Die neue Parusie-Falle

 

Gläubige, die fest an die Wiederkunft Jesu Christi glauben und für die dieses Ereignis etwas sehr Konkretes ist, geraten immer wieder in gefährliche Zeitkombinationen. Es ist ja auch so deprimierend, dass sich das sehnsuchtsvoll Erwartete immer wieder in Nichts auflöst.

 

Um dem zu entkommen, haben vor allem adventistische Pastoren die „Zeichen der Zeit“ zu Hilfe genommen. Kein Adventist würde zwar heute öffentlich Jahreszahlen nennen, um die Wiederkunft Jesu zu datieren, aber es gibt immer wieder Zeiten, da bietet es sich geradezu an, vom „baldigen“ Kommen Jesu zu reden. War es früher das Erdbeben  von Lissabon, ging es weiter über die große Weltwirtschaftskrise und den ersten, dann den zweiten Weltkrieg. Wer die Bombennächte in einer deutschen Großstadt erlebt hat, war empfänglich für die Botschaft: „Jetzt ist es bald so weit! Jesu kommt.“ Und diese Gedankenkette läuft weiter über den Iraq-Krieg (da war dann sehr schnell von Armageddon die Rede!), oder man verwies auf die Tsunamie-Katastrophe in Thailand oder das Erbeben in Haiti. Wenn Hunderttausende zu Tode kommen,dann steht die Wiederkunft Jesu unmittelbar bevor. So konnte man es in manchen Predigten adventistischer Pastoren hören.

 

Der direkte Bezug zu all diesen Ereignissen hat mit der Wiederkunftserwartung kaum etwas zu tun. Wenn überhaupt, dann kann es die Gläubigen allenfalls in der Gewissheit stärken, dass Jesus wiederkommt, aber es ergeben sich keine Anhaltspunkte zur Frage, wann er kommt. Alle Spekulationen, die so etwas wie einen weltgeschichtlichen Katastrophenfahrplan ergeben, sind unbiblisch. Seriöse Theologen und Pastoren unserer Kirche haben sich immer wieder entsprechend geäußert. Aber diese Parusie-Falle ist fast allen bekannt und deshalb auch nicht so gefährlich. Gern lässt sich der eine oder andere hin und wieder in ein bestimmtes Hochgefühl versetzen. Er geht aus dem Gottesdienst nach Hause in der festen Gewissheit, der Herr kommt bald. Die Zeichen sind so eindeutig, sodass kein Zweifel erlaubt ist. Aber nach einer gewissen Zeitspanne erlischt das Hochgefühl, die Realitäten des Alltags gewinnen wieder die Oberhand, und letztlich bleibt dann nur eine vage Hoffnung.

 

Aber jetzt ist eine neue Parusie-Falle erkennbar. Hier geht es nicht mehr schlicht um „Zeichen der Zeit“, sondern hier wird schweres theologisches Geschütz aufgefahren. Die Grundidee wurzelt in der Annahme, dass die Gläubigen die Wiederkunft Jesu beschleunigen könnten. Ted Wilson hat in seiner Grundsatzpredigt anlässlich der Herbstsynode 2010 diesen Gedanken klar formuliert. Schon dieser Ansatz an und für sich ist problematisch. Es gibt eine ganze Reihe von Bibelstellen, die dagegen sprechen. Aber das ist in diesem Zusammenhang nicht mein Hauptproblem. Die Argumentationsschiene bei Ted Wilson läuft folgendermaßen: Was 1901 versäumt wurde – nämlich anlässlich einer Generalkonferenz Tagung intensiv um der Heiligen Geist zu beten – soll jetzt nachgeholt werden. Das aber wird gleichgesetzt mit der Ausgießung des Spätregens. Und wenn dann der Spätregen ausgegossen ist, kann das Werk hier auf dieser Erde abgeschlossen werden, und dann ist der Weg frei für die Parusie. Das klingt zunächst sehr einleuchtend, und dieser Gedanke soll offensichtlich im Augenblick weltweit verkündet werden.

 

Wo sehe ich das Problem? Das eine ist die Vorstellung, dass wir den Zeitpunkt der Wiederkunft beeinflussen, ja beschleunigen könnten. Und das zweite ist die Sache mit dem Spätregen. Es ist auffallend, dass es kaum Artikel gibt, die einmal den Hintergrund dieser Vorstellung untersucht haben. Wer sich etwas mit den klimatischen Verhältnissen in Palästina beschäftigt, wird sehr schnell merken, dass die Vorstellung, die wir mit dem Spätregen verbinden, völlig an der meteorologischen Realität vorbei geht.

 

Vielleicht helfen hier folgende Informationen: „Der erste Regenfall (meist Ende Oktober, von den Israeliten ‚Frühregen’ genannt) weicht die im Sommer ausgetrocknete, steinharte Erde auf und macht sie zum Pflügen und Säen bereit. Der Hauptregen, der der ausgeworfenen Saat das Wachstum ermöglicht sowie Grundwasser, Quellen und Zisternen speist, fällt im Wesentlichen im Januar in einzelnen, meist heftigen Schauern. Als die endgültige letzte Beregnung vor der Ernte wird im März / April der biblische ‚Spätregen’ erwartet, der für das volle Ausreifen des Getreides wichtig ist.“[1] Im Hebräischen gibt es für den Begriff „Regen“ mehr als ein Dutzend Wörter. Da wird deutlich unterschieden zwischen dem Früh-, dem Haupt- und dem Spätregen. Entscheidend für die Ernte ist das Zusammenwirken aller drei Regenformen. Gottes Verheißung besteht darin, dass Israel den richtigen Regen zur rechten Zeit erhält (z. B. 3. Mose 24, 4; Hes. 34, 26). Nirgendwo finde ich in der Bibel einen Hinweis, dass ein bestimmter Regen eine besondere Bedeutung hat, auch nicht der Spätregen.

 

Hier kommt nun  der Prophet Joel ins Spiel. In Joel 2, 23 ist auch vom Früh- und vom Spätregen die Rede, aber es werden alle drei Regenperioden erwähnt. In diesem Vers stehen drei Wörter für Regen, also auch hier wieder der Dreiklang, der verheißen wird. Nur wenn alle drei Regenperioden wirksam geworden sind, kann eine gute Ernte erwartet werden. Eine besondere Bedeutung des Spätregens lässt sich hier nicht nachweisen. Es sei denn, man bezieht Kapitel 3 auf die Ausgießung des Spätregens.

 

Damit sind wir bei Apostelgeschichte 2. An den Anfang seiner großen Rede zu Pfingsten zitiert Petrus Joel 3, 1-5. Allerdings benutzt er nicht den Ausdruck Frühregen. Er enthält sich jeglicher meteorologischer Bezugnahme. Wenn Petrus hier den Propheten Joel zitiert, dann doch wohl nur in der allgemeinen Form, wie es auch Joel beschreibt. Petrus verändert den Text an einer Stelle etwas, indem er die Formulierung „Und nach diesem“ ersetzt durch „in den letzten Tagen“. Damit bekräftigt er die Tatsache, dass sich Joel 3 zu Pfingsten erfüllt habe. Wer den Text unvoreingenommen liest, wird nicht auf die Idee kommen,dass hier von einem bestimmten Regen, nämlich dem Frühregen die Rede ist. Das würde zudem der Erwartung der Jünger widersprechen, die die Parusie noch zu ihren Lebzeiten erwarteten. Ein Warten auf den Haupt- und dann noch auf den Spätregen liegt völlig außerhalb ihres Denkens und Hoffens.

 

Wir finden allerdings in unserer Literatur an bestimmten Stellen die Erwartung, dass es ähnlich wie beim Pfingstereignis noch einmal eine besondere Ausgießung des Heiligen Geistes geben wird. Dieser Auffassung kann ich mich ohne Einschränkung anschließen, allerdings ohne den Hinweis auf den Begriff Spätregen. Petrus hat nicht von Frühregen gesprochen und die Ausgießung des Heiligen Geistes kann sich jederzeit – wie in Joel 3 beschrieben – wiederholen. Deshalb ist es richtig und wichtig, immer wieder auf diese Gnadengabe hinzuweisen. Nur nicht als Spätregen deklarieren!

 

Warum nicht? Weil der Spätregen in Palästina quantitativ ein ganz geringer Regen ist! Zum Schluss der Wachstumsphase gibt es einige leichte, sanfte Regenschauer. „Die letzten Regenfälle zwischen April und Mai sind die Schauer am Ende der Regenzeit.“[2]  Die Statistik sagt, dass die Regenmenge des Spätregens etwa bei 4-8% der Gesamtregenmenge liegt. Wenn wir also zur Zeit als Kirche weltweit intensiv um die Ausgießung des Heiligen Geistes beten, dann aber nicht nur um die „sanften Schauer des Spätregens“, sondern um die Fülle, wie seinerzeit zu Pfingsten – in Erfüllung der Vorhersage des Propheten Joel.

 

Im Gespräch mit einem adventistischen Alttestamentler sagte mir dieser: „Die Propheten und Apostel würden sich im Grabe umdrehen, müssten sie lesen oder hören, wie wir mit dem Begriff „Spätregen“ umgehen.“ Unsere kleine Studie hat gezeigt, was er meinte. Joel 3 in der Auslegung des Petrus in Apostelgeschichte 2 kann sich jederzeit wiederholen, auch und vor allem in der letzten Phase dieses Äons. Und deshalb beten wir um die Erfüllung dieser Verheißung, aber es ist theologisch kaum vertretbar, hiermit die Beschleunigung der Parusie zu verknüpfen. Deshalb spreche ich von einer neuen Parusie-Falle. Wenn in ein oder zwei Jahren dieses Großereignis nicht stattgefunden hat, diese besondere Ausgießung des Heiligen Geistes nach Joel 3 nicht erfolgt ist, wie werden die Adventgläubigen dann reagieren? Haben wir vielleicht zu wenig gebetet? Haben wir vielleicht nicht richtig gebetet? Sind wir jetzt womöglich Schuld daran, dass Jesus noch nicht gekommen ist?

 

Die eine Parusie-Falle ist verbunden mit den „Zeichen der Zeit“. Die andere ist verbunden mit der Beschleunigungsthese und der besonderen Ausgießung des Heiligen Geistes wie seiner Zeit zu Pfingsten. Auch ohne die Benutzung der beiden Regenarten – Frühregen und Spätregen – ist die Fixierung auf ein bestimmtes Ereignis, das allein in der Verfügungsgewalt Gottes liegt, theologisch ein Problem. Ich persönlich bin überzeugt, dass die Ausgießung des Heiligen Geistes „in Fülle“ geografisch durchaus unterschiedlich ausfallen kann. Wenn ich Missionsberichte aus vielen Ländern der Erde lese, dann kann ich gar nicht anders als die Tatsache anzuerkennen, dass dort schon die Erfüllung des Propheten Joel zu sehen ist – mit einer Einschränkung: Es fehlen die vielen Bekundungen des Heiligen Geistes in Form von augenscheinlichen Wundern wie zur Zeit der Urgemeinde. Ich bin auch überzeugt davon, dass diese Erfüllung auch in anderen Ländern, wie z. B. in Europa, Wirklichkeit werden kann und wird.

 

Allerdings würde ich für Deutschland eine weitere Einschränkung machen. Eine Voraussetzung für die Erfüllung von Joel 3 damals zu Pfingsten war die Einmütigkeit der Gläubigen: „Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet…“(Apg.1, 14) Oder: „Die Menge der Gläubigen war aber ein Herz und eine Seele…“(Apg.4, 32) Wenn ich mir manche Formulierungen in gewissen „Offenen Briefen“ und Stellungnahmen der letzten Wochen durchlese, schlägt mir da so viel Hass entgegen, dass von Einmütigkeit keine Rede sein kann. Deshalb hat Ted Wilson zum Schluss seiner Grundsatzpredigt anlässlich der Herbstsynode von Bekenntnis und Reue gesprochen. Solange aber diese Einsicht bei einigen selbst ernannten Wortführern/führerinnen in Deutschland fehlt, wenn es weiter nur um die von ihnen als allein richtig deklarierte Form des Adventismus geht auf Kosten der Einheit der Gemeinde (die angestrebte Spaltung wird theologisch verbrämt als „Sichtung“ bezeichnet), dann werden wir wohl noch lange auf die Erfüllung von Joel 3 warten müssen. Grundsätzlich aber unterstütze ich durchaus das große Anliegen unseres neuen GK-Präsidenten, aber nicht in Verbindung mit dem Spätregen und auch nicht als Beschleunigung der Parusie. Das eine birgt ein meteorologisches Problem, das andere ein theologisches.

 

                                                                               L. E. Träder

                                                                            Im Dezember 2010

                                                                                           

                                                                                                                                                                                                                      

 


[1] Neues Bibel-Lexikon, Benziger Verlag, 2001, Band III, S. 303

[2] Das große Bibellexikon, Brockhaus Verlag, 1989, Band III, S. 1278