Wohin steuern wir?

Jan Paulsen

 

Originalausgabe 2011, Pacific Press,   Deutsche Übersetzung 2012, Saatkorn Verlag

 

Die kirchliche Legende, in der Jesus von Petrus gefragt wird: Quo vadis, Domine? umschreibt die Ausgangsfrage dieses Buches: Wohin steuert unsere Kirche? Paulsen hat im Laufe seines Lebens viele leitende Positionen in unserer Kirche bekleidet, zuletzt war er 11 Jahre Präsident der Weltkirchenleitung. Er kennt also unsere Kirche wie kaum ein anderer. Und er macht sich offensichtlich Sorgen, aber für jedes Problem, das er anspricht, formuliert er überzeugende Ratschläge. Es ist also ein Buch, das zwar einerseits die Schwierigkeiten einer schnell wachsenden Kirche aufzeigt, aber andererseits eine hoffnungsvolle Grundstimmung vermittelt.

 

Schon im Vorwort wird deutlich, dass Paulsen sich nicht scheut, Probleme beim Namen zu nennen. „Ein kirchliches Amt kann nicht vererbt werden; so etwas gibt es nicht.“[1] Der Leser  denkt hier natürlich unwillkürlich daran, dass wir innerhalb kurzer Zeit Vater und Sohn als Präsidenten der Weltkirchenleitung haben!

 

Auf 16 Seiten (Kapitel 1) lässt er uns teilnehmen an seiner Biographie. Man erfährt, wie Gott einen Menschen auf zukünftige Aufgaben vorbereitet. In Kapitel 2 beschreibt Paulsen die Merkmale geistlicher Leiter. Hier wird deutlich, dass er wohl das ganze Buch als Leitfaden für leitende Gemeindeglieder (von der Generalkonferenz bis in die Ortsgemeinde – Gemeindeleiter, Diakonieleiter etc.) gedacht hat.

Eine dynamisch wachsende Kirche produziert Texte, Erklärungen, Beschlüsse in ständig steigender Anzahl. Aber Paulsen warnt: „Wir sollten daran denken, dass Gott letzten Endes Menschen rettet, nicht Erklärungen.“[2] Damit meint er wohl , dass wir den vielen Verlautbarungen unserer Kirche mit der gebotenen Portion Skepsis gegenübertreten sollten. Der gesunde Menschenverstand kann hier den notwendigen Ausgleich schaffen. „Der Geist Gottes und der Verstand des Menschen existieren nicht in zwei verschiedenen Welten. Sie gehören zusammen, und ein Leiter schuldet es sowohl Gott als auch seinem Volk, alles zu tun, sie zusammenzuhalten.“[3] Für manche Leiter ist es offensichtlich ein Problem, Veränderungen zuzulassen. Sie fühlen sich mehr als Bewahrer, weniger als Veränderer. Hier findet Paulsen deutliche Worte: „Die Zukunft liegt vor uns; wir können also nur vorwärts gehen. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass man nicht der Zukunft entgegen gehen kann, indem man ihr den Rücken zuwendet und an dem festhält, was früher war. Wenn wir uns als Leiter neuen Gedanken verschließen, hindern wir unsere Kirche daran, ihre Aufgabe zu erfüllen. Wir halten an dem fest. ‚was immer so gewesen ist’, und erkennen nicht, was es bedeutet, Gottes Volk heute zu leiten.“[4] Würden unsere Leiter diese Grundsätze beachten, wäre der „stille Exodus“ vor allem unserer jungen Leute wesentlich geringer!

 

Im 3. Kapitel legt Paulsen den Finger in eine offene Wunde. Das Kapitel ist überschrieben: „Lasst sie nicht außen vor!“ Was ist gemeint?  Natürlich können bei wichtigen Entscheidungen nicht immer alle Gruppen oder Interessen personell vertreten sein, aber die Realität unserer Kirche offenbart doch ein erhebliches Defizit. „Dennoch lässt sich das Fehlen von Vertretern bestimmter Gruppen schlicht und einfach nicht rechtfertigen. Damit meine ich vor allem die Frauen und die jungen Leute.“[5] Seine Warnungen sind berechtigt, aber ich sehe kaum Fortschritte in der aktuellen Debatte. Die Frage der Frauenordination hat uns in eine organisatorische Krise geführt. Es wird schwer werden, hier ohne Blessuren einen Kompromiss zu finden. Paulsen rät davon ab, dieses Problem wieder in eine Generalkonferenz-Vollversammlung zu bringen. Hier würde – beim gegenwärtigen Stimmenverhältnis – kein anderes Ergebnis als 1995 in Utrecht zustande kommen. Die Entscheidung sollte dem Exekutivausschuss übertragen werden. Das sind rund 300 Personen, die er für repräsentativ und kompetent hält. Und sein konkreter Rat: Man solle noch einmal über den Antrag der Nordamerikanischen Division sprechen, der es den einzelnen Divisionen überlassen hätte, das Problem der Frauenordination ihrer jeweiligen Kultur entsprechend zu lösen. 1995 wurde dieser Antrag abgelehnt, aber vielleicht sind in den 25 Jahren nach Utrecht doch Entwicklungen zu beobachten, die Hoffnung machen.

 

Sehr intensiv hat sich Paulsen mit den Fragen der Jugendlichen befasst. In allen 13 Divisionen hat er Gesprächsrunden mit ihnen veranstaltet. Die live ausgestrahlten Sendungen hießen >Let’s Talk< (Lasst uns reden!) „Kleidung, Schmuck, Freizeitgestaltung, Musik und Beziehungen – das waren die Themen, die immer vorkamen.“[6] Paulsen ruft alle Erwachsenen und Leiter auf, hier mehr Geduld zu entwickeln. Auch ohne langjährige Erfahrungen können Menschen erfolgreich arbeiten. „Manchmal messen wir der Erfahrung eine zu große Bedeutung bei. Sie ist wichtig, aber die Art der Persönlichkeit ist wichtiger.“[7] Auch Paulsen beklagt die große Anzahl der Jugendlichen, die Jahr für Jahr unsere Gemeinden verlassen. „Wir verlieren zu viele unserer jungen Leute. Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen; es würde mich nicht überraschen, wenn die Hälfte von denen, die als Adventistenkinder aufwachsen, aus dem einen oder anderen Grund von der Gemeinde abkommt.“[8] Eine Möglichkeit, diesen Trend zu stoppen, liegt nicht nur darin, die konkreten Fragen der Jugendlichen ernst zu nehmen, sondern auch darin, ihnen Aufgaben zu übertragen. Die Jugendlichen werden Fehler machen, wenn wir ihnen Aufgaben und damit auch Verantwortung übertragen. Aber: „Meine Botschaft an die Gemeinden lautet: Vertraut den jungen Leuten! Redet mit ihnen und hört ihnen zu! Gebt ihnen Gelegenheit mitzuarbeiten, übertragt ihnen Verantwortung und zeigt ihnen auf diese Weise, dass ihr ihnen vertraut.“[9]

 

Das nächste Kapitel handelt von „Migranten und Flüchtlingen“. Ausgehend von einer kühnen Behauptung („Die Begründer unserer Kirche fühlten sich verpflichtet, Vorkämpfer der Gesellschaft zu sein ...“[10]), sieht Paulsen heute große Schwierigkeiten in unserer Kirche in Bezug auf die vielen Flüchtlinge in unseren Gemeinden. Dabei findet er auch kritische Worte für das Versagen unserer Kirchenleitung z. B. in Südafrika – kein aktiver Widerstand gegen die Apartheitspolitik  - und kein deutliches Wort zu den Bürgerrechtsunruhen in den USA in den 1950er und 1960er Jahren. Hier haben wir versagt. Noch deutlicher wird Paulsen, als er die Gräueltaten in Rwanda erwähnt. „Während der Schrecken des Völkermordens in Rwanda 1994 hat unsere Kirche – wie viele andere Kirchen – versagt. Wir haben versagt, weil wir Teil einer Gemeinschaft waren, die sich für durch und durch christlich hielt, aber nicht versucht hat, die Menschen von ihrem hasserfüllten Denken abzubringen, bevor das Massaker begann.“[11] Es erfordert sicherlich Mut, so deutlich das eigene Versagen einzugestehen. Paulsen sieht die Zukunft realistisch: „Das ethnische Profil der westlich geprägten Nationen wird nie wieder dasselbe sein wie vor 50 oder 60 Jahren. Die Migranten bleiben für immer bei uns, und ihre Zahl wird noch zunehmen.“[12]

 

Im 5. Kapitel untersucht Paulsen unser Verhältnis zur ‚Welt’. Wie weit sollten / müssen wir uns mit „den Anderen“ einlassen? Die ‚Ansteckungsgefahr’ ist zwar vorhanden, aber darf kein Grund zur Weltflucht sein. „Wir sollten die Gemeindeglieder lehren, dass uns der Glaube und die Gegenwart des Heiligen Geistes stark machen. Die Gefahr der Verunreinigung ist gering, wenn wir wissen, wer wir sind und wer mit uns geht.“[13] Mit dieser Botschaft verknüpft Paulsen wichtige Aspekte der Mission. Die öffentliche Evangelisation sei zwar wichtig („es muss kein Megaevent sein“), aber mindestens ebenso wichtig ist der aktive Einsatz in der örtlichen Kommune. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Öffentlichkeit akzeptiert uns als Teil der Gesellschaft und sieht, dass wir uns an der Gestaltung des Lebens in der Kommune aktiv beteiligen wollen, oder sie hält uns für eine irrelevante Sekte, die sich von allen Anderen abgrenzt.“[14] Diese Sektenmentalität ist hier bei uns in Deutschland leider immer noch vorherrschend. Zum aktiven Gestalten gehört auch das offene Eintreten gegen Gewalt und Unrecht. Paulsen nennt als Beispiele den Krieg in Nigeria in den 1960er Jahren, den Krieg auf dem Balkan in den 1990er Jahren „oder an Tausenden anderen Orten, die man aufzählen könnte“ und fordert dann:“...wir dürfen nicht einfach nur zuschauen.“[15]

 

Das 6. Kapitel thematisiert „Unsere Kirche und anderen Kirchen“. Auffällig ist, dass Paulsen in diesem Kapitel nur einmal den Ausdruck der „Übrigen“ benutzt. Ich entnehme diesem Sachverhalt den Hinweis, dass unser Verhältnis zu anderen Kirchen nur indirekt etwas mit der Selbsttitulierung der „Übrigen“ zu tun hat. Also worum geht es? „Die Frage lautet: Nehmen wir eine aufgeschlossene Haltung ein und setzen uns offen mit anderen christlichen Kirchen und anderen Weltreligionen auseinander und erklären furchtlos, wer wir sind, was wir glauben und welche Aufgabe wir haben, oder schotten wir uns ab, ziehen uns ängstlich in uns selbst zurück und bezeichnen jede Kommunikation mit Andersgläubigen als ‚gefährlichen Kompromiss’?“[16] Paulsen spricht in diesem Zusammenhang sogar manchmal von „Bunkermentalität“. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, grenzt sich Paulsen nachdrücklich gegen jede Form von „Ökumene“ ab. Das stehe nicht zur Debatte. Aber auf der anderen Seite verteidigt er die vielerlei Gespräche mit anderen Kirchen, selbst mit nichtchristlichen Weltreligionen sollten solche Gespräche geführt werden. Als Kronzeugin beruft sich Paulsen an mehreren Stellen auf Aussagen von EGW. „Befürworter einer Bunkermentalität erweisen Ellen White einen äußerst schlechten Dienst, indem sie ihr Schrifttum selektiv verwenden, um ihre abweisende, defensive Haltung gegenüber anderen Kirchen und Religionen zu rechtfertigen.“[17] Paulsen legt sich eindeutig fest (auch wenn das vielleicht zur Zeit durch bestimmte Äußerungen einiger adventistischer Kirchenführer relativiert wird): „Ich bin in Sorge, wenn ich manche meiner Brüder und Schwestern so reden höre, als gäbe es nur in unserer Kirche echte Christen. Ein solcher Gedanke hat nie zu unseren Glaubensüberzeugungen gehört; und Ellen White selbst hat immer zwischen anderen Denominationen und deren individuellen Gliedern unterschieden.“[18] Man würde Paulsen allerdings missverstehen, würde man in ihm den Vertreter einer uneingeschränkten Konsensmentalität sehen. Er unterscheidet scharf zwischen zwei Extremen: „Wenn adventistische Leiter – ganz gleich auf welcher Ebene sie arbeiten – im Umgang mit anderen Kirchen oder Religionen die Bunkermentalität zu ihrem Leitbild machen, dann schließen sie – aus meiner Sicht – Türen, die Gott für uns geöffnet hat.“[19] Und das andere Extrem sieht Paulsen in einer Haltung, die es vermeidet, klar zu sagen, dass es eine Wahrheit gibt. „Für Adventisten ist es nicht verhandelbar, dass es eine definierbare Wahrheit gibt, und dass wir als Kirche eine besondere Aufgabe von Gott bekommen haben. Ich befürchte, dass wir einer Zukunft entgegen gehen, in der wir lernen müssen, die Wahrheit klar und unmissverständlich in einer Welt zu verkündigen, die auf religiöse Extreme und Intoleranz zunehmend empfindlich reagiert.“[20]

 

Sehr aufschlussreich beginnt das 7. Kapitel: „Historische Berichte belegen, dass die ersten Leiter unserer Kirche im Großen und Ganzen zänkische und streitlustige Leute waren – rechthaberisch, lautstark und nicht geneigt, ihren Standpunkt kampflos aufzugeben.“[21] In diesem Kapitel geht es um „Den Leiter und seine Kollegen“. An einigen Stellen lese ich zwischen den Zeilen etwas vom großen Frust eines Generalkonferenz-Präsidenten: „Männer und Frauen, die auf Grund der mangelnden Geschmeidigkeit ihres Denkens oder ihrer Persönlichkeit nicht in der Lage sind, mit Veränderungen konstruktiv umzugehen, dürfen in einer Kirche, die weltweit tätig ist, keine Leiter sein. Sie leben in einer irrealen Welt und leisten irrationalen Widerstand gegen alles, was anders ist als das, ‚was wir immer so gemacht haben’. Wer so denkt, der zieht es vor, mit der ganzen Kirche eine Kehrtwendung zu machen und mit ihr rückwärts in die Zukunft zu gehen ...“[22] „Ich musste aber auch mit Männern und Frauen zusammenarbeiten, deren Liebe und Loyalität zwar außer Frage standen, deren Verstand aber in einem permanenten Ruhezustand zu verharren schien. ... Und dann sind da noch die Mitarbeiter, denen alle neuen Ideen und Vorschläge verdächtig sind. Solche Leiter sehen Problem, wo gar keine sind, und werden dadurch selbst zum Problem.“[23]

 

Das 8. Kapitel enthält Erfahrungen und Ratschläge zum Thema „Leiter zu wählen ist nicht einfach“. Paulsen erörtert die Wahlen auf Gemeindeebene, Vereinigungs- und Verbandsebene und die Wahl des Generalkonferenz-Präsidenten. Gerade bei letzterem kommt Paulsen zum Schluss: „Wir müssen uns also überlegen, ob unser Wahlverfahren vielleicht verbesserungswürdig ist.“[24] Dabei sind es vor allem zwei Stichpunkte, die ihm zu schaffen machen: „Ich wünschte, ich könnte mit voller Überzeugung behaupten, dass bei Wahlen innerhalb unserer Kirche taktische Manöver keine Rolle spielen – aber sie tun es.“[25] Und das zweite Problem sieht Paulsen in der Frage einer ausgewogenen Repräsentation. „Das außergewöhnliche Wachstum unserer Kirche in den letzten Jahrzehnten hat die Frage der Repräsentation bei der Wahl unserer Leiter noch komplexer und dringender gemacht. Wie können wir sicherstellen, dass der Ernennungsausschuss wirklich repräsentativ zusammengesetzt ist und seine Vorschläge die große Vielfalt in unserer weltweiten Gemeinschaft widerspiegeln? Ob und wieweit unser Wahlsystem diesem Anspruch gerecht wird, können wir zum Beispiel an der Zusammensetzung der Mitarbeiter der Generalkonferenz ablesen. Dabei zeigt sich: Wir haben zwar Fortschritte gemacht, haben aber noch einen weiten Weg vor uns.“[26] Für konkrete Vorschläge zum Wahlsystem sei in diesem Buch weder der richtige Platz noch die richtige Zeit. Aber er bleibt dabei: „Der Hinweis möge genügen, dass unser Wahlsystem irgendwann geändert werden muss.“[27]

 

Wenn Verantwortungsträger unserer Kirche von Einheit reden oder schreiben, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Bisher konnte ich allen Ausführungen des Autors zustimmen, aber einiges, was im 9. Kapitel steht, erzeugt meinen deutlichen Widerstand. Dabei geht es nicht um irgendeine Form innerer Einheit, sondern um die Struktur unserer Kirche. Schon in der Einleitung schreibt Paulsen: „Es gibt keinen europäischen, afrikanischen, asiatischen, nord- oder lateinamerikanischen Adventismus; er ist weltweit. Es gibt bei uns keine nationalen Kirchen mit eigenen Werten oder eigener Identität. Wir sind Adventisten – ohne geographische Zusatzbezeichnung.“[28] Und im 9.Kapitel schreibt er: „Die weltweite Infrastruktur unserer Kirche beruht auf unserer Organisationsform, die unter den evangelischen und reformierten Kirchen einmalig ist. Wir sind kein loser Bund nationaler Kirchen, die sich selbst verwalten und unabhängig voneinander sprechen und handeln.“[29] Beim Lesen dieser Zeilen kam es mir so vor, als ob es die direkte Antwort auf ein Referat ist, das ich Jan Paulsen vor einigen Jahren anlässlich einer persönlichen Begegnung als Flugzeuglektüre mitgegeben hatte.[30] In diesem Referat habe ich u. a. die Gefahren dargestellt, die sich aus einer zentralistischen Kirchenverfassung ergeben. Diese Tendenz ist spätestens seit der GC-Vollversammlung 1995 in Utrecht sichtbar geworden. Diese Entwicklung hält bis heute an, sie hat sich sogar noch massiv verstärkt. So entwickelt sich das BRI immer deutlicher in Richtung der röm.-kath. Glaubenskongregation. Alle christlichen Gruppen, die im Laufe des Altertums und des Mittelalters entstanden sind, haben keine Überlebenschance gehabt – lediglich die kath. Kirche hat überlebt. Ein Garant fürs Überleben war ein starkes Zentrum, der Papst. Die Protestanten haben einen anderen Weg gewählt und die christlichen Kirchen, die aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts entstanden sind, stehen vor der gleichen Frage wie wir: Wie lässt sich das föderalistische Prinzip auf schnell wachsende Kirchen anwenden?

 

Meine Empfehlung als Kirchenhistoriker geht dahin, dass wir die Kompetenzen der Generalkonferenz neu definieren müssen. Unter ihr sollte es eine „Adventistische Kirche in Europa“, eine „Adventistische Kirche in Nordamerika“, eine „Adventistische Kirche in Afrika“ etc. geben. So lange wir nur „Föderalismus“ sagen, aber alles läuft auf eine zentralistische Form der Verwaltung hinaus, ist die Papstkirche nicht mehr weit. Niemand will das wahrscheinlich, aber unsere Verfassung war für ein paar Tausend Mitglieder gedacht, nicht aber für 20 oder 30 Millionen. Ich muss hier abbrechen, aber unsere Weltkirchenleitung hat nicht mehr viel Zeit, die Weichen zu stellen. Tut sie nichts, dann wird sich der Zentralismus mit all seinen negativen Folgen durchsetzen. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass man in der Weltkirchenleitung darüber nachgedacht hat, die Vereinigungen ganz abzuschaffen! „Der Ausschuss (gemeint ist der Exekutivausschuss, d. Verfasser) diskutierte auch Fragen der Struktur und entschied sich für mehr Flexibilität durch die Bildung von „Unionen von Gemeinden“ - wie in Österreich – weil dadurch eine Verwaltungsebene – die der Vereinigungen – wegfallen würde.“[31] Natürlich sind in diesem Zusammenhang noch viele Einzelfragen zu klären, aber eine Weichenstellung wird immer dringender. Wenn wir wirklich das föderalistische Prinzip aufrecht erhalten wollen – wir haben dafür den Begriff „repräsentative Verwaltung“ gewählt – dann muss die Spitze neu definiert werden; andernfalls droht die ‚zentralistische’ Variante. Für viele unserer Kirchenleiter ist der Begriff „Kongregationalismus“ ein Unwort, aber alle Befürchtungen sind dann unbegründet, wenn wir die negativen Begleiterscheinungen einer solchen Verfassung vermeiden. Eine kleine Randbemerkung: Hätten wir jetzt schon die oben kurz skizzierte Verfassung, wäre die Frage der Frauenordination kein Problem. Jede kontinentale Kirche (früher Division) könnte allein entscheiden, je nach kulturellem, gesellschaftlichem Umfeld!

 

Als Bausteine der inneren Einheit listet Paulsen vier Eigenschaften auf, die ein Leiter haben sollte: Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe. Den Begriff agape übersetzt Paulsen mit selbstlosem Wohlwollen. Damit tangiert er meine Übersetzung des Begriffes agape: vorurteilsloses Wohlwollen. Alle Ausführungen zur inneren Einheit bilden dann auch den Rahmen für die Aussagen zu diversen Spaltungen innerhalb unserer Kirche. Allerdings macht Paulsen einen klaren Unterschied zwischen Einheit und Einheitlichkeit. Letzteres wäre eine Zwangsjacke, die die angestrebte Einheit erschwert oder sogar unmöglich macht. „Unsere Essgewohnheiten, die Art zu kleiden, zu leben und zu trauern – alles spiegelt die Kultur wider, die uns geprägt hat.“[32] Das müsse sich auch in den Formulierungen unserer offiziellen Dokumente (Working Policy, Gemeindehandbuch) widerspiegeln. „Wenn wir darauf bestehen, dass unsere geistliche Identität nur in einem ganz bestimmten kulturellen Rahmen zum Ausdruck kommen kann, leben wir in einer Traumwelt.“[33]  Eine klare Absage an historisch bedingte Tendenzen, die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten als nordamerikanische Denomination zu sehen. Ich denke, vor diesem Hintergrund ist es durchaus berechtigt, zum Beispiel von einem ‚deutschen Adventismus’ zu sprechen. Hier haben sich die lutherischen Hauptforderungen am deutlichsten manifestiert – ehe sie sich teilweise in der Weltkirche durchgesetzt haben.

 

Sehr beeindruckt haben mich die Ausführungen im 10. Kapitel: „Ein Ort, wo wir uns zu Hause fühlen können“. Ich treffe in jüngster Vergangenheit immer mehr Menschen in unseren Gemeinden, die ihre Ortsgemeinde nicht mehr als ihre geistliche Heimat empfinden. Das hat nicht nur etwas mit der Atmosphäre zu tun – wobei Paulsen schreibt: „Entspricht unsere Glaubensgemeinschaft insgesamt dem, was Ellen White einen ‚Schauplatz der Gnade’ genannt hat? Oder erlebt man in ihr eher eine Art Seifenoper über die menschliche Natur?“[34] Noch wichtiger scheint mir der Hinweis zu sein, der den ‚Zivilfahndern’ in unseren Gemeinden das Handwerk legt. Immer wieder begegne ich Männern und Frauen, die es darauf angelegt haben, die Sünden anderer aufzuspüren und dann ein Ausschlussverfahren anstreben. Natürlich soll die Gemeinde reifen, innerlich wachsen – „Aber das ist kein Grund, eine Reinigung der Kirche vor der Wiederkunft zu propagieren oder sie sogar zu praktizieren, weil wir der Meinung sind, dass wir alles aus der Gemeinde entfernen müssten, was nach Unkraut aussieht.“[35] Natürlich kennt auch Paulsen Leute in unseren Gemeinden, die eigentlich nicht hineingehören. Dafür gibt es klare, konkrete Gründe. Wovor er aber warnt, ist die ungeistliche Haltung der ‚Richter’. Paulsen ist hier sehr deutlich, sogar etwas scharf:„... nämlich über eine geistliche Überheblichkeit und eine arrogante Haltung, die andere Gemeindeglieder verurteilt oder ausgrenzt. Das kann die Gemeinschaft zerstören, ihre Mission scheitern lassen und den Leib Christi zu einem Krüppel machen.“[36] „Für Ungläubige soll unsere Gemeinde ein Ort sein, an dem sie Heilung und Erneuerung, liebevolle zwischenmenschliche Beziehungen und geistliche Hilfe finden.  Und die Gläubigen sollen sich in unseren Gemeinden frei, sicher und zuhause fühlen. Die Gemeinde soll eine Zufluchtsstätte sein – kein Schlachtfeld.“[37]

 

„In Spannungen leben“ – so ist das 11. Kapitel überschrieben. Hier setzt sich Paulsen mit den Begriffen „Erweckung“ und „Reformation“ auseinander. Da diese beiden Begriffe zur Zeit in unserer Kirche weltweit als Aufgaben propagiert werden, ist es wichtig, die Begriffe zu erklären. Paulsen macht kein Hehl daraus, dass Erweckung für ihn kein einmaliges Ziel ist, sondern ein stetiger Prozess. Und beim Begriff Reformation entfernt er sich noch weiter vom heute gängigen Sprachgebrauch einiger Leiter unserer Kirche. Paulsen hält offensichtlich nicht viel von der Forderung nach Reformation; denn alle bisherigen Reformbewegungen innerhalb unserer Kirche haben fast nur Negatives befördert. Wir müssen, so seine Schlussfolgerung, mit der Spannung leben, dass unsere Kirche unvollkommen bleiben wird bis zur Wiederkunft Christi.

 

Das letzte Kapitel seines Buches ist überschrieben „Die Pilgerreise der Christen“. Hier spricht nicht der ehemalige Präsident der Generalkonferenz, sondern der Seelsorger Jan Paulsen. Es gilt – bei allen Schwierigkeiten auf unserer Reise – das Ziel nicht aus en Augen zu verlieren. Das Terrain, das wir durchwandern, wird zwar immer unsicherer, aber Paulsen fordert zur Nüchternheit auf. Die Häufung der Katastrophenmeldungen darf uns nicht dazu führen, zu meinen, „jetzt ist es gleich so weit“. „Diese ‚Zeichen der Zeit’ werden zu einer gefährlichen Ablenkung, wenn wir auf ihrer Grundlage die Zeit und die Weise abzuleiten versuchen, wann und wie unsere Reise enden wird.“[38]  Auf dieser Pilgerreise wird unser Glaube geprüft. „Echter Glaube zeigt sich im Gehorsam. Wahre Erweckung und Reformation stellt sich ein, wenn wir uns einfach auf den Weg in die Zukunft machen, Gott gehorchen und uns ganz auf die Mission konzentrieren.“[39]

 

 Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Leiter, obwohl sie im Mittelpunkt der Überlegungen stehen. Wir alle sind verantwortlich für die Atmosphäre in unseren Gemeinden, ob sie für uns ein „Zuhause bildet oder ein Schlachtfeld“. Wenn ich auch an einer Stelle massive Kritik an diesem Buch geübt habe – es ging um die zukünftige Verfassung unserer Weltkirche – ist jede Seite inspirierend und sollte in vielen Gemeinden die Grundlage für intensive Gemeindestunden, noch besser für Gemeindeseminare bilden.



[1] J. Paulsen, Wohin steuern wir?, S. 7

 

[2] J. Paulsen, a. a. O. S. 38

 

[3] J. Paulsen, a. a. O. S. 39

 

[4] J. Paulsen, a. a. O. S. 40

 

[5] J. Paulsen, a. a. O. S. 45

 

[6] J. Paulsen, a. a. O. S. 53

 

[7] J. Paulsen, a. a. O. S. 53

 

[8] J. Paulsen, a. a. O. S. 55 – Für Deutschland dürfte die Zahl bei etwa 70 % liegen.

 

[9] J. Paulsen, a. a. O. S. 55f

 

[10] J. Paulsen, a. a. O. S. 57

 

[11] J. Paulsen, a. a. O. S. 72

 

[12] J. Paulsen, a. a. O. S. 63

 

[13] J. Paulsen, a. a. O. S. 66

 

[14] J. Paulsen, a. a. O. S. 68

 

[15] J. Paulsen, a. a. O. S. 72

 

[16] J. Paulsen, a. a. O. S. 77

 

[17] J. Paulsen, a. a. O. S. 79

 

[18] J. Paulsen, a. a. O. S. 80

 

[19] J. Paulsen, a. a. O. S. 85

 

[20] J. Paulsen, a. a. O. S. 86

 

[21] J. Paulsen, a. a. O. S. 89

 

[22] J. Paulsen, a. a. O. S. 93

 

[23] J. Paulsen, a. a. O. S. 95

 

[24] J. Paulsen, a. a. O. S. 107

 

[25] J. Paulsen, a. a. O. S. 107

 

[26] J. Paulsen, a. a. O. S. 108f

 

[27] J. Paulsen, a. a. O. S. 110

 

[28] J. Paulsen, a. a. O. S. 11

 

[29] J. Paulsen, a. a. O. S. 112

 

[30] Die Adventgemeinde im kirchengeschichtlichen Kontext

 

[31] J. Paulsen, a. a. O. S. 12f

 

[32] J. Paulsen, a. a. O. S. 120

 

[33] J. Paulsen, a. a. O. S. 121

 

[34] J. Paulsen, a. a. O. S. 124f

 

[35] J. Paulsen, a. a. O. S. 126

 

[36] J. Paulsen, a. a. O. S. 127

 

[37] J. Paulsen, a. a. O. . 130

 

[38] J. Paulsen, a. a. O. S. 147

 

[39] J. Paulsen, a. a. O. S. 147