Kommentar zur Debatte um die Frauenordination in den USA

Bewegt sich unsere Kirche auf eine Spaltung zu?

 

Jetzt scheint es so weit zu sein: Wird sich unsere Kirche in Richtung >Föderalismus< oder >Zentralismus< bewegen? Diese Grundsatzentscheidung hat sich lange schon angekündigt. Eine Kirche, die so schnell wächst, kann nicht eine Verwaltungsstruktur behalten, die für ein paar Tausend Mitglieder gedacht war. Selbst für ein paar Hunderttausend hat sie noch gereicht. Aber da wir uns in Richtung 50 Millionen bewegen, wurde die Strukturfrage immer drängender. Die Weltkirchenleitung hat deshalb schon seit Jahren Arbeitskreise etabliert, die dieses Problem untersucht haben. Das Kirchenvolk wurde allerdings kaum über die Ergebnisse informiert.

 

Jetzt hat sich der Konflikt an einer Frage entzündet, die eigentlich nicht dazu taugt, Organisationsfragen zu klären, aber so ist das manchmal in der Geschichte der Kirche. Was ist geschehen? Drei  Verbände (Unionen) haben einen Beschluss gefasst, die Ordination zum Predigtamt unabhängig vom Geschlecht zu ermöglichen. Begonnen hat damit der Norddeutsche Verband anlässlich der Delegiertentagung im Frühjahr 2012. Das hat zwar schon ein paar Wellen geschlagen, aber die Weltkirchenleitung hat sich wohl offensichtlich noch nicht herausgefordert gefühlt. Das wurde anders, als bekannt wurde, dass die Columbia Union den gleichen Antrag auf der Tagesordnung einer Delegiertenversammlung hatte. Um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen, hat die Weltkirchenleitung einen >dringenden Appell<  an die Führungskräfte unserer Kirche gerichtet. Es wurde die Einheit der Weltkirche beschworen und an die Loyalität der leitenden Mitarbeiter appelliert. Das Ergebnis ist bekannt: Die Delegierten haben mit 80% der Stimmen dem Antrag auf Frauenordination zugestimmt. Und das, obwohl Ted Wilson mit großem Gefolge anwesend war und eine klare Botschaft formuliert hat.

 

Aber es ist bekanntlich noch schlimmer gekommen. Auch die Pacific Union hatte zu einer ao. Delegiertenversammlung eingeladen. Jetzt musste die Weltkirchenleitung handeln. Es wurde wieder ein Appell veröffentlicht, diesmal noch schärfer. Es war von schwerwiegenden Konsequenzen die Rede. Ob sich die Delegierten aus dem Westen der USA einschüchtern oder überzeugen ließen? Ted Wilson kam wieder mit einigen Mitarbeitern der Verwaltungsspitze und hat wieder sehr eindringlich vor einer Zustimmung zum Antrags gewarnt. Ergebnis: 79% dafür! Damit war klar, dass sich zwei große Unionen (CUC 130 000 Mitglieder; PUC 220 000 Mitglieder) gegen ein klares Votum der Weltkirchenleitung gestellt hatten.

 

In Woodland Hills, CA. wurde auch ein Antrag zur Abstimmung gestellt, der die Statuten der Union verändern sollte. Es ging nur um zwei Wörter: total oder generell. Sollten sich zukünftig die Beschlüsse der Union total an die Ordnungen der Generalkonferenz anlehnen oder nur generell? Es gab auch für diesen Antrag eine breite Mehrheit (65%), aber am Ende fehlten zur 2/3 Mehrheit 4 Stimmen! Aber unabhängig davon war der Antrag zur Frauenordination das Hauptziel dieser Veranstaltung, und hier war die Zustimmung mehr als ausreichend.

 

In der Debatte, die man übers Internet live verfolgen konnte, trat auch Charles White auf, ein Urenkel von Ellen White. Er verlas Zitate aus ihren Schriften, die eindeutig für eine Ordination von Pastorinnen sprachen.

 

In den Blogs, die gleich anschließend im Spectrum online zu lesen waren, wurde einerseits die Freude formuliert, dass es nun wohl doch in dieser schon fast ein halbes Jahrhundert andauernden Debatte zu einem guten Ergebnis kommen würde, aber gleichzeitig wurde auch die Sorge deutlich, dass es vielleicht doch zu einer Spaltung kommen könnte. Scharfe Kritik wurde auch daran geübt, dass sich die Weltkirchenleitung nicht als Versöhner, als Vermittler gezeigt habe, sondern im Gegenteil, die Gegensätze eher verschärft hatte.

 

Für mich als Kirchenhistoriker ist die Frage der Frauenordination hier nur das >Vehikel<  für die viel weiter reichende Frage: In welche Richtung bewegt sich meine Kirche organisatorisch? Der Kurs der Weltkirchenleitung scheint deutlich geworden zu sein: Ihre Aktivitäten und Verlautbarungen zielen in Richtung >Zentralismus<. Diese Organisationsform hat sich bei großen Institutionen bewährt – siehe Römisch-katholische Kirche. Die ersten Anzeichen für diese Entwicklung konnte man schon anlässlich der Weltsynode in Utrecht beobachten: Hier versuchte Folkenberg einiges in Richtung Zentralismus zu verändern. Und wenn ich bestimmte Texte und Aktivitäten des BRI richtig deute, hat dieses Gremium schon längst das Selbstverständnis einer >Glaubenskongregation<.

 

Aber was ist jetzt in den USA passiert? In einem Text, der über die Tagung in Kalifornien berichtete, war von >offener Rebellion< die Rede! Die Delegierten in zwei großen Verbänden haben die klare >Anweisung< des Generalkonferenzpräsidenten ignoriert! Völlig unabhängig davon, wie schnell die ersten Pastorinnen ordiniert werden, ist das Signal klar: Wir beanspruchen eine Verfassung, die föderalistisch ist!

 

Leider hat sich das Kirchenvolk in Deutschland kaum mit dieser Frage beschäftigt. Vielleicht gibt es ja auch Wichtigeres. Aber für unsere Freikirche hier ist es nicht unbedeutend, wie sich die Weltkirche entwickelt. Ich habe in vielen Referaten ein Modell entwickelt, das sich jetzt anwenden ließe. Mit Jan Paulsen habe ich darüber korrespondiert, aber offensichtlich war die Zeit noch nicht reif. Ich sehe nur eine Chance, der >Papstkirche< zu entgehen: wenn wir das föderalistische Prinzip anwenden. Um den in unseren Führungskreisen offensichtlich verpönten Begriff des Kongregationalismus zu vermeiden, habe ich den Ausdruck Unionismus geprägt. Er stellt eine adventistische Variante des Kongregationalismus dar.

 

Das bedeutet konkret: Es gibt eine adventistische Kirche in Europa, eine in den USA, eine in Südamerika, eine in Afrika etc. und darüber einen >Weltbund adventistischer Kirchen< (WaK). Diese, in vielen Bereichen selbstständigen Kirchen, könnten so z. B. ohne große Probleme Fragen wie die Pastorinnen Ordination entsprechend dem kulturellen Umfeld viel einfacher lösen. Und der WaK könnte wie bisher finanzielle Mittel und Personal weltweit koordinieren. Das alles sollten die dafür kompetenten Personen ausarbeiten.

 

Aber wir stehen jetzt – wohl schneller als erwartet – als Weltkirche vor einer Grundsatzentscheidung. Jetzt kommt es darauf an, dass sich das Kirchenvolk nicht mit der Ordination der Pastorinnen zufrieden gibt. Die amerikanischen Adventisten haben „den Handschuh in den Ring geworfen“. Wir Europäer täten gut daran, wenn wir nicht nur die Reaktionen beobachteten, sondern selbst aktiv würden. In unseren Verfassungen gibt es Möglichkeiten, außerordentliche Delegiertenversammlungen zu fordern. Hier könnten dann die entsprechenden Resolutionen verabschiedet werden, die unseren leitenden Mitarbeitern die Möglichkeiten geben, entsprechend zu handeln. Tragisch wäre es, wenn wir in Deutschland, in Europa nur Zuschauer blieben. Wenn wir nur abwarten würden, was in den USA geschieht und entschieden wird. Schließlich sollten wir uns daran erinnern, dass es einmal eine Zeit gab, in der  zwei Generalkonferenzen existierten: Eine in den USA und eine in Europa. Und schließlich hat der Norddeutsche Verband den Stein ins Rollen gebracht! Auf beiden Tagungen in den USA und in allen Berichten darüber, wird auf den Beschluss des NDV verwiesen. Wenn dieser Beschluss des NDV für viele auch sehr überraschend kam, war das klare Ergebnis doch ein deutliches Signal. Die Mehrheit der Adventisten in Deutschland hat inzwischen verstanden, dass wir an einer Wende stehen. Jetzt kommt es darauf an, dass sich Männer und Frauen finden, die >den Stein nicht stoppen, sondern rollen lassen<!

21. 08. 2012