Buchbesprechung "Payback"

Zunächst mag es verwunderlich sein, dass ich eine Buchbesprechung mit Kommentaren verquicke. Das hat aber einen einfachen Grund. Seit langem halte ich Vorträge zum Thema der >neuen Medien>. Die Tendenz: Ich warne vor den vielfältigen Gefahren.  Wobei auch das andere immer deutlich gesagt wird: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Computer & Co., nutze selbst viele Möglichkeiten der neuen Technik. Aber ich vermisse eine klare Grenzziehung auf breiter Front, auch meine Kirche geht hier nicht mit gutem Beispiel voran. Deshalb also Buchbesprechung plus Kommentar.

Als Mitherausgeber der >Frankfurter Allgemeinen Zeitung> wurde Schirrmacher einer größeren Lesergruppe bekannt durch sein 2004 erschienenes Buch „Das Methusalem-Komplott“. Sein neues Buch trägt den Untertitel „Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“.

Schon allein dieser Untertitel reizte mich, das Buch gründlich zu lesen. Seit Jahren beunruhigt mich die Tatsache, dass wir fast ohne inneren Widerstand dem Sog der modernen Kommunikationsmittel erliegen. Wissenschaftler wie Peter Winterhoff-Spurk (z. B. in  seinem Buch „Kalte Herzen“, Wie das Fernsehen unseren Charakter formt) oder Manfred Spitzer („Vorsicht Bildschirm!“, Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft) reden und schreiben aufrüttelnd, aber ohne nennenswerten Erfolg. Inzwischen liegen viele Hundert wissenschaftliche Studien vor, die uns eigentlich warnen sollten. Warnen wovor?

Auf diese Frage versucht Schirrmacher zu antworten. Er beginnt mit der Beschreibung des Ist-Zustandes. „Kein Mensch kann mehr daran zweifeln, dass wir in eine neue Ära eingetreten sind, aber die Zweifel, wohin sie uns führt, wachsen täglich.“ Worin besteht diese neue Ära? Bei deren Charakterisierung bleibt Schirrmacher nicht beim Aufzählen der vielen neuen technischen Möglichkeiten stehen, sondern sieht tiefer: „Durch die Vielzahl der neuen Medien und durch die Fülle an Informationen, die sie digital versenden, hat bei vielen von uns erstaunlicherweise ein Umbau des Denk- und Erinnerungsapparats eingesetzt. Hirnforscher haben gezeigt, dass sich die neuronalen Verschalungen in unserem Gehirn verändern…“ Worin zeigt sich das? Eine breit angelegte Studie in den USA kommt beispielsweise zum Ergebnis: „dass eine schnell wachsende Zahl von Kindern und Erwachsenen nicht mehr nur nicht lesen wollen, sondern nicht mehr systematisch lesen können. Die Studie erbrachte den Beweis für die Veränderung unser aller Gehirne.“

Nicht nur, aber auch dadurch geraten unsere Bildungseinrichtungen immer stärker in die Krise. Die Bildungspolitiker und mit ihnen die Pädagogen haben offensichtlich noch nicht erkannt, worin das Dilemma besteht. Es geht eben nicht um mehr oder weniger Lernstoff. „Es handelt sich vielmehr darum, den Dingen nicht mehr gewachsen zu sein. Und nichts ist dafür kennzeichnender, als die hilflosen gesellschaftlichen Debatten um Pisa, Bologna, Bildung und lebenslanges Lernen. Unser gesamtes Bildungswesen ist instabil geworden.“

Und die Ursache liegt vor allem darin, dass sich unser Denkapparat verändert. „Es ist also schwieriger geworden, ein Buch zu lesen, weil unser Gehirn sich unter dem Druck digitaler Informationsfluten umzubauen beginnt.“ „Wieso fällt es uns auch zunehmend schwerer, einem Gespräch zu folgen oder eine Nachricht zu ignorieren? Wieso wächst bei der Mehrzahl der Bewohner der westlichen Welt das Gefühl, keine Kontrolle mehr über ihr Leben, ihre Zeit, ihren Alltag zu haben? Was genau geschieht mit unserem Gehirn, unserer Auffassungsgabe, unserer Konzentration? … Wieso führt die Effizienzsteigerung zu keinen Verbesserungen?“

Spätestens an dieser Stelle müssten gesellschaftliche Verantwortungsträger hellhörig werden und innehalten. Aber auch in meiner Kirche sehe ich eher das Gegenteil: Strammer Marsch in die digitale Zukunft! Unter immer stärker werdendem Kostendruck wird ein Medienzentrum ausgebaut, das die Menschen mit den Segnungen der digitalen Errungenschaften beglücken soll. Natürlich unter dem Vorzeichen der Verkündigung des Evangeliums, aber warum finden sich hier keine Anzeichen eines kritischen Hinterfragens der medialen Entwicklung? Denkt niemand über die katastrophalen Folgen der ungebremsten Informationsflut einschließlich religiöser Themen nach? Wir verlieren fast die Übersicht – auch wir als kleine religiöse Gruppe – über die ständig neu auf den gemeindeinternen Markt kommenden Möglichkeiten: Neue Zeitschriften, neue Werbemittel, neue Strategien. (adventisten heute, Adventist World, eins, Integrative Evangelisation, ChriSTA Medien, Themenverteilkarten, Begegnungstage, Kurzbibelschulen, 12-Schritte Seminar, cornelius-tag, Freundescamp, D-Seeds – alles Informationen nur aus Nr. 1 der neuen Zeitschrift! – und als Höhepunkt des medialen Potpourri: E-Learning mit Informationsvideo, Grundmodulen und einem kaum noch zu überbietenden Optimismus: „Wir hoffen, dass die neuen Vernetzungsmöglichkeiten uns näher zusammenbringen und wir uns so gegenseitig stärken…“ (adventisten heute, Nr. 1, S. 26) Es darf bezweifelt werden, ob sich diese Hoffnung wirklich erfüllt; denn auch bei gemeinsamer Arbeit dürfte wohl jeder allein vor seinem PC sitzen. Aber vielleicht werde ich in diesem Punkt ja noch eines Besseren belehrt.

Aber folgen wir noch ein wenig den Argumenten Schirrmachers. Weil wir uns immer mehr und immer umfangreicher den Medien ausliefern, wird unser Denkapparat immer schneller und immer radikaler umgebaut. „Auch das Hirn ist ein Muskel, wenngleich ein besonderer. Die Kopfschmerzen, die wir empfinden, die Blackouts, unter denen wir leiden, die Nervosität, die uns umgibt, sind Ergebnisse eines epochalen Selbstversuchs, das menschliche Hirn an die Maschinen anzupassen.“ Und es ist kein Geheimnis, dass es immer mehr Bereiche gibt, in denen nicht wir Menschen, sondern die Computer allein noch die Übersicht haben und dadurch die Entscheidungen fällen. Richard Dooling behauptete in der >New York Times> „dass die Finanzkrise tatsächlich der erste Fall einer Weltkrise sei, bei der ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Menschen, sondern nur noch Maschinen am Hebel saßen.“ Ursächlich – und das sollte nicht unterschlagen werden – war es die Gier der Manager und die Unfähigkeit, die eigenen Produkte noch richtig zu durchschauen und damit zu bewerten, die zur globalen Finanzkrise geführt haben.

Dieser Gedankengang reicht zurück bis in die Anfänge des Computerzeitalters. „Das Erste, was ihr Computer über Menschen lernte, war, dass er Panik verhindern und in bestimmten Grenzen die Befehlsgewalt an sich reißen musste.“ Die Software des Ururgroßvaters aller Programme geht zurück auf einen Code namens >Leviathan>. Dieser war „vor Jahrzehnten im Auftrag der amerikanischen Luftwaffe entwickelt worden, um Panik bei einem atomaren Erstschlag der Russen zu verhindern.“ Man hatte also ein Mensch-Maschine-Programm entwickelt, damit dem Menschen durch die Maschine in komplexen, emotional aufgeladenen Situationen die Entscheidung abgenommen werden sollte. Zum Glück trat dieser Ernstfall nie ein, aber Teile dieser Software stecken bis heute in allen Computerprogrammen. Diesem Entmündigungsprozess haben wir uns alle – meist unbewusst – unterworfen. Aber das ist nur die eine Seite.

Wer heute im Berufsleben steht – und dabei ist es fast egal, ob im Büro oder anderswo – erlebt einen „Wettstreit um Aufmerksamkeit“. „Die meisten Menschen sind heute mehrmals täglich in der Situation, dass sie vergessen haben, was sie gerade tun oder sagen wollten.“ In unserem Kurzzeitgedächtnis herrscht Chaos. Große Computer- und Softwarefirmen – von Intel bis Xerox -  haben umfangreiche Forschungen gestartet, um das Ausmaß der Ablenkungen herauszufinden; denn „die Kosten dieser Ablenkung für die Produktivität – 588 Milliarden Dollar und zweieinhalb Arbeitsstunden pro Tag – sind enorm.“ Um unsere Aufmerksamkeit buhlen ja nicht nur die Nachrichten im Internet und die diversen Suchmaschinen, sondern hinzu kommen die ständig eintreffenden SMS, die E-Mails, Blogs, Twitter, u. a.

Diese Störungen des Bewusstseins bewirken, dass sich viele Menschen im Leben nicht mehr zurecht finden. Daraus resultiert eine ganze Beratungsindustrie unter dem Stichwort >Sein Leben geregelt kriegen>. Die Fragen, die sich mir in diesem Zusammenhang stellen, sind ganz einfach: Wann ist es Zeit für mich zum teilweisen Rückzug aus der schönen neuen Medienwelt und sollte meine Kirche wirklich die gleichen medialen Mittel benutzen, um die Hilfen zu transportieren, die wir als Christen anzubieten haben? Oder bleibt uns keine andere Wahl, weil die Menschen eben nur durch die aktuellen Kommunikationsmittel zu erreichen sind?

Dann beschäftigt sich Schirrmacher mit dem Begriff >Multitasking>. Der Computer hat uns gelehrt, dass man mehrere Dinge gleichzeitig machen kann. Er hat es uns vorgemacht. Im Computer können mehrere Programme gleichzeitig laufen. Und deshalb heißt „die größte Tugend der Informationsgesellschaft Multitasking. Sie wird von Müttern, Managern, Arbeitern, Akademikern, Schulkindern, Eltern, Großeltern verlangt, und ist nachweislich die erste Verhaltensweise, die uns die Computer aufzwangen, nachdem sie selbst gelernt hatten, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen.“ Vorausgesetzt wird stillschweigend, „dass Menschen jederzeit mehrere Dinge gleichzeitig machen können. … Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun heißt nichts anderes, als ständig abgelenkt zu werden und die Ablenkung wieder unter Kontrolle bringen zu müssen. Die Menschen verlieren buchstäblich all das, was sie von den Computern unterscheidet – Kreativität, Flexibilität und Spontaneität.“ Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass im >Time Magazin> schon 2006 zu lesen war, dass „einige der reichsten und produktivsten Menschen der Welt sich weigern, ihr Gehirn den Datenströmen zu unterwerfen.“

Die Folgen des Multitasking beschreibt Schirrmacher wie folgt:
„Je intensiver Menschen dem Medien-Multitasking nachgeben, … desto stärker wird ihre Zerstreutheit.
Sie verlieren systematisch die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem in ihrer Umgebung zu unterscheiden. … sind immer weniger in der Lage, ein Fazit zu ziehen.
Sie werden langsamer bei allen Tätigkeiten, die keinen Aufgabenwechsel erlauben.
Die Fähigkeit des Menschen zu denken, wird immer fehlerhafter.“
Schirrmachers Prognose allerdings lautet: „Multitasking ist der zum Scheitern verurteilte Versuch des Menschen, selbst zum Computer zu werden.“

Allerdings ist nicht abzusehen, dass die Menschen diesen Versuch von selbst aufgeben. Das Gegenteil scheint sich abzuzeichnen. Dadurch aber „werden viele Menschen immer unfähiger, mit der sich verändernden medialen Welt zurechtzukommen.“ Wo sind die Programme eines christlichen Medienzentrums, hier Hilfen anzubieten? Hilfe gegen die steigende Manipulationsanfälligkeit; denn das dürfte eine der offensichtlichsten Folgen sein. Die Menschen sind leichter zu verführen, zu manipulieren. Theologen fallen hier sicherlich einige Bibeltexte ein. Zum Beispiel: „Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so dass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten.“ (Mt 24,24) Die Verführung der Auserwählten wird sicherlich nicht durch kontroverse Bibelauslegung erfolgen. Hier werden subtilere Methoden eine Rolle spielen.

Warum eigentlich, so fragt Schirrmacher, vertrauen wir den Ergebnissen der Computer fast blind? Die Antwort liefert die Mathematik. „Mathematik wird zu einem reinen >Zuschauer-Sport>: selbst der klügste Mathematiker kann nur noch beobachten, was der Computer berechnet, und sich seinen Resultaten anschließen.“ Aber diese Einsicht verbleibt ja nicht im Bereich der Mathematik. „Der Verlust an Einsicht, der uns zwingt, die Wahrheiten der Computer anzuerkennen, ohne sie selbst überprüfen zu können wird … in unser Verständnis vom Leben wandern. Wenn das Ende der Einsicht kommt, wird sich die Art, wie wir die Welt erklären, für immer ändern. Wir werden in einer Welt des Autoritarismus feststecken, nur dass die Diktatur nicht mehr aus der Politik oder von religiösen Dogmen kommt, sondern aus der Wissenschaft selbst.“

Die eine Gefahr, die Schirrmacher bloßlegt, besteht in der schleichenden Veränderung unseres Gehirns, damit unseres Denkens. Die neuronalen Verknüpfungen ändern sich. Die andere Gefahr hat mit >Macht> zu tun. Viele Menschen haben den Eindruck, dass vieles, vielleicht sogar alles im Internet eher zufällig und unkontrolliert abläuft. Aber Schirrmacher sieht das anders. „Die Vernetzung der digitalen Welt ist sehr viel kontrollierter und bürokratischer, als das selbst politisch sensiblen Zeitgenossen bewusst ist.“ „Auch die Wissenschaft war über Jahrzehnte überzeugt, dass sehr komplexe Netze zufällig sind und so unberechenbar wie das Leben selbst. Aber seit den Forschungen des Physikers Albert-László Barabási müssen wir umdenken. Er hat herausgefunden, dass die gesamte Struktur des Internets, sowohl was die Websites und ihre Inhalte als auch was die Hardware, die Router und Verbindungsstellen angeht, Machtgesetzen (>power laws>) folgt. Die mächtigsten Verbindungsstellen, Google oder Yahoo verfügen über astronomische Vernetzungen…“  „Googles page rank ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern auch eine Machtmaschine. Er entscheidet mittlerweile über die Existenz von Menschen, Dingen und Gedanken.“

Eine Möglichkeit der Machtausübung zeigt sich in der Arbeit der intelligenten Agenten. „Das sind kleine Roboter, die uns wie digitale Butler das Denken und Vergleichen abnehmen sollen.“ Mit jeder Anfrage ins Internet, mit jedem Blog, den wir schreiben, mit jedem Twitter und mit jedem Kauf bei Amazon (und bald auch mit jeder E-Mail!) geben wir etwas von uns preis, das dann durch die intelligenten Agenten verknüpft wird zu einem immer präziseren Gesamtbild der Person. Und niemand muss sich dann wundern, wenn plötzlich Angebote eintreffen, die auf Grund dieser Verknüpfungen eventuelle Wünsche vorwegnehmen.

Hinzukommt die Zunahme der Informationen. „Da die Informationsfülle so gewaltig ist und täglich gewaltiger wird, werden bald nicht nur Suchroboter, sondern eine ganze Armada von Hilfsprogrammen für uns das übernehmen, was bisher unsere neuronalen Netze im Hirn geleistet haben.“ Und weshalb habe ich persönlich den Plan, eine eigene Webseite ins Internet zu stellen, aufgegeben? Eben wegen dieser intelligenten Agenten. „Die >intelligenten Agenten>, eben jene Software, die uns liest und steuert, haben schon seit längerem eine hitzige Debatte ausgelöst. Aber erst in den letzten zwei Jahren haben sie sich aufgrund besserer Computerleistung und größerer Datenmengen von winzigen Souffleuren zu mächtigen Intelligenz-Organisationen entwickelt. … Manche wie Google, die Organisation, die heute wahrscheinlich mehr über menschliches Verhalten weiß, als alle Verhaltensforscher der Welt zusammen, scheinen sich der Gefahr bewusst zu sein.“ Dass sich Google und Co. der Gefahren ihrer Machtfülle bewusst werden, ist für mich kein ausreichender Beruhigungsgrund. Der aktuelle Kenntnisstand veranlasst mich, die Notbremse zu ziehen. Ich steige aus und verzichte auf eine eigene Webseite. Das hat nichts mit einer grundsätzlichen Ablehnung der vielen Angebote des Medienzeitalters zu tun. Ich ermutige lediglich zu mehr Vorsicht!

Spätestens an dieser Stelle müssten die politischen und theologischen Alarmglocken einen schrillen Ton geben. Aber ich sehe landauf und landab nur lähmende Schläfrigkeit. Die herrschende Klasse, die Intellektuellen und offensichtlich leider auch die Religionsführer sind blind und taub gegenüber warnenden Stimmen. Natürlich kann man gegen das eine oder andere Argument der >Warner> Einwände vorbringen, aber ihre Hauptaussagen sind kaum zu widerlegen. Und doch befindet sich die westliche Gesellschaft in seltener Einmütigkeit auf einem Weg, der mit dem berühmten Zug der Lemminge vergleichbar ist. Die Lemminge stürzen sich freiwillig ins Meer, wir in die totale Unfreiheit. Die Zukunftsvision, wie sie uns 1948 ein George Orwell in seinem Roman >1984> beschrieben hat, ist durch die gegenwärtigen Entwicklungen längst weit überholt!

Im zweiten Teil seines Buches versucht Schirrmacher Hilfen anzubieten. Der Titel heißt: Wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können. Allerdings geht er von einer Prämisse aus, die ich so nicht ganz nachvollziehen kann. Er beruft sich dabei auf den Psychologen Wolfgang Prinz, Direktor des Max-Planck-Instituts für Neurowissenschaften. „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun. Eine Entscheidung (findet) früher im Gehirn als im Bewusstsein einer Person statt. Das kann nur bedeuten, dass unser bewusster Willensimpuls so etwas wie ein Ratifizieren einer Entscheidung ist, die das Gehirn schon getroffen hat: Ich will, was ich tue.“ So geht es wohl letztlich bei diesen Fragen um die menschliche Willensfreiheit. Dieses Thema wird aber bei Schirrmacher nicht weiter ausgeführt.

„Man kann … die Willenskraft stärken. Allerdings taugen dafür weniger die Verfahren, die manchen Menschen im Stress des Alltags helfen, wie Lebensratgeber und Meditation. Die Veränderung durch Informationstechnologien ist grundsätzlich anders: Sie verändern unsere kognitive Fähigkeit, sie verdrahten unser Hirn neu, und die Reize, denen wir ausgesetzt sind, sind komplexer, subtiler und effizienter als alles, was wir im Alltag kennen. Deshalb müssen wir das stärken, was nur wir als unvollständige, fehlerhafte und schöpferische Wesen können.“ Was könnte das sein? „ … dass gerade die Sensibilität für Neues, überraschende geistige und körperliche Stärken des Menschen zum Vorschein bringt.“ Oder: „ … dass die Lehre in Schulen und Universitäten sehr viel mehr mit Unsicherheiten als mit vermeintlichen Sicherheiten operieren sollten.“ Sensibilität für Neues oder mehr Unsicherheit – soll / kann das ein Ausweg sein?

Schirrmacher geht noch einen Schritt weiter. Er fordert einen >Perspektivwechsel>. Der beginnt mit der Einsicht, dass wir fehlerhafte Wesen sind und uns zu dieser Unvollkommenheit bekennen sollten. Er beinhaltet „menschenorientierte Heuristiken“. Als Theologe habe ich da keine Einwände. Bei aller Zustimmung zur fortschreitenden wissenschaftlichen Entwicklung – auch der Kommunikationsmöglichkeiten – scheint der Appell Schirrmachers doch ein Aufruf zum >Rückblick> zu sein. Wie war es denn früher?

Um eine Entscheidung zu fällen, hatten auch wir früher Hilfsmittel, aber letztlich musste der Mensch selbst entscheiden und war sich der Tatsache bewusst, dass er dabei Fehler machen würde. Diesen Mut wieder aufzubringen, gehört zum angemahnten Perspektivwechsel. Trainieren wir diese Fähigkeit, so lange es noch geht, d. h. so lange unser Hirn noch unseren Befehlen folgt und wir nicht schon völlig computerisiert denken. „ … dass viele wichtige Entscheidungen im Leben im Grunde sehr einfach sind, in der Computersprache >binär> sind. Tun oder Nicht-Tun, ein Auto kaufen oder nicht, … ein Pulverfass anzünden oder nicht. Diese Fragen kann man sich am Ende nur selbst beantworten. … Aber wir beantworten sie nicht selbst. Wir merken noch nicht einmal, dass wir gerade wichtige Fragen von anderen beantworten lassen.“

Tröstlich zu lesen ist: „Trotz vieler Probleme haben wir im wirklichen Leben immer noch Daumenregeln, Intuitionen und Bauchgefühle, was wir wissen müssen, was wir vergessen können, was wichtig ist und was nicht.“ Aber wie lange wird diese Situation noch anhalten? Das Tempo der Veränderungen ist so rasant, dass dramatische Konflikte nicht ausbleiben werden. „Es ist absurd, schon Kleinkinder auf Systeme zu schulen, die, wenn sie groß geworden sind, so veraltet sein werden wie heute der Rechenschieber. … In Deutschland wird ein Großteil der heutigen Studenten Berufe ausüben müssen, die es zum Zeitpunkt ihres Studiums noch gar nicht gibt.“ Wo sind die Bildungspolitiker, die aus solchen Prognosen Konsequenzen ziehen? Wo sind die Schulen, die angemessen und vor allem zeitnah reagieren?!

Letztlich gipfelt Schirrmachers Ausweg in der Forderung, dass nicht die Computer die Herrschaft übernehmen, sondern der Mensch in seiner Kreativität und Spontaneität die Oberhand behält. Über die Wege, wie dieses Ziel zu erreichen ist, kann man gewiss streiten, aber unstrittig dürfte die Analyse sein. Und die ist bedrückend genug. Allerdings habe ich beim Lesen viele Ansätze gefunden, die für einen Theologen  reizvoll sind.  Schirrmacher traut wohl eher den Philosophen und nicht den Theologen, wenn er schreibt: „Aber was Menschen verzweifelt lernen müssen, ist, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Das ist womöglich die große Stunde der Philosophie.“

Bei allen Überlegungen, die in diesem Buch vorgestellt werden, geht es im Kern immer um das Menschenbild. Hier liegt auch der eigentliche Kern, wenn es um Hilfen geht. Das biblische Menschenbild trägt, weil es Abbild Gottes ist, den Stempel der Kreativität. Und genau hier treffen wir uns mit Schirrmachers Ausweg. „Denn das, worum es beim Erfassen von Ich, Welt und Weltall wirklich geht, ist nicht durch Computer zu berechnen. Es ist etwas vollkommen anderes. Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. … Die Bildung der Zukunft lehrt, Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.“

Fazit:
Hier möchte ich zweigleisig fahren. Zunächst das Buch.
Die Sprache  des Autors ist einfach, die Fachausdrücke sind allgemein verständlich. Auch ein Computer-Laie findet sich zurecht. Das Buch ist gut gegliedert und zwingt zum Handeln.  Der warnende Teil ist deutlich umfangreicher als der Teil, der Hilfen anbietet. Hier wünschte man sich doch manches noch etwas konkreter. Etwas störend hat auf mich auch der wiederholt aufgetretene Bezug zum Darwinismus gewirkt. Auch ohne diesen Bezug hätte das Buch die gleiche Wirkung.
Dann die Wirkung des Buches auf mich. Die gravierende Einsicht besteht darin, dass wir Benutzer des world-wide-web auf eine kaum zu überbietende Art und Weise ausspioniert werden. Der Umfang nimmt ständig zu. Und die zweite Einsicht ist vielleicht noch folgenreicher. Unser Hirn wird neu >verdrahtet>. Wir werden in Zukunft anders denken. Meine Generation wird wohl noch so gerade davon kommen, aber die Nachwachsenden werden die Folgen tragen. Und zu diesen Folgen gehört vor allem eine neue Form der Verführbarkeit, der Manipulation. Spätestens an dieser Stelle müssten alle religiösen und pädagogischen Kräfte und Institutionen unserer Gesellschaft aktiv werden, aber ich sehe nichts dergleichen. Der Ausweg – und so beschreibt das auch Schirrmacher – besteht in einer Rückbesinnung auf das biblische Menschenbild mit seiner Betonung der Kreativität und Spontaneität. Hierfür wieder sensibilisiert zu werden, ist Anliegen dieses Buches. Deshalb ist es nicht nur ein lesenswertes, sondern ein aufrüttelndes Buch.

L. E. Träder
Im Januar 2010

"Payback"

Frank Schirrmacher, Payback, Karl Blessing Verlag, München 2009, 2. Auflage, 240 Seiten, ISBN 978-3-89667-336-7