Buchbesprechung „Das Glück der Unerreichbarkeit“

 

Nach der Lektüre dieses Buches bleibt eine Frage: Gibt es wirklich viele Menschen, die so unter den Medien leiden, wie es Miriam Meckel voraussetzt? Ich kann das nicht beurteilen, aber die Autorin hat wohl fast nur mit solchen Workaholics zu tun.

 

Für sie ist dieses Buch eine wahre Fundgrube an hilfreichen Einsichten. Zwei grundlegende Einsichten prägen das Buch: „1. Wer technisch angeschlossen ist, ist nicht zwangsläufig auch sozial angebunden. 2. Wer immer erreichbar ist, ist eigentlich für nichts und niemanden wirklich da.“ (S. 16) Damit ist das Grundthema angedeutet: Warum haben viele Menschen das Bedürfnis, immer erreichbar zu sein, und warum geraten so viele in diese Kommunikationsfalle?

 

Schon in der Einleitung findet sich ein Lösungsansatz: „Jeder braucht heute von Zeit zu Zeit sein individuelles existenzielles Funkloch. Das sorgt nicht nur für eine Steigerung der Lebensqualität, es ist überlebenswichtig.“ (S. 28) Zwei große Fluggesellschaften haben Manager befragt, ob sie es gut fänden, wenn die technischen Voraussetzungen für den Handyempfang auch in Flugzeugen erlaubt würde. Die übergroße Mehrheit hat abgelehnt, weil sie die handyfreie Zeit genießen! Aber die Menschen scheuen sich, solche individuellen Kommunikationspausen einzulegen. Der Druck wird immer stärker: „Der Einzelne muss nicht nur immer mehr Informationen bewältigen, er muss sie auch immer schneller aufnehmen und bearbeiten.“ (S. 34) Aber sind wir überhaupt dazu in der Lage? Meckel lässt die Fachleute zu Wort kommen: „Es ist ihm (dem Menschen) nicht möglich, mehr als 2 Prozent der ihm zur Verfügung stehenden Informationen wirklich wahrzunehmen und zu verarbeiten. Der Rest ist ‚Informationsmüll’.“ (S. 35)

 

Und doch umgeben wir uns mit einem „Informationsrauschen“, das von den vielfältigsten technischen Geräten erzeugt wird. Aber „Datensammeln ist nicht Denken.“ (S. 49) Und wieder der Hinweis zur schöpferischen Pause: „Wir brauchen im Umgang mit den Informationslasten, die wir zu bewältigen haben, Reflexions- und Vertiefungspausen, sonst folgt auf die Datenflut unweigerlich die Denkebbe.“ (S.50) Damit ist der Hinweis auf die eigentliche Aufgabe gegeben: Wir müssen immer schneller Entscheidungen treffen. Und das wird durch die Menge der Informationen immer schwieriger. „Der Mensch in der modernen Gesellschaft erlebt einen unerhörten Zugewinn an Wahl- und Gestaltungsfreiheit. Aber er muss zugleich mit wachsender Komplexität und Verantwortung umgehen.“ (S. 61) Die bloße Zunahme aber ist noch kein Wert an sich. „Ein Überangebot an Wahlmöglichkeiten macht das Leben nicht leichter, erst recht nicht besser.“ (S. 67)

 

Ein besonders gefährliches Phänomen ist der Zwang, vieles gleichzeitig machen zu wollen oder zu müssen: Multitasking. Meckels Fazit: „Kommunikatives Multitasking gibt es nicht.“ (S. 90) Die Fachleute erklären: „Es gibt keine komplizierten Mechanismen, die uns erlauben, zwei Dinge gleichzeitig im Kopf zu erledigen, wir müssen vielmehr eines nach dem abarbeiten. Wir Menschen sind nicht zu parallelem Multitasking befähigt.“ (S. 103f) Und doch versuchen wir es ständig. Mit welchem Erfolg? „In der Regel braucht dieses serielle Multitasking mehr Zeit, als wir benötigen würden, um eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Es steigert außerdem das Stressempfinden der betroffenen Personen und erhöht die Fehleranfälligkeit in der Bewältigung der einzelnen Aufgaben.“ (S. 104)

 

Multitasking kann die Menschen verändern und viele erkranken regelrecht. Es gibt sogar schon medizinische Fachausdrücke für diese Krankheiten. In diesem Zusammenhang deutet Meckel in eine Richtung, die aufhorchen lässt: „Unsere Welt wird immer komplexer, aber die Zeitdauer und Konzentrationstiefe, die wir zur Verfügung haben, um mit dieser Komplexität umzugehen, reduzieren wir immer weiter. … Wir Menschen verlieren zunehmend die Toleranz für die Mehrdeutigkeit des Lebens. Die permanente Überlastung unseres Gehirns in Verbindung mit den Anforderungen, zu viele Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, führt zu einer unstillbaren Sehnsucht nach Klarheit und Einfachheit. Wir wollen wenigstens an einem Punkt eine Lösung haben, die keine weiteren Denk-, Bearbeitungs- und Entscheidungsprozesse nach sich zieht.“ (S. 109) Könnte hier vielleicht eine Ursache für die Zunahme schlichter Denk- und Deutungsmuster am rechten Rand der Gesellschaft liegen? Warum haben radikale Gruppen fundamentalistischer Prägung so großen Zulauf? Das gilt für politische Parteien genauso wie für religiöse Gruppen. Ein anderer hat die Denk- und Entscheidungsprozesse erledigt – wir können uns „gedankenlos“ anschließen.

 

In immer neuen Variationen umkreist Meckel die „Stetsbereitschaft“ der modernen Zeitgenossen. Die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmen immer mehr. Viele schaffen es einfach nicht, ihr Handy in der Freizeit oder gar im Urlaub abzuschalten. Wir könnten eine wichtige Information verpassen. Dieser so ausgelöste Stress gehört zu den größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. (S. 117) Meckel erörtert sechs „Grundregeln der gezielten Unerreichbarkeit“ (S. 127f). Sie alle können hilfreich sein, auch wenn es sich zum Teil nur auf technische Ratschläge bezieht. Aber im Grunde kreisen Meckels Alternativen immer um einen Punkt: „Eine … Pause im mobilen Lebensmodus ist kein unsinniger Luxus, sondern die immer wieder notwendige Voraussetzung für Gelassenheit, Kreativität und soziale Verträglichkeit.“ (S. 146) Wem fallen bei diesen Sätzen nicht die vielen Hinweise der Bibel ein, die vom Sabbat sprechen? Hier könnte sich ein Dialog entfalten zwischen Theologen und Kommunikationswissenschaftlern. Die einen beschreiben das Problem, die anderen bieten eine Lösung an. Miriam Meckel fordert: „Als Menschen brauchen wir eine Einbettung in Zeitverläufe, die uns Orientierung geben können. Wir sind angewiesen auf die wichtige Unterscheidung der Zeiträume, die wir für unsere Arbeit benötigen, und der Zeiträume, die wir für Erholung, für Freizeit und Privates reservieren.“ (S. 150) Kann man es kürzer sagen als in dem einfachen Satz: Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten Tag darfst du ruhen. Bei Meckel liest sich das so: „Angesichts von Datenflut und Kommunikationslawine müssen wir Gelegenheit finden, zu unterbrechen und innezuhalten.“ (S.245)

 

Beim Lesen dieses Buches war ich froh, durch den Sabbat die Pausen zu kennen, die uns vor den negativen Folgen der ununterbrochenen Kommunikationsflut schützen können. Aber gerade junge Leute stehen wohl doch häufig in der Gefahr, die technischen Errungenschaften zu unbedenklich zu nutzen. „Ich simse, maile, chatte – also bin ich!“ Descartes hatte noch geschrieben: „Ich denke – also bin ich!“  Der Paradigmenwechsel ist zu offenkundig, als dass wir ihn unkommentiert lassen sollten. Ich kann dieses Buch eigentlich allen zur Lektüre empfehlen, nicht nur denen, die schon in der Kommunikationsfalle sind, sondern auch denen, die vielleicht kurz davor sind.

L. E. Träder

Im November 2010

 

Miriam Meckel, Das Glück der Unerreichbarkeit, Wege aus der Kommunikationsfalle, Goldmann Verlag, München, 2009, 286 Seiten, ISBN: 978-3-442-15533-0