Grundlagen adventistischer Identität

Auf der Suche nach einer aktuellen konkreten „gegenwärtigen Wahrheit“

Referat, gehalten im Rahmen des Nikolasseer Forums am 01. 11. 2000

 

Noch nie habe ich im Vorfeld eines Referats so viele Anrufe und e-mails vom Veranstalter erhalten wie in diesem Fall. Und jedes mal wurde – so jedenfalls war mein Eindruck – die Aufgabe schwieriger. Das Thema wurde immer umfangreicher und die Zuhörerschaft erschien mir immer nebulöser. Da war von Adventisten die Rede, auch von solchen, die schon ganz am Rande der Gemeinde stehen, von Christen, von Atheisten, von Menschen der Postmoderne etc., die ich als Zuhörer zu erwarten hätte. Auf wen und v.a. worauf sollte ich mich einstellen? Ich habe im Prinzip nichts gegen gute Absprachen, und so habe ich die Anrufe etc. auch verstanden. Aber etwas mulmig ist mir doch geworden im Laufe der Vorbereitung dieses Referats. Ich wollte euch diese Information nicht vorenthalten und hoffe nur, daß ich wenigstens in etwa die Erwartungen befriedigen kann. Das gilt auch für die Sprache. Wenn ich über ein religiöses Thema spreche, muß ich auch religiöse Begriffe gebrauchen, auch wenn manche Ausdrücke vielleicht etwas verstaubt klingen mögen. Ich bin gern bereit, bei Nachfragen Auskunft zu geben.

 

Nun aber zum Thema selbst. Ich beginne mit einigen Vorbemerkungen.

1.       Ich betrete mit diesem Thema keinen jungfräulichen Boden. Es gibt eine ganze Reihe von Aufsätzen und Referaten zu dieser Frage. Der letzte Beitrag – so viel ich weiß – erschien im AE (Nr. 6/2000) und stammt von Rolf Pöhler (Titel: Christ sein – Adventist sein?).

2.     Ich werde mich allerdings kaum auf vorhergehende Publikationen beziehen – bis auf eine Ausnahme -  sondern meine sehr persönliche Sicht darstellen. Ich werde sie auch so formulieren, daß sie für theologische Laien verständlich bleibt. Wissenschaftlich arbeitende Theologen werden deshalb wahrscheinlich etwas sie Nase rümpfen.

3.     Ich spreche in diesem Referat nur für mich und zwar als einfaches Gemeindeglied. Ich bin weder von einer Institution oder gar von einem Ausschuß zu irgend einer Aussage oder gar These autorisiert. Ich kann zwar für mich einiges an Erfahrung in Anspruch nehmen: 45 Jahre hauptamtliche Tätigkeit innerhalb der Gemeinschaft, dabei Mitarbeit in Ausschüssen auf fast allen Ebenen (Gemeinde, Vereinigung, Verband, Division). Durch meine Predigttätigkeit konnte ich Einblick gewinnen in das Gemeindeleben von Hamburg bis München und von Dresden bis Saarbrücken. Die so gewonnenen Einsichten haben Eingang gefunden auch in dieses Referat.

4.     Ich werde manche Aussage etwas überspitzt formulieren, damit der Kerngedanke schneller deutlich wird. Das wird der Diskussion gut tun, bedeutet aber auch, daß ich den Text dieses Referats nicht zur Vervielfältigung freigeben kann.

5.     Was den Zeitablauf des Nachmittags anbetrifft, so bin ich informiert worden, daß mir 2 Zeitabschnitte zur Verfügung stehen. Ich werde im ersten Teilreferat schwerpunktmäßig über Identität und im zweiten Teilreferat über „Gegenwärtige Wahrheit“ sprechen.

6.     Und noch eine letzte Vorbemerkung: Ich bin mit euch noch auf dem Weg, werde also häufig nicht eine abschließende Antwort parat haben.

 

Keine weitere Vorbemerkung, aber doch noch ein erklärendes Wort. In der Themenformulierung ist der Begriff „gegenwärtige Wahrheit“ enthalten. Wenn ich auch erst im 2. Teilreferat darüber sprechen werde, jetzt schon so viel dazu: Manch einer, v.a. Nicht-Adventisten oder erst kürzlich Getaufte können mit diesem Begriff wahrscheinlich wenig anfangen. Er gehört aber zum adventistischen Vokabular, ist fast so etwas wie ein Markenzeichen gewesen. Woher stammt der Ausdruck? Zunächst findet er sich in vielen Publikationen der adventistischen Frühzeit. Bei EGW finden wir an mehreren Stellen den Begriff present truth.  Es gab auch eine Zeitschrift dieses Namens . Aber der Ausdruck gegenwärtige Wahrheit ist keine adventistische Erfindung. Er stammt aus der Bibel. In 2.Petr.1,12 steht in den älteren Übersetzungen: „Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit solches zu erinnern, wiewohl ihr’s wisset und gestärket seid in der gegenwärtigen Wahrheit.“ In der modernen Lutherübersetzung steht: „...obwohl ihr’s wißt und gestärkt seid in der Wahrheit, die unter euch ist.“ In der griechisch – deutschen Ausgabe des NT von Eberhard Nestle steht in der Übersetzung: „... in der gegenwärtigen Wahrheit.“ Aber es geht nicht um eine philologische Frage, sondern dieser Begriff ist im Adventismus konkret besetzt. Es geht um die Frage: Zeitgeschehen und Bibelauslegung. Etwas salopp formuliert: Man legte früher die Zeitung neben die Bibel, um heraus zu finden, in welcher Zeit man lebte. So entstanden die vielen Deutungen der Zeichen der Zeit. Man versuchte, aktuelle Fragen der Gegenwart biblisch zu beantworten. Die Frage des Jeremia war die Frage vieler Adventisten:“ Siehe, sie sprechen zu mir: »Wo ist denn des HERRN Wort? (Jer.17,15) Wo ist ein Wort des Herrn, um eine aktuelle Situation zu klären, um Antworten zu finden auf drängende Fragen. Diese Vorgehensweise war ein Erkennungsmerkmal der Adventgemeinde. Wir haben hier einen wesentlichen Baustein adventistischer Identität. Allerdings einen, der verloren gegangen ist. Ich werde später darauf zurück kommen.

 

Um eine gemeinsame Gesprächsgrundlage zu haben, halte ich es für geboten, eine kurze Beschreibung des Ist-Zustandes  der Adventgemeinden in Deutschland zu versuchen. Dabei kann ich nicht vermeiden, daß Nicht-Gemeinde-Glieder etwas überfordert sind; denn ich muß von Gemeinde internen Zuständen bzw. Vorgängen sprechen.

 

1.    Kurze Beschreibung des Ist-Zustandes

 

1.1               Es besteht wohl Konsens, daß die Gliederzahl in Deutschland deutlich rückläufig ist. Wenn wir die Glieder-Statistik um die Zuwanderer aus Rumänien, Serbien, Rußland (allein ca. 3.500 Glieder!), Ghana, Korea etc. bereinigen, würde das jedem auch zahlenmäßig deutlich werden. Die Aussiedler, Umsiedler, Asylanten – so willkommen sie uns sind – verfälschen aber die Realität der Statistik.

1.2              Die Alterspyramide eröffnet bestürzende Perspektiven. Vor Jahren hat die Administration die entsprechenden Zahlen vorgelegt. Die Grafik wirkte entlarvend und beunruhigend. Eine Änderung zum Positiven kann ich nicht erkennen. Daraus ergeben sich Konsequenzen:                                  a. einige überalterte Gemeinden werden voraussichtlich in den nächsten 10 Jahren aufgelöst werden – wenn sie nicht durch Zuwanderer aufgefüllt werden.

b. die Finanzsituation wird sich verschärfen. Es sind v.a. die älteren Geschwister, die ohne Einschränkungen ihre finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Jüngere Adventisten neigen immer stärker dazu, ihre geldlichen Zuwendungen zweckgebunden zu geben.

1.3              Die Polarisierung hat einen besorgniserregenden Grad erreicht. Allein dieser Punkt erfordert eigentlich ein eigenes Referat. Hier nur so viel: In den Gemeinden stehen sich z.T. schroff unterschiedliche Frömmigkeitsstile gegenüber, ebenso Gottesdienstformen, Auffassungen von Gemeindearbeit und Mission; Jugendkultur ist heute weitgehend Musikkultur – auch ein weites Feld innergemeindlicher Polarisierung. Dabei entschärfen sich zunehmend die klassischen Konfliktfelder: alt – jung, männlich – weiblich etc. Schärfer werden dagegen die Gegensätze „theologischer“ Art: Konservativ – liberal; fundamentalistisch – libertinistisch, traditionell – progressiv. Es ist ja doch wohl kein Geheimnis, daß es auch eine immer schärfer werdende Polarisierung zwischen den beiden deutschen Verbänden gibt.  Ausschüsse können gemeinsam tagen, Konsensempfehlungen zu Wege bringen und sogar ein gewisses Harmoniegefühl entstehen lassen. Aber in der praktischen Arbeit zeigen sich eben doch gravierende Vorbehalte. Manchmal werden dabei nicht einmal die einfachsten Spielregeln des normalen Umgangs eingehalten. In diesem Zusammenhang lege ich aber auf folgende Feststellung großen Wert: Ich glaube nicht, daß ein Großteil der Gemeindeglieder diese Polarisierung will und mit trägt. Es sind nur einige wenige Wortführer, die für sich die einzig wahre Form des Adventismus usurpiert haben. Manche verstecken sich hinter dem irreführenden Begriff des „historischen Adventismus“. Aber die Zahl der Mitläufer wächst und damit die Gefahr einer gegenseitigen Blockade. Welche Auswirkungen dieser Sachverhalt auf die praktische Missionsarbeit hat – auch und v.a. im Hinblick auf unsere eigenen Kinder und Jugendlichen – bedarf wohl keiner ausführlichen Erklärung. Hier ist Handlungsbedarf und Führungskompetenz gefragt.

1.4              Folge dieser Polarisierungen ist die Zunahme der Abspaltungstendenzen. Hier unterscheide ich die weiche von der harten Abspaltung. Die harte Abspaltung liegt vor, wenn eine Gruppe z. B. wegen dogmatischer Fragen eine eigene „Organisation“ aufbaut (z. B. „Die Gemeinde der Übrigen“ ). Eine weiche Abspaltung - und die interessiert in unserer Thematik mehr – liegt vor, wenn sich Glieder einer Gemeinde zu einer neuen Gruppe zusammenschließen, weil ihre religiösen Bedürfnisse in der „Muttergemeinde“ nicht ausreichend befriedigt wurden. Es geht hier also nicht um eine andere Theologie oder eine organisatorische Neugründung. Wir können die Tendenz zur weichen Abspaltung in Deutschland seit einigen Jahren beobachten. Jüngstes mir bekanntes Beispiel: Treff ° 7 – entstanden aus der Gemeinde Hohe Marter 2. Sie hat jetzt ihr eigenes Domizil und wird offiziell unter dem Namen Adventgemeinde Altenfurt geführt. Aus dieser Gemeinde sind mir Pläne bekannt, ein Netzwerk mit Gleichgesinnten zu knüpfen. Man denkt an Dortmund, Bremen, Lüneburg etc. Ob sich hieraus eine gesonderte Form mit vielen möglichen Konsequenzen entwickelt, wird sich zeigen.

1.5              Eine wirkliche „gegenwärtige Wahrheit“ fehlt. Ich verweise auf die eingangs versuchte Definition.  Ich spreche also hier nicht von der Adventbotschaft im allgemeinen, auch nicht von den 27 Glaubensgrundsätzen, sondern von einem wesentlichen Charakteristikum des deutschen und wohl auch des globalen Adventismus. Wir hatten über lange Zeiträume biblische Antworten parat auf Fragen, die jeweils zur Zeit aktuell waren. Diese Antworten haben wir konserviert und dabei weitgehend übersehen, daß die zu Grunde liegenden Fragen nicht mehr aktuell sind. Mit theologischer Akribie bieten wir Antworten feil auf Fragen, die uns heute so keiner mehr stellt. Ich habe jahrelang z.B. mit unseren Studenten gearbeitet. Wenn heute viele von ihnen der Gemeinde den Rücken gekehrt haben, dann auch deshalb, weil ihre Fragen von der Gemeinde nicht beachtet wurden. Man nahm sie oft nicht einmal zur Kenntnis, geschweige denn ernst oder fing womöglich an, sich mit ihnen zu beschäftigen. Und wenn die Studenten penetrant weiter fragten oder gar aufmüpfig wurden, konnte es ihnen passieren – wie in einem mir bekannten Fall dann tatsächlich geschehen – daß die gesamte Studentenschaft einer Gemeinde vom Gemeindeausschuß für den Gottesdienstablauf Redeverbot erhielt. Unter das Stichwort „gegenwärtige Wahrheit“ fällt auch die nicht zu leugnende Erfolglosigkeit der öffentlichen Verkündigung. Kaum ein Prediger oder gar Vorsteher fühlt sich heute gefordert, öffentliche Vorträge anzubieten. Zu Grunde liegt nicht persönliche Faulheit oder arbeitsbedingter Zeitmangel, sondern nach meiner Beobachtung – gestützt auf viele Einzelgespräche mit Predigern – die schlichte Tatsache, daß wir keine wirklich aktualitätsbezogene biblische Botschaft haben. Natürlich gibt es punktuelle Ausnahmen. Entlastend für den Prediger vor Ort kommt natürlich seit einigen Jahren die TV-Evangelisation hinzu. Diese Lücke schließen – mit offensichtlichem Erfolg – Randgruppen der Gemeinde.  Deshalb ist es  an der Zeit, über das Thema „gegenwärtige Wahrheit“ sehr schnell, sehr gründlich und auch sehr unkonventionell nachzudenken; denn es kann ja nicht im Interesse der Gesamtgemeinde liegen, daß das wichtige Feld der biblischen Prophetie – und in dieser Thematik lag und liegt ein Hauptfeld der „gegenwärtigen Wahrheit“ -  zum Teil von einer Gruppe besetzt wird, deren Hauptredner öffentlich Aussagen machen, von deren biblischer Zuverlässigkeit ich erst noch überzeugt werden muß. Ich werde in meinem zweiten Teilreferat ausführlich darauf zu sprechen kommen.

1.6              Aus dem eben Ausgeführten ergibt sich die Beobachtung, daß bei vielen Gemeindegliedern die Motivation zur Mitarbeit weitgehend verloren gegangen ist. Gemeint ist hier die kontinuierliche Mitarbeit. Gemeindeämter können vielerorts nur schwer besetzt werden (In zunehmendem Maß muß der Prediger Gemeindeämter übernehmen!). Punktuelle Mitarbeit – z.B. bei Net 99  - wird freudig geleistet. Aber man will sich nicht über einen  längeren Zeitraum binden. Hinzukommt die rasant gestiegene Mobilität. Es fällt vielen nicht schwer – besonders in den Ballungsräumen – an 2 oder 3 Gemeinden am Sabbat vorbeizufahren, um dann in der Gemeinde ihrer Wahl den Sabbatvormittag zu verleben. Am nächsten Sabbat kann das wieder eine andere Gemeinde sein. Die früher praktizierte, weil auch vom Prediger eingeforderte Regel besagte, daß man als Adventist in die Ortsgemeinde zu gehen habe, in deren Einzugsbereich man wohnte.

1.7              Unabhängig von diesen mehr innergemeindlichen Fragestellungen, gehört in eine Beschreibung des Ist-Zustandes auch der Hinweis auf allgemeinere Probleme. Auch in der Gemeinde  - besonders unter Jugendlichen – schwindet biblisches Basiswissen. Theologische Begriffe verlieren ihre Aussagekraft. Viele empfinden ihre Gemeindezugehörigkeit mehr als soziale denn als theologische Bindung. Menschen in der Postmoderne oder wie es manche schon formulieren in der Nach-Postmoderne, können religiöse Grundbedürfnisse nicht mehr artikulieren. Sie haben Schwierigkeiten, überhaupt von Gott zu reden. Christliche Grundbegriffe sind weitgehend unbekannt. Immer noch von einem „Christlichen Abendland“ zu reden, ist sehr verwegen.  Hinzu kommt in zunehmendem Maße der Einfluß anderer Großreligionen – Islam, Buddhismus. Aufgeweckte Zeitgenossen fragen unbekümmert nach der Berechtigung eines christlichen „Allein-Vertretungs-Anspruchs“ in Sachen Religion. Im Jahr 2050 wird es ca. 10 Milliarden Menschen auf dieser Erde geben. Davon werden nur noch ca. 5% im Raum der EU leben!  Auf all diese Fragen kann ich aber im Rahmen dieses Referats nicht eingehen. Ich erwähne aber die Fragestellungen, um uns die Dimension der Aufgabe zu zeigen, der wir uns stellen müssen. Heute wollen wir uns mit einem Teilproblem befassen, das ich als Frage formulieren möchte:

 

Warum bin ich eigentlich Adventist? Oder: Worin liegt das Besondere, das Spezifische des Adventismus? Oder: Mit welcher Form von Adventismus kann ich mich heute noch identifizieren? Oder: Wofür steht die Adventgemeinde – Was hat sie evtl. schon aufgegeben?

 

Diese Fragen werden heute in vielen Variationen gestellt, von jung und alt in der Gemeinde. Viele sehen Altbewährtes zerbröseln. Manches, das zum Urgestein adventistischer Glaubenslehre gehörte, wird heute kaum noch beachtet. Jeder könnte hier Beispiele nennen, ob es sich um die Heiligtumslehre in der klassischen Form handelt oder um den Exklusivanspruch als „Gemeinde der Übrigen“ oder um die offensichtliche Diskrepanz zwischen lehrmäßigen Standards und der gelebten Wirklichkeit vieler Gemeindeglieder. Bei konsequenter Anwendung z.B. des Gemeindehandbuchs würden sich viele Gemeinden glatt halbieren.

 

In einem zweiten Teil will ich jetzt versuchen, Thesen zu einer adventistischen Identität zu formulieren, die noch nicht den Begriff der „gegenwärtigen Wahrheit“ konkretisieren, aber doch zeigen werden, womit ich mich als Adventist heute identifizieren kann.

 

2.     Aussagen zur adventistischen Identität

In diesem Kapitel benutze ich die Ergebnisse eines Arbeitskreises, den ich 1997 zusammengerufen habe. Mitglieder waren Prediger, Vorsteher, Jugendsekretäre, Religionslehrer, Theologen, Pädagogen, die beiden deutschen Verbände haben mitgewirkt und auch die Euro-Afrika Division war vertreten. Anlaß war der Vorwurf einer Kommission der GK, die Marienhöhe könnte in Gefahr geraten, ihre adventistische Identität zu verlieren. Als ich recherchierte, um diesem Begriff etwas Leben zu verleihen, stocherte ich ins Leere. Ich fand nirgendwo eine klare Zusammenfassung dessen, was unter adventistischer Identität zu verstehen sei, wollte ich mich nicht einfach auf die 27 Glaubenspunkte zurückziehen. So platt konnte und wollte ich nicht argumentieren. Also machte ich mich an die Arbeit, stellte einen repräsentativen Arbeitskreis zusammen und ließ das Ergebnis durch das Kuratorium der Marienhöhe absegnen.

 

Ziel war der Versuch, biblische Lehre, sowie adventistische Bibelauslegung mit christlich-adventistischem Leben in einer sich ständig wandelnden Umwelt in Einklang zu bringen.

 

2.1              Grundlagen und Aspekte adventistischer Identität

Als Grundlage sollte gelten:

Als Christen leben wir in einer engen Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus. Wir orientieren uns an den Grundprinzipien seiner Liebe und Gerechtigkeit. Die Bibel ist der Maßstab unseres Glaubens und Handelns. Wir halten uns an die zehn Gebote und auch daran, wie sie Jesus Christus in seiner Lehre vertieft hat. Wir erstreben einen Lebensstil, der im Zuspruch Gottes in Jesus Christus gegründet ist. Unsere Lebensführung soll die Weisung Jesu verwirklichen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ und „ Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“(Matth.22,37.39)

 

2.2            Dabei lassen sich nun verschiedene Aspekte adventistischer Identität              unterscheiden, die zusammen die adventistische Lebenswelt bilden:

2.2.1                   Glaubenslehre  (Bejahung der adventistischen Hermeneutik und Dogmatik)

2.2.2                 Geistliches Leben (eine persönliche Erfahrung von Bekehrung, Wiedergeburt und Heiligung, die sich z.B. in aktiver Teilnahme am Gemeindeleben zeigt)

2.2.3                 Ethik und Lebensstil  (eine biblisch begründete Lebensweise in Verantwortung vor Gott, dem Nächsten, der Umwelt und sich selbst)

2.2.4                 Geschichtliches Selbstverständnis  (als christlich-protestantisch-freikirchlich-adventistische Gemeinde)

2.2.5                 Mission  (ehrenamtliches und/oder berufliches Engagement für Gemeindewachstum und Gemeindeaufbau mit allen Fähigkeiten und Mitteln)

 

Wie sieht das in der Realität aus?

 

2.3            Adventistische Identität in der Gemeindewirklichkeit

 

Als Gemeinschaft der S.-T.-A. formulieren wir unser derzeitiges Selbstverständnis und unser Verständnis der biblischen Gesamtaussage (Lehre) in den „27 Glaubensüberzeugungen“. Ich möchte hier v.a. auf die Präambel hinweisen: „... Die Glaubensaussagen, wie sie hier formuliert sind, stellen dar, wie die Gemeinde die biblische Lehre versteht und bezeugt. Eine Neufassung dieser Aussagen wäre anläßlich einer Generalkonferenz möglich, sofern die Gemeinde durch den Heilgen Geist zu einem tieferen Verständnis der biblischen Wahrheit gelangt oder bessere Formulierungen findet, um die Lehren des heiligen Gotteswortes auszudrücken.“ Das heißt im Klartext: Wir haben keine Dogmen im katholischen Sinn. Wir sind dogmatisch immer noch auf dem Weg. Und nur mit einer solchen Grundeinstellung kann ich mich als Adventist identifizieren.

 

Diese Glaubensüberzeugungen, wie sie 1980 in Dallas verabschiedet worden sind, erfahren in den Gemeinden und im Leben des Einzelnen unterschiedliche Ausprägungen. Dabei spielen Altersstufen, persönliche Biographien, familiäre und kulturelle Herkunft und das persönliche Bibelverständnis eine wesentliche Rolle. Allein in Deutschland erleben wir auf diese Weise sehr unterschiedliche Ausformungen des Adventismus. Wir kennen den lutherischen Adventismus in Nord- und Ostdeutschland, die Konventikelfrömmigkeit im Rheinland, einen mehr pietistisch geprägten Adventismus in Württemberg und einen krypto-katholischen Adventismus z.B. in Bayern.

 

Zur adventistischen Lebenswirklichkeit gehört auch, daß sich aus unterschiedlichen Einstellungen und Auffassungen Tendenzen bilden können, die sowohl in uns selbst als auch in Gruppen zu finden sind. So lassen sich u.a. mehr oder weniger ausgeprägt die beiden folgenden Tendenzen beobachten, zwischen denen sich adventistisches Selbstverständnis bewegt:

Es gibt Gemeindeglieder, die aufgrund ihrer persönlichen Entscheidung mit der adventistischen Lebenswelt und ihren identitätsstiftenden Merkmalen völlig übereinstimmen. Sie betonen Einheit und Übereinstimmung und stehen in der Gefahr, durch Vereinheitlichung ihr Verständnis von Glauben bis in Einzelheiten hinein zu verabsolutieren und andersdenkende Glaubensgeschwister zu „verurteilen“. („Wer Fleisch ißt, soll die anderen nicht verachten; aber wer kein Fleisch ißt, soll die anderen auch nicht verurteilen, denn Gott hat sie ja in seine Gemeinschaft aufgenommen. 10. Warum verurteilst du dann deinen Bruder oder deine Schwester? Und du, warum verachtest du sie? Wir werden alle einmal vor Gott stehen und von ihm gerichtet werden.“ Röm.14,3.10)

Es gibt andererseits Gemeindeglieder, die aufgrund bestimmter Lebenserfahrungen einen Lebens- und Glaubensstil entwickelt haben, der nicht in allen Teilen mit der überlieferten adventistischen Lebenswelt und ihren identitätsstiftenden Merkmalen übereinstimmt. Ein starker Anteil ihrer Persönlichkeit ist jedoch darin verwurzelt. Sie betonen Vielfalt und Eigenverantwortung und stehen in der Gefahr, durch Pluralismus die adventistische Lebenswelt zu relativieren und andersdenkende Geschwister zu „verachten“.(s.o.)

Beide Gruppen sind sicherlich heute und hier vertreten. Solche, die Lebensstilfragen sehr eng an die adventistischen Standards binden und solche, die eher locker damit umgehen. Das gleiche gilt für dogmatische Fragen, Ausprägungen des persönlichen Frömmigkeitsstils, Fragen der Gottesdienstgestaltung und v.a. Fragen der Hermeneutik, also der Auslegungsmethoden biblischer Texte. Hier berühren wir schon die Frage nach einer „gegenwärtigen Wahrheit“. Haben wir Adventisten Antworten auf Fragen der Zeit oder leiern wir gebetsmühlenhaft alte Schlagworte, die kaum einer versteht oder gar praktiziert. Ein Ausdruck wie der „Mitternachtsruf“ gehört hierher und ist heute wohl unter die Rubrik theologischer Kuriosa einzuordnen.

 

Aber gehen wir einen Schritt weiter.

 

2.4            Der Weg zur Einheit in Vielfalt

Der biblischen Weisung zufolge sollen wir uns gegenseitig als Christen und Adventisten annehmen, in der von Christus geschenkten Einheit des Glaubens wachsen und einander in unserer Vielfalt anerkennen. Dazu gehört die Einsicht, daß wir aufeinander hören und voneinander lernen, weil jeder von uns auch Defizite hat. Das bedeutet die Absage an jede Form von Exklusivität, weder als Forderung noch als Wirklichkeit. Zur Förderung adventistischer Identität gehört das verstehende und deshalb konsensorientierte Gespräch. Wer im Gespräch bleibt, will und wird vom anderen lernen. Das Gespräch führt zu keinem Relativismus; denn Gott hat uns unterschiedlich gemacht, damit wir diese Unterschiedlichkeit zusammenführen und dabei zur Wahrheit gelangen. Nur viele Glieder können einen Leib bilden. Wer aus dem Gespräch aussteigt und den anderen für häretisch erklärt oder zum Feind, der lebt nicht aus der Liebe Gottes. „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? ... Darum laßt uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite. ...Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Röm.14,3.10;15,7)

 

Natürlich kann jetzt der Einwand kommen, ich schildere eine Idealgemeinde. Aber wir gehen doch der Frage nach, wie die Gemeinde sein soll, mit der ich mich identifizieren kann. Seit vielen Jahrzehnten kämpfe ich für diese Einheit in Vielfalt und ich denke schon, daß sich in Deutschland manches in dieser Richtung bewegt hat. Schließlich saßen viele Prediger in meinem Unterricht. Aber das allein war nicht entscheidend. Auch die Gemeinden haben sich bewegt – und das nicht nur in Deutschland.

 

„Die begrenzte Pluralität, die in den adventistischen Gemeinden weltweit zu beobachten ist – kultur-und geschichtsbedingt in unterschiedlicher Intensität – bedeutet konkret: Unter Beachtung der biblischen Aussagen der adventistischen Glaubensüberzeugungen und im Bewußtsein der weltweiten Einheit der Adventgemeinde können der Einzelne, die Ortsgemeinde und jede adventistische Institution vor Ort auftretende Einzelfragen der Ethik, des Lebensstils und der Mission in Eigenverantwortung entscheiden. Das bedeutet, daß Antworten in einzelnen Themenbereichen u.U. zeitlich begrenzt sind und unterschiedlich ausfallen können.“ Diese Sätze habe ich dem Papier entnommen, das ich seinerzeit mit dem AK erstellt habe und das im AE (12/97) veröffentlicht und von der Gemeinschaftsleitung akzeptiert worden ist. Ich bin nicht ganz sicher, ob alle Beteiligten die Tragweite bestimmter Formulierungen erkannt hatten.  Aber für meine Vorstellungen von adventistischer Identität sind sie existentielle Setzungen.

 

Wenn ich mich mit meiner Gemeinde identifizieren soll, dann sollte diese Gemeinde nicht nur eine klare dogmatische Struktur haben, sondern  - wie eben ausgeführt – auch einen großen Raum der persönlichen Entscheidungsfreiheit bieten und garantieren.

 

2.5            Rand- und Kernwahrheiten

 

Ein weiters identitätsstiftendes Merkmal wäre die offizielle Unterscheidung von Rand- und Kernwahrheiten. In der Praxis verfahren wir alle mehr oder weniger deutlich nach dieser Methode. Aber es fehlt bisher die offizielle Zustimmung zu dieser Praxis.

 

Was ist gemeint?

Die 27 Glaubensgrundsätze sind ja nicht alle von gleichem Gewicht. Gottfried Oosterwal erzählte mir einmal, daß in bestimmten Regionen z.B. in Afrika nur 5 – 6 dieser Grundsätze erklärt werden. Das reiche für die Taufe und Gemeindezugehörigkeit. Der Rest bleibt bestimmten anderen Teilen des Globus vorbehalten.

 

Wir berühren hier das sensible Gebilde der landmarks. Schon 1888 gab es Streit um diese Grenzpfähle und auch heute befürchten manche, daß bei zu viel Vielfalt die Einheit verloren ginge und diese Einheit gewährleistet würde durch die Grundpfeiler adventistischen Glaubens.

 

Was aber gehört zu den landmarks oder wie ich es heute nenne, zu den Kernwahrheiten? Als in der Nachfolge der Reformation stehende Freikirche gelten die lutherischen sola Sätze dazu: allein die Schrift, allein der Glaube, allein Christus. Erst kürzlich hat auf einer AWA-Tagung der evangelische Theologie-Professor Hofius (Tübingen) uns als Adventisten ermutigt, weiterhin so konsequent bei Paulus zu bleiben, wie er das auf dieser Tagung erlebt hat. Seine Kirche – die lutherische Landeskirche – habe sich schon weit davon entfernt. Als adventistische Kernwahrheiten hat EGW in der Auseinandersetzung 1888 folgendes geschrieben: „Das Verstreichen des Zeitpunkts im Jahre 1844 führte zu einer sehr ereignisreichen Zeitperiode, die unseren staunenden Blicken die Reinigung des himmlischen Heiligtums eröffnete. Ebenso die erste und zweite Botschaft der Engel, auch die dritte, die das Banner mit der Inschrift entrollte:‘Die Gebote Gottes und der Glaube an Jesus‘, die mit dem Volk Gottes auf der Erde in entscheidender Beziehung stehen. Bei dieser Verkündigung war einer der ‚Grenzsteine‘ der Tempel Gottes, den sein wahrheitsliebendes Volk wiederentdeckte und zwar im Himmel – und die Bundeslade, die das Gesetz Gottes enthielt. Das Licht des Sabbats vom 4.Gebot sandte seine starke Strahlung über den Weg der Übertreter des göttlichen Gesetzes. Auch die Sterblichkeit der Gottlosen ist so ein alter ‚Grenzstein‘. Ich kann mich an nichts anderes erinnern, was sonst noch unter ‚Grenzstein‘ eingeordnet wurde. All dies Geschrei über das Verrücken alter Grenzsteine ist reine Einbildung.“(EGW, Counsels to Writers and Editors, 1946,S.30.31)

 

Das bedeutet: Zum Kern adventistischer Lehren gehören

·        Die Lehre vom Zustand der Toten (Frage der Unsterblichkeit)

·        Die Lehre vom Heiligtum mit zwei Schwerpunkten –

·        Der Versöhnungsdienst Jesu seit seiner Himmelfahrt

·        Die Bundeslade mit dem Gesetz; hier v.a. das 4.Gebot

·        Die Botschaften der drei Engel aus Offb.14

 

In diesen theologischen Kernbereichen ist Konsens gefordert. Mit dieser Forderung kann ich mich identifizieren. Aber weite Bereiche des Lebens: Teilhabe an der Kultur, Fragen des Lebensstils, Auslegung prophetischer Texte, etc. gehören in den theologischen Randbereich. Hier ist Vielfalt möglich, ja sogar geboten. Ich appelliere an die Gemeinde und die Gemeinschaftsleitung hier Freiheit und damit individuelle Verantwortung zu praktizieren. Wir befinden uns mit dieser Ansicht durchaus im adventistischen Kontext, allerdings der Frühzeit.

„In der mir am 12.Juni 1868 gegebenen Vision wurde mir die große Gefahr des Volkes Gottes gezeigt, auf Bruder und Schwester White zu schauen und zu denken, sie müssen mit ihren Lasten zu ihnen kommen und Rat von ihnen zu holen. Dies soll nicht so sein. Viele kommen zu uns mit der Frage, soll ich dies tun? Darf ich mich in jenes Unternehmen einlassen? Oder in Bezug auf Kleidung: Soll ich dies oder jenes Stück tragen? Ich antworte ihnen: Ihr bekennt, Nachfolger Christi zu sein. Forscht doch in euren Bibeln! Studiert sorgfältig und unter Gebet das Leben unseres Heilandes, als er hier auf Erden unter den Menschen weilte. Folgt seinem Beispiel und ihr werdet nicht vom schmalen Weg abirren. Wir weigern uns entschieden, für euch Gewissen zu sein. Wenn wir euch das sagen, was ihr tun sollt, werdet ihr auf uns blicken, um von uns geführt zu werden, anstatt euch unmittelbar an Jesus zu wenden. Eure Erfahrung wird in uns gegründet sein. Ihr müßt aber selbst Erfahrungen machen, die in Gott gegründet sind.“ (T II,S.119)

Diese Ratschläge hat die Gemeinde weitgehend ignoriert. Ich beobachte immer wieder, daß in Diskussionen ein EGW-Zitat so etwas wie ein Schlußwort sein soll. Mit einem solchen Mißverständnis von EGW kann ich mich nicht identifizieren. Es hätte jetzt aber wenig Sinn, mit einer Vielzahl von Zitaten aufzufahren. Ich bleibe in der adventistischen Tradition, wenn ich mich so verhalte, wie EGW das im Verlauf der Debatten 1888 mehrmals formuliert hat: „Die Tatsache, daß er (Dr.Waggoner) in aller Aufrichtigkeit einiges in der Bibel anders betrachtet als du oder ich, liefert uns keine Begründung dafür, daß wir ihn als einen Verbrecher behandeln sollten – als einen gefährlichen Menschen.“ Durfte also Br. Waggoner unbeschadet anderer Meinung sein als EGW?  Durchaus: „Ich habe keinen Grund für die Annahme, er würde von Gott geringer eingeschätzt als irgendeiner meiner Brüder.“ ( A.V.Olson, Thirteen Crisis Years, 1981,S.304)

 

Adventistische Identität entnehme ich auch folgenden Sätzen, die EGW in einer Ansprache an Prediger am 21.Okt.1888 formuliert hat: “Die Veränderungen, die in unserer Welt ständig stattfinden, rufen uns zu einer Arbeitsweise auf, die diesen besonderen Entwicklungen gerecht wird. ... Lehrer in unseren Schulen sollten nie eingeschränkt werden, indem man ihnen sagt, sie dürften nur das lehren, was bisher auch gelehrt worden sei. Weg mit diesen Einschränkungen.“ (Olson, S.282)

 

Bevor ich meine Thesen zum Thema adventistische Identität formuliere, möchte ich noch einen adventistischen Prediger der Frühzeit zitieren, der innerhalb unserer Kirche großen Einfluß hatte, aber nie ganz unumstritten war. Loughborough hat mit fast prophetischer Gabe am 8.Okt. 1861 im „Review“ folgendes geschrieben: „Der erste Schritt zum Abfall besteht darin, ein Glaubensbekenntnis aufzustellen, das uns sagt, was wir glauben sollen; der zweite darin, das dieses über die Mitgliedschaft entscheidet; der dritte darin, daß man Glieder anhand  dieses Bekenntnisses überprüft. Der vierte darin, daß man die zu Abtrünnigen stempelt, die an das Glaubensbekenntnis nicht glauben und der fünfte darin, daß man mit ihrer Verfolgung beginnt.“ – Mit dieser Wertung der schriftlich formulierten Glaubens- und Verhaltensregeln kann ich mich identifizieren. Sie entspricht sinngemäß genau dem, was im Vorwort der jetzigen Ausgabe des 27 Glaubensüberzeugungen steht: „Wir verstehen das vorliegende Werk nicht als theologisch fest zementiertes Dogmengebäude, sondern als eine christozentrische Darstellung unseres Glaubens. Für Adventisten gilt im Blick auf die Lehre nur der bewährte reformatorische Grundsatz: “Allein  die Bibel, und nichts als die Bibel!“ (S.8) Wenn wir uns auf diese Linie verständigen können, bleibt diese Gemeinde meine Gemeinde.

 

 

 

2.6            Der adventistische Kirchenbegriff

 

Hier eröffnet sich ein weites Feld der Diskussion. In den USA erörtert man seit einigen Jahren die Nachteile und Vorzüge z.B. des Kongregationalismus (Selbstverwaltung). Ich will diese Diskussion hier nicht darstellen, sondern nur schlicht meine Meinung zur Organisation unserer Kirche formulieren. Dieses Thema erörtere ich übrigens schon seit vielen Jahren – auch in der Gemeindeöffentlichkeit -  d.h. daß diese Diskussion in Deutschland lange vor der in den USA begonnen hat. Aber erst wenn in den USA ein Thema aufkommt, nimmt die Weltkirche davon Notiz. 1985 z.B. habe ich in einem Referat in Mühlenrahmede die Struktur der Adventgemeinden weltweit unter kirchengeschichtlichem Aspekt beschrieben: Eine adventistische Kirche in Europa, eine in Afrika, eine in Nordamerika etc. und darüber an Stelle der Generalkonferenz einen Weltbund adventistischer Kirchen. (AGG, Bd.25) Probleme der Frauenordination, der Gestaltung der Sabbatschulhefte, der Gebetslesungen,etc. wären aktueller und v.a. realitätsbezogener zu lösen. Aber dieses große Thema will ich heute und hier nicht weiter ausmalen.

 

3.      Thesen zur adventistischen Identität

 

Im folgenden versuche ich, die Hauptgedanken des Referats in Thesenform zusammen zu fassen.

3.1              Adventisten unterscheiden sich von anderen Christen durch einige lehrmäßige Besonderheiten. (siehe Stichwort landmarks )

3.2            Adventisten stehen auf dem Boden der Reformation und damit in protestantischer Tradition. (siehe sola – Sätze)

3.3            Adventisten versuchen biblische Antworten  auf Fragen der Zeit zu geben. (siehe Stichwort gegenwärtige Wahrheit)

3.4            Adventisten erfreuen sich der Freiheit der Kinder Gottes in den Fragen des Alltags und akzeptieren die damit verbundene Verantwortung. (siehe Stichwort Randwahrheiten)

3.5            Adventisten bejahen die Einheit des Glaubens in den Kernwahrheiten. (siehe Diskussion 1888)

3.6            Der adventistische Kirchenbegriff ist im Umbruch. (siehe Diskussion des Begriffs Kongregationalismus)

 

Wenn das – wenigstens teilweise – akzeptiert würde, fänden wir auch wieder eine aktuelle gegenwärtige Wahrheit im Sinne einer adventistischen Identität.

 

L. E. Träder