Deutschland – ein neues Missionsfeld?

Ein Bericht

Im ersten Amtsjahr spricht der neu gewählte Präsident der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland auf fünf Großveranstaltungen..

 

In einigen Ländern, vor allem in den USA, sieht man die deutschen Adventisten immer noch unter dem Conradi-Syndrom. L. R. Conradi, dieser hochbegabte Evangelist, Autor und Organisator hatte es erreicht, dass die Mitgliederzahl in Europa zeitweise schneller wuchs als in den Vereinigten Staaten. Aber nicht das verursachte den Bruch mit der Weltkirchenleitung, sondern sein eigenständiger Weg in Theologie und Organisation. Hinzu kam sein sehr kritisches Verhältnis zu E. G. White. An diesem Erbe haben wir in Deutschland bis heute zu tragen. Damit verbunden sind Vorbehalte, die zwar meist nicht offen ausgesprochen werden, aber wir spüren sie doch hin und wieder sehr deutlich. Aktuell aber haben sich wohl in den USA Berichte oder Gerüchte verbreitet, die zusätzlich ein sehr düsteres Bild von den deutschen Adventgemeinden zeichnen. Verstärkt wird dieser Eindruck zum Beispiel durch Publikationen wie die des BRI zum Buch von Rolf Pöhler[1]. Dieser Verriss hat viele in Deutschland empört, zumal es sich bei dem Buch von Pöhler um ein offizielles Dokument unserer Freikirche in Deutschland handelt. Wenn Ekkehardt Müller in seiner Buchbesprechung von „tief polarisierten“ [2] Gemeinden im deutsch-sprachigen Raum spricht, dann sind solche pauschalen Urteile alles andere als hilfreich.

 

Um die augenblickliche Situation in den deutschen Adventgemeinden aber etwas besser verstehen zu können, sind ein paar kirchengeschichtliche Hinweise notwendig. Seit der Reformation durch Martin Luther ist die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft in Deutschland immer auch so etwas wie ein Kampfruf.  Die beiden Großkirchen – die röm.-kath. Kirche und die evangelische Kirche – standen sich zunächst feindlich gegenüber. Es floss Blut auf beiden Seiten, weil sich die jeweils Herrschenden politisch-militärisch einmischten. Hinzu kommt ein Phänomen, dass es so in den USA nicht gibt: Den Unterschied zwischen Kirche und Sekte. Wir Adventisten waren bis vor kurzem im allgemeinen Bewusstsein der Öffentlichkeit eine Sekte mit allen Vorurteilen, die damit zusammenhängen. Erst seit einigen Jahren hat sich unsere Gemeinschaft als >Freikirche< bezeichnen können.

 

Eine weitere Besonderheit des religiösen Lebens in Deutschland ist die geografische Verteilung bestimmter Bekenntnisformen. So kennen wir zum Beispiel die Konventikel-Frömmigkeit im Rheinland. Das waren kleine Hausgemeinden, die sich meist um einen Einzelnen scharten, mit dem sie die Bibel studierten. So ist der Adventismus in Deutschland entstanden; denn die Lindermann- Bewegung im Rheinland wurde zur Keimzelle der Adventgemeinden in Deutschland. Geografisch ebenfalls im Westen Deutschlands ist der Pietismus angesiedelt. Der Osten und der Norden Deutschlands waren und sind stärker vom Luthertum geprägt. Und hinzukommt im Westen und Süden natürlich eine starke Präsenz der röm.-kath. Kirche.

 

Für die Adventgemeinden in Deutschland bedeutet das – und hier spreche ich als Kirchenhistoriker: Wir kennen den lutherischen Adventismus, die Konventikel-Frömmigkeit, den pietistischen Adventismus und den krypto-katholischen Adventismus. Zusätzlich hat sich aber in den letzten Jahren folgendes ergeben: Die  sachlichen Bezeichnungen „lutherischer Adventismus“ und „pietistischer Adventismus“ sind verknüpft worden mit wertenden Begriffen. Manchmal werden die Bezeichnungen liberal und konservativ benutzt oder man spricht von Fundamentalismus. Man findet Vertreter aller Richtungen in fast jeder Gemeinde, und lange lebten sie auch friedlich nebeneinander. Aber seit einigen Jahren ist hier ein Wandel eingetreten.

 

Um aber zunächst einem Missverständnis vorzubeugen: Es gibt auch in Deutschland sehr viele Gemeinden, die theologisch intakt und sehr missionsfreudig sind und in völliger Harmonie untereinander leben. Diese Gemeinden sind weitaus in der Mehrzahl. Dabei spielte es bisher keine Rolle, ob eine Gemeinde stärker vom lutherischen Adventismus geprägt war – also die Gerechtigkeit aus dem Glauben gelebt wurde – oder ob diese Gemeinde stärker vom Pietismus geprägt war – mit der Neigung zum Perfektionismus und der Betonung der eigenen Werke, versteckt hinter dem Begriff Heiligung. Man wusste um die Unterschiede, aber man respektierte sich. Das hat sich geändert.

 

Heute müssen wir feststellen, dass sich die Adventisten, die stärker zum Pietismus neigen oder solche, die mehr von Calvin als von Luther geprägt sind, sich als die wahren Adventisten verstehen. Sie betonen eine bestimmte, stark konservative Form des Adventismus und kämpfen gegen eine – wie sie meinen – liberalisierte Form adventistischen Glaubens. In den Grundfragen der Theologie herrscht Konsens, aber es gibt bei den typischen adventistica  deutliche Unterschiede. So lange Jan Paulsen Präsident der Weltkirche war, hielten die extrem Konservativen in Deutschland still. Auch die Buchbesprechung von Ekkehardt Müller ist erst 2011 erschienen, obwohl das Buch schon  2008 publiziert wurde. Mit der theologischen Kursänderung, die 2010 in Atlanta begonnen hat, verstärkt sich in Deutschland der theologische Streit.

 

Das ist der Hintergrund für ein Phänomen, das in der Geschichte der Adventbewegung meines Wissens bisher einmalig ist. Der neu gewählte Präsident der Generalkonferenz predigt gleich im ersten Jahr seiner Amtszeit auf fünf Großveranstaltungen hintereinander in einem Land, in Deutschland. Offensichtlich hatte man ihm geschrieben und gesagt, dass hier Gefahr im Verzug sei. Die deutschen Adventisten stünden am Rand der Kirchenspaltung oder sind zumindest auf dem Weg, in großer Zahl den wahren Adventismus zu verleugnen. Und hier sollte nun Ted Wilson eingreifen, so jedenfalls stellt sich mir dieser umfangreiche Besuch im ersten Amtsjahr des neuen Präsidenten dar. Wenn Ted Wilson auf ein oder zwei Veranstaltungen gepredigt hätte, könnte man das als normalen Vorgang einstufen, aber gleich fünf mal gibt Anlass zu konkreten Fragen.

 

So habe ich mich nach seiner Abreise gefragt, welche besondere Botschaft er für die deutschen Adventisten hatte. Bei der Analyse seiner Ansprachen aber stelle ich fest, dass es eigentlich die gleichen Themen sind, die schon in seiner ersten Grundsatzpredigt in Atlanta deutlich wurden.[3]  Der massive Einsatz des Präsidenten, diese Themen den deutschen Adventisten so nachdrücklich einzuprägen, lässt nur einen Schluss zu: Hier bestünde offensichtlich ein Defizit. Zu diesem Trugschluss konnte man allerdings nur kommen, weil man sich wahrscheinlich zu einseitig informiert hatte.

 

Das Ergebnis der Ansprachen des Präsidenten war zu erwarten: Die Reaktion der Zuhörer in Deutschland war geteilt. Es gab viele, die nun endlich die Botschaft hörten, die sie so lange vermisst hatten. Ted Wilsons Predigten waren von tiefem Ernst und hoher Verantwortung geprägt, aber es waren die „alten Worthülsen“. Ich maße mir nicht an, die Reaktionen der Zuhörer zu bewerten, aber es war für mich ernüchternd, wie rückwärts gewandt formuliert wurde. In verschiedenen Gesprächen mit unterschiedlichen Zuhörern gewann ich den Eindruck, dass hier die Sehnsüchte der Fundamentalisten befriedigt wurden.

 

Aber ich muss auch sagen, dass es sehr viele unter seinen Zuhörern gab, die tief enttäuscht nach Hause fuhren. Ich habe kein Zahlenmaterial vorliegen, kann also nicht sagen, wer in der Mehrzahl war. Viele hatten wohl vom neuen Leiter unserer Kirche Impulse für die Bewältigung der aktuellen Weltlage erwartet. Manche warteten auf neue Ansätze bei der Deutung schwieriger Bibeltexte. Theologisch Interessierte – und deren gibt es in Deutschland sehr viele – wissen um die Diskussionen der Theologen mit unterschiedlichen Auffassungen. Würde Ted Wilson vielleicht davon sprechen, dass eine adventistische Theologie für die Südhalbkugel anders zu formulieren sei als für die Nordhalbkugel? Aber es kamen die uralten Beschwörungsformeln. Offensichtlich wird der Begriff Reformation verwechselt mit Restauration; denn was von uns erwartet wird, hat mit echter Reformation wenig zu tun, sondern eher mit Restauration. Eine Reform birgt die Chance für etwas Neues. Die Restauration poliert das Alte wieder auf. Als Beleg können zum Beispiel die vielen Aussagen in seinen Predigten zum Thema E. G. White gelten.

 

Ist es wirklich „geistliche Arroganz“, wenn ich feststelle, dass Ted Wilson die Fragen und Anliegen unserer Gemeindemitglieder kaum aufgegriffen hat, sondern wir mussten feststellen,dass er aus einer ganz anderen Denk- und Glaubenswelt heraus formulierte. Vielleicht täuscht mein Eindruck – aber es fehlte etwas ganz Entscheidendes: Die theologische Bandbreite einer Weltkirche. Hier wurde eindimensional gedacht und formuliert. Wenn ich das so hinschreibe, überfällt mich der Gedanke: Werden wir Deutschen jetzt wieder nur als penetrante Nörgler und Besserwisser wahrgenommen? Dem könnte ich begegnen mit Hinweisen auf die offizielle Berichterstattung in unseren Publikationen[4]. Hier wird nur Lobendes formuliert. Aber ich wollte meinen persönlichen Eindruck wiedergeben. Der wird sich auch dann nicht ändern, sollten wütende oder korrigierende Leserbriefe aus Deutschland beim Chefredakteur dieser Zeitschrift eintreffen.

 

Wie haben die Ansprachen von Ted Wilson auf mich persönlich gewirkt? Ich  will es bei zwei Hinweise belassen. Da ist zunächst seine gefährliche „Endzeit-Theologie“. Immer wieder betonte er die unmittelbare Nähe der Wiederkunft Christi. Ausgehend von dem merkwürdigen, adventistisch überhöhten Gebrauch des Begriffs „Spätregen“ (der konkret in Palästina nie eine große Bedeutung hatte!) ist die intensive Aufforderung verbunden „jetzt um die Ausgießung des Heilgen Geistes“ zu bitten. Dadurch kommt es dann zu einer „Beschleunigung des Abschlusswerkes“ mit der Folge: die Wiederkunft Christi wird Realität. Viele fragten sich bei diesen Passagen, ob denn seine Theologen zum Beispiel ihm nie etwas von der zweifachen Übersetzungsmöglichkeit des griechischen Wortes gesagt haben, das Luther mit „bald“ übersetzt. Die zweite Möglichkeit, dieses Wort mit „plötzlich“, „unerwartet“ zu übersetzen, lässt sich viel besser in unsere Theologie einfügen. Und was geschieht, wenn im nächsten Jahr die Prediger auf den weltweit 12 Predigertagungen auf diese Auslegung hin ausgerichtet werden und wenn dann doch nicht das erwartete und erhoffte große Ereignis eintritt? Gibt das dann nicht eine riesige globale Enttäuschung unter uns Adventisten?

 

Aber ich habe noch eine zweite Beobachtung bei der Analyse der Predigten und Ansprachen machen können. Ted Wilson hat im Verlauf der fünf Großveranstaltungen bei bestimmten Kernthemen seine Formulierungen teilweise verändert. Die Begegnung mit den historischen Lutherstätten hat zweifellos deutliche Auswirkungen gezeigt. Wenn in Mannheim, der ersten Station in Deutschland, noch ganz die Tendenz seiner Grundsatzpredigt von Atlanta zu hören war, waren die Aussagen in Friedensau, der letzten Station hier in Deutschland, schon wesentlich differenzierter. War in Mannheim und noch in Augsburg das drängende „bald“ nicht zu überhören, sprach Ted Wilson in Friedensau an einer Stelle davon, dass die Wiederkunft Christi in fünf oder in fünfzig Jahren sein könne, das sei doch unerheblich[5]. Damit wurde ein völlig neuer Ton hörbar. Überhaupt waren die Aussagen in Friedensau wesentlich differenzierter und ließen erkennen, dass die Diskussionen mit den Friedensauern und vor allem der Besuch der Lutherstätten nicht ohne Wirkung geblieben waren. Die Grundrichtung seiner Ausführungen blieb erkennbar, aber es fehlte das dröhnende Pathos von Atlanta. Sollte ich schlussfolgern: Auch ein Ted Wilson ist lernfähig? Vielleicht sollte er öfter nach Deutschland kommen, mit unseren Theologen in Friedensau diskutieren und nicht nur die Gemeinden mit pietistischem Umfeld kennen lernen, sondern auch die Gemeinden im Kernland der Reformation besuchen.

L. E. Träder

 

 

 

 



[1] Rolf Pöhler, Hoffnung die uns trägt, 2008, Advent Verlag

[2] Ekkehardt Müller in The BRI Newsletter, April 2011, S. 11

[3] Kritische Bewertung dieser Predigt: www.Kaleidoskop-Freikirche.de

[4] Zum Beispiel im offiziellen Organ unserer Freikirche: adventisten heute,Nr. 8/2011

[5] Morgenandacht am 08. 07. in der Aula vor dem Kollegium und den Mitarbeitern der Hochschule