Smile or die

Barbara Ehrenreich, Smile or die

Wie die Ideologie des Positiven Denkens die Welt verdummt

 

Dieses Buch wurde 2010 aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und vermittelt auf eine zunächst verblüffende, dann aber auf eine höchst dramatische Weise u. a. eine Erklärung für das Entstehen der weltweiten Finanzkrise. Die Autorin zählt zu den bekanntesten Publizistinnen der USA, ihre Bücher erreichen Bestsellerauflagen und ihre Essays erscheinen in den renomiertesten Zeitschriften.

 

B. Ehrenreich bezieht sich zunächst auf die Verhältnisse in den USA.  Dabei geht sie von folgendem Sachverhalt aus: „Im Mittelpunkt des amerikanischen Nationalismus steht die Überzeugung, die Vereinigten Staaten seien das >großartigste Land der Erde< - dynamischer, demokratischer, wohlhabender als alle anderen und ihnen technologisch überlegen. Einflussreiche Religionsführer, besonders die der christlichen Rechten, untermauern diese dünkelhafte Einstellung mit der Behauptung, die Amerikaner seien Gottes auserwähltes Volk und Amerika sei die Führungsrolle in der Welt zugedacht.“ (S.15) Aber wie sieht die Realität aus: „Gewiss, militärisch sind wir mächtiger als alle anderen. Doch in vielen anderen Bereichen sieht es düster aus, und das war schon so, ehe 2007 der wirtschaftliche Abschwung einsetzte. Unsere Kinder schneiden bei Wissenstets  in Fächern wie Mathematik oder Geografie regelmäßig schlechter ab als andere Industrieländer. Wir haben eine höhere Säuglingssterblichkeit und eine höhere Armutsrate bei Familien mit Kindern. Es besteht ein breiter Konsens, dass unser Gesundheitssystem >kaputt< und unsere technische Infrastruktur marode ist … Wir haben den höchsten Anteil von Strafgefangenen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und die größte Ungleichheit in Vermögen und Einkommen.“ (S. 15f)

 

B. Ehrenreich fragt dann, wie es kommen konnte, dass bei den meisten der jüngsten Katastrophen in den USA jede Form von Vorwarnung versagt hat.  Sie verweist darauf, dass zum Beispiel der Anschlag des 11. September eine Vorgeschichte hat. „in der Summe schienen die nicht zur Kenntnis genommenen Hinweise eines ganzen Sommers den schrecklichen September 2001 anzukündigen.“ (S. 19) Es gab also offensichtlich genügend Hinweise, die aber nicht beachtet wurden. Ehrenreich listet einige auf. „Von einem ähnlich unverantwortlichen Optimismus war auch die Invasion der USA in den Irak durchdrungen.“ (S. 19) Ähnliche Vorwürfe erhebt sie in Bezug auf die katastrophalen Auswirkungen des Hurrikan Katrina in New Orleans und natürlich erst recht in Bezug auf die Finanzkrise. „In jahrzehntelanger harter Arbeit haben wir Amerikaner uns die Technik des positiven Denkens angeeignet, und dazu gehört auch die Fähigkeit, unangenehme Nachrichten reflexartig vom Tisch zu wischen.“ (S. 20). Natürlich erwähnt sie in ihrem Buch auch die durchaus positiven Aspekte dieses Denkens. Vielleicht sollten wir Deutsche besonders kritisch dieses Buch lesen; denn wir neigen insgesamt zu einer eher pessimistischen Grundhaltung. So könnte es sein, dass wir die Kritik am >positiven Denken< zu schnell als Bestätigung unserer Grundeinstellung missverstehen. Aber das Ziel dieses Buches ist deutlich in der Einleitung formuliert: „Als ersten Schritt müssen wir uns von dem Massenwahn befreien, der positives Denken heißt.“ (S. 22)

 

B. Ehrenreich beginnt ihre Argumentation mit einem sehr intimen Abschnitt der eigenen Biografie. Sie war an Brustkrebs erkrankt und erlebte im Verlauf der Krankheit und dem Angebot der vielen Heilungsmethoden eine Seite des positiven Denkens, die erschütternd war. Diese Krankheit sei, so die Forderung des positiven Denkens, eine Chance, fast ein Glücksfall, sich in Zukunft besser zu fühlen. Die vielen Beispiele, die Ehrenreich auflistet, sind für einen eher rational argumentierenden Menschen kaum glaubhaft. Die schmerzhaften Erfahrungen veranlassten sie wohl zu diesem Buch: „Der Brustkrebs, so kann ich heute sagen, hat mich nicht hübscher, stärker, weiblicher oder erleuchteter gemacht. Was er mir schenkte – wenn Sie es denn ein >Geschenk< nennen wollen – war die sehr direkte, schmerzliche Begegnung mit einer Ideologie, derer ich mir zuvor nicht bewusst gewesen war. Einer Ideologie, die uns auffordert, die Realität zu leugnen, uns fröhlich in unser Unglück zu fügen und nur uns selbst für unser Schicksal verantwortlich zu machen.“ (S. 55)

 

Die Autorin wird nicht müde, die Riesenindustrie, die sich des positiven Denkens angenommen hat, zu schildern. Es ist ein Milliardengeschäft mit Büchern, DVDs, Seminaren und den vielen Veranstaltungen, die von berühmten Rednern angeboten werden. Einzelne und in zunehmendem Maß auch Betriebe (und hier sind auch die großen Konzerne vertreten!), die sich einen oder mehrere Coachs leisten. Es gibt Kalender, T-Shirts und die ganze Palette der Fan-Artikel.  Aber das ist nur der äußere Rahmen. Im Kern geht es um die Botschaft: Nichts steht dem Reichtum, der Gesundheit, der harmonischen Partnerschaft, dem angestrebten Karriereziel, dem Glück in jeder Form im Wege – nur wir selbst! Wenn wir durch negatives Denken, also zum Beispiel durch warnende Hinweise oder durch kritische Analysen, unsere Entscheidungen und Handlungen beeinflussen lassen, werden wir keines der angestrebten Ziele erreichen.

 

Das bedeutet auch, dass wir aufgefordert werden, Menschen mit negativer Ausstrahlung zu meiden. Das bezieht sich auf die Firma, kann sich aber auch auf die eigene Partnerschaft beziehen. Selbst die allgemeinen Abendnachrichten im Fernsehen sollte man meiden; denn hier würde nur unser negatives Denken Nahrung erhalten. Der Weg in die teilweise Isolierung ist gebahnt, wohl sogar gewollt. „Diese Abwendung von den wirklich dramatischen und tragischen Ereignissen weist auf die tiefe Hilflosigkeit hin, die im Kern des positiven Denkens steckt.“ (S. 71)

 

Ehrenreich rückt das positive Denken in die Nähe des Magischen. Gemeint ist hier das >Gesetz der Anziehung<.  „Denke positiv, dann werden dir auch positive Dinge zustoßen. Du kannst alles haben, wirklich alles, indem du deine Gedanken darauf konzentrierst – grenzenlosen Reichtum und Erfolg, liebevolle Beziehungen, den heiß begehrten Tisch in deinem Lieblingsrestaurant.“ (S. 72) Das geht dann so weit, dass „ die äußeren Bedingungen eines Menschen wie Scheitern oder Arbeitslosigkeit … Projektionen seines >inneren Befindens< seien.“ (S.74) Es genüge meist schon, den eigenen Wunsch zu >visualisieren> und dann werde das Erwünschte sich >angezogen> fühlen und Realität werden. Man kann solche Wünsche aufschreiben und so aufhängen, dass man sie täglich vor Augen hat, oder man kann sich das Haus oder das Auto als kleines Modell ins Zimmer stellen. Das würde dann so funktionieren wie in der traditionellen Magie: Gleiches zieht Gleiches an. Ein Fetisch oder ein Talisman spielen in der weißen Magie eine wichtige Rolle. „Beim positiven Denken dient der positive Gedanke oder das mentale Bild des Gewünschten als eine Art innerer Fetisch, an dem man festhalten soll.“ (S. 77)

 

Die Autorin geht auch der Frage nach, woher diese Art des >positiven Denkens< stamme. Eine Hauptwurzel sieht sie im Calvinismus, allerdings als dessen Gegenbewegung. Im Calvinismus waren die Menschen dazu >verdammt<, ständig ihre sündigen Gedanken zu überprüfen. Als „Befreiung von dieser mühseligen Selbsterforschung, die der Calvinismus bereit hielt, war eine weitere Mühe – putzen, pflanzen, nähen, eine Landwirtschaft oder ein Geschäft aufbauen. Alles andere als unermüdliche, entweder gewerbliche oder geistige Arbeit – Müßiggang oder Streben nach Zerstreuung – galt als verabscheuungswürdige Sünde.“(S. 89) Gegen diese Form der Religion entwickelte sich eine immer stärker werdende Gegenbewegung. Es waren vor allem Frauen, die sich gegen die „schuldbeladenen patriarchalischen Strukturen der alten Religion“ auflehnten (S. 93). In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Name Mary Baker Eddy. Sie postulierte in ihrem neuen Religionssystem eine >gütige, mütterliche Gottheit<. Gleichzeitig veröffentlichte ein Autodidakt – Phineas Parkhurst Quimby – eine Schriftenreihe zum Thema: Wissenschaft vom Leben und Glück. Schon dieses Thema war eine klare Ablehnung des Calvinismus. „Die Begegnung von Eddy und Quimby in den 1860er Jahren legte den Grundstein für das kulturelle Phänomen,das wir heute als positives Denken bezeichnen.“ (S. 93) Und was verbindet beide? „Die auffälligste Gemeinsamkeit zwischen der alten Religion und dem neuen positiven Denken besteht jedoch in der Betonung der Arbeit durch beide.“ (S. 106)

 

Ein höchst zwiespältiges Kapitel beschäftigt sich mit dem Begriff >Motivation<. Das Motivationsgewerbe ist ein >Multimilliarden-Dollar< schweres Geschäft geworden. Nicht nur der Einzelne wird per Coach oder mittels DVD immer erneut motiviert, sondern auch viele große US-Konzerne kaufen Motivationsprodukte en gros. Das positive Denken ist“zu einem Mittel sozialer Kontrolle am Arbeitsplatz geworden, zum Ansporn, immer höhere Leistungen zu bringen… Mit der >Motivation< als Peitsche wurde positives Denken zum Kennzeichen des fügsamen Angestellten schlechthin.“ (S.117)

 

Nachdem dieser Schritt vollzogen war, blieb der nächste nicht aus. Auch die Führungsriege der Konzerne entwickelten ihre Art des positiven Denkens. „In einer Zusammenfassung der neuen, in den Unternehmen geltenden Leitlinien schrieb die New York Times 1987 treffend, sie bedeute >den Abschied von der Loyalität gegenüber den Beschäftigten, den Produkten, den Unternehmensstrukturen, dem Vertrieb, den Fabriken, den Gemeinden, ja, selbst dem Land. All diese Bindungen gelten nach den neuen Regeln als entbehrlich. In dem unerbittlichen Kampf ums Überleben zählen nur noch Marktführerschaft, hohe Profite und Aktienkurse<“. (S. 128) Und wohin führt diese Form des positiven Denkens? „So befreit von jeglichen Verpflichtungen gegenüber Beschäftigten, Kunden und der >Gesellschaft als ganzer<, degenerierten die Unternehmen zu bloßen >Agglomerationen von Finanzkapital<, die man nach Belieben plündern, zerlegen oder fusionieren konnte.“ (S. 127)

 

Das aber hatte fatale Auswirkungen. „Die amerikanische Managerklasse wurde von einer Welle des Leichtsinns erfasst.“ (S. 128) Sie waren rationalen Argumenten gegenüber kaum noch aufgeschlossen. Sie sahen sich als charismatische Führer, die mehr ihrem Instinkt als exakten Analysen folgten. Und die Arbeitnehmer? Sie schluckten den >bitteren Cocktail< der zunehmenden Arbeitslosigkeit, der steigenden Unsicherheit des Arbeitsplatzes und der rasch um sich greifenden Armut. „Man gab ihnen als Ersatz eine Ideologie – ein Glaubenssystem, fast eine Religion - , die behauptete, sie hätte alle Macht der Welt, vorausgesetzt, es gelinge ihnen, ihre Gedanken zu beherrschen.“ (S. 142)

 

Spannend für mich war dann der Ausflug der Autorin in die reale Welt des amerikanischen Christentums. Hier zeigen sich ihrer Meinung nach sehr deutlich die Auswirkungen des positiven Denkens. Eine Kapitelüberschrift lautet: „Gott will, dass du reich bist.“ Es scheint in den USA so etwas wie einen unsichtbaren Kampf zwischen zwei entgegengesetzten christlichen Richtungen zu geben. Auf der einen Seite die christliche Rechte und als Gegenpol die Prediger der Megakirchen. „Die auffälligste religiöse Entwicklung am Ende des 20. Jahrhunderts war die Wiederbelebung des Feuer und Schwefel predigenden Calvinismus, bekannt als die christliche Rechte. … Zahlenmäßig gesehen sind die heute erfolgreichsten Prediger die Vertreter des positiven Denkens. … Keine Rede mehr vom drohenden Höllenfeuer. … Anstelle harter Verurteilungen und peinigender Beschwörungen von Leid und Sühne verspricht die neue positive Religion der Großkirchen Wohlstand, Erfolg und Gesundheit im Hier und Jetzt oder zumindest bald.“ (S. 143f.) Natürlich gibt es im Raum der etablierten Kirchen massiven Widerstand, aber die Megakirchen erfreuen sich einer steigenden Beliebtheit. Zu den bekanntesten zählen Robert Schuller, Bill Hybels und Rick Warren. Sie >verkaufen< das Evangelium in neuer, positiver Form. „Harte Holzbänke wichen bequemen Theatersesseln, Predigten wurden von Musik unterbrochen, statt Orgel ertönten Gitarren.“ (S. 159) In den Megakirchen wurde die Methode der Umfragen entwickelt. Was wünschen sich die potenziellen neuen Mitglieder? Und dementsprechend wurde verfahren. Darin liegt wohl auch der Erfolg einer Methode, die auch in Deutschland Anhänger gefunden hat. „Die meisten Beobachter sind sich allerdings einig, dass es innerhalb des Protestantismus selbst einen Trend zurück zum alterwürdigen Neugeist (Vorform des positiven Denkens) gab, nämlich das >Church Growth Movement< (Gemeindewachstumsbewegung).“ (S. 158) Die verhängnisvolle Verbindung, die die Welt der Unternehmer mit der Welt der Prediger eingegangen ist, hat ihre Wurzel in der Ideologie des positiven Denkens. Die Menschen leben in einer verzahnten Welt. Ob sie in ihrer Firma sind oder eine Megakirche besuchen, sie hören überall die gleiche Botschaft: „Wenn du nicht alles hast, was du haben willst, wenn du dich krank, mutlos oder niedergeschlagen fühlst, bist du ganz allein selbst schuld daran. Die positive Theologie steht für eine Welt ohne Schönheit, ohne Transzendenz du ohne Gnade.“ (S. 169)

 

Erschütternd das 7. Kapitel: „Wie das positive Denken die Wirtschaft zerstörte“. Eine Folge des positiven Denkens war die immer größer werdende Ungleichheit der Vermögen. Es war durchaus nicht so, dass immer mehr Angestellte zu immer größerem Reichtum kamen – wie es ja eigentlich von dieser Ideologie verheißen war. „Was Vermögen und Einkommen betrifft, ging die Schere in der amerikanischen Gesellschaft so weit auseinander wie in keiner anderen Industrienation.“ (S. 205) Im Wirtschaftsmagazin Portfolio konnte man 2008 lesen: „Das Hotelzimmer für 34.000 Dollar die Nacht, der 175 Dollar teure, mit Gold bestäubte Hamburger … im Wall Street Burger Shop, der Martini on th rocks für 10.000 Dollar im Algonquin Hotel (der Eiswürfel: ein von einem Juwelier ausgesuchter Diamant): Auffälliges Konsumverhalten ist nicht einmal ansatzweise der treffende Ausdruck für die unvorstellbaren Lebens- und Arbeitsgewohnheiten der raubgierigen Überkapitalisten, die überall auf der Welt auftraten.“ (S. 205)

 

Aber das ist nur die eine Seite der sich anbahnenden Finanzkrise. Die Ideologie des positiven Denkens bewirkte einen unvorstellbaren Optimismus, der sich in sehr realen Handlungen zeigte. „Unsere Bereitschaft, uns hoch zu verschulden und weiterhin Geld auszugeben, ist aufs engste mit unserem Optimismus verknüpft.“ (S. 208) Und die Prediger der Megakirchen lieferten den theologischen Hintergrund: „Gott hat die Bank dazu gebracht, nicht auf meine Kreditwürdigkeit zu achten, und mich mit einem ersten Haus gesegnet.“ (S. 209) Für viele Autoren liegt im Nachhinein der Zusammenhang zwischen positivem Denken und der Hypothekenblase auf der Hand. „Vielen, denen aufgrund ihres Einkommens oder ihrer Hautfarbe über lange Zeit hinweg ein Kredit verwehrt worden war, muss die einfache Kreditvergabe Mitte dieses Jahrzehnts tatsächlich wie ein Wunder Gottes erschienen sein.“ (S. 210) „Dem Leichtsinn der Kreditnehmer stand ein weit größerer Leichtsinn der Kreditgeber gegenüber.“ (S. 211) Und auch hier spielte das positive Denken eine entscheidende Rolle. Die Führungselite der amerikanischen Wirtschaft hatte sich von allen rationalen Analysen verabschiedet. Joe Gregory, der Chef von Lehman Brothers wurde „Mr. Instinct“ genannt. Der Mann handelte nach Ahnungen, seinem Bauchgefühl und warnende Stimmen wurden mit Entlassungen geahndet. „Gelegentlich führten Gregorys Ahnungen dazu, dass Lehman genau das Gegenteil von dem tat, was die Analyse nahe legte.“ (S. 211) „Der einst so nüchterne Finanzsektor war also gegen das >Virus< des positiven Denkens nicht immun.“ (S. 212) Die Ideologie des positiven Denkens hatte ganz augenscheinlich fast die gesamte amerikanische Gesellschaft erfasst, die einfachen Leute und die Führungselite. „Die Unternehmenschefs, ob im Finanzsektor oder anderswo, schwebten in einer schillernden Blase des Wohlstands meilenweit über den Sorgen und Ängsten der restlichen Bevölkerung.“ (S. 216) Ohne hier weitere Einzelheiten aufzulisten, ist das Ergebnis für B. Ehrenreich klar: Die4 Auswirkungen des positiven Denkens waren aus dem Ruder gelaufen. Die Menschen lebten fast in einer irrealen Welt. Die Märkte würden alles regeln. Negatives Denken, also Warnungen, kritische Analysen waren verpönt.

 

Und als dann alles zusammenbrach? Fast zynisch mutet es an, wenn die Prediger der Megakirchen jetzt auch noch den Einzelnen selbst für seine private Katastrophe verantwortlich machten. Die evangelikalen Kirchen verzeichneten nach Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise steigende Besucherzahlen. Ihre Prediger rieten allen, „die ihren Arbeitsplatz verloren hatten, ihr Eigenheim und ihre Krankenversicherung, sie sollten sich keineswegs als >Opfer< sehen. Sie müssen wissen, dass Gott immer noch einen Plan hat.“ (S. 220) Das positive Denken leistet hier eine Art Religionsersatz. Es ist nicht Trost, den der Verzweifelte bei Gott suchen soll, sondern es kommt darauf an, die augenblickliche Misere durch eigene Anstrengung, also z. B. durch Visualisierung der eigenen Wünsche, zielstrebig zu bekämpfen. „Am Ende erlegt uns diese Ideologie eine geistige Disziplin von derselben Strenge auf wie der Calvinismus, an dessen Stelle sie getreten ist.“ (S. 234)

 

Wer sollte dieses Buch lesen? Es beschreibt eine Seite des amerikanischen Lebensgefühls, das einerseits eng mit der Religion, andererseits  aber auch mit der Wirtschaft zusammenhängt. Also sollten es alle lesen, die eine Antwort suchen, um den american way of life besser verstehen zu können. Und gleichzeitig erhalten wir eine Teilantwort auf die Frage nach den Gründen der Finanz- und der Wirtschaftskrise der jüngsten Vergangenheit.

 

L. E. Träder

Im Januar 2011

Barbara Ehrenreich, Smile or die, Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt,Verlag Antje Kunstmann, 2010, 254 Seiten, ISBN 978-3-88897-682-7