Jahresrückblick 2010

Anläßlich der Jahresschlussfeier der Gemeinde Marienhöhe am 31. 12. hielt Pastor Lala die Andacht, und Jörn Papst zeigte uns Bilder vom Gemeindeleben 2010. Ich hatte die Aufgabe, einen kurzen Überblick zu geben über die Ereignisse, die sonst noch von allgemeinem Interesse waren.

Jahresrückblick 2010 als Besinnung

 

Man kann einen Jahresrückblick formal gestalten. Dann werden die sogenannten „Höhepunkte“  schlicht aufgelistet. Das sieht dann so aus:

 

Jan.: Erdbeben in Haiti (über 200.000 Tote)

 

Febr.: Alkoholfahrt der Frau Käßmann

 

März: Wetterpapst Kachelmann in Not / Rettungsplan für Griechenland

 

April: Polen in Trauer / Luft voll Asche / Ölkatastrophe im Golf Mexiko

 

Mai: Roland Koch kündigt Rücktritt an / Bundespräsident Köhler  geht

 

Juni: Welt im WM-Fieber / Schweden im Hochzeitsfieber / Wulff wird gewählt

 

Juli: Überhitzte ICE-Züge / Massenpanik bei Love-Parade

 

August: Flut in Pakistan (20 Millionen Obdachlose)

 

Sept.: Sarazin tritt ab / Proteste in Stuttgart

 

Oktober: Wunder von San José / Durchbruch am Gotthard (11 Jahre Bauzeit) Wikileaks beginnt

 

Nov.: Wahlniederlage für Obama / Aufwind für Castor-Gegner

 

Dez.: Haftbefehl gegen Assange / Merkel spricht erstmalig von  Krieg in Afghanistan

 

Eine solche Kurzfassung bringt nur kurzes Erinnern, aber kaum echtes Besinnen. Denn das bedeutet Bewerten, Einordnen, zu versuchen, dem Ganzen eine Struktur zu geben, vielleicht sogar einen zentralen Begriff für dieses Jahr zu finden.

 

„Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen  Einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, dass die Nichtbeteiligten, statt vom Zustand der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein … vielmehr sympathischen Anteil nahmen und sich dem Taumel innerlich überließen.“

So schreibt Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg.

Es geht hier um Langzeitpatienten in einem Lungensanatorium in der Schweiz. Man könnte meinen, hier werden aktuelle Situationen beschrieben. Das Kapitel trägt die Überschrift: Die große Gereiztheit.

Könnte das als Motto des Jahres 2010 gelten?

 

In der Bundesrepublik geht es uns so gut wie schon lange nicht mehr. Und doch wurden wir durch zwei gewaltige „Verdrussexplosionen“ erschüttert: Thilo Sarazins Deutschland schafft sich ab und durch den Massenprotest in Stuttgart.

 

Aber – wie Jan Ross in der Zeit feststellt: „Das Ausmaß der Erregung bleibt rätselhaft“: Es gibt zwar Probleme in der Einwanderungspolitik – aber keine brennenden Vorstädte wie in Frankreich – und war es wirklich nötig, die Legitimation der repräsentativen Demokratie aufs Spiel zu setzen, weil ein Bahnhof umgebaut werden soll? Und was war der eigentliche Grund für den Rücktritt von Köhler? „Die ganzen Aufwallungen wirken im Nachhinein merkwürdig übertrieben.“ Daher vielleicht der Ausdruck „Wutbürger“. Die Ursache steht in keinem vernünftigen Verhältnis zur aufgewandten emotionalen Kraftanstrengung.

 

Aber schauen wir genauer hin: „Die große Gereiztheit war kein exklusiv deutsches Phänomen. 2010 war nicht nur ein Jahr der Nervosität, sondern auch der konkret begründeten Konflikte: Die USA erleben eine schwindelerregende Krise – die Leute haben massenhaft ihre Häuser und ihre Arbeitsplätze verloren „– die Folgen können wir uns mit unserem sozialen Netz gar nicht vorstellen. Ergebnis der letzten Wahlen:“Der Volkszorn regiert jetzt mit“ – durch die Vertreter der Tea Party Bewegung.

 

Und Europa? Die „Neigung zu giftigem Wortwechsel“ – wie Thomas Mann es benennt - ist europäische Realpolitik geworden. „Verschwendungssucht oder Knauserei!“ Wir haben es mit einer allgemeinen Reizbarkeit und Erregungsbereitschaft zu tun. Wir beobachten eine reale Zuspitzung und Verschärfung der Weltlage.

Dafür gibt es drei Gründe:

  1. „Die Finanzkrise hat eine überschuldete Welt zurückgelassen.“ Das politische Klima ist rauer geworden. „Griechenland zwingt seine Bürger zum Sparen, Deutschland zwingt Griechenland zum Sparen und selbst das reiche Deutschland hat Angst, dass ihm die Mittel ausgehen können.“ Im Jahr 2010 hat sich die ökonomische Lage zwar beruhigt, aber jetzt erst entfaltet sich die politische Zerstörungskraft. 2008 / 2009 – im Zeichen der Krise – gab es so etwas wir Solidarität. Jetzt sind die alten Verteilungskämpfe wieder ausgebrochen. Kein Geld mehr für Klimaschutz oder Entwicklungshilfe.
  2. Bislang wurden fast alle Konflikt unter dem Gesichtspunkt der amerikanischen Übermacht gesehen. Es gab so etwas wie einen festen Rahmen: „Amerikas militärische Stärke, Amerikas Kapitalismusmodell, Amerikas bewährte Demokratie, eine Globalisierung mit amerikanischem Antlitz.“ Das war beruhigend. Diese Sicherheit aber ist dahin. Drei Erschütterungen haben Amerikas Vormachtstellung beschädigt:“ Das Scheitern von Bushs Weltherrschaftspolitik, die Finanzkrise und Obamas Ohnmachtserfahrung.“ Damit nimmt die „große Gereiztheit“ eine neue Dimension an: Es gibt keine höhere Autorität mehr, die eingreifen kann, schlichtend oder mit Gewalt.
  3. Und es ist etwas mit China passiert. Seit 1978 hat China eine möglichst leise Außenpolitik betrieben. Problemen ausweichen und selbst keine Problem schaffen. Man wollte in Ruhe reich und stark werden. Aber jetzt will China wohl nicht mehr unauffällig bleiben. Der Seekonflikt mit Japan wirkt künstlich hochgeputscht, und die Empörung über die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiabo überschreitet alle bisher geltenden Vorstellungen. Eines scheint sicher zu sein: Eine Macht, die wie keine andere das 21. Jahrhundert bestimmen wird, wird offensichtlich zur Quelle von noch nicht einzuschätzenden Veränderungen.

 

Das Jahr der großen Gereiztheit kennt allerdings auch echte Konflikte:“ Die Hoffnungslosigkeit zwischen Israelis und Palästinensern, der Terrorismus, Afghanistan und die Angst vor dem iranischen Atomprogramm.“ Aber eigentlich bezieht sich die große Gereiztheit auf den Westen, also die USA und Europa und auf China.. Die Konflikte haben im Jahr 2010 zugenommen. Die Statistik zählt 37 Kriege und militärische Konflikte.  Aber – ich zitiere: „Das macht es erst recht nötig, die Hysterien zu bekämpfen, das verantwortungslose Sich-gehen-lassen, die sterile Aufgeregtheit. Man muss unterscheiden zwischen dem Realen und dem Eingebildeten: zwischen einem Bahnhof und dem Obrigkeitsstaat, zwischen einer Nobelpreisverleihung und einem feindseligen Akt, zwischen der Verabschiedung einer Gesundheitsreform und dem Versuch, in Amerika den Kommunismus einzuführen.“

 

Die Struktur, die ich dem Jahr 2010 versucht habe zu geben, signalisiert eine Vorstufe: Die große Gereiztheit. Vielleicht beruhigen sich die Gemüter wieder. Beim Thema China allerdings bin ich skeptisch. Hoffen wir, dass aus der Gereiztheit nicht schlimme Taten werden. Man darf gespannt sein – und als Christ wohl auch zuversichtlich; denn alles Geschehen auf diesem Globus liegt in Gottes Hand. Beim Rückblick können wir hier in Deutschland sehr dankbar sein. Wir sind von großen Katastrophen verschont geblieben, die wirtschaftliche Lage hat sich entspannt, und die Politiker versuchen ihr Bestes.

 

Ich habe mich bei meinem kurzen Rückblick auf die politisch-wirtschaftliche Situation beschränkt. Das war mir vom Prediger für diese kleine Präsentation anlässlich des Jahres-Schluss- Gottesdienstes so aufgetragen worden. Erhellend könnte auch ein Jahresrückblick sein, der sich mit dem Zustand unserer Kirche befasst – national und global. Aber dazu bin ich im Augenblick noch nicht in der Lage. Vielleicht ist dazu ein größerer zeitlicher Abstand notwendig.

31 – 12- 2010

L. E. Träder