Vorwärts oder Rückwärts?

Vorwärts oder rückwärts?

 

Zwei unterschiedliche Sichtweisen desselben Textes

 

 

Vor mir liegen zwei Texte: 1.  „Geht voran“ – Sabbatpredigt des neu gewählten GK-Präsidenten Ted Wilson (übersetzt ins Deutsche von Ingrid Mayer) und 2. Gedanken zur Antrittpredigt des neuen GK-Präsidenten von Samuel Koranteng Pipim. Beide Texte werden durchs „adventistische Internet“ verbreitet. Ich habe sie mehrmals bekommen, und da ich annehme, dass auch viele andere sie lesen, möchte auch ich meine Eindrücke zu Papier bringen. Vielleicht können sie helfen, die beabsichtigte Verschärfung der Polarisierung innerhalb der Adventgemeinden in Deutschland zu verhindern. Bemerken möchte ich noch, dass ich weder die vielen Hinweise per Internet von Besuchern der Konferenz in Atlanta gelesen habe (Facebook, Blogs. etc.), noch die Möglichkeit hatte, Bilder von Abstimmungen etc., die über die adventistischen Medienzentren liefen, einsehen konnte. Von den vielen Kommentaren, die dort zu lesen waren, bin ich also unbelastet.

 

Teil I

 

Zunächst ein paar Bemerkungen zur Predigt selbst. Es ist sicherlich ein großer Unterschied, ob man eine Predigt selbst hört, die Atmosphäre mit erlebt, die Nuancen der Verkündigung in Gestik, Mimik, Lautstärke und Tonfall, oder ob man eine Predigt nur liest. Ich habe sie nur gelesen.

 

Mein Gesamteindruck: Es war zweifellos eine große, wirkungsvolle Predigt. Die Botschaft war klar und eindeutig. Jetzt weiß jeder in der Kirche, wofür dieser Mann steht.  Und deshalb ist es wohl auch wichtig, genau hinzusehen, wofür dieser Kirchenführer steht.

 

 

1. Bibel und Tradition. Hier geht es um die Balance zwischen dem Stellenwert der Bibel und den Schriften von Ellen White. Rein statistisch gesehen, scheint für Ted Wilson die Bibel auf einer Stufe zu stehen mit den Schriften von EGW. Er hat sechs Bibelstellen (zum Teil längere Passagen) und sieben Zitate von EGW (auch zum Teil längere Textabschnitte) verlesen. Diese Statistik wäre vielleicht unwesentlich, da sie ja nur eine rein numerische Aussage beinhaltet, würde er nicht unumwunden erklären: „Er (der Geiste der Weissagung) ist ein zuverlässiger theologischer Ausleger der Heiligen Schrift. Der Geist der Weissagung soll gelesen, geglaubt, angewandt und gefördert werden.“ Mit dieser Aussage steht Ted Wilson offensichtlich in direktem Gegensatz zu EGW. Sie selbst hat immer wieder betont, dass sie sich nicht als theologische Lehrerin sieht! Fachleute können hierfür eine ganze Reihe von Aussagen aus ihrem Schrifttum anführen. Ellen White als „inspirierten Kommentar zur Bibel“ zu bezeichnen, ist eine Auffassung, die viele Gläubige zum Anlass nehmen werden, ihr Verhältnis zur Adventgemeinde zu überdenken. Unterschwellig spüre ich hier auch etwas wie Wissenschaftsfeindlichkeit. Wozu sollen adventistische Theologen forschen, wenn doch alles schon ausreichend kommentiert sei – und zwar inspiriert kommentiert!? Wie werden unsere Professoren das lesen? Diese Form von Skepsis gegenüber der Wissenschaft wird übrigens auch an anderer Stelle sichtbar. Davon später.

 

Es scheint auch sehr gewagt zu sein, wenn Ted Wilson behauptet, es gäbe „nichts Antiquiertes“ in ihrem Schrifttum. Es gibt zweifellos eine ganze Reihe von Aussagen, die nur zeitbedingt oder nur personenbezogen waren und deshalb heute gegenstandslos sind. Warum soll das geleugnet werden? Fachleute können hier eine Vielzahl von Beispielen bringen.

 

Auch wenn Ted Wilson deutlich sagt, dass die Bibel für Adventisten die höchste Autorität sei („Während die Bibel in unserer Beurteilung als die letzte Autorität und letzte Gebieterin der Wahrheit an oberster Stele steht…“) sehe ich doch eine Gefahr darin, die Schriften von EGW nicht deutlich genug an die zweite Stelle gerückt zu haben. Es ist ein altes kirchengeschichtliches Problem, dass die Texte der Tradition im Laufe der Entwicklung ein immer stärkeres Gewicht bekommen, um schließlich, zumindest in der Gemeindefrömmigkeit, die Bibel weit gehend zu ersetzen. Hier ist Wachsamkeit angesagt. Damit ist überhaupt nichts gegen die Schriften von EGW gesagt, sondern es soll nur darauf verwiesen werden, dass beide Texte eine unterschiedliche Gewichtung behalten. Unsere Lehraussagen werden auch in Zukunft nur von der Bibel her begründet – oder?!

 

 

2. Exklusivitätsanspruch. Hier berührt Ted Wilson ein weiteres, sehr sensibles Thema. An vielen Stellen seiner Predigt benutzt er den Ausdruck „Gemeinde der Übrigen“. Manchmal formuliert er variabel: „Wir sollen ein besonderes Volk sein, die Übrigen Gottes …“ oder „Als Gottes Volk der Übrigen…“ und in seinem Schlusssatz heißt es: „… so dass der Heilige Geist die Gemeinde der Übrigen Gottes führen kann …“ Wenn ich mich recht erinnere, hat die Generalkonferenz gerade in den letzten Jahren immer wieder deutlich gemacht, dass wir keinen Exklusivitätsanspruch geltend machen. Es gibt eine Reihe von Texten zu diesem Thema, und gerade Jan Paulsen hat erst kürzlich in einem Leitartikel diese Untugend einer „exklusiven Kirche“ gegeißelt. Sind alle diese Aussagen jetzt Makulatur? Gehen wir jetzt wirklich voran, wie es das Thema der Predigt formuliert? Aber in welche Richtung? Ist es nicht eher so, dass gerade diese Kehrtwende – denn um eine solche handelt es sich zweifellos – uns zurück wirft in eine überholt geglaubte Gettomentalität? Wir nennen uns jetzt in Deutschland zwar Freikirche, aber diese theologische Rolle rückwärts macht uns wieder zur Sekte.

 

Wenn ich mit ehemaligen Adventisten spreche – und auch mit vielen, die noch in der Gemeinde sind, aber mehr am Rande stehen – ist gerade diese Überzeugung mit ein Hauptgrund, sich von der Adventgemeinde zu distanzieren. Die Behauptung, etwas Besonderes zu sein, etwas, was andere Christen herabsetzt, etwas zutiefst Elitäres, ist etwas, das Menschen eher abstößt als anzieht. Natürlich ist der Ausdruck „Gemeinde der Übrigen“ ein biblischer Ausdruck, aber es hätte völlig ausgereicht und wäre auch meinem biblischen Verständnis angemessener gewesen, wenn Ted Wilson wenigsten an einer Stelle formuliert hätte: Wir zählen auch zur Gemeinde der Übrigen! Schließlich gibt es gerade auch bei EGW eine Vielzahl von Belegen, dass es aufrichtige Christen in vielen christlichen Konfessionen gibt. Zählen diese nicht auch zur Gemeinde Gottes? Oder meint Ted Wilson womöglich, dass es neben der Gemeinde Gottes, die sich in vielen Kirchen findet, noch eine spezielle Gemeinde der Übrigen gibt, sozusagen als Krone der christlichen Kirchen? Kennt die Bibel so etwas wie Christen erster und zweiter Klasse? Ich will dem GK-Präsidenten nichts unterstellen, aber hier wäre eine klarere Unterscheidung hilfreich gewesen.

3. Zeitspekulation. Ich nehme an, dass auch die Delegiertentagung in Atlanta mit der Hoffnung beendet wurde: Wir sind gewiss, dass wir die nächste Tagung schon im Himmel erleben werden! Ich selbst habe mehrere solcher GK-Delegiertentagungen miterlebt, die mit einem ähnlich formulierten Schlusssatz endeten. Und gleichzeitig wusste ich, dass der Saal für die nächste Delegiertenkonferenz schon gemietet war. So ähnlich wird es wohl auch in Atlanta gewesen sein.

Zusätzlich aber hat Ted Wilson in seiner Predigt die Erwartung auf die unmittelbar bevorstehende Parusie auf eine höchst dramatische Weise erhitzt. An mehreren Stellen findet sich der Hinweis, dass der Herr bald kommt. „Wir stehen heute kurz vor dem Tor zur ewigen Heimat.“ „Als bibelgläubige Christen, die in den letzten Tagen der Erdgeschichte leben …“ Wilson scheut sich nicht, ein Zitat von EGW zu bringen, das vielen unserer Theologen Schwierigkeiten macht, weil es kaum mit einem Bibeltext zu harmonisieren ist: „Jeder Christ hat das Vorrecht, nicht nur auf das Kommen unseres Herrn Jesus Christus zu warten, sondern es auch zu beschleunigen.“ Und dann der Höhepunkt: „Jesus kommt bald! Bald werden wir am östlichen Himmel eine kleine, dunkle Wolke, etwa halb so groß wie eines Mannes Faust sehen. Sie wird größer und immer heller werden. …“

Meine Großmutter war eine tiefgläubige Adventistin, aber sie ist enttäuscht gestorben. Zu oft hatte man ihr gesagt: Jesus kommt bald! Die Zeichen seien eindeutig – sie hatte den 1. und 2. Weltkrieg erlebt, die große Arbeitslosigkeit, die Inflation, das NS-Regime, das Verbot unserer Gemeinschaft. Sie konnte viele der Zeichen der Zeit aus Matthäus 24 in ihrer Lebenszeit erleben, und deshalb hatte sie der Botschaft geglaubt: Jesus kommt bald! Aber nichts geschah. Wie wird es den vielen Gläubigen ergehen, die vom GK-Präsidenten hörten: Jesus kommt bald! Und wenn sie vielleicht eingeladen werden, an der nächsten Delegiertenkonferenz in fünf Jahren teilzunehmen – werden sie überhaupt noch kommen?!

Ich predige gern über das Thema der Wiederkunft Jesu, aber ich hüte mich, falsche Hoffnungen zu wecken. Es geht auch anders, und ein GK-Präsident hat genug „Hilfspersonal“, das ihm hier eine angemessene Deutung der Texte – auch des griechischen Wortes für „bald“ - hätte liefern können.

4. Unterscheidungslehren. Wenn der neu gewählte Präsident seine erste programmatische Predigt hält, darf es nicht verwundern, dass die Unterscheidungslehren einen breiten Raum einnehmen. Das wird zurecht erwartet. Ted Wilson ist ausführlich darauf eingegangen. Auffallend war allerdings, das eine adventistische Kernwahrheit – die Gerechtigkeit aus dem Glauben – nur rund 5% des Gesamttextes beanspruchte. Aber die Tatsache, dass er sie erwähnt und sehr betont hat, lässt hoffen. „Es ist die Gerechtigkeit aus Glauben. Deshalb sollten Siebenten-Tags-Adventisten die kräftigsten Stimmen in der Verkündigung der Gnade Gottes sein!“

Wilson sprach dann über den Sabbat, die Botschaft der drei Engel und den Geist der Weissagung. Auffallend war die besondere Betonung des Buches „Der große Kampf“. Er hat zwar seine Vorliebe für dieses Buch nicht begründet, aber der Zusammenhang der gesamten Predigt lässt doch darauf schließen, dass für Ted Wilson das Zeitgeschehen nach dem Planungsmuster dieses Buches ablaufen wird. Daraus lassen sich natürlich Schlüsse ziehen, die in dieser Predigt noch nicht konkret wurden. Hier haben wir einiges zu erwarten. Das dürfte sich auch auf unsere Einstellung zum kooperativen Miteinander der verschiedenen Konfessionen, auf das Verhältnis zur Evangelischen Allianz und wohl auch auf geplante zukünftige Konsultationsgespräche auswirken.

Unmittelbar damit zusammenhängen die konkreten Ratschläge, die Ted Wilson der Weltgemeinde gab: Warnung vor den Methoden der Megakirchen, Warnung vor kontemplativen Beten, Warnung vor bestimmten Gottesdienstmethoden, hier vor allem der Hinweis auf musikalische Darbietungen, Warnung vor der historisch-kritischen Bibelauslegung. Verwunderung hat sicherlich seine Aussage ausgelöst, dass wir die Bibel buchstäblich auslegen sollen. „Steht fest für Gottes Wort ein, wie es buchstäblich zu lesen und zu verstehen ist.“ Daraus kann man sicherlich nicht die These einer Verbalinspiration ableiten, aber diese Gedanken liegen dicht beieinander. Sicherlich nicht gemeint hat er wohl mit diesem Satz die Auslegung profetisch-apokalyptischer Texte der Bibel.

Beim Thema Auslegung der Schrift ist für Zündstoff gesorgt. „Dieser unbiblische Ansatz der ‚höheren Kritik’ ist für unsere Theologie und Mission ein tödlicher Feind.“ Es wäre zweifellos ein immenser Schaden, würden die Lehrer unserer Hochschulen alle Ergebnisse der theologischen Forschung – auch wenn sie sich zur historisch-kritischen Methode zählen lassen – ignorieren müssten. Auch an dieser Stelle spüre ich wieder etwas von verkappter Wissenschaftsfeindlichkeit.

In diesen Zusammenhang gehören auch die Sätze, mit denen Ted Wilson sich zur aktuellen Diskussion um Kreationismus und Evolution äußert. Hier besteht er zwar auf dem wörtlichen 6-Tage Rhythmus, aber er fordert nicht die Annahme der 6000 Jahre. Stattdessen spricht er vom Schöpfungsereignis, das „vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden hat.“

5. Zusammenfassung. Ich bin dankbar für diese Predigt; denn sie zeigt unverschlüsselt, wohin „die Reise des Adventvolkes“ gehen soll. Sein Ziel: „Wir werden aufgenommen, um dem Herrn in der Luft zu begegnen und für immer bei ihm zu sein. … Das ist das schöne Ende der Adventreise!“ Mit diesem Ziel können wir uns alle identifizieren, aber kaum über den Weg dorthin. Wilson möchte mit Gewalt das Rad der Entwicklung zurück drehen. Auch ich bin nicht über alles erfreut, was sich im Laufe der Jahre in die Adventgemeinden eingeschlichen hat. Aber müssen wir wirklich den Weg in die Sektenmentalität antreten? Und ist sein fast unverschlüsselt formuliertes Forschungsverbot nicht genau das Gegenteil von dem, wozu uns EGW ermuntert, nämlich in der Bibel zu forschen; denn sie würde durch intensives Forschen nichts von ihrer Glaubwürdigkeit verlieren!

Es ist die Predigt eines Adventisten, der aufgewachsen ist im amerikanischen Glaubensgefüge. Der deutsche Ansatz des Adventismus, die Glaubensgrundlage Luthers, ist ihm fremd. In dieser Predigt wird der Unterschied zwischen einem lutherischen Adventismus und dem amerikanischen Adventismus deutlich. Hier liegen die tieferen Gründe für manches Missverständnis. Es gibt keinen deutschen Sonderweg des Adventismus, wie manche argwöhnen. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied in der Bewertung der Glaubensgerechtigkeit. Die „Schlacht von 1888“ ist noch nicht beendet! Wilson verknüpft diesen Begriff immer und unmittelbar mit dem Begriff Heiligung. Die Nähe zur Werksgerechtigkeit wird spürbar. Aus manchem, was Ted Wilson in seiner Predigt formuliert, sehe ich als Kirchenhistoriker ein immer stärker werdendes Angleichen an bestimmte Aussagen und Praktiken der röm.-kath. Kirche. George Knight sprach gern von einer römisch-katholischen Kirche und einer adventistisch-katholischen Kirche. Wenn er das auch manchmal nur ironisch gemeint hat, sieht auch er als Kirchenhistoriker zweifellos gewisse Parallelen.

Wilson warnt deutlich vor Fehlentwicklungen, so wie er sie sieht. Das ist in Ordnung und kann von einer Führungspersönlichkeit erwartet werden. Ich habe nichts gegen klare Aussagen. Was Wilson aber offen lässt, und hier beginnen meine Bedenken, ist die Frage, wie er mit denen umgehen wird, die sich nicht seinen Warnungen beugen. Wenn es nur um so kleine Randerscheinungen geht wie seinem Wunsch, dass im Gottesdienst nicht geklatscht werden soll, dann sind das Marginalien. Aber wie wird er mit denen umgehen, die sich seinem generellen Rückwärtskurs nicht anschließen, ihn womöglich bekämpfen?

Facit:

  • Diese Predigt enthält eine klare Positionierung der weltweiten Adventgemeinde: Sie soll zurück geführt werden in eine exklusive Gemeinde der Übrigen, die eine spezielle Botschaft hat.
  • Das Ende dieses Äons ist schon in Sichtweite! Wir können dieses Ereignis sogar beschleunigen.
  • Eine sehr starke Betonung der Schriften von EGW wird deutlich. Sie wird sogar als inspirierter Kommentar zur Bibel eingestuft.
  • Die Unterscheidungslehren werden stark betont – auf Kosten der Glaubensgerechtigkeit (also Stand von vor 1888!).
  • Gefahr dieser Predigt: Verstärkung der Polarisierungstendenzen.

Teil II

In diesem Zwischenteil möchte ich einen Gedanken formulieren, der mir beim Lesen der Predigt gekommen ist.  Die Ära Robert Pierson. Er war Präsident der Generalkonferenz, ein Mann mit klaren Positionen, aber eng in seiner theologischen Grundrichtung. Ihn habe ich persönlich erlebt anlässlich der großen deutschsprachigen Predigerkonferenz in Interlaken (CH). Eine Woche lang hörten wir Referate, die uns als jüngere Mitarbeiter immer wütender machten. Die Grundfrage, die Robert Pierson vorgab, lautete: „Ist da ein Wort des Herrn?“ Wir erhofften uns eine Aktualisierung unserer Botschaft, das, was wir gern die gegenwärtige Wahrheit nennen. Hat der Herr eine aktuelle Botschaft für unsere Zeit? Mit dieser Erwartung waren wir nach Interlaken gereist. Aber keiner der Referenten erfüllte auch nur annähernd unsere Erwartungen. Wir waren enttäuscht und frustriert.

Dann kamen einige jüngere Prediger zu mir, meist meine ehemaligen Schüler, und baten um die Vermittlung eines Gesprächs mit Robert Pierson. Ich versuchte das, und erst am letzten Abend klappte es. Ungefähr eine Stunde vor der Abschlussveranstaltung trafen wir uns mit Robert Pierson. Es ging hoch her. Die jungen Prediger nahmen kein Blatt vor den Mund, und Robert Pierson war erschüttert. Er war wohl in eine Falle gelockt worden; denn er erklärte uns, dass alle Themen vom zuständigen Sekretär der Division in Bern so gewünscht worden waren. Wir signalisierten ihm unsere tiefe Enttäuschung. Während unserer Diskussion war längst der Zeitpunkt für die Schlussveranstaltung gekommen. Immer wieder steckte jemand vom Staff den Kopf in die Tür, um uns zum Abbruch der Debatte zu bewegen. Aber Pierson blockte ab. Das war ihm jetzt wohl wichtiger. Als wir schließlich in die große Aula kamen – ich weiß heute nicht mehr, ob die Brüder inzwischen Wunsch-Lieder-Singen geübt hatten?! – war Pierson so verärgert, dass er sich zunächst weigerte, aufs Podium zu kommen. Erst als jemand von der Führungsspitze der Division zu ihm in die erste Reihe kam, kletterte er dann doch aufs Podium, um seine Schlussworte zu formulieren.

Warum erzähle ich das im Zusammenhang mit der Predigt von Ted Wilson? Robert Pierson schätze ich im Nachhinein theologisch so ähnlich ein wie Ted Wilson. Es war damals eine Ära der Enge, der Unfreiheit, ein strammer Dogmatisierungsprozess lief an. Die neuen und alten landmarks sollten einzementiert werden. Und doch geschah Erfreuliches, und das im Zusammenhang mit der Predigertagung von Interlaken. Pierson hatte damals seinen Predigtamtssekretär zum Gespräch mit uns mitgebracht. Er hörte sich alles schweigend mit an und war wohl auch erschüttert. Und dann kam sehr bald die nächste Delegiertentagung der Generalkonferenz.  Ihr vorgeschaltet war eine einwöchige Predigertagung. Ich fuhr hin und erlebte etwas Überraschendes und zugleich Erfreuliches.  Pierson und sein Predigtamtssekretär hatten unsere Botschaft von Interlaken verstanden. Diesmal wurden Referate gehalten, die genau das beinhalteten, was wir in Interlaken angemahnt hatten! Es wurde gegenwärtige Wahrheit verkündet. Ich habe mich damals beim Predigtamtssekretär persönlich bedankt und ihn gebeten, diesen Dank auch an Robert Pierson weiter zu leiten.

Welchen Schluss ziehe ich aus dieser alten Geschichte? Wenn Robert Pierson lernfähig war, warum sollte das nicht auch bei Ted Wilson möglich sein? Ich habe keine Möglichkeit mehr, mit den leitenden Brüdern über solche und ähnliche Fragen zu diskutieren, aber warum sollte die jüngere Generation nicht die Chance nutzen, den angekündigten Rückwärtstrend aufzuhalten? Ein Versuch ist es in jedem Fall wert!

Teil III

Ich wende mich jetzt dem Kommentar von S. K. Pipim zu. Die Predigt von Ted Wilson ist das eine. Eine klare Positionsbestimmung verbunden mit konkreten Warnungen. So zu predigen ist sein gutes Recht, und wir behalten die Möglichkeit, seine Botschaft aufzunehmen oder abzulehnen. Das ist das eine. Das andere aber ist der Versuch, aus dieser Predigt ein Munitionslager zu machen. Bestimmte Kreise und auch einzelne Personen versuchten sofort unmittelbar nach dieser Predigt, hier Argumente für ihre Art des Adventismus zu finden. Ein typisches Beispiel ist der vorliegende Kommentar von S. K. Pipim.

Ich halte diesen und ähnliche Kommentare deshalb für so gefährlich, weil hier versucht wird, eine schon bestehende Spannung innerhalb unserer Gemeinden zu radikalisieren. Für Pipim ist diese Predigt überhaupt das einzige, was von dieser Delegiertentagung übrig bleiben wird. „Ich glaube, für viele zu sprechen, wenn ich sage, dass die Botschaft des GK Präsidenten das bestimmende Merkmal der Generalkonferenz in Atlanta, Georgia, war.“ Wer Pipims Kommentar in Ruhe durchliest und die Predigt von Ted Wilson daneben legt, wird unschwer feststellen, dass Pipim nur die Passagen kommentiert, die ihm als Argument gegen die abtrünnigen Adventisten taugen. Pipim polemisiert ausführlich in seinem Schlussteil gegen Adventisten, die er als „progressiv“ bezeichnet. „Die Reaktion der Kritiker sind schrille Stimmen einer einflussreichen Minderheit … Ich bin ermutigt, dass ihre Ansichten nicht die lange bestehende oder gegenwärtige Position der Kirche repräsentieren. … Ich bin gleichermaßen ermutigt, dass eine überwältigende Mehrheit junger Menschen … nicht die Ansichten des abtrünnigen Adventismus teilt, der sich heute als ‚progressiv’ ausgibt.“

Was sollen solche Angriffe bewirken? Es ist der unverschlüsselte Aufruf, sich endlich zur „richtigen“ Seite des Adventismus zu bekennen. Daneben gibt es offensichtlich einen abtrünnigen Adventismus (oder wie es ein Verantwortungsträger vor einiger Zeit anlässlich einer Predigertagung formuliert hat, der von „ungläubigen Vereinigungen“ sprach.). Die Polarisierung soll voran getrieben werden, und als Kirchenhistoriker kann ich nur sagen, dass in solchem Bestreben der Keim der Spaltung liegt. Wollen Pipim und seine Anhänger wirklich die Spaltung der Adventgemeinden?

Für seine generelle Breitseite gegen die theologischen Gegner benutzt Pipim das Argumentationsarsenal des neuen GK-Präsidenten. Dabei fällt allerdings auf – und das ist sicherlich Methode – dass er nur die Passagen kommentiert, die in seine Zielrichtung gehen.  So zitiert er ausführlich alles zu den Stichworten „Megakirchen“, „Art der Gottesdienste“,  (in diesem Zusammenhang feiert er Ted Wilson als mutigen Mann, der sich das Beifall klatschen verbeten habe! „Hier war endlich ein führender Mann, der sich furchtlos gegen eine Menge stellte. … der sich nicht fürchtete, gegen das vorzugehen, was populär ist.“), „die theistische Evolution“, „die historisch-kritische Methode“ und „den Glauben an den Geist der Weissagung“.

Kein Wort zum Zentrum biblisch-adventischen Glaubens: Die Glaubensgerechtigkeit (nur in einer Aufzählung erscheint in Klammern der Ausdruck „sowohl Rechtfertigung als auch Heiligung“). Fast entlarvend wirkt sein Zitat zum Thema Evolution. Hier bringt er den ganzen Passus aus der Predigt von Ted Wilson, aber er lässt den fehlenden Hinweis auf die 6000 Jahre weg. Es fehlt in Pipims Zitat der Teilsatz „lehrt und glaubt die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten an den biblischen Schöpfungsbericht, der vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden hat.“ Da Pipim hier die 6000 Jahre fehlen, lässt er diesen Passus einfach weg. Das geschieht sicherlich nicht aus Platzmangel, sondern weil ihm hier diese Keule im Kampf gegen die verkappten Evolutionisten in unseren Reihen fehlt, verzichtet er lieber auf das vollständige Zitat.

Ich wiederhole meine Frage: Betreiben Pipim und seine Gefolgsleute – und deren gibt es nicht wenige auch in Deutschland – wirklich die Kirchenspaltung? Für mich scheint es so zu sein. Alle Anzeichen sprechen dafür. Ich erspare mir hier eine Aufzählung von Einzelheiten. Der Kern des Problems aber liegt wahrscheinlich in der bis heute nicht erreichten theologischen Einheit nach der GK-Konferenz 1888 von Minneapolis. Welchen Stellenwert hat die Heiligung oder anders formuliert: Ist Luthers Hauptsatz von der Glaubensgerechtigkeit (allein aus Glauben) auch Kern des adventistischen Glaubens? Hier scheiden sich bis heute die Geister. Dabei geht es nicht um offizielle Texte unserer Kirche. Hier bekennen wir uns klar zu Luthers Hauptsatz. Aber völlig anders sieht es in der Gemeindefrömmigkeit aus. Da bestehen immer noch die alten Fronten. Vor diesem Hintergrund gelten viele Argumente, die immer wieder als „Streitthemen“ vorgetragen werden, meist nur als vorgeschoben: Gottesdienstformen, Missionsstrategien, selbst die Fragen um den Kreationismus und bestimmte Grundfragen der Hermeneutik. Wenn ich zum Beispiel zum Thema „Inspiration“ das Buch von Hasel lese und das Buch von Thompson, dann habe ich zwei unterschiedliche Möglichkeiten und ich kann mich entscheiden. Aber welchen Inhalt ich dem Begriff Inspiration auch gebe – ob ich Hasel oder Thompson folge – ich bleibe ein anerkannter Adventist. Und das soll jetzt offensichtlich ein Ende haben! In diesen und ähnlichen Fragen soll nach dem Willen von Pipim und seinen Anhängern nur noch eine Meinung als richtig gelten – und es ist die Meinung, die er vertritt.

Ich schreibe diese Zeilen, um den Verantwortungsträgern, den Pastoren und den Gemeindebeamten zu helfen, die vorliegenden Texte in ihrer Tragweite einzuordnen. Es ist jetzt Zeit, deutlich einzugreifen. Wenn wir dem Treiben derjenigen, die auf eine Spaltung hin arbeiten, weiterhin in Deutschland Arbeitsmöglichkeiten einräumen, wird sie nicht mehr zu verhindern sein. Und dabei denke ich nicht nur an Referenten aus dem Ausland! Wollen wir das? Vor allem die Gemeindeleiter sind hier angesprochen. Sorgt für ein ausgeglichenes theologisches Klima! Theologische Diskussionen in der Gemeinde sind erwünscht, nicht aber Grabenkämpfe. Hüten wir uns davor, religiöse Streitgespräche zu reinen Machtfragen verkommen zu lassen.

Damit mich nicht jemand missversteht. Die gleichen Warnungen richte ich auch an die Gruppe, die Pipim als „progressiv“ bezeichnet. Was für das rechte Spektrum der Gemeinde gilt, gilt gleichermaßen auch fürs linke Spektrum. Beide Flügel sind notwendig. (Kein Vogel kann im Normalfall mit einem Flügel fliegen!) Keiner aber darf versuchen, allein die Richtung zu bestimmen. In der Predigt hat Ted Wilson zweifellos mehr die rechte Seite der Gemeinde gestärkt. Das war vielleicht gar nicht seine Absicht. Aber Leute wie Pipim sehen das so und versuchen, die Chance zu nutzen. Ich argumentiere gegen diesen Versuch, nicht gegen die Predigt von Ted Wilson. Über manches in dieser Predigt werde ich nachdenken, vieles widerspricht meinem Schriftverständnis, aber einiges werde ich im Herzen bewegen. Aber nichts, wirklich gar nichts von dem, was S. K. Pipim schreibt, sollte Gegenstand gemeindeinterner Gespräche werden. Hier ist die Absicht zu deutlich geworden, und niemand wird wohl wissentlich einer Spaltung der Gemeinden das Wort reden.

Mit Ted Wilson hat zweifellos eine andere Ära begonnen. Die Phase des Brückenbauers Jan Paulsen ist vorbei. Aber lassen wir uns nicht mutwillig in eine Konfrontation locken, die weder Wilson noch sonst ein verantwortungsvoller Leiter unserer Kirche anstrebt. Bewahren wir Augenmaß, auch bei den anstehenden Veränderungen innerhalb der Generalkonferenz (wenn zum Beispiel das BRI näher an die GK rücken soll und damit der Glaubenskongregation der röm.-kath. Kirche immer ähnlicher wird). „ Russland ist groß und der Zar ist weit“ – so konnte man dort gut leben, zumindest überleben. Und deshalb wiederhole ich konsequent (und penetrant) meinen Hauptlehrsatz: Das Entscheidende für dein religiöses Leben ist die theologische Atmosphäre der Ortsgemeinde! Hier sollten wir für eine Atmosphäre der gegenseitigen Akzeptanz eintreten, für eine Theologie der Mitte, für Offenheit und Aufrichtigkeit, gegen Intrigen ankämpfen, nicht den Steckenpferdreitern das Feld überlassen, der Stadt Bestes suchen, das Gespräch mit Anders- und Ungläubigen suchen, kurzum eine Atmosphäre schaffen, die Paulus als „die herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ bezeichnet hat. Und weil ich auch solche Gemeinden kenne, bin ich immer noch begeisterter Adventist.

L. E. Träder

Im Juli 2010

Ns.: Ich beabsichtige nicht, über diesen Text eine Diskussion zu führen – weder schriftlich noch mündlich. Er sollte nur zur Kenntnis genommen werden – als die Stimme eines Mitarbeiters, der 45 Jahre im aktiven Dienst unserer Freikirche stand und der dank seiner sehr unterschiedlichen Aufgaben einen sehr guten Einblick gewinnen konnte in die Situation sowohl der Gemeinden als auch der Dienststellen und Institutionen. D. O.

 

 

Nachtrag:

An einer Stelle meines Kommentars zur „Antrittspredigt“ von Ted Wilson in Atlanta hatte ich eine Formulierung gebraucht, die hätte verletzend wirken können. Ich habe nicht nur diesen Passus aus meinem Text entfernt, sondern ich habe mich zusätzlich in einem Brief vom 04. 12. 2011 bei Ted Wilson entschuldigt. Er hat mir schriftlich geantwortet, meine Entschuldigung angenommen und zum Ausdruck gebracht,  dass wir alle hin und wieder zu schnell und unüberlegt formulieren.                           L.E. Träder