Vom Gottesteilchen zur Weltformel

Buchbesprechung: Rüdiger Vaas, Vom Gottesteilchen zur Weltformel, Franckh- Kosmos Verlag, Stuttgart, 2013

 

Vor einigen Wochen bekam ich ein Buch geschenkt, ein sehr dickes Buch – 512 Seiten. Der Untertitel zielte in ein Gebiet, zu dem ich überhaupt keine Beziehung hatte: Urknall, Higgs, Antimaterie und die rätselhafte Schattenwelt. Ich fragte nach, warum gerade ich dieses Buch lesen sollte und bekam zur Antwort: Auch Geisteswissenschaftler sollten wissen, was in der naturwissenschaftlichen Forschung vor sich gehe. Also fing ich an zu lesen, wobei der eine Begriff im Titel mich schon reizte: Gottesteilchen. Was könnte sich wohl hinter diesem Wort verstecken?

Rüdiger Vaas ist Wissenschaftsreporter und hat verschiedene Bücher publiziert, die sich vor allem mit Astronomie und Physik beschäftigen. Für dieses Buch hat er 116 wissenschaftliche Arbeiten genutzt, sodass ich davon ausgehe, dass seine Aussagen den gegenwärtigen Stand der Forschung widerspiegeln.

 

Ich gebe zu, dass ich manche Seite kaum, einige überhaupt nicht verstanden habe. Sehr schnell aber merkte ich, dass meine Vorstellungen in Bezug auf den Mikrokosmos längst überholt sind. Meine Kenntnisse  basieren auf dem Physikunterricht meiner Schulzeit, und da gab es ein Atom-Modell, über das jeder Abiturient heute wahrscheinlich lächeln würde. Ich musste mich also ernsthaft in eine völlig neue Vorstellungswelt einarbeiten und wurde dabei mit Begriffen konfrontiert, die ich teilweise noch nie gehört oder gelesen hatte. Was sollte ich mit einem Absatz anfangen, der das Standardmodell der Elementarteilchenphysik beschreibt: „Die bekannte Materie besteht aus Quarks und Leptonen. Quarks bilden zum Beispiel Protonen und Neutronen, die Bausteine der Atomkerne. Von den Leptonen ist das Elektron am wichtigsten, denn ohne die ‚Elektronenhüllen’ um die Atomkerne gäbe es keine Atome und Moleküle. Es hat noch zwei massereichere Geschwister, Myon und Tauon, sowie drei Neffen, die elektrisch neutralen Neutrinos. Jedes Quark und Lepton besitzt außerdem ein Gegenstück aus Antimaterie. Es gibt also noch sechs Antiquarks, drei Antineutrinos sowie drei geladene Antileptonen. Die Kräfte zwischen Teilchen und Antiteilchen werden von Eichbosonen übertragen: die Starke Wechselwirkung von Gluonen, die Elektromagnetische von Photonen und die Schwache von W- und Z-Teilchen. Der letzte Baustein im Standardmodell ist das Higgs-Boson, das Quant des Higgs-Felds.“[1]

 

Bevor ich aber  mit diesen und ähnlichen Begriffen konfrontiert wurde – die mich wahrscheinlich abgeschreckt hätten! -  weckte der Prolog dieses Buches doch meine Aufmerksamkeit und ich begann zu lesen. So stand im Prolog z. B., dass es in diesem Buch auch um den Versuch ginge, die Entstehung des Universums zu erklären. Es war sogar die Rede davon, dass es vielleicht gelänge, eine „Theorie von Allem“ zu finden, also eine Weltformel, die eine umfassende Erklärung von Materie, Energie, Kräften sowie Raum und Zeit beinhalten würde. Ich war also sehr gespannt.

 

Im ersten Kapitel – „Mikrokosmos“ – geht es um die Bausteine des Universums. Vaas behauptet: „Das Standardmodell der Elementarteilchenphysik ist eine der besten, genauesten und erklärungsmächtigsten Theorien der Menschheit.“[2] Möglich wurden viele Entdeckungen durch die riesigen Maschinen, die heute den Forschern zur Verfügung stehen. Eine besonders eindrucksvolle Ansammlung von Apparaturen befindet sich in der Nähe Genfs, CERN, dem größten Teilchenphysik-Forschungszentrum der Welt.[3]

 

Hier entdeckte man auch das Higgs-Teilchen, das Prof. Higgs schon 1964 vorausgesagt hatte. Er bekam, als man dieses Teilchen dann tatsächlich nachweisen konnte, den Nobelpreis für Physik. Worum es sich bei diesem Elementarteilchen handelt, ist gedanklich schwer nachzuvollziehen.  Aber Vaas tröstet uns mit dem Hinweis: „Diese Atom-Hypothese, die sich ... immer wieder gewandelt hat und inzwischen geradezu abenteuerliche Vorgänge im Reich des Allerkleinsten erschloss, ist in ihrer wissenschaftlichen Ausgestaltung zwar äußerst anspruchsvoll und hat sich vom Alltagsverstand inzwischen weit entfernt.[4] (Heraushebung durch den Verf.) Der Alltagsverstand vieler Leser dürfte also offensichtlich nicht ausreichen, um die Komplexität der Vorstellungen im Mikrokosmos zu erfassen.

 

Ein Buch, in dem ganz deutlich gesagt wird, dass die Ergebnisse der Wissenschaft offensichtlich nicht nur an die Grenzen der Natur, sondern auch an die Grenzen des menschlichen Verstandes reichen, ist eigentlich in allen Aussagen immer mit einer gewissen Skepsis zu lesen. Und doch ist die Lektüre dieses Buches eine wirklich spannende Angelegenheit. Als überzeugter Christ hält man allerdings bei bestimmten Aussagen inne: „... das gegenwärtige physikalische Weltbild, das sich empirisch auf Räume von weniger als 10 hoch -18 Meter bis zum kosmischen Beobachtungshorizont in rund 45 Milliarden Lichtjahren erstreckt sowie zeitlich bis in die erste Milliardste Sekunde des Urknalls vor 13,8 Milliarden Jahren – und in der Theorie noch viel weiter.“[5] Zum Thema Urknall werde ich später noch etwas sagen. Aber die hier angedachten Räume und Zeiten sind so unvorstellbar, dass nicht nur der Alltagsverstand hier Probleme hat. Vaas gibt zu: „Wie klein Atome und Kerne sind, ist für den Alltagsverstand kaum vorstellbar.“[6] Es bleibt die Frage: Kann das gegenwärtige Standardmodell eine zutreffende Erklärung für den Aufbau der Materie liefern? Vaas muss eingestehen: „Denn was Materie wirklich ist und woraus sie letztlich besteht, ist weiterhin unbekannt.“[7]

 

Als Christ lese ich den folgenden Satz anders, als ihn wahrscheinlich ein Physiker verstehen dürfte: „ ... führt sie einen prinzipiellen, nicht reduzierbaren, absoluten Zufall ein (Indeterminismus), etwa beim radioaktiven Zerfall – falls es nicht doch ‚verborgene Variablen’, das heißt tiefere Ursachen gibt, was nicht generell ausgeschlossen ist.“[8] Wird hier gedanklich Platz eingeräumt für Gottes immerwährendes schöpferisches Wirken? Vaas ist an mehreren Stellen in seinen Formulierungen vorsichtig und lässt manches offen: „Anscheinend hat die Natur noch ganz unbekannte Seiten.“[9] Werden die Naturwissenschaftler sie entdecken oder bleibt ein geheimnisvoller Rest?

 

Im 2. Kapitel – „Gottesteilchen“  – geht es um die Situation, wie man sie sich kurz nach dem Urknall vorstellen könnte. Aber genau an dieser Stelle wird es wieder so kompliziert, dass Vaas sagen muss: „ ... eine sehr abstrakte und mit dem Alltagsverstand schwer zu vereinbarende Vorstellung.“[10] Oder in diesem Zusammenhang: „Sich das Higgs-Feld richtig vorzustellen, ist eigentlich nicht möglich.“[11] Und doch behauptet Vaas: „Das Higgs-Boson verrät nicht, wie sich die Welt manipulieren lässt, sondern wie sie funktioniert.“[12] Mit dem Higgs-Teilchen habe man, so ist wohl der augenblickliche Forschungsstand, ein plausibles Erklärungsmuster für viele physikalische Phänomene, die den Anfang unseres Universums betreffen. „Kurz nach dem Urknall hatte das Feld, das den ganzen Weltraum durchzieht, einen symmetrischen Zustand.“[13] Vaas bezeichnet dieses Feld sogar als „schöpferisches Feld“.[14]

 

Aber was ist denn nun dieses Higgs-Teilchen? An einer Stelle schreibt Vaas, dass manche Forschen scherzhaft sagen, man wisse zwar alles über das Higgs-Teilchen, nur nicht, ob es existiert. Vorausgesagt hatte es Prof. Higgs, aber es war noch nie experimentell nachgewiesen worden. Mit CERN hatte man nun endlich die Möglichkeit, hier Klarheit zu schaffen. Es begann eine immense Forschertätigkeit. Der riesige Aufwand hat sich gelohnt. Klar war allen: „Das Higgs-Teilchen lässt sich nicht einfangen oder wenigsten ‚fotografieren’, denn es zerfällt praktisch sofort. Seine Halbwertzeit beträgt wohl weniger als eine Trilliardste Sekunde. Daher kann es nicht direkt erhascht, sondern nur indirekt anhand seiner Zerfallsprodukte identifiziert – oder genauer: rekonstruiert – werden.“[15]  Aber am 4. Juli 2012 konnte im großen Hörsaal des CERN bekanntgegeben werden, dass man das Higgs-Teilchen nachgewiesen habe.

 

Weiß man jetzt endlich, was ‚die Welt im Innersten zusammenhält’? „Die Entdeckung zeige, dass das bekannte Universum unserer Sinne nur die Spitze eines riesigen, größtenteils verborgenen kosmischen Eisbergs ist.’“[16]  Der Forschungsdirektor des CERN sagte im Zusammenhang mit dem Nachweis des Higgs-Teilchens: „Wir haben 50 Jahre gebraucht, um das Standardmodell der Elementarteilchen zu konkretisieren und zu komplettieren – 50 Jahre, um fünf Prozent der Energiedichte des Universums zu beschreiben. 95 Prozent sind Dunkle Materie und Dunkle Energie. Es ist jetzt höchste Zeit, dass wir in dieses Dunkle Universum reingehen.“[17] Mit dem Higgs-Teilchen ist offensichtlich das Standardmodell der Elementarteilchen vollständig, aber  - so habe ich den Eindruck – jetzt beginnt erst der spannende Teil der Forschung. Wie können die Ergebnisse der Forschung aus dem Gebiet des Mikrokosmos übertragen werden auf Forschungen im Makrokosmos? Wird es einmal eine „Weltformel“ geben?

 

Noch ein Wort zum Begriff „Gottesteilchen“. Dieses Wort geht zurück auf einen Artikel, den Prof. Ledermann ((1988 Physik Nobelpreis) als Überschrift gewählt hatte. Eigentlich wollte er schreiben: „The goddamn particle“, weil der Nachweis des Higgs-Teilchens so schwierig sei. Aber der Verlag hielt den anderen Begriff für verkaufsfördernder. Und so ist er allmählich in die populärwissenschaftliche Literatur eingeflossen.  Prof. Higgs – wie die meisten seiner Kollegen – haben diesen Begriff strikt abgelehnt. Er befürchtete, dass mit diesem Begriff Menschen in ihren religiösen Gefühlen verletzt werden könnten. Es zeigte sich also bei der Lektüre, dass der Begriff, der mich u. a. zum Lesen dieses Buches verführt hatte, überhaupt keinen wirklichen Bezug zum Thema hatte. „Gottesteilchen“ ist schlicht ein sprachlicher Missgriff, der verkaufstechnische Hintergründe hatte.

 

Im dritten Kapitel beschäftigt sich Rüdiger Vaas mit der „Antimaterie“. Sie ist ein „besonderer Stoff: selten, teuer und exotisch. Doch inzwischen können Physiker ihn gezielt erzeugen und manipulieren.“ [18] „Was noch in den 1990er-Jahren kaum vorstellbar war, ist heute Realität: Physiker können Antimaterie nicht nur produzieren, sondern inzwischen sogar speichern und manipulieren. Selbst Antiatome lassen sich jetzt erzeugen sowie exotische Moleküle, die es in der Natur gar nicht gibt. Damit wollen die Wissenschaftler die Naturgesetze ausloten und neue Effekte finden, die vielleicht sogar die Relativitätstheorie in Schwierigkeiten bringen oder Einblicke in eine gespenstische Parallelwelt erlauben.“[19] Die Antimaterie-Forschung verspricht grundlegende Antworten „auf die Frage, warum das Universum so ist, wie es ist – und warum wir überhaupt existieren.“[20]

 

Damit ist ein Punkt erreicht, an dem ich deutlich Einspruch einlegen muss. Ist es wirklich die Aufgabe der Physik, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum der Mensch existiert? Ich finde es spannend, wenn Ergebnisse der Physik und der Mathematik in Verbindung gebracht werden mit Überlegungen der Kosmologie. Aber werden hier nicht zwei Bereiche in unerlaubter Weise miteinander verquickt? Die Frage, warum der Mensch existiert, könnte allenfalls im Rahmen der Philosophie abgehandelt werden. Aber eigentlich ist es eine zutiefst religiöse Frage. Jede Religion versucht, darauf eine Antwort zu geben. Und das biblische Christentum ist hier ganz klar: Weil Gott es so wollte. Er schuf den Menschen.

 

Dieses Buch zeigt an mehreren Stellen Ansätze, die es ermöglichen, Parallelen zu biblischen Gedanken zu finden. Schon der Hinweis darauf, dass es im Universum „tiefere Ursachen“ für manches Phänomen geben könne, lese ich anders als ein Physiker.[21] Und was hat es mit dem „Dunklen Universum“ auf sich? Wird hier nicht deutlich, dass auch die Naturwissenschaftler vor einem Berg ungelöster Fragen stehen? Wir haben, so sagt es Prof. Heuer, Direktor des CERN, erst ca. fünf Prozent dessen erforscht, was uns umgibt. Wird es uns jemals gelingen, die restlichen 95 Prozent zu entschlüsseln? Hier ist in meinem Verständnis eigentlich vom Geheimnis der Schöpfung die Rede. Damit ich nicht missverstanden werde: Ich will keinesfalls der naturwissenschaftlichen Forschung Grenzen vorschreiben, nur warne ich vor ungerechtfertigten Deutungen. Mir zeigt dieses Buch, wie eng verknüpft viele Bereiche der Forschung sind.

 

All das spricht nicht gegen die Intensität der naturwissenschaftlichen Forschung! Hier wurde – und wird wohl viel stärker in der Zukunft – Gewaltiges geleistet. „Die Entdeckung der Antimaterie gehört zu den größten intellektuellen Leistungen in der Physik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. ...  Es war eine erstaunliche Schöpfung der menschlichen Vernunft und Phantasie.“[22]  In der Science Fiction Literatur wird die Antimaterie für Bomben genutzt, die eine unermessliche Zerstörung anrichten können. Aber: „Mit den heutigen Verfahren könnte man im Verlauf eines Jahres ungefähr ein Nanogramm Antimaterie herstellen, und die Kosten dafür lägen bei rund zehn Milliarden Dollar. ... Damit benötigen wir einige hundert Millionen Jahre und zusätzlich eine Billiarde Dollar, um ein Gramm Antimaterie zu erzeugen.“[23] So verbleibt dieser Gedanke im Bereich der Illuminati-Phantasien.

 

Warum ist die Entdeckung der Antimaterie aber ein so großer Erfolg, wenn gleichzeitig Vaas bekennen muss: „Rund vier Fünftel der Gesamtmasse im All ist unsichtbar und besteht wahrscheinlich aus noch völlig unbekannten Elementarteilchen.“[24] Man kann die Antimaterie nicht als „Masse“ produzieren, sondern nur in ihren kleinsten Bauteilen. Aber diese sind schon heute für bestimmte Alltagsvorgängen äußerst hilfreich. Vaas listet eine Reihe von Anwendungsgebieten auf, die einen praktischen Nutzen erbringen. „Ermüdungserscheinungen von Metallen lassen sich so früher als mit anderen Verfahren feststellen – z. B. bei der Überprüfung von Flugzeugmotoren. ... Man kann im Körper Tumore lokalisieren ... Blutfluss und Sauerstoffverbrauch im Gehirn kontrollieren ... sogar bei der Krebsbekämpfung lassen sich Ansätze finden.“[25]

 

Mit solchen Hinweisen lassen sich Vorwürfe entkräften, dass diese Form der Forschung zwar riesige Geldbeträge verschlingt, die man vielleicht besser in Bildung oder Hilfe für die 3. Welt investierten sollte, aber eigentlich nur der Grundlagenforschung dient. Wenn ich Vaas richtig verstehe, dann stehen wir – dank der gewaltigen Apparate im CERN und anderswo – vor erstaunlichen Entdeckungen. Sie werden, daran besteht kein Zweifel, uns immer weiter und tiefer in die Geheimnisse der Materie und des Alls eindringen lassen. Keinen Zweifel habe ich daran, dass uns diese Entdeckungen keinen Augenblick am Schöpfergott zweifeln lassen werden. Woher nehme ich diese Zuversicht?

 

Das vierte Kapitel – „Dunkle Materie“ -  handelt vom „Reich der Finsternis“. Wenn diese Formulierungen auch etwas reißerisch wirken, so behandelt Vaas in diesem Kapitel doch Erstaunliches. „Der größte Teil der Masse im All ist völlig unbekannt. Doch die Jagd nach den mysteriösen Elementarteilchen spitzt sich jetzt zu.“[26] „So erdrückend die Indizien für die Dunkle Materie im Weltraum inzwischen sind, so rätselhaft bleibt es, woraus dieser unsichtbare Stoff besteht.“[27] Die Forscher sind sich wohl einig in der Annahme, dass es so etwas wir die Dunkle Materie gibt. Aber niemand kennt Einzelheiten. „Der Versuch, die Geheimnisse des dunklen Universums zu lüften, ist ein Hauptthema der Astrophysik.“[28] Man weiß z. B., dass sich die Ausdehnung des Universums eigenartigerweise beschleunigt. In welchem Tempo und warum? Mit welchem Ziel? „Das ist der Fortschritt der modernen Kosmologie: Heute wissen wir sehr genau, was wir nicht kennen, das sind 95 Prozent von allem.“[29]

 

Beim Lesen dieses Kapitels war ich immer wieder überrascht, wie entwaffnend die riesige Unkenntnis der Forscher beschrieben wird. Trotz der gewaltigen Apparaturen – wie im CERN – oder vielleicht gerade wegen dieser unglaublich komplizierten und leistungsfähigen Maschinen, wächst der Umfang des Rätselhaften. „Die gewöhnliche Materie macht heute lediglich knapp fünf Prozent der Gesamtenergiedichte des Universums aus, die Dunkle Materie dagegen rund ein Viertel – und etwa 70 Prozent besteht aus einer noch viel seltsameren Dunklen Energie.“[30]

 

Das alles sei entstanden unmittelbar nach dem Urknall. Dieser Begriff taucht immer wieder auf. „Der Urknall kann als eine erwiesene Tatsache bezeichnet werden, denn die Standardtheorie dazu ist inzwischen exzellent bestätigt.  Doch sie lässt viele Fragen offen. So bleibt unklar, was den Urknall auslöste, woher die Elementarteilchen kamen und wodurch der Weltraum so groß wurde.“[31] Wenn ich einmal die Zeitspanne außer Acht lasse – der Urknall habe sich vor 13,8 Milliarden Jahren ereignet – dann kann ich durchaus eine gedankliche Parallele zum biblischen Schöpfungsbericht erkennen. Gott schuf – wie wird nicht gesagt. Es könnte ein big bang gewesen sein. Ich möchte hier keine neue Theorie entwickeln, aber es scheint doch so zu sein, dass einige Elemente der Urknalltheorie nicht unbedingt dem biblischen Schöpfungsbericht widersprechen. Auch ein anderer Text könnte hierher gehören:Denn so er spricht, so geschieht's; so er gebeut, so stehet's da.“[32] Ist das nicht ein Hinweis auf die schöpferische Kraft Gottes, der für das ins Leben rufen keine Zeitdimension benötigt? Befehl und Existenz fallen zusammen. Genau das scheint der Begriff des Urknalls auszusagen – unabhängig aller physikalischen Implikationen. Und es erscheint logisch, dass erst nach der Erschaffung der Materie die Ausgestaltung der Natur beginnen konnte. Und genau das ist die gängige Vorstellung vieler Naturwissenschaftler. Natürlich sind die immensen Zeiträume für einen bibelgläubigen Christen ein Problem. Aber ich habe den Eindruck, dass ein totales Ablehnen der Urknalltheorie nicht zwingend ist.

Vielleicht ergeben sich Entwicklungen in der Forschung, die es mir erleichtern, einen naturwissenschaftlichen Zugang zum Schöpfungsbericht zu finden. „Die Astronomen müssen also noch einige Hausaufgaben machen.“[33] Es reicht jedenfalls nicht, wenn Theologen nur die Zitate sammeln, die von Fehlern oder  vagen Hypothesen sprechen. Solche Negativ-Sammlungen helfen nicht weiter. Warten wir ab, was die Naturwissenschaft uns an weiteren Forschungsergebnissen bringen wird.

Im Kapitel „Symmetrien“ geht es um die Vielfalt der Welt. „Physiker haben einen Code der Natur entdeckt, der die Materie und ihre Wechselwirkungen beschreibt und den Weg zu einer Weltformel weist: Symmetrieprinzipien.“[34] In diesem Kapitel finden sich viele Aussagen, die ich als Theologe anders lese als es ein Naturwissenschaftler meint. Die Bibel spricht vom Ende der Welt. Verschiedene Hinweise in der Apokalypse des Johannes lassen den Schluss zu, das Ende würde mit einem Donnerschlag erfolgen, in eine universelle Katastrophe münden. Auch das Universum würde sich erneuern. „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr.“[35]

„Die Entdeckung des Higgs-Bosons ist ein großer Triumph für die Teilchenphysik. Doch sie bringt auch beunruhigende Neuigkeiten mit sich. Die Masse des mutmaßlichen Standard-Higgs  könnte eine verheerende Konsequenz haben, sie kündigt womöglich den Untergang des uns vertrauten Universums an.“[36] Vaas bezeichnet solche Überlegungen  zwar als „apokalyptische Spekulationen“, aber einige Konsequenzen der Entdeckung der Higgs-Teilchen ergeben doch beunruhigende Perspektiven. „Die faktische Higgs-Masse dient also im Rahmen des Standardmodells gewissermaßen als Indikator eines fernen Weltendes ... nichts bleibe so, wie es war. Alle bestehenden Strukturen würden verschwinden und selbst die Naturkonstanten bekämen andere Werte.“[37] „Das Weltende könnte durchaus nah sein ... Dann könnte die Apokalypse im Prinzip in jeder Minute über uns hereinbrechen – und nicht nur die Erde verschlingen, sondern das ganze All.“[38]

So ähnlich habe ich schon gepredigt, nur mit etwas anderen Worten. Wenn Luther den entsprechenden griechischen Begriff mit „bald“  („Siehe, ich komme bald!“) übersetzt, ist das sprachlich durchaus korrekt. Aber genauso richtig ist die Übersetzung mit „plötzlich, unerwartet“. Das passt m. E. besser in den Gesamtzusammenhang des Neuen Testaments. Zudem hat Jesus in seinen Schlussworten kurz vor der Himmelfahrt den Jüngern gesagt, dass sie weder über „ Zeit noch Stunde“ spekulieren sollten.[39] Hier stehen die Begriffe chronos und kairos. Offensichtlich hat Jesus damit seinen Jüngern geboten, in Bezug auf sein Wiederkommen jedweden Zeitbegriff zu vermeiden. Das würde die Aussage ergänzen: Siehe ich komme plötzlich, unerwartet. Oder wie Vaas schreibt: Die Apokalypse könnte in jeder Minute über uns hereinbrechen. Er tröstet zwar seine Leser mit dem Hinweis, dass dieses Ende in weiter Ferne liegt, aber allein der Gedanke an ein plötzliches Ende unsers Universums hat mich beeindruckt. Wenn Naturwissenschaftler, die sich allein an ihre Fakten halten, solche Möglichkeiten diskutieren, bestärkt mich das in meinem Glauben an die Aussagen der Bibel. Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Ich lese die Bibel nicht als naturwissenschaftliches Buch, aber es muss erlaubt sein, frappierende Parallelen in den Aussagen festzustellen. Es bleibt dem Einzelnen überlassen, die persönlichen Schlüsse daraus zu ziehen.

 

Im letzten Kapitel – „Weltformel“ – wird eine Theorie erörtert, die sich als Kandidat für eine mögliche Weltformel anbietet: Die Stringtheorie. Ohne mich jetzt in die Einzelheiten dieser Theorie zu verlieren, sehen viele Naturwissenschaftler in dieser Theorie eine Möglichkeit, eine „Theorie von Allem“ zu entwickeln. „Da ist einerseits die Allgemeinde Relativitätstheorie. In ihren Zuständigkeitsbereich fällt die Welt des Allergrößten, das Universum als Ganzes. Andererseits gibt es die Quantentheorie. Ihr Regime ist die Welt des Allerkleinsten, also der Elementarteilchen und Naturkräfte. Beide Theorien sind experimentell exzellent bestätigt. .. Es gibt keine präziseren Theorien in der Geschichte der Menschheit.“[40] Aber es gebe Widersprüche, so etwa bei der Beschreibung der Schwarzen Löcher und auch beim Urknall. Diese Widersprüche lassen sich „erst mit einer neuen Theorie ausräumen, die die Quantentheorie und die Allgemeine Relativitätstheorie miteinander verbindet.“[41] Bei einer solchen Verbindung „gehe es um nichts weniger als um eine Art ‚Weltformel’ oder ‚Theorie von Allem’. Eine solche Theorie würde Materie, Energie sowie Raum und Zeit einheitlich beschreiben.“[42] Und als Kandidat für eine solche Theorie, die Quantengravitation, Mikro- und Makrokosmos verbindet, bietet sich die Stringtheorie an. „Fest steht, dass die Reise nicht zu Ende ist.“[43] Und was ist die Stringtheorie? Vaas beschreibt es als Frage: „Entsteht Materie aus den Obertönen harmonisch schwingender Saiten?“[44] Schon bei dieser Formulierung stoßen wir wieder an die Grenze des Alltagsverstandes.  „Während sich die Stringtheoretiker in mathematische Räume vertieften, die dem normalen Verstand völlig abgehen, ist zumindest die Idee der Materie als einer Melodie des Mikrokosmos fasslicher.“[45] Und dann wird es für einen christlichen Leser spannend. „Neue Entwicklungen in der Stringtheorie sagen die Existenz unzähliger Universen voraus – mit abenteuerlichen Eigenschaften.“[46] Vaas wird hier sehr konkret: „Somit wäre ‚unser’ Universum nur eines von unzähligen. Und alles, was von den Naturgesetzen her ‚erlaubt’ ist, würde dann von der Natur auch unweigerlich realisiert worden sein, vielleicht sogar unendlich oft.“[47]

Die Kosmologen schwärmen hier von der Idee eines Multiversums. Ist das biblisch erlaubt? Ich enthalte mich hier einer Wertung, aber anregend sind solche Überlegungen allemal. Vor allem, wenn es um den Urknall geht. „In diesen und anderen Szenarien ist der Urknall nicht der Anfang der Zeit, sondern ein Übergang von einem Zustand des Alls in einen anderen.“[48]  Ich schließe mich einer Schlussfolgerung an, die Vaas in einem anderen Zusammenhang formuliert hat: „Das Weltbild, das sich daraus ergibt, hat unsere Sicht auf unseren Platz im All verändert. Das ist eine der aufregendsten und geheimnisvollsten Aspekte der modernen Wissenschaft.“[49] Seit Galilei meinen wir zu wissen, wie das Universum beschaffen ist. Aber je tiefer wir in die Geheimnisse der Natur eindringen, umso größer wird das Staunen. Und könnte es nicht sein, dass wir gegenwärtig wieder einen Riesenschritt machen, dem des Galilei ähnlich? Wieder verändert sich unser Weltbild. Noch merken es offensichtlich Wenige. Wann werden solche Überlegungen Einzug in unsere Schulen finden?

Wir bemühen uns um Erklärungen. Gerade Christen haben mit dem biblischen Schöpfungsbericht eine Erkenntnisfolie, die mit den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung oft schwer kompatibel zu sein scheint. Aber muss denn wirklich alles erklärbar, begründbar sein? „Doch es gibt starke Argumente dafür, dass sich nicht alles erklären lässt, und zwar nicht einmal im Prinzip, weil es gar nicht ersichtlich ist, dass für alles ein zureichender Grund bestehen muss. ... Aus prinzipiellen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Erwägungen heraus kann es letzte und vollständige Erklärungen grundsätzlich nicht geben. Denn keine Erklärung ist voraussetzungslos. Und jede Erklärung oder Begründung basiert entweder auf einer nicht weiter hinterfragten – aber ja doch hinterfragbaren – Annahme, oder sie würde auf eine unendliche Begründungskette referieren müssen oder auf eine, die das zu Begründende schon voraussetzt.“[50] Hier sind Naturwissenschaftler und Christen beieinander.  Für beide gilt: Mehr Demut und Bescheidenheit. Die Naturwissenschaft befindet sich offensichtlich in Aufbruchsstimmung. Gedankliche und experimentelle Grenzen werden überschritten, Einsichten gewonnen, die unser Alltagsverstand kaum bewältigen kann. Aber Vaas warnt: „Die Welt ist in ihrer Tiefe vermutlich absurd und letztlich unverständlich.“[51]

„Alles Wissen und alles Vermehren unseres Wissens endet nicht mit einem Schlusspunkt, sondern mit einem Fragezeichen.“ Hermann Hesse.[52]

Ich kann die Lektüre dieses Buches all denen empfehlen, die sich auf ein gedankliches Abenteuer einlassen wollen. Es lohnt sich, aber es erfordert nicht nur Geduld, sondern auch die Bereitschaft, einmal Erkanntes in Frage zu stellen.

L. E. Träder

Im September 2014

 



[1] R. Vaas, Vom Gottesteilchen zur Weltformel, S. 38

 

[2] R. Vaas, a. a. O. S. 11

 

[3] Hier ist der Arbeitsplatz von über 2600 Vollzeitangestellten sowie fast 8000 Wissenschaftlern und Ingenieuren aus etwa 580 Forschungseinrichtungen und Universitäten in 80 Ländern. Das Jahresbudget 2013 betrug 1,013 Milliarden Euro, wovon Deutschland mit gut 20 Prozent am meisten beisteuerte. R. Vaas, a. a. O. S. 67f  Ein einziges Gerät im CERN – der LHC kostete 5,3 Milliarden Euro. An seiner Fertigung arbeiteten mehr als 10.000 Ingenieure und Wissenschaftler aus über 500 Instituten von mehr als 100 Staaten – „kann  ohne Übertreibung als echte Weltmaschine bezeichnet werden.“ R. Vaas, a. a. O. S. 71

 

[4] R. Vaas, a. a. O. S. 13

 

[5] R. Vaas, a. a. O. S. 22

 

[6] R. Vaas, a. a. O. S. 25

 

[7] R. Vaas, a. a. O. S. 59

 

[8] R. Vaas, a. a. O. S. 64

 

[9] R. Vaas, a. a. O. S. 97

 

[10] R. Vaas, a. a. O. S. 112

 

[11] R. Vaas, a. a. O. S. 114

 

[12] R. Vaas, a. a. O. S. 114

 

[13] R. Vaas, a. a. O. S. 111

 

[14] R. Vaas, a. a. O. S. 103

 

[15] R. Vaas, a. a. O. S. 131

 

[16] R. Vaas, a. a. O. S. 145

 

[17] R. Vaas, a. a. O. S. 164

 

[18] R. Vaas, a. a. O. S. 167

 

[19] R. Vaas, a. a. O. S. 170

 

[20] R. Vaas, a. a. O. S. 170

 

[21] Siehe S. 3

 

[22] R. Vaas, a.a. O. S. 173f

 

[23] R. Vaas, a. a. O. S. 147

 

[24] R. Vaas, a. a. O. S. 229

 

[25] R. Vaas, a. a. O. S. 196

 

[26] R. Vaas, a. a. O.  S. 257

 

[27] R. Vaas, a. a. O. S. 262

 

[28] R. Vaas, a. a. O. S. 278

 

[29] R. Vaas, a. a. O. S. 273

 

[30] R. Vaas, a. a. O. S. 272

 

[31] R. Vaas, a. a. O. S. 335

 

[32] Ps. 33, 9

 

[33] R. Vaas, a. a. O. S. 291

 

[34] R. Vaas, a. a. O. S. 319

 

[35] Offb. 21, 1

 

[36] R. Vaas, a. a. O. S. 341

 

[37] R. Vaas, a. a. O. S. 342f

 

[38] R. Vaas, a. a. O. S. 344

 

[39] Apg. 1, 7

 

[40] R. Vaas, a. a. O. S. 396

 

[41] R. Vaas, a. a. O. S. 396

 

[42]R. Vaas, a. a. O. S. 396

 

[43]R. Vaas, a. a. O. S. 397

 

[44]R. Vaas, a. a. O. S. 385

 

[45]R. Vaas, a. a. O. S. 418

 

[46]R. Vaas, a. a. O. S. 385

 

[47]R. Vaas, a. a. O. S. 446

 

[48]R. Vaas, a. a. O. S. 470

 

[49]R. Vaas, a. a. O. S. 474

 

[50]R. Vaas, a. a. O. S. 494f

 

[51]R. Vaas, a. a. O. S. 499

 

[52]R. Vaas, a. a. O. S. 500

 

"Vom Gottesteilchen zur Weltformel"

Rüdiger Vaas, Vom Gottesteilchen zur Weltformel, Franckh- Kosmos Verlag, Stuttgart, 2013 (Preis: 24,99 €)