhang gehört:“Brauchen wir das auch alles, was wir können und was wir dürfen?“[29] „Im 21. Jahrhundert wähnen wir uns in einem Maß von Freiheit angekommen, das unermesslich zu sein scheint. Wir können alles, wir dürfen alles, gemäß dem postmodernen Motto >anything goes> scheinen wir bei all unserem Tun keine Schranken und Verbote mehr zu kennen, sondern frönen der perfekten Selbstverwirklichung.“[30] Vielleicht war das Motto des US-Präsidenten Barak Obama in seinem Wahlkampf die beste Zusammenfassung dieses Problems: Yes, we can!

 

Dieses Buch will den Erwachsenen helfen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder wieder Kinder sein dürfen. Winterhoff zitiert aus einem Buch von Meinhard Miegel: „Was vermitteln  Eltern und Großeltern, Kindergärtnerinnen und Lehrer, Ausbilder und Professoren? Zeigen sie den ihnen Anvertrauten neben allem Lebensnotwendigen, Praktischen auch, hin und wieder im Spiel aufzugehen, sich gefangen nehmen zu lassen von der Natur und von den Künsten? Lehren sie sie, ein tiefsinniges Buch von einem flachen, einen guten Film von einem schlechten zu unterscheiden=? Wecken sie in ihnen auch solche Fähigkeiten, die voraussichtlich nicht zum Geldverdienen taugen, sondern >nur< zur Steigerung der Lebensfreude? Machen wir ihnen bewusst, welche geringen materiellen Mittel der Mensch zu einem erfüllten Leben braucht, oder belassen sie sie in der Vorstellung >we were born to shop< - ausschließlich zum Konsum bestimmt? Erschließen sie ihnen den Wert der Zeit, vor allem aber den ungeheuren Reichtum, der einzig in ihnen selber steckt – in ihrer Phantasie, Kreativität, Spontaneität, Empathie?“[31]

 

Das Buch hat 205 Seiten, ist in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben und vermeidet weit gehend Fremdworte. Es wendet sich nicht nur an Eltern und Erzieher, sondern an jeden Menschen, der bewusst in dieser Gesellschaft lebt, der Anteil nimmt an dem, was um uns herum geschieht und der Antworten sucht auf Fragen, die uns alle angehen; denn hier geht es im Grunde nicht um Einzelschicksale, sondern um das Schicksal unserer Gesellschaft.

 

Im Februar 2012                                                           L. E. Träder

 

 



[1] M. Winterhoff, a. a. O. S. 13

 

[2] ebd.  S. 10

 

[3] ebd. S. 12

 

[4] ebd. . S. 28

 

[5] ebd. S. 30

 

[6] ebd. S. 39

 

[7] ebd. S. 46

 

[8] ebd. S. 47

 

[9] ebd. S. 63

 

[10] ebd. S. 65

 

[11] ebd. S. 67

 

[12] ebd. S. 71

 

[13] ebd. S. 73

 

[14] ebd. S. 72

 

[15] ebd. S. 73

 

[16] ebd. S. 75

 

[17] ebd. S. 86

 

[18] ebd. S. 89

 

[19] ebd. S. 107

 

[20] bei Thomas Montasser, Weil die Erde keine Google ist. Lob des analogen Lebens. München: Heyne 2010, S. 204

 

[21] M. Winterhoff, a. a. O. S. 141

 

[22] ebd. S. 143

 

[23] ebd. S. 147

 

[24] ebd. S. 147

 

[25] ebd. S. 149

 

[26] Frank Schirrmacher, Payback. München: Blessing, 2009, S. 69

 

[27] M. Winterhoff, a. a. O. S. 157

 

[28] ebd. S. 157

 

[29] ebd. S. 177

 

[30] ebd. S. 177

 

[31] ebd. S. 197

 

"Lasst Kinder wieder Kinder sein!"

Michael Winterhoff, Gütersloher Verlagshaus, 3. Auflage 2011, ISBN-13: 978-3579067506