Wer bin ich, wenn ich online bin…Und was macht mein Gehirn solange?

Wie das Internet unser Denken verändert

Nicholas Carr, geboren 1959, ist als freier Journalist tätig. Er gilt als „einer der provokantesten und prophetischsten Denker zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel in der Internetära.“[1] Da ich schon seit vielen Jahren vor bestimmten Gefahren der modernen Medien warne, habe ich natürlich dieses Buch sehr aufmerksam gelesen. Und es hat sich bestätigt: Die Warnungen sind berechtigt. Carr fabuliert nicht einfach so aus dem Gefühl heraus, sondern er hat für dieses Buch eine Fülle von Studien der unterschiedlichsten Fachrichtungen verarbeitet. Wir befinden uns also weit gehend auf wissenschaftlich sicherem Boden.

Carr geht von vielen Selbstbeobachtungen aus. „Eine Auswirkung des Internet scheint zu sein, dass es mir zunehmend schwer fällt, mich zu konzentrieren und intensiv nachzudenken.“[2] Damit ist das Hauptthema des Buches angedeutet. Es geht um die Frage, ob und wenn ja, wie verändert sich unser Denken bei intensiver Nutzung der modernen Medien. Sind das nur einzelne Beobachtungen, oder handelt es sich um ein generelles Problem? Carr gibt zunächst einen Überblick über einen Teil unserer Geistes- und Kulturgeschichte. Und dabei stellt er fest: „Wir scheinen … an einem wichtigen Übergang angelangt zu sein, einem Moment des Übergangs von einer Denkweise zur nächsten.“[3] Unsere Geistesgeschichte war bisher geprägt vom linearen Denken. Und man war überzeugt, dass das ausgewachsene Gehirn unveränderlich sei. Aber diese bislang herrschende Theorie muss als überholt gelten. „Das Gehirn hat die Fähigkeit, sich spontan selbst neu zu programmieren und damit seine Funktionsweise zu verändern.“[4]

Damit war der Weg frei für eine völlig neue Sicht des Gehirns und seiner Funktionsweise. Wurde es bislang als Maschine angesehen, wenn auch als eine höchst komplizierte, setzte sich jetzt eine andere Sicht durch. „Obwohl bestimmte Hirnregionen unterschiedlichen geistigen Funktionen zugeordnet sind, bilden die Zellen doch keine dauerhaften Strukturen und haben keine starren Funktionen. Sie sind flexibel. Sie ändern sich mit der Erfahrung, den Umständen und Bedürfnissen.“[5] Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Wir sind also in der Lage, uns neuen Situationen anzupassen, wir können neue Fähigkeiten erlernen und unseren Horizont ständig erweitern. Das geschieht, weil unser Gehirn durch seine >Neuroplastizität< in der Lage ist, ständig neue neuronale Verbindungen zu knüpfen.

Aber dann zeigt sich auch sehr bald das Problem. Das Gehirn beginnt, die neuen Verhaltensmuster als Gewohnheit abzuspeichern. „Die chemisch ausgelösten Synapsen, die unsere Neuronen verbinden, programmieren uns nämlich darauf, diese Verbindungen auch weiterhin benutzen zu wollen.“[6] Wenn es sich um gute Gewohnheiten handelt, sind wir einverstanden. Aber es gibt eben auch schlechte Gewohnheiten. Wenn ich häufig >falsche< Denkmuster benutze, können sogar Krankheiten entstehen.

Carr stellt einen engen Zusammenhang zwischen Denken und Lesen her. Lesen erfordert eine hohe Konzentration. Alles, was irgendwie ablenkt, muss ausgeschaltet werden. Und damit sind wir mitten im eigentlichen Problem. „Wir beginnen bereits zu erkennen, dass die Welt  der PC-Bildschirme eine vollkommen andere Sphäre ist als die Welt der Buchseite. Eine neue geistige Ethik etabliert sich. Die Schaltkreise in unserem Gehirn werden wieder einmal neu vernetzt.“[7] Wir sind mit dem Eintritt ins Medienzeitalter in eine neue Welt aufgebrochen. „Alles von Beethovens Neunter bis hin zu einem Pornofilm lässt sich auf eine Folge von Nullen und Einsen reduzieren und kann damit von einem Computer verarbeitet, reduziert oder abgespielt werden. … Das Netz ist für uns Schreibmaschine, Druckerpresse, Landkarte, Uhr, Rechner, Telefon, Postamt, Bibliothek, Radio und Fernseher.“[8] Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, aber „Nur selten haben wir innegehalten, um über die Medienrevolution nachzudenken.“[9] Ist es dafür nicht fast schon zu spät?  Haben wir nicht schon eine Grenze überschritten, und es gibt kein Zurück mehr? „Deshalb liegt die Zukunft von Wissen und Kultur nicht mehr in Büchern, Fernsehsendungen, Radiobeiträgen, Schallplatten oder CDs. Sie liegt in digitalen Daten, die mit Lichtgeschwindigkeit durch unser universelles Medium Internet gejagt werden.“[10]

Sehr ausführlich befasst sich Carr mit dem Lesen. Hier sieht er deutliche Gefahren. „Die Linearität, die das Wesen des gedruckten Buches ausmacht, wird zerstört, und mit ihr die ruhige Aufmerksamkeit, die sie beim Lesen erzeugt.“[11] Das hat natürlich Konsequenzen. „Ein Wandel des Leseverhaltens wird auch einen Wandel des Schreibstils mit sich bringen.“[12] „Ein persönlicher Brief aus dem 19. Jahrhundert etwa hat mit einer heutigen E-Mail oder SMS kaum noch Ähnlichkeit. Unser Hunger nach Informalität und Unmittelbarkeit hat zur Schmälerung des Ausdrucks und dem Verlust der Eloquenz geführt.“[13] Aber vermissen wir denn solche Briefe wie aus dem 19. Jahrhundert? Sind wir nicht völlig zufrieden mit der schnellen, wenn auch orthografisch fehlerhaften Information per SMS? Fehlerhaft deshalb, weil wir keine Zeit und vielleicht auch keine Lust haben, orthografisch richtig zu schreiben? Goethe konnte an seine Schwester schreiben: Weil ich heute wenig Zeit habe, schreibe ich Dir einen langen Brief. Er wusste, dass das Finden des genau passenden Ausdrucks Zeit benötigt. In unseren Kurzmeldungen per Internet kommt es nicht auf die Schönheit der Sprache an, sondern es werden einfach nur Informationen ausgetauscht. Und die Eloquenz? Wer vermisst denn im Deutschen Bundestag die Redner von der Qualität eines Carlo Schmid, eines Herbert Wehner, Willy Brandt oder Helmut Schmidt? Heute werden lediglich Botschaften oder Bosheiten ausgetauscht. Und die Folge? Kaum jemand hört zu.

Carr warnt eindringlich: „Dutzende Studien von Psychologen, Neurobiologen, Pädagogen und Webdesignern deuten im Ergebnis auf ein und dasselbe hin: Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung , die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert.“[14] Wer online ist, bewegt sich in einer virtuellen Welt. Die reale Welt wird immer unbedeutender. Das Netz verändert unser Verhalten. Die Ursache dafür sieht Carr in einer deutlichen Veränderung unseres Gehirns. „Die derzeitige Explosion digitaler Technik verändert nicht nur unsere Lebens- und Kommunikationsweise, sondern zunehmend und grundlegend auch unsere Gehirnstruktur.“[15] Das aber hat vielfältige Auswirkungen: „Obwohl das World Wide Web den Hypertext zu etwas ganz Alltäglichem, ja, Allgegenwärtigem gemacht hat, zeigen auch neueste Untersuchungen, dass Menschen, die einen linearen Text lesen, mehr begreifen, sich an mehr erinnern und mehr lernen als jene, die einen mit Links gespickten Text lesen.“[16] Die Ursache liegt im >System Internet<.  „Das Internet ist von seinem Wesen her ein Unterbrechungssystem, eine Maschine zur Ablenkung und Minderung der Aufmerksamkeit.“[17] Und weil das offensichtlich so ist, sind die Folgen eindeutig: „Regelmäßige Unterbrechungen verwirren unsere Gedanken, schwächen unser Erinnerungsvermögen und bereiten uns Anspannung und Stress.“[18]

Nun könnte man ja dagegen einwenden, dass das Internet neben vielen anderen positiven Möglichkeiten auch und vor allem das wissenschaftliche Arbeiten wesentlich erleichtert habe. Es gibt schon Aussagen, dass mancher bewusst auf das Lesen von Büchern oder Zeitschriften ganz verzichtet, weil er alle Recherchen viel besser und schneller im Internet erledigen könne. „Wozu sich anstrengen, wenn man sich die gewünschten Infoschnipsel und Wissensstückchen doch im Bruchteil einer Sekunde ergoogeln kann?“[19] Aber das so erarbeitete Wissen ist von anderer Qualität als dasjenige, das wir bisher gewohnt waren. Hier tut sich ein Abgrund auf, und wir merken es kaum noch. Wir lernen, flinker zu denken. Wir lernen, vieles fast gleichzeitig erfassen zu können – Multitasking genannt. Aber das Niveau unseres Denkens verändert sich dabei. „Doch gehen unsere neuen Stärken in der visuell-räumlichen Intelligenz Hand in Hand mit einer Schwächung unserer Kapazitäten für jene Art gründlicher Verarbeitung, die bewusster Wissensaneignung, induktiver Analyse, kritischem Denken, Fantasie und Überlegung zugrunde liegt.“[20] Carr schlussfolgert: „Was durch das Netz verringert wird, ist das von Johnson angesprochene Primärwissen: die Fähigkeit, sich selbst gründliche Kenntnisse zu einem bestimmten Thema anzueignen und in unserem eigenen Geist jene reichen und spezifischen Verbindungen herzustellen, die das Grundgerüst der Intelligenz jedes Einzelnen bilden.“[21]

Ein ganzes Kapitel bei Carr beschäftigt sich mit Google. Auch der Versuch, alle Bücher der Welt zu digitalisieren wird kommentiert. Aber die Bedenken bleiben: „Heute stehe uns zwar mehr Wissen zur Verfügung als je zuvor, aber wir haben weniger Zeit, es zu nutzen – insbesondere, wenn wir im Zuge dieser Nutzung noch ein wenig nachdenken wollen.“[22] Spannend zu lesen ist das Kapitel, das sich mit dem Gedächtnis beschäftigt. Es gibt Autoren, die das Gedächtnis als >Außenbordgehirn< bezeichnen. „Statt Wissen auswendig zu lernen, speichern wir es heute digital und merken uns nur, was  wir gespeichert haben.“[23] Die verschiedenen Autoren, die Carr zu Wort kommen lässt, beschreiben das Gedächtnis als etwas ganz Ungewöhnliches. Neben der Unterscheidung von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, breitet Carr eine Fülle von Informationen aus, die einen sehr deutlichen Unterschied zum >Cumputergedächtnis<  erhellen. „Das Internet stellt zwar eine bequeme und faszinierende Ergänzung unseres persönlichen Gedächtnisses dar, aber wenn wir anfangen, es als Gedächtnisersatz zu benutzen und den inneren Prozess der Konsolidierung überspringen, riskieren wir, dass der Reichtum unseres Geistes dabei verloren geht.“[24]

Kritisch anzumerken sind einige Formulierungen, die ich als sehr übertrieben einstufe, aber das mindert keineswegs den Wert dieses Buches. Hier werden Fragen gestellt, denen wir nicht ausweichen dürfen.  Es ist deshalb auch nicht nur ein Buch für Pädagogen oder Eltern, sondern für alle, die sich diesem Medium aussetzen. Ganz zum Schluss streift Carr ein Thema, das Adventisten ganz besonders ansprechen dürfte. „Eine Reihe psychologischer Studien in den vergangenen 20 Jahren hat gezeigt, dass Menschen, die eine gewisse Zeit in einer naturnahen, ruhigen, ländlichen Umgebung verbracht haben, eine höhere Aufmerksamkeit, ein besseres Gedächtnis und eine allgemein verbesserte Kognition aufweisen. Ihr Gehirn ist ruhiger und ihre Sinne schärfer.“[25] Hier werden wir unmittelbar an bestimmte Aussagen von E. G. White erinnert, die an mehreren Stellen schrieb, dass es wohl unserem Wohlbefinden zuträglicher sei, nicht in den Städten, sondern auf dem Lande zu wohnen. Heute wissen wir vielleicht, warum sie das schrieb. Die Ergebnisse dieser Studien zeigen auch, dass es nicht nur um ein besseres, tieferes Nachdenken geht, sondern auch um unser Einfühlungsvermögen und die Ausbildung von Leidenschaften; denn auch sie erfordern einen ruhigen, wachen Geist. Natürlich ist es heute nicht möglich, dass wir alle auf dem Lande wohnen. Die Stadt hält viele Vorteile bereit, aber sie ist auch kräftezehrend und verwirrend. Ein Ausweg wird uns durch das Ergebnis einer umfangreichen Studie eröffnet: „Insgesamt lässt sich sagen, dass bereits einfache und kurze Berührungen mit der Natur zu einem messbaren Anstieg kognitiver Kontrolle führen können.“[26] Buchen wir also den nächsten Urlaub um: Kein Kreuzfahrtschiff mit Discotrubel, sondern Bergwandern oder Spaziergang am Meer!

Die Sprache des Buches ist (fast) immer leicht verständlich. Die Gliederung ist übersichtlich, Zitate werden durch eine Fülle von Anmerkungen vertieft (33 Seiten!).

Im Februar 2011


[1] Klappentext

[2] Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin… S. 23

[3] ebd. S. 28

[4] ebd. S. 53

[5] ebd. S. 56

[6] ebd. S. 65

[7] ebd. S. 128

[8] ebd. S. 135

[9] ebd. S. 143

[10] ebd. S. 145

[11] ebd. S. 167

[12] ebd. S. 167

[13] ebd. S. 173

[14] ebd. S. 184

[15] ebd. S. 191

[16] ebd. S. 201

[17] ebd. S. 208

[18] ebd. S. 209

[19] ebd. S. 219

[20] ebd. S. 223

[21] ebd. S. 226

[22] ebd. S. 268

[23] ebd. S. 282

[24] ebd. S. 301

[25] ebd. S. 339

[26] ebd. S. 340

Nicholas Carr, Wer bich ich, wenn ich online bin... und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert

Karl Blessing Verlag München, 2010, 383 Seiten,

ISBN: 978-3-89667-428-9