Predigtverbot in Baden-Württemberg

 

Ich werde immer mal wieder gefragt, wie es zu meinem Predigtverbot im Bereich der Baden-Württembergischen Vereinigung kam, und da ich mich nicht ständig wiederholen möchte, gebe ich nachfolgend einen kurzen Überblick.

 

Es begann eigentlich schon 2009. Ich wurde von Gemeindemitgliedern gefragt, ob ich nicht wieder einmal nach Tübingen kommen wolle, um dort zu predigen. Ich verwies auf den ordentlichen Weg – also offizielle Anfrage über den Ortsprediger - und bekam als Antwort des Predigers den Hinweis, dass das ganze Jahr schon ausgebucht sei. Sie hätten ein spezielles missionarisches Konzept, und meine Predigt würde da nicht hineinpassen. Ich war verwundert; denn ich hatte mein Predigtthema noch gar nicht genannt, dachte mir aber noch nichts dabei. Ich fand es nur sehr seltsam. Was ich nicht ahnte war die Tatsache, dass man wohl nach einem Grund suchte, mir für ganz BaWü eine Art Predigtverbot zu erteilen. So jedenfalls sehe ich das im Nachhinein. Die Gelegenheit dazu bot sich ein Jahr später.

 

2010 fand in Dalles die Tagung der Generalkonferenz statt, und ich bekam von H. Mayer die Übersetzung der Grundsatzpredigt von Ted Wilson mit einem ersten Kommentar von Pastor Pipim. Ich habe daraufhin selbst einen Kommentar geschrieben und ihn an H. Mayer geschickt mit der Bitte, diesen doch auch in sein Netzwerk zu stellen. Er tat das nicht, aber dieser Kommentar fand trotzdem eine gewisse Verbreitung. Ich bekam eine ganze Reihe von Zuschriften zustimmender Art – auch leitende Mitarbeiter unserer Kirche äußerten sich positiv.

 

Dann bekam ich einen Brief von E. Biro, in dem er mir mitteilte, dass sich der Vereinigungsausschuss in BaWü genötigt sah, meine Beglaubigung als Prediger durch den Verbandsausschuss überprüfen zu lassen und zwar auf Grund meines Kommentars der Predigt von Ted Wilson. Ein Gespräch mit mir vor dieser Beschlussfassung fand nicht statt – weder gab es ein Telefonat noch kam es zu einem Briefwechsel. Das wäre m.E. nach der richtige und wohl auch der biblisch geforderte Weg gewesen. Wenn man in Stuttgart der Meinung war, ich hätte mich falsch verhalten, dann erwarte ich von meinen Geschwistern, dass sie mir eine Chance geben, das angebliche Fehlverhalten zu korrigieren. Aber diese Chance bekam ich nicht, sondern es wurde gleich massiv gegen mich vorgegangen; denn der Antrag, meine Beglaubigung als Prediger zu überprüfen, ist schon schweres Geschütz.

 

Der Verbandsausschuss hat sich dann in seiner Sitzung Mitte September 2010 mit dem Antrag befasst und ihn mit klarer Mehrheit abgelehnt. Im Schreiben von G. Machel an mich heißt es: „Wie ich Dir ja schon im Vorfeld mitteilte, haben wir als Vorstand dem Gremium nahegelegt, den Antrag mit folgenden Gründen abzulehnen:

-          Die Rede- und Meinungsfreiheit ist für uns ein hohes und schützenswertes Gut.

-          Das Schreiben „Vorwärts oder rückwärts?“ ist eine Reaktion auf einen Text von Samuel Koranteng Pipim, der von H. Mayer im Internet verbreitet wurde.

-          Eine Überprüfung der Beglaubigung aufgrund einiger provokanter Äußerungen und Vergleiche in „Vorwärts oder rückwärts?“ ist aus unserer Sicht unangemessen.

-          Dr. Träder hat sich über viele Jahre aktiv für das Wohl unserer Gemeinden eingesetzt. Seine Loyalität steht für uns außer Frage.

Der Ausschuss hat entsprechend gehandelt und den Antrag von BW deutlich abgelehnt.“

 

Mit diesem Beschluss – so dachte ich – sei dieser Vorgang abgeschlossen. Aber da habe ich mich sehr getäuscht. Gegen Endes des Jahres bekam ich eine Einladung, im Rahmen einer Veranstaltung der >Initiative FACIT< ein Referat und am Sabbatvormittag die Predigt in Stuttgart zu halten. Ich stimmte zu, bekam dann aber die Mitteilung, dass die Vereinigungsleitung Einwände erhoben habe.

 

Ich habe daraufhin G. Machel angeschrieben und um Aufklärung und sein Eingreifen gebeten. Inzwischen hatten Vertreter der Gemeinde Stuttgart um ein Gespräch mit E. Biro gebeten. Das fand auch statt und hatte als Ergebnis: Das entscheidende Wort habe der Gemeindeausschuss in Stuttgart in dieser Angelegenheit. Der Gemeindeleiter am Schluss der Besprechung: „Habe ich Dich richtig verstanden – der Gemeindeausschuss hat das letzte Wort? Antwort von E. Biro: Ja.“

 

Genau das schrieb mir auch G. Machel. Er hatte ein Gespräch mit E. Biro und dieser habe ihm versichert, dass der Gemeindeausschuss diese Angelegenheit reglen würde. Wörtlich:“Wir hatten gestern ein kurzes Gespräch mit Erhard Biro. Darin wurde uns mitgeteilt, dass eine letzte Entscheidung weder seitens der Vereinigung noch seitens der Gemeinde Stuttgart getroffen wurde.“ Und das Schreiben an mich schließt mit dem Satz: „Wir sind gespannt auf die Reaktion der Stuttgarter Gemeinde.“

 

Der Ausschuss der Gemeinde Stuttgart hatte dann einen Termin für die offizielle Sitzung anberaumt und wollte von seinem zugesagten Recht – das letzte Wort zu haben – Gebrauch machen. Einen Tag vor dieser Sitzung aber bekam der Gemeindeleiter eine E-Mail von der Vereinigung, in der ihm  mitgeteilt wurde, dass der >Verwaltungsausschuss< der Vereinigung sich gegen meine Predigt am 05. 02. 2011 ausgesprochen habe. Der Gemeindeausschuss tagte trotzdem und wiederholte seine Einladung an mich. Daraufhin legte der anwesende Ortsprediger gegen diesen Beschluss sein Veto ein.

 

Meine Schlussfolgerung: Der Verbandsvorsteher wurde vorgeführt. Die Zusage Biros an G. Machel war Makulatur! E. Biro hat seine Zusage an den Gemeindeausschuss nicht eingehalten oder nicht einhalten können. Wie dem auch sei, hier wurde ein Predigtverbot ausgesprochen, trotz des Verbandsausschussbeschlusses vom Sept. 2010.

 

Fast zynisch empfand ich das Schreiben des Sekretärs der Vereinigung an mich vom 28. 02. 11, in dem es u. a. hieß: „Nach ausführlicher Beratung im Verwaltungsausschuss wurde einstimmig beschlossen, die Einladung zu diesem Zeitpunkt und Anlass abzulehnen. Wir teilen Dir diesen Beschluss mit, damit Du ihn in Deiner Planung berücksichtigen kannst.“ Und das eine Woche vor dem Predigttermin – was soll der Hinweis auf meine Planung?!

 

Bis heute hat mir niemand mitgeteilt, warum es zu dieser erneuten Konfliktsituation mit der BaWü-Vg. gekommen ist. Man hätte doch wohl erwarten können, dass die Leitung der Vereinigung aus ihrer Niederlage im Beglaubigungsverfahren gelernt hätte. Offensichtlich aber hat sie den Beschluss des Verbandsausschusses nicht für verbindlich angesehen. Oder hat die Vereinigungsleitung an anderen Stellen Einwände gegen mein Predigersein gefunden? Dann aber hätte sie mit mir unbedingt darüber reden müssen. Das erfordert nicht nur der Anstand, sondern die einfachste biblische Verhaltensregel! Wenn die Geschwister des Verwaltungsausschusses etwas gegen meine Predigertätigkeit vorzubringen haben, dann wäre ich doch wohl der erste Ansprechpartner. Zumal man mir mitteilte, dass über diesen casus schon am 16. 11. 2010 ausführlich gesprochen wurde. Anstelle eines brüderlichen Gesprächs wurde abrupt das Predigtverbot ausgesprochen.

 

Bis heute – und ich schreibe diesen Text am 19. Mai 2011 – hat es die Leitung der Vereinigung nicht für angebracht gehalten, mich über die Gründe für ihr Predigtverbot zu informieren. Die Gründe, die mir E. Biro für den Antrag auf Überprüfung meiner Beglaubigung genannt hatte, dürften wohl mit dem Beschluss des Verbandsausschusses erledigt sein. Ich habe mir aber offensichtlich nach dem September 2010 so Schwerwiegendes zu Schulden kommen lassen, dass die Vereinigung dieses Predigtverbot beschlossen hat. Nur leider bin ich mir keiner Schuld bewusst und benannt hat man sie mir auch nicht. Also für mich keine Chance der Besserung.

 

Die Leitung des Süddeutschen Verbandes hat den ganzen Sachverhalt der Euro-Afrika Division zur Klärung übertragen. Da es sich hier aber nicht um einen Dringlichkeitsantrag handelt, sondern um eine Grundsatzfrage, dürfte mich die Antwort wohl zu einem Zeitpunkt erreichen, zu dem ich altersbedingt gar nicht mehr predigen werde.

 

Im klassischen Verfassungsrecht gibt es den bewährten Grundsatz: Reichsrecht bricht Landesrecht. In den Verfassungen unserer Kirche gibt es leider keine eindeutigen Bestimmungen, in welchem Verhältnis die Satzungen der Vereinigungen zu den Befugnissen des Verbandes stehen. Sich hinter die Körperschaftsrechte zu verstecken, lässt sich juristisch nicht halten. Es gibt höchstrichterliche Urteile, die das Kirchenrecht in vielen Fällen über das öffentliche Recht stellen. Im Klartext: Beschlüsse des Verbandsausschusses haben in den allermeisten Fällen Vorrang vor Beschlüssen einer Vereinigung. Nur müsste diese Gesetzeslage angewandt werden! Die Körperschaftsrechte sind – wie sich hier wieder einmal zeigt – eine zweischneidige Angelegenheit.

 

Aber eigentlich geht es bei dieser Auseinandersetzung nicht so sehr um ein juristisches Problem – das sollen die Dienststellen unter sich ausmachen! -  sondern eher um eine moralische Frage. Wenn die Leitung der Baden-Württembergischen Vereinigung es nicht für angemessen hält, mir die Gründe für ihr Predigtverbot zu nennen, dann stellt sie sich damit außerhalb dessen, was wir als einen fairen, brüderlichen Umgang bezeichnen. Die Leitung der Vereinigung hat mit diesem Verhalten offensichtlich die Gesprächsbrücken zu mir abgebrochen. Ich akzeptiere diese Entscheidung und werde bis auf weiteres jegliche Kontaktaufnahme mit der augenblicklichen Leitung der Baden-Württembergischen Vereinigung vermeiden.

20 – 05 – 2011

L. E. Träder

 

 

Nachtrag:

Am 14. Juni 2015 nahm ich an der gemeinsamen Sitzung der beiden deutschen Verbände in Mühlenrahmede teil. In der Mittagspause bat Bruder E. Biro mich um ein kurzes Gespräch. Ich stimmte zu, und  er teilte mir mit, dass seiner Meinung nach für mich kein offizielles Predigtverbot in der BaWü-Vgg. bestehe. Es sei nie ein solcher Beschluss gefasst worden. Meine erstaunte Frage: Warum kommt es nach einer Einladung durch den jeweiligen Gemeindeleiter dann doch nicht zu einem Besuch, da der Ortprediger sein Veto einlegt? Hier folgten einige unscharfe Antworten, die aber dann doch in dem Bekenntnis mündeten: Es gibt eine entsprechende Anweisung der Vereinigungsleitung an die Prediger. Ich empfinde diese schlitzohrigen Taktik als höchst befremdlich: Kein „Beschluss“ – aber eine „Anweisung“.

 

Meine Frage war dann, warum es zu dieser Anweisung gekommen sei. Antwort: Meine scharfe Kritik an den ersten Predigten von Ted Wilson. Man könne ja Kritik äußern, aber nicht öffentlich im Internet. Damit würde die Position des Präsidenten beschädigt! Darüber kann man natürlich reden, aber er hat nicht mit mir darüber geredet, sodass mein Vorwurf von damals bestehen bleibt. Ich habe nicht direkt gefragt, ob er mir hier einen deal anbietet: Nimm Deine Kritik aus dem Internet und wir revidieren unsere Anweisung. Dieser Gesprächsteil dürfte im übrigen die Reaktion von E. Biro auf den letzten Absatz meiner Darlegungen vom 20. 05. 2011 sein. Ich hatte auf meiner Webseite geschrieben, dass ich bis dato keinerlei Antwort auf die Frage erhalten habe, warum man mich mit einem Predigtverbot belegt hat. Es hat vier Jahre gedauert, bis E. Biro diese meine Frage beantwortet hat!

 

Ich werde sicherlich sehr bald diese Textpassagen von meiner Webseite löschen, da sie ja schon seit vielen Monaten zu lesen waren und nicht mehr aktuell sind. Aber ich gehe nicht davon aus, dass sich an der „Verbotspraxis“ der BaWü-Vereinigungsleitung etwas ändern wird.

 

Im übrigen spalten sich immer mehr Gemeinden in BaWü – ausgelöst durch den theologischen Kurs der Leitung. Aktueller Höhepunkt und auslösender Faktor war in vielen Fällen das Ansinnen, einen eigenen Verband  (union of churches) zu bilden, sich also quasi aus dem SDV herauszulösen. Wenn dieser Versuch auch offensichtlich gescheitert ist, war für viele das Maß einfach voll. Es dürften sich also für mich neue Möglichkeiten ergeben, trotz „Anweisung“ einige Gemeinden in BaWü zu besuchen. Die erste Einladung liegt schon seit Monaten vor! Aber mein Terminkalender ist reichlich bestückt – quer durch Deutschland, sodass BaWü wohl auch in Zukunft für mich ein „weißer Fleck“ bleiben wird.

Darmstadt, den 1. Juli 2015

2. Nachtrag

zum „Predigtverbot“ im Gebiet der Baden-Württembergischen Vereinigung

 

Auf Einladung von Erhard Biró hatte ich im Rahmen der letzten FiD-Sitzung (02. – 06. 12. 2016) in Mühlenrahmede ein weiteres intensives Gespräch mit ihm. Es ging noch einmal um die Anweisung an die Prediger, von einer Einladung meiner Person zum Predigtdienst in dieser Vereinigung abzusehen.

 

Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass mein Entschuldigungsschreiben an Ted Wilson und seine positive Antwort darauf, Erhard Biró nicht bekannt waren. Ich fand das zwar etwas verwunderlich; denn in einem 1. Nachtrag zu meinem Kommentar zur Predigt von Ted Wilson „Geht voran“ habe ich diesen Briefwechsel auf meiner Webseite erwähnt. Ich hatte mich bei Ted Wilson für einige scharfe Formulierungen in meiner Kritik an seinen ersten Grundsatzpredigten entschuldigt. Damit war für ihn und für mich diese Angelegenheit erledigt. Da es sich um sehr private Schreiben handelt, habe ich sie natürlich nicht ins Netz gestellt.

 

Ich gehe nun davon aus, dass damit auch die Spannungen mit der BaWü-Vereinigung gegenstandslos geworden sind; denn mit dieser Klarstellung und meinem gegenüber Erhard Biró geäußerten persönlichen Respekt dem Präsidenten Ted Wilson gegenüber, sind die gegenseitigen Irritationen wohl aus dem Weg geräumt.

Im Dezember 2016