Referat, anlässlich der FACIT[1]Tagung am 05. 02. 2011 in Stuttgart

 

„Die Adventgemeinde als geistliche Heimat“

 

Teil I  Situationsbeschreibung unserer Freikirche in Deutschland

  1.   Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen
  2.   Theologische Entwicklungen

 

Teil II  Unsere Freikirche im 21. Jahrhundert

  1.  Einheit trotz Vielfalt
  2. Die Bedeutung der Ortsgemeinde

 

Einleitung

Seit Jahren geht ein heimlicher Riss durch viele Gemeinden in Deutschland. Dieser Riss blieb bis vor kurzem weit gehend versteckt unter den Begriffen „konservativ“ und „liberal“. Dahinter verbargen sich zwei Strömungen: Auf der einen Seiten standen die „Bewahrer“, auf der anderen die „Fortschrittlichen“. Hier ausschließlich bezogen auf theologische Sachverhalte. Selten traten die Vertreter der beiden Gruppierungen in Reinkultur auf. Meist zeigten sich vielfältige Mischungen. Daneben aber gab es eine schweigende Mehrheit, die sich kaum an aktuellen Diskussionen beteiligte. Da diese formale Benennung keine wirkliche Auseinandersetzung erlaubte, kam es nie zu echten Gesprächen. Man lebte so vor sich hin. Die lehrmäßigen Differenzen wurden nicht diskutiert, jeder hatte weit gehend die Möglichkeit, seinen Glauben so zu praktizieren, wie er es privat für richtig hielt.

 

Das hat sich seit einigen Jahren offensichtlich geändert. Immer häufiger tauchte in unseren Publikationen und Ansprachen der Begriff „Polarisierung“ auf. Manche sprachen sogar von Spaltungstendenzen. Theologisch geisterte der Begriff „Sichtung“ durch die Gemeinden. Aktuell ausgebrochen ist der offene Streit durch die zunächst „versehentliche“ Publikation des Arbeitspapiers „Quo vadis, Adventgemeinde?“.  Der Beirat der Freikirche in Deutschland (FiD) hatte ein Diskussionspapier erstellt, an dem sich jetzt offensichtlich die Geister scheiden.

 

Aber es geht bei meinem Referat nicht um eine Auseinadersetzung nur mit diesem Papier, sondern es geht um die zu Grunde liegende Frage: Wie lässt sich ein Auseinanderbrechen der theologischen Flügel unserer Kirche in Deutschland noch vermeiden?[2] Dass es unterschiedliche theologische Positionen in unserer Kirche gab, gibt und geben wird, ist Tatsache. Anerkannte Autoren unserer Kirche beschreiben das in aktuellen Büchern.[3] Aber wie ist die gegenwärtige Situation? Wie können, sollten wir reagieren? Wie ist die augenblickliche Schärfe  der Diskussion zu erklären? Gibt es einen konkreten Ausweg? Oder vielleicht etwas schärfer gefragt: Wie können wir verhindern, dass durch die aktuelle Situation - Streit, Verleumdungen, Verdächtigungen und rigorose Zuspitzungen -  immer mehr gutwillige Adventisten den stillen Exodus vollziehen? Darin sehe ich das eigentliche Motiv für mein Referat heute. Was können, müssen wir tun, um die vielen Adventisten, die heute schon am Rande stehen und die durch die augenblickliche Polarisierungsdebatte immer mehr den geistlichen Boden unter den Füßen verlieren, irgendwie für die Gemeinde zu erhalten ?

 

Ich werde bei meinem Erklärungsversuch nicht nur den Blick nach Innen, also ausschließlich auf die Gemeinde richten, sondern auch nach Außen. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben das Leben des Einzelnen verändert, und welche haben Auswirkungen auf die Gemeinde?

 

1. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen.

 

Ich beginne mit einem kleinen Beispiel zur Einstimmung:

Das Passagierflugzeug A2  „Britische Ingenieure entwickeln ein Flugzeug, das in knapp fünf Stunden von Europa nach Australien fliegt. Der Jet soll eine Geschwindigkeit von etwa 6.400 Km pro Stunde erreichen. Das ist fünfmal schneller als der Schall. Die Tanks des Hyperschall-Jets werden mit flüssigem Wasserstoff gefüllt sein. … Mit 143 Metern ist die A2 deutlich länger als die derzeit größten Passagierjets. Weil sich die Außenhaut des Flugzeugs bei so hohen Geschwindigkeiten extrem erhitzt, müssen die Fluggäste auf Fenster verzichten. Allerdings sollen Flachbildschirme Eindrücke von draußen zeigen. Mit dem Hyperschall-Flieger sind künftig Tagesreisen von Europa nach Australien möglich, sagt Chef-Entwickler Alan Bond. Ein Flug von Brüssel auf den fünften Kontinent würde statt rund 20 Stunden lediglich vier Stunden und 40 Minuten dauern.“[4]

 

Wann dieses Flugzeug einsatzbereit ist und ob es überhaupt jemals gebaut werden wird, ist eigentlich Nebensache. Entscheidend ist die Richtung, in die die Entwicklung zu gehen scheint. Für mich bedeutet eine solche Meldung, dass der bislang gehegte Fortschrittsglaube offensichtlich ungebrochen weiter existiert: immer schneller, immer höher, immer tiefer, immer größer – und das sei auch immer besser.

 

Um die gesellschaftlichen Veränderungen ins Blickfeld zu nehmen, habe ich 6 Teilthemen ausgemacht:

1.       Die Welt im Netz

2.      Ergebnisse der Biotechnik

3.      Veränderungen im politisch-wirtschaftlichen Weltgefüge

4.      Der Beginn des urbanen Millenniums

5.      Frauen auf der Überholspur

6.      Strukturwandel in der Arbeitswelt

 

Jedes Teilthema wäre es wert, ausführlich behandelt zu werden.[5] Es sind die Gebiete, die für die meisten Veränderungen in unserem Leben verantwortlich sind. Aus Zeitgründen werde ich nur ein Thema herausgreifen, dass am deutlichsten theologische Konsequenzen bewirkt, also ein Thema, das auch die Gemeinde als Ganzes betrifft.

 

 

 

 

  • Veränderungen im politisch-wirtschaftlichen Weltgefüge.

Dieses Teilthema berührt einen wesentlichen Aspekt adventistischer Identität. Gemeint ist die Auslegung prophetisch-apokalyptischer Bibeltexte. Noch bis in die 1950er Jahre hinein hatten wir den Mut, „Bibel und Zeitung“ nebeneinander zu legen. D. h. wir deuteten historische Ereignisse und Entwicklungen im Rahmen bestimmter Bibeltexte. Dann aber merkten wir, dass wir uns eigentlich in den meisten Auslegungen dieser Art geirrt hatten, und die Verkündiger wurden schweigsam.

 

Erst seit einigen Jahren stelle ich eine zunehmende Aktivität auch auf diesem Gebiet fest. Allerdings mit einer eher betrüblichen Tendenz: Es werden schlicht die alten Auslegungsmuster reaktiviert.  Dass sich die Welt nicht nur dramatisch verändert hat, sondern dabei ist, sich weiter rasant zu verändern, wird von diesen Bibelauslegern kaum zur Kenntnis genommen.  Ein Wust von unverantwortlichen Verschwörungstheorien ist entwickelt worden. Ein einleuchtendes Beispiel bietet unser Umgang mit den USA. Ich werde mich nicht mit dem Thema „Weltregierung“ und ähnlichen pseudowissenschaftlichen Spekulationen aufhalten, sondern die grundsätzliche Frage stellen: Welche Bedeutung hat Amerika heute und welche Schlüsse müsste man daraus im Hinblick auf die Auslegung bestimmter Bibeltexte ziehen?

 

Mit dem Endes des Kalten Krieges begann eine neue Epoche. Die Geschichte zeigt uns, dass es nach dem Zusammenbruch großer Staatsgebilde Jahrzehnte dauert, bis sich eine gewisse Neuordnung etabliert hat und wieder Ruhe einkehrt. Das beste Beispiel, wenn auch mit bedrückendem Hintergrund, liefern uns die Randstaaten Russlands, vor allem im Kaukasus.

 

Wir sind heute mitten in einem solchen Veränderungsprozess. Das hat nicht nur etwas mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu tun, sondern auch mit dem Erwachen neuer Völker und dem Erstarken alter Großreiche. Schon in den 1960er Jahren konnte man in Fachzeitschriften und Büchern lesen, dass Russen und Amerikaner gut beraten wären, sich zusammenzutun, um wenigstens gemeinsam bis zur Jahrtausendwende den Chinesen Paroli bieten zu können.[6] Das hat ja auch weit gehend geklappt. Bush sen. und Gorbatschow haben vortrefflich kooperiert. So konnte die deutsche Vereinigung gelingen. Und auch heute sollte man sich nicht vom wieder erstarkten Russland und seinem Säbelgerassel täuschen lassen: Es wird keine ernsthafte Konfrontation mit den Amerikanern geben. Das haben wir den Chinesen und Indern zu verdanken.

 

Noch sind die USA auf fast allen Gebieten die Nummer eins in der Welt. Aber vieles ist offensichtlich nur noch Fassade. Dahinter offenbaren sich höchst bedenkliche Defizite. Das bezieht sich nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf den militärischen Sektor. Machen wir es kurz: Die Musik spielt weit gehend heute schon in Asien. Und dabei denke ich nicht an Japan. Es geht um China und Indien. Ich habe beide Länder bereist und kann nur stauen, wie dürftig informiert die herrschende Klasse sowohl in Europa als auch in den USA ist.

 

Es ist natürlich richtig, wenn westliche Fachleute immer wieder darauf hinweisen, dass es vor allem in China viele noch ungelöste Probleme gibt, die dieses Land daran hindern könnten, den begonnenen Aufstieg kontinuierlich fortzusetzen. Die Bauernschaft verliert ihre traditionelle Rolle, versinkt in Armut und könnte durch soziale Unruhen die politisch- wirtschaftliche Lage Chinas explosiv erschüttern. Auch benennt der Hinweis auf die ungeheure Umweltverschmutzung in China ein besonderes Problem. Aber diese negativen Erscheinungen werden oft einseitig dargestellt und dabei die immensen positiven Fortschritte unterschlagen. Hier könnte das Buch von Georg Blume eine Hilfe sein.[7]

 

Grundsätzlich ist festzuhalten: China besitzt alle Mittel und vor allem auch den Willen, um zur führenden Weltmacht aufzusteigen.

  1. Die unermessliche Anzahl von Menschen
  2. Riesige, zum größten Teil noch unerschlossene Bodenschätze
  3. Eine kluge Ideologie, die bei straffer Führung durch die Partei doch dem Einzelne einen großen wirtschaftlichen Spielraum lässt.
  4. Ein starkes nationales Selbstbewusstsein, das diesem Volk Stolz und Einheit verleiht.
  5. Eine Jahrtausend alte Geschichte und Tradition.

 

China dürfte das erste Weltreich in der Geschichte sein, das sich nach tiefem Fall wieder zu alter Größe entwickelt. Das haben weder Babylon, noch Griechenland oder Rom geschafft. Die Wirtschaftsleistung Chinas steigt kontinuierlich um 10% pro Jahr. Inzwischen ist China die viertgrößte Volkswirtschaft und hat Deutschland als Exportweltmeister abgelöst. Mit 1.900 Mrd. US §  besitzt China die weltweit größten Devisenreserven. In China und Indien wachsen kaufkräftige Mittelschichten heran – in der Größenordnung von 200 bis 300 Millionen – die eine rege Nachfrage nach Autos, Maschinen und Werksanlagen auslösen. „In zehn Jahren wird China die USA als größte Wirtschaftsmacht der Welt überholen.“[8]

 

„Sowohl China als auch Indien legen großes Gewicht auf die Bildung von Humankapital.“ (Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank)[9] Beide Länder haben ein höchst ehrgeiziges Bildungs- und Forschungsprogramm aufgelegt. Sie wollen die westlichen Länder nicht nur einholen, sondern sehr bald auch überholen. „In wenigen Jahren werden Elitehochschulen wie Harvard oder Yale mit der Tsinghua-Universität und der Peking Universität sowie den Indian Institutes of Technology ebenbürtige Wettbewerber haben.“[10]

 

Die weltpolitische Lage hat sich in den letzten 20 Jahren  dramatisch verändert, ohne dass es viele Menschen wirklich realisiert haben. Wir leben in Europa in einem windstillen Flecken der Weltgeschichte. Noch zehren wir von unserer großen Vergangenheit. Noch haben wir eine Fülle wichtiger Innovationen vorzuweisen. Noch ist das Know how unserer Wissenschaftler und Großkonzerne bedeutsam. Und da wir in Deutschland zudem die längste Friedensperiode seit Jahrhunderten erleben, sind wir in einen historischen Dämmerschlaf gefallen. Wenn es nach uns ginge, sollte es alles so bleiben, wie es immer war. Aber die Welt um uns herum lässt das nicht zu. Hier haben sich gewaltige Veränderungen ergeben, und damit meine ich nicht nur den Fall des sowjetischen Großreichs. Asien ist auf dem Vormarsch, unaufhaltsam und bisher militärisch friedlich. China und Indien besitzen zwar die Atombombe, aber mehr als Drohmittel.

 

Fazit: Kurzfristig bleiben die USA noch die Nummer 1 in der Weltpolitik. Mittelfristig wird es zu einer multipolaren Welt kommen, in der die USA zwar noch eine wichtige Rolle spielen, aber die Dominanz des Westens ist beendet. Langfristig dürfte es zu einer eindeutigen Vorherrschaft Asiens, vor allem Chinas kommen.

 

Und was bedeutet das für die Gemeinde, v. a. für unsere Theologie?

Aus Zeitgründen kann ich keine spezielle Textexegese vorlegen, sondern nur eine sehr grundsätzliche Anmerkung machen. Wenn ich die adventistische Literatur richtig einordne, bewegen wir uns zum Beispiel in der Auslegung der prophetisch-apokalyptischen Texte der Bibel noch im vorvorigen Jahrhundert. Wir tun immer noch so, als sei Europa der Nabel der Welt oder seriöser formuliert: Wir deuten eurozentristisch. Das hat eine lange Tradition und durchaus seine Berechtigung. Viele Texte legen uns das ja auch nahe, aber inzwischen hat sich die Welt dramatisch verändert. Die Musik spielt in Asien! Müsste das nicht auch Auswirkungen auf unsere Theologie haben?

 

Ich habe mich schon lange gefragt, warum wir viele prophetische Texte so einseitig auslegen, so ganz auf Europa und die USA bezogen. Bei meinen privaten Reisen durch Südamerika, Afrika, Indien, China habe ich mich oft gefragt, ob es wohl der Absicht Gottes entspricht, dass all diese Völker und ihre Geschichte in der Bibel wirklich keine Rolle spielen. Bei unserer eurozentristischen Bibelauslegung entschwindet der größte Teil der Menschheit im theologischen Niemandsland. Wäre es nicht an der Zeit hier umzudenken?

 

Ich plädiere für einen globalen Ansatz bei der Deutung der prophetisch-apokalyptischen  Texte der Bibel. Was das im einzelnen bedeutet, kann ich in diesem Referat aus Zeitgründen nicht ausführen.[11] Aber ich möchte an dieser Stelle einem möglichen Missverständnis vorbeugen. Ich behaupte nicht, dass die bisherige Methode der Auslegung und deren Ergebnisse falsch gewesen seien. Was Conradi, Ellen White, Uriah Smith u. a. formuliert haben, war überzeugend und hat vielen Menschen geholfen, Vertrauen zu den Aussagen der Bibel zu gewinnen, und viele haben sich deshalb der Gemeinde angeschlossen. Aber es muss doch erlaubt sein zu fragen, ob die bislang geübte Praxis der Auslegung die allein mögliche ist, oder ob die völlig veränderte Weltlage nicht einen neuen Ansatz erfordert und auch rechtfertigt.

 

Wir kennen Auslegungen, die richtig aber zeitlich begrenzt sind.  Die deutschen Reformatoren bieten Beispiele dafür. Sie haben in manchen Bibeltexten die Türken oder den Papst gesehen. Wir sehen manches heute anders als sie. Aber es wäre vermessen zu sagen, sie hätten sich damals geirrt. Es ist bekanntlich ein Kennzeichen von Laodizea, wenn eine Gemeinde meint, im Vollbesitz der Wahrheit zu sein. Ellen White warnte immer wieder vor dieser Selbstzufriedenheit. Ich will es bei einem Zitat bewenden lassen: „Wahrheit, die ihren Ursprung in Gott hat, ist progressiv, sie ist nach vorn gerichtet, sie nimmt an Kraft zu, ihr Licht wird immer heller. Unsere Erkenntnis der Wahrheit beginnt im Kleinen; zunächst verstehen wir nur wenig, dann immer mehr, bis hin zur Vollendung – zuerst der Halm, danach die Ähre, danach der volle Weizen in der Ähre. (Mk.4:28). Wir haben uns selbst viel geschadet, weil unsere Prediger und Glieder davon überzeugt waren, dass wir im Vollbesitz aller Wahrheit wären, die für uns von Bedeutung ist. Aber dieser Schluss ist ein Irrtum und stellt eine der Täuschungen Satans dar; denn Wahrheit wird sich unaufhörlich entfalten.“[12] Es gibt eine Reihe ähnlicher Äußerungen in ihrem Schrifttum. Sie zeigen, dass Ellen White durchaus bereit war, immer wieder „neues Licht“ anzunehmen. Bezogen auf die Mehrheit der Gemeindemitglieder in Deutschland habe ich allerdings den Eindruck, dass wir eher der Grundstimmung von Laodizea ähneln.

 

Wenn ich hier für einen neuen Ansatz in der Deutung prophetisch-apokalyptischer Bibeltexte eintrete, dann in der Erwartung, dass wir wieder so etwas wie eine „gegenwärtige Wahrheit“ finden, die es sich lohnt, zu verkündigen. Und genau in diesem Zusammenhang stehen auch die übrigen Teilthemen der gesellschaftlichen Veränderungen. „Die Welt im Netz“ – Hat nicht dieses Medium uns  schon so verändert, dass wir Charakterzüge entdecken, die man bei bekehrten Christen kaum noch vermuten würde? „Dieses revolutionäre und komfortable Werkzeug … wird dazu benutzt, das Ansehen von Menschen zu besudeln und zu schädigen. Dies geschieht vor allem dort, wo es um Lehrmeinungen und Glaubenspraktiken geht. Gläubige Frauen und Männer, Professoren, Pastoren, Leiter und Lehrer werden in Internet-Beiträgen und Rundmails durch unbedachte Kritik, ungeprüfte Behauptungen und das Aufdecken angeblicher Charakterfehler niedergeknüppelt…“[13] Ich selbst muss hier ein mea culpa aussprechen. Aber es zeigt doch, wie triefgreifend die gesellschaftlichen Veränderungen uns und unsere Gemeinde verändert haben. Das gilt auch für die Themen „Das biotechnische Zeitalter“, „Der Beginn des urbanen Zeitalters“, „Frauen auf der Überholspur“, (hier sind wir als Gemeinde wohl noch sehr weit zurück!) und „Strukturwandel in der Arbeitswelt“.

 

Verlassen wir jetzt den Fokus der gesellschaftlichen Veränderungen und wenden uns dem 2. Teil der Situationsbeschreibung zu:

 

2.  Theologische Entwicklungen

 

Hier muss ich mich nun doch etwas konkreter auf den Text beziehen, der im Augenblick fast so etwas wie eine Streitschrift mittelalterlicher Prägung in den Gemeinden diskutiert wird. „Quo vadis, Adventgemeinde?“ Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als ob hier ein kleiner Kreis im Verborgenen am Umsturz der bestehenden Ordnungen unserer Kirche gearbeitet habe, um dann mit Donnerschlag – wie weiland Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg stehend – die Mitglieder der FiD, also unseres höchsten Leitungsgremiums in Deutschland, mit einem theologischen Umsturzversuch zu überrumpeln. Reines Fantasiedenken!  Viele Reaktionen sind mir völlig unverständlich. Ich kann mir sie nur so erklären, dass der Text an manchen Stellen völlig missverstanden worden ist. Vielleicht sind so die zum Teil rufmordschädigenden Auslassungen mancher Autoren diverser E-Mails zu verstehen.

Aber darum geht es heute nicht. Wir fragen: Welche theologischen Entwicklungen sind in den letzten Jahren sichtbar geworden? Als Weltkirche haben wir ja einen langen und nicht immer gradlinigen Weg hinter uns. Bis 1888 vertraten wir einen eher gesetzlichen Glauben. Nach 1888 wurde die lutherische Erkenntnis sola fide in den Mittelpunkt gerückt. Erlösung geschieht allein durch den Glauben. Zwischen 1920 und 1956 gewannen fundamentalistische Überzeugungen wieder stärker die Oberhand. Teilweise wurde sogar wieder die Verbalinspiration gelehrt – sowohl auf die Bibel als auch auf das Schrifttum von Ellen White bezogen. Allerdings wurde zunehmend auch differenzierter formuliert, aber das Werk Questions on doctrine gilt bei vielen konservativen Adventisten bis heute als nicht ganz koscher. Und seit etwa 1980 beginnt die Zeit, mit der wir uns heute beschäftigen.

 

Bevor ich diese Zeit schildere, ist es angebracht, einige Begriffe zu klären, ohne umfassende Definitionen zu benutzen. Ich will nur sagen, wie ich diese Begriffe verstehe und anwende. Beginnen wir mit konservativ  und liberal. Konservatives Denken zeigt sich in dem Bemühen, das Althergebrachte, Bewährte unter allen Umständen zu bewahren. Und als liberales Denken bezeichne ich ein Denken, das aufgeschlossen ist für Neues, auch Ungewohntes. Dieses Denken scheut kein Risiko und ist bereit, auch Grundsätzliches zu hinterfragen. Beiden Denkformen entspricht ein adäquater Lebensstil und setzt sich fort in unterschiedlichen Auffassungen von Gottesdienst, von privater Frömmigkeit, von Missionsstrategien, und auch in der Frage der ökumenischen Annäherung gibt es Unterschiede. Beide Gruppen aber sind durchaus in der Lage, gut miteinander auszukommen. Sie schätzen einander und lassen beide als angesehene Adventisten gelten. Ihr beiderseitiger Grundkonsens besteht in der gemeinsamen Akzeptanz der biblisch-adventistischen Grundaussagen. Und ich wiederhole: Es gibt wahrscheinlich wenige Gemeindemitglieder, die die eine oder andere Einstellung in Reinkultur verkörpern. Vielmehr finden wir viele, die von beidem etwas verinnerlicht haben.

 

Zu beiden Gruppen aber gibt es auch Extrempositionen. Auf der konservativen Seite ist das der orthodoxe Fundamentalismus und die extreme Form des Liberalismus bezeichne ich als Theologie der Beliebigkeit. Der Begriff Fundamentalismus ist heute einer allgemeinen Weitläufigkeit ausgesetzt.  Ihm ist so etwas wie eine Begriffs-Inflation widerfahren. Ohne die historischen Wurzeln dieses Begriffes in den USA zu untersuchen – unsere Kirche hat daran einen nicht geringen Anteil! – ist er so etwas wie eine Steigerung des Konservativen, und wenn dann noch dazu der Begriff orthodox hinzukommt, haben wir es mit einer gefährlichen Mischung zu tun. Orthodox nennt man eine versteinerte Grundhaltung. Da bewegt sich nichts mehr. Alles ist ein für alle Mal entschieden oder erkannt. Der orthodoxe Fundamentalismus findet sich in zunehmendem Maß auch in deutschen Adventgemeinden. Theologisch beharren sie auf Positionen, die z. T. bis in die Phase von vor 1888 reichen! Glaubensgehorsam geht vor Glaubensgerechtigkeit. Und dass sich die Welt dramatisch verändert, bleibt in ihrer Theologie weit gehend unberücksichtigt. Der Aufstieg Chinas und Indiens, der schleichende Verfall der USA, die Herausforderungen des Islam, die deutlich nachweisbare Metamorphose der röm.-kath. Kirche – all das wird ignoriert oder anders gedeutet. Die Vertreter des orthodoxen Fundamentalismus zeigen die typischen Merkmale der Gemeinde von Laodizea: Sie haben die Wahrheit ein für alle mal erkannt, und nichts kann und darf sich ändern.

 

Fast tragisch zu nennen ist ihre Selbsteinschätzung: Sie halten sich für die wahren Adventisten, und sie versuchen mit fast allen Mitteln, ihre Form von Adventismus der Gesamtgemeinde aufzuzwingen. Das nimmt teilweise Formen an, die weit über das Maß theologischer Debatten hinausgeht.  Wer hier eine Gegenposition bezieht, kann schon mal mit dem Tode bedroht werden![14] Deshalb war es richtig, eine kleine „Denkschrift“ mit dem Titel Quo vadis, Adventgemeinde? zu verfassen. Und es ist genauso richtig und wichtig, dass sich die Gemeinden jetzt mit dieser Thematik befassen. Es geht tatsächlich um den richtigen theologischen Kurs nicht nur des deutschen, sondern auch und vor allem des weltweiten Adventismus. Das aber ist heute nicht mein Thema, obwohl ich auch im Verlauf des Referats kurz auf einige Aspekte der neuen Generallinie der Weltkirchenleitung hinweisen werde.

 

Jetzt aber noch zur Beschreibung des zweiten Begriffs, der eine Extremposition bezeichnet: Die theologische Beliebigkeit. Damit meine ich die Extremform des Liberalismus. Das hat mit dem Begriff Liberalität kaum noch etwas zu tun. Die Vertreter dieser Richtung sind zwar offen für Veränderungen, lehnen aber jede Form von Verbindlichkeit ab. Der so (miss)verstandene Liberalismus zeigt sich z. B. in der willkürlichen Interpretation vieler Bibeltexte. Er neigt zu einer nur noch historischen Betrachtungsweise. Das kann bis zur Ablehnung einiger der überlieferten Glaubensüberzeugungen unserer Kirche gehen. Daraus resultiert dann eine nur noch selbst verantwortete Moral. Das Gottesbild ist privat entwickelt und Gottesdienste pervertieren häufig zum Event. Diese Form der Religiosität praktiziert eine umfassende Unverbindlichkeit und trägt somit dem weit verbreiteten Individualismus Rechnung, aber sie gipfelt doch in einer immer größeren Distanz zu jeglicher Form von Gemeinde und Gemeinschaft.

 

Wir finden alle vier Varianten von >Theologie< in unseren Gemeinden: Die Konservativen, die Liberalen und als ihre Extremformen die orthodoxen Fundamentalisten und die Vertreter einer Theologie der Beliebigkeit. Wir sollten nun aber nicht auf die Suche gehen und versuchen, die Geschwister in das richtige Kästchen zu stecken. Diese begrifflichen Unterscheidungen sollen nur dazu dienen, etwas Überblick im Dschungel der theologischen Auseinandersetzungen zu gewinnen. Natürlich gibt es neben diesen vier Gruppierungen noch die große Zahl der Gläubigen, die entweder Mischformen vertreten oder sich so in etwa in der Mitte befinden.  Bis jetzt schweigen sie noch, aber das Kampfgetümmel widert sie an. Einige – und es werden immer mehr – stehen schon am Rande der Gemeinde und überlegen – wie oben angedeutet - ihren stillen Exodus. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir als Gemeinde uns mit der Frage befassen: Quo vadis, Adventgemeinde?

 

Diese drei Wörter sind inzwischen fast zu einem Schlachtruf verkommen. Wenn dieses Stichwort fällt, verfinstern sich manche Mienen, Ablehnung wird fast körperlich spürbar. Warum eigentlich? Hinter diesen drei Wörtern steckt doch nur das aufrichtige Fragen nach dem Kurs, der Zukunft, dem richtigen Weg der Gemeinde. Es ist doch Deine und meine Gemeinde, und warum dürfen wir nicht fragen, wohin dieser Weg geht! Da hat sich ein kleiner Kreis, der seine Legitimation vom höchsten Leitungsgremium unserer Freikirche erhalten hat, mit dieser Frage befasst. Viele meinen sogar, es war höchste Zeit, hier einmal konkrete Denkanstöße zu geben. Und da dieser Kreis – Beirat genannt – von keinem Gremium seine Themen diktiert bekommt, sondern in Eigenverantwortung seine Themen findet, war es nur logisch, dass er sich jetzt mit der oben geschilderten Thematik befasst hat. Unsere Kirchenleitung hat diesen Text dann per Internet freigegeben, damit sich die Gemeinden mit den einzelnen Teilthemen auseinandersetzen. Die Kirchenleitung selbst hat sich verpflichtet, ebenfalls an diesen Themen zu arbeiten.[15] So weit – so gut. Also gehen wir an die Arbeit.

 

 

Teil II  Unsere Freikirche im 21. Jahrhundert

 

  1. Einheit trotz Vielfalt

 

Nach der skizzenhaften Situationsbeschreibung wenden wir uns jetzt einzelnen Teilthemen zu, die der Beirat in seiner Ausarbeitung angeschnitten hat. Dabei verzichte ich bewusst auf alle historischen Rückverweise. Wir wollen von der Gegenwart ausgehend in die Zukunft schauen – so weit das möglich ist.

 

Ich habe meine Ausarbeitung bewusst auf unsere Freikirche in Deutschland beschränkt. Aber an dieser Stelle muss ich doch meinen Blick über den Atlantik richten; denn hier hat sich nach der GK-Konferenz von Atlanta 2010  ein deutlich spürbarer Kurswechsel vollzogen. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, stelle ich folgendes fest:

Der in Atlanta gewählte GK-Präsident gibt eine klare Richtung vor:

  • Eine Rückbesinnung auf die bewährten Fundamente adventistischer Identität.
  • Eine massiv verstärkte Betonung des Schrifttums von E. G. White.
  • Eine konkret detailliierte Fassung des biblischen Schöpfungsberichts.
  • Eine stark zentralistische Ausrichtung des hierarchischen Gefüges.
  • Die Parusie wird zum neuen Mittelpunkt der Verkündigung – mit der Tendenz der menschlichen Beschleunigung dieses Ereignisses.
  • Als Voraussetzung der Beschleunigung der Parusie gilt die jetzt zu erbittende Ausgießung des Spätregens.

 

Um diese Ausrichtung der adventistischen Verkündigung zu erreichen, wird die Weltgemeinde in den nächsten Jahren mit einer weltumspannenden Reihe von Predigerversammlung und öffentlichen Auftritten des Gk-Präsidenten zu rechnen haben.  2011 wird Ted Wilson dreimal allein in Deutschland auftreten und 2012 wird eine deutsch-sprachige Predigerversammlung stattfinden (D; A; CH).

 

Vor diesem Hintergrund werde ich zwar nicht zu allen Stichpunkten des Quo vadis Papiers Stellung nehmen, aber doch zu einigen grundsätzlichen Fragen.

 

  • Bibel und Tradition

Jede christliche Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte neben die Bibel das gestellt, was man in der Kirchengeschichte unter dem Begriff „Tradition“ zusammenfasst. Das können die Schriften Luthers sein oder die Texte eines Thomas von Aquin. Entscheidend  dabei ist immer die Frage, in welchem Verhältnis stehen diese Texte zueinander. Für unsere Kirche geht es dabei hauptsächlich um das Schrifttum von E. G. White. Hier lassen sich unterschiedliche Entwicklungen nachweisen. Wichtig scheint mir zu sein, dass wir immer deutlich unterscheiden sollten zwischen der offiziellen Lehrmeinung der Weltkirchenleitung und dem, was manchmal bestimmte Theologen oder Evangelisten oder Administratoren sagten oder schrieben. Wir haben nie offiziell gelehrt, das wir die Texte von EGW auf eine Stufe stellen mit der Bibel. Wir machen hier deutliche Unterschiede.

 

Eine sehr aufschlussreiche Liste diesbezüglicher Aussagen enthalten die Protokolle der Bibelkonferenz von 1919. Im Laufe dieses Frühjahrs werde ich eine Übersetzung ins Deutsche von zwei entscheidenden Tagen dieser Tagung herausbringen. Warum ich das jetzt mache? Weil ich den Eindruck habe, dass wir nach Atlanta in unserer Gemeindezeitschrift so etwas wie einem zunehmenden Druck ausgesetzt sind. So darf gefragt werden, ob es wirklich angebracht ist, z. B. das Buch Der große Kampf als Einstiegslektüre für unsere Missionsunternehmungen zu deklarieren. Ich halte die entsprechenden Pläne für höchst problematisch. Als Erst-Verteilbuch könnte ich mir Das Leben Jesu besser vorstellen. Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich übe keine Kritik am Schrifttum EGWs, sondern nur an einer möglichen Überhöhung ihrer Texte im Sinne einer falschen Gleichsetzung von Bibel und Tradition. So sind alle Äußerungen im Quo vadis Papier zu verstehen.

 

  • Glaubensüberzeugungen

Der Beirat hat in seinem Text auf einen Sachverhalt hingewiesen, der zu heftiger Kritik geführt hat. Manchen kritischen Äußerungen liegt aber ein einfaches Missverständnis der Begriffe zu Grunde. Der lateinische Fachausdruck, um den es hier geht, lautet hierarchia veritatum. Schlicht übersetzt heißt das Rangordnung der Wahrheiten. Und wenn dann unter diesem Stichwort von Rand- und Kernwahrheiten die Rede ist, meinen viele, hier werden biblische Grundwahrheiten willkürlich bewertet. Aber darum geht es gar nicht. Wohl jeder wird folgendem Satz zustimmen: Die biblische Lehre von der Gerechtigkeit aus dem Glauben hat ein anderes Gewicht als Ernährungsratschläge. Oder: Die biblische Lehre von der Wiederkunft Jesu Christi hat einen anderen Rang als die Teilhabe an der Kultur. Natürlich gibt es auch für die Ernährung oder für die Teilhabe an der jeweiligen Kultur biblische Ratschläge, aber sie sind von anderem Gewicht. Und nur das ist gemeint.

 

Und diese Unterscheidung machen doch die meisten von uns. Das aber einzugestehen, gehört zur Redlichkeit der Diskussion, befreit nebenbei auch von einem ungerechtfertigten schlechten Gewissen. Natürlich kann ich diesen Gedanken auch weiter fassen. Welches Gewicht hat die biblische Lehre vom Zehnten, welche die spezielle Heiligtumslehre, welche die Frage der Dämonenaustreibung? Hier sind offensichtlich in unseren Gemeinden unterschiedliche Gewichtungen vorhanden. Diese gilt es zu akzeptieren. In bestimmten theologischen Randfragen ist Vielfalt möglich, in theologischen Kernfragen ist Einheit nötig. Wenn es uns gelingt, diese Grundhaltung zu verinnerlichen, sprechen wir von versöhnter Vielfalt.

 

Nun hat aber unsere Weltkirchenleitung keine hierarchia veritatum aufgestellt – und das ist gut so. So sollte es auch bleiben. Das aber bedeutet, dass jeder für sich werten kann. Jeder Gläubige ist verantwortlich dafür, welchen Stellenwert er den einzelnen biblischen Lehren und Ratschlägen in seinem Leben gibt. Und verantwortlich ist er nur Gott gegenüber. In der Gemeinde kann es bei diesem Thema durchaus zu Spannungen kommen. Wir müssen lernen, das auszuhalten. Das schaffen die Konservativen und die Liberalen, auch die in der Mitte, aber nicht die orthodoxen Fundamentalisten. Sie akzeptieren keine wertende Unterscheidung. Die Frage des Vegetarismus steht für sie auf einer Stufe mit der Glaubensgerechtigkeit. Das aber ist keine adventistische Position.

 

  • Strukturfragen

Dieses Thema hat in den Diskussionen nach Bekanntwerden des Textes des Beirats einen sehr zwiespältigen Widerhall ausgelöst. Der Text befasst sich ja auch nicht nur schlicht mit rein organisatorischen Fragen, sondern stellt Fragen in Bezug auf das >Leitungsvermögen< unserer Kirchenleitung. Dass hier Defizite feststellbar sind, dürfte kein Geheimnis sein. Nicht umsonst wird der 1. Adventistische Führungskongress in unserer Gemeindezeitschrift so enthusiastisch gefeiert.[16] Da ich an diesem Kongress nicht teilgenommen habe, kann ich keine konkreten Aussagen machen. Aber sicherlich wurde von Fachkompetenz, von Richtlinienkompetenz, Weisungskompetenz oder Kontrollkompetenz gesprochen. Aber finden wir diese Kompetenzen in unseren Leitungsgremien?

 

Ich greife nur einen Aspekt heraus: Die Spannung zwischen Kirchenrecht und öffentlichem Recht. Jede Vereinigung ist eine „Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Somit hat jeder Vereinigungsausschuss eine öffentlich- rechtliche Funktion. Das kann nun aber bedeuten, dass sich dieses Gremium hinter einem solchen Rechtsverhältnis verschanzt und eine >Weisung< der nächst höheren Dienststelle ignoriert. Dafür gibt es genügend Belege. Nun funktioniert aber unsere Kirche weltweit nach internem Kirchenrecht (Gemeindehandbuch, Working Policy). Somit hat jeder Verbandsvorsteher oder zumindest jeder Verbandsausschuss Weisungsbefugnis in bestimmten Bereichen gegenüber der Vereinigung. Es gibt juristische Gutachten und klare Stellungnahmen, die eindeutig belegen, dass in den meisten Fällen das Kirchenrecht Vorrang besitzt vor dem öffentlichen Recht. Es wäre  jetzt also höchste Zeit, dieses Prinzip durchzusetzen. Warum das in vielen Fällen nicht geschieht, kann nur an mangelnder Leitungskompetenz liegen.

 

Unter dem Stichwort „Struktur“ sind natürlich auch Fragen der Organisation behandelt worden. Es ist kein Geheimnis, dass ich schon seit langem für eine Vereinfachung der Organisationsstrukturen in Deutschland eintrete[17]. Mein Vorschlag lautet nach wie vor: Vier Vereinigungen und ein Verband. Das dürfte völlig ausreichen. In den USA z. B. umfasst eine Vereinigung zahlenmäßig soviel wie wir hier in Deutschland Mitglieder haben. Und wir haben zeitweise daraus drei Verbände mit 15 Vereinigungen gemacht. Die Leitung der Berlin-Mitteldeutschen Vereinigung macht es uns ja beispielhaft vor. Hier sind inzwischen 5 Bundesländer in einer Vereinigung konzentriert. Natürlich gab und gibt es ein paar Anlaufschwierigkeiten, aber das Experiment ist gelungen.

 

Es gibt eigentlich keinen einleuchtenden Grund, dem Beispiel der Mitteldeutschen nicht zu folgen. Das gilt natürlich erst recht für die Zusammenlegung der Verbände. Ich erspare mir hier die Auflistung der vielen vergeblichen Versuche, eine Einigung zu erzielen. Eine Vielzahl von Ausschüssen und Arbeitsgruppen hat umfangreiches Material erstellt. Alle kamen zu einem Schluss: Zusammenlegung zu einem Verband. Der jetzigen Zustand ist so unerträglich, dass eine Veränderung zwingend erscheint. Schon aus rein ökonomischen Gründen wäre eine Zusammenlegung sinnvoll. Aber noch wichtiger dürfte der Zwang sein, endlich mit einer Stimme zu sprechen. Das gilt für die Öffentlichkeit und erst recht für den internen Gebrauch.

 

Natürlich hängen Entscheidungen dieser Art nicht nur von reinen Finanz- oder Strukturfragen ab. Durch die Zusammenlegung würde auch ein theologisches Problem angepackt. Der lutherische Adventismus bekäme rein zahlenmäßig die Oberhand – im Verhältnis zum pietistischen Adventismus, wie er vorwiegend in Baden-Württemberg praktiziert wird und der krypto-katholischen Variante in Bayern. Es wäre schade, wenn nur der Druck durch sinkende Einnahmen dazu beitragen würde, endlich Vernunft anzunehmen. Wenn wir  - hoffentlich in naher Zukunft – über die Zusammenlegung der beiden Verbände anlässlich einer Delegiertentagung sprechen, dann sollten auch die theologischen Aspekte offen benannt werden. Wenn unsere Kirche in Deutschland eine Zukunft haben soll, dann nur, wenn der Einfluss der orthodoxen Fundamentalisten rigoros zurück gedrängt wird. Auch wenn sie meinen, durch den Kurswechsel nach Atlanta theologisch Rückenwind zu bekommen: Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland ist lutherisch geprägt und die reformatorischen Leitsätze sola fide und sola skriptura gehören zum Kern unseres Glaubens.

 

Wenn wir durch die FiD, also dem höchsten Leitungsgremium unserer Freikirche per Beschluss aufgefordert sind, uns mit den aufgeworfenen Fragen des „Quo vadis Papiers“ zu beschäftigen[18], sollte jede Gemeinde diese Gelegenheit nutzen, sich auch in dieser Frage zu äußern. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass zum Beispiel die Mehrheit der Gemeindemitglieder für die Zusammenlegung der Verbände votieren würde.

 

Wenn wir bis jetzt die unterschiedlichen Aspekte der Begriffe „Einheit trotz Vielfalt“ angesprochen haben, gilt es jetzt, einen konkreten Lösungsvorschlag zu formulieren. Ich komme damit zum wichtigsten Gedanken meines Referats:

 

  1. Die Bedeutung der Ortsgemeinde

 

    • Die Gemeinde im NT

Die paulinischen Briefe sind hier am ergiebigsten. Im 1. Korintherbrief versteht Paulus unter ekklesia die Ortsgemeinde oder auch nur schlicht den Gottesdienst der Ortsgemeinde[19]. Paulus gebraucht in diesem Zusammenhang auch das Bild vom Leib Christi. Ausgehend von der Abendmahlsgemeinschaft wird hier eine klare Definition von Gemeinde beschrieben. „Man greift wohl kaum zu weit in der Vermutung, dass Paulus die Kirche vorwiegend vom Leitbild der eucharistischen Mahlgemeinschaft her sieht. Kirche ist für ihn die örtliche Versammlung als >Gemeinschaft des Leibes Christi<“[20]

 

Eine etwas andere Sichtweise tritt uns im Kolosser- und im Epheserbrief entgegen. Hier wird Christus als Ursprung und Erhalter des Kosmos gesehen, und dementsprechend trägt auch die Kirche einen universalen Charakter.[21] „Eine praktische Folge aus der kosmischen Öffnung des Kirchengedankens ist die Sicht der Kirche als einer ganzheitlichen, weltweiten Größe.“[22]

 

  • Die Nachapostolische Zeit

In der nachapostolischen Zeit beginnt eine Veränderung der Theologie und der Leitungsfunktionen.

1.       Die glühende Erwartung der Parusie weicht einer ruhigeren Erwartungshaltung.

2.     Die stark ausgeprägte Geistesleitung wird ersetzt durch die feste Ordnung des Amtes.

3.     Die Unterscheidung von Laien und Klerikern setzt ein.

4.     An die Stelle der >geistlichen Gaben< tritt der geistliche Stand.

5.     Der Missionseifer, der selbst das Martyrium nicht scheute, schwächt sich ab.

6.     Es entsteht eine differenzierte Theologie. Sittliches Handeln wird durch juristisches Denken abgelöst.

Konkret bedeutet das, dass z. B. der Bischof über seine Ortsgemeinde hinaus, leitende Funktionen erhält. Mehrere Bischöfe halten gemeinsame Synoden ab. Die Bischöfe der Provinzstädte erlangen eine Art Aufsichtskompetenz über die übrigen Bischöfe. Nach und nach entsteht ein immer ausgefeilteres Regelwerk für die Aufgaben eines Presbyters, eines Diakons. eines Bischofs und der Befugnisse von Synoden.

 

  • Geschichtliche Differenzierung

Im Laufe der kirchengeschichtlichen Entwicklung hat sich eine Reihe von sehr unterschiedlichen Modellen entwickelt. Das röm.-kath. Kirchenverständnis ist als zentralistisch zu bezeichnen. Entscheidende Funktionen sind mit dem Amt des Papstes verknüpft. Martin Luther hat seiner Kirche ein doppeltes Vermächtnis hinterlassen. Auf der einen Seite hat er das allgemeine Priestertum stark betont, aber auf der anderen Seite das landesherrliche Kirchenregiment eingeführt. Hier haben ihn natürlich bestimmte historische Sachzwänge geleitet. Entscheidend für Luthers Argumentation ist der Unterschied zwischen geistlichem und weltlichem Recht. Hier nähern wir uns schon sehr stark der aktuellen Debatte in unserer Kirche – Öffentliches Recht und Kirchenrecht.

 

Aber fragen wir weiter. Neben das katholische und das protestantische Kirchenverständnis haben sich weitere Varianten entwickelt. Die orthodoxen Kirchen und auch die reformierte Kirche haben ein eigenes Profil. Sie sollen hier nur erwähnt, ohne im Detail beschrieben zu werden. Daneben hat sich eine Kirchenstruktur entwickelt, die unter dem Begriff >Kongregationalismus< zusammengefasst wird. Für unsere Kirche scheint das ein sehr emotionales Reizwort zu sein.

 

Was ist unter >Kongregationalismus< zu verstehen? Zentrum jeglicher Struktur ist die Ortsgemeinde. Sie hat fast unbeschränkte Eigenständigkeit.  Entstanden im angelsächsischen Raum, war es zunächst eine Gegenposition zum röm.-kath. Modell. Die Kirche von England sollte sich ja nicht nur theologisch, sondern auch organisatorisch von der >Mutterkirche< unterscheiden. Sollte sie synodal oder monarchisch oder presbyterial strukturiert sein? Das alles entscheidende Gremium wurde die Ortsgemeinde. Hier lag und liegt jede Ausformung von Autorität. Es gibt keine übergeordnete Instanz, kein Organ, das weisungsbefugt wäre. 1658 entstand die Savoy-Erklärung. Hier heißt es: „Neben diesen einzelnen Kirchen [Ortsgemeinden] gibt es keine zusätzlich von Christus verordnete Kirche oder Autorität, die umfassender und zur Aufrechterhaltung seiner Anweisungen mit mehr Macht ausgestattet wäre.“[23] Das bedeutet konkret, dass jede Ortsgemeinde sich ihren Prediger oder Lehrer selbst wählt. Sie bezahlt ihn  und kann ihn auch entlassen. Natürlich stehen die so organisierten Gemeinden in einem losen Verbund. Es gibt Synoden, die bei Lehrunterschieden vermitteln. Aber die Synoden haben keine Weisungsbefugnis, und es gibt auch keine >übergeordneten< Synoden.

 

  • Die Stellung der Ortsgemeinde in der Freikirche der S.-T.-Adventisten

Wie sieht das nun in meiner Kirche aus? In letzter Zeit haben sich verschiedene Autoren dieser Frage angenommen. Sehr klar findet sich unsere Auffassung in einem Artikel, den Raoul Dederen verfasst hat und der in einem repräsentativen Werk unserer Kirche erschienen ist. „Für jedes angemessene Verständnis der neutestamentlichen Sichtweise bezüglich dem Wesen und der Aufgabe der Gemeinde, muss sowohl der lokalen, als auch der universalen Dimension volles Gewicht gegeben werden. Die Ortsgemeinde ist die Kirche, wie z. B. >in Korinth< (1. Kor. 1,2). Außerdem wird die Ortsgemeinde nicht lediglich als Teil oder Baustein der ganzen Gemeinde betrachtet, sondern als die Gemeinde in ihrer lokalen Ausprägung. Das Ganze ist im Teil. Die örtliche, sichtbare ekklesia ist die ganze Gemeinde, die ihren lokalen Ausdruck in einer besonderen Zeit und an einem besonderen Ort findet.“[24]

 

Hier könnte man fast so etwas wie Anklänge an den Kongregationalismus sehen, aber weit gefehlt. Das Geheimnis liegt im Satz: „Das Ganze ist im Teil.“ In der Ortsgemeinde finden sich alle Strukturen, die unsere Weltkirche prägen. So hat die Autorität der Ortsgemeinde ihre Parallele in der Weltkirchenleitung. Zwar ist die Ortsgemeinde in vielen Bereichen autark, aber sie ist eingebunden in eine Organisation. Und damit bin ich beim kritischen Punkt dieses Gedankengangs.

 

Ursprünglich herrschte in der Adventgemeinde eine starke Skepsis gegen jede Form von Organisation. Das aber hat sich im Laufe der Jahre fast ins Gegenteil verkehrt. Es ist schon bezeichnend, dass in unseren Ordnungen die Organisation einen so hohen Stellenwert einnimmt. In der Gemeindeordnung kann mann lesen: „So wie der Mensch nicht leben kann, ohne dass seine Glieder organisch miteinander verbunden sind und unter zentraler Leitung zusammenarbeiten, so kann es auch keine lebendig wachsende Gemeinde geben, ohne dass ihre Glieder in einer harmonischen Gemeinschaft organisiert sind, in der sie den Auftrag erfüllen, den Gott ihnen gegeben hat, und in der sie sich von der Autorität leiten lassen, die Gott eingesetzt hat.“[25] Da ist einmal von zentraler Leitung die Rede und dann von einer Autorität, die Gott eingesetzt hat.

 

Das klingt zentralistisch und hat einen päpstlichen Beigeschmack. In der gleichen Gemeindeordnung wird anschließend aufgelistet, für welche Kirchenverfassung wir uns entschieden haben. Unterschieden wird zwischen einer bischöflichen Form, der päpstlichen Form, der kongregationalistischen und der repräsentativen Form. Wir haben uns  - so jedenfalls steht es in unseren Texten – für die repräsentative Form entschieden. Das bedeutet: „Es wird anerkannt, dass die Autorität der Kirche auf ihren Gliedern beruht. Sie übertragen Leitung und Verwaltung der Kirche durch Wahlen auf repräsentative Gremien und Verantwortungsträger.“[26]

 

Die repräsentative Form einer Verfassung ist in sich zwiespältig. Auf der einen Seite bildet die Ortsgemeinde Kern und Autorität der Kirche kraft ihrer neutestamentlichen Begründung. Auf der anderen Seite wird die Vollmacht delegiert an ein hierarchisch strukturiertes Verfassungsmodell. Dass diese Verwaltungsstruktur in einer personalen Spitze gipfelt, birgt die Gefahr in sich, dass sich zentralistische Tendenzen durchsetzen. Anfänge lassen sich in unserer Kirche aktuell leicht nachweisen.

 

Es ist fast zwangsläufig, dass sich eine Kirche, die rasant wächst, Strukturfragen ausgesetzt sieht. Eine Verfassung, die vor Jahren für ein paar Tausend oder auch Hunderttausend Mitglieder ausreichte, muss überdacht werden, wenn es sich jetzt um einige Millionen handelt. Es bestehen Ausschüsse oder Arbeitsgruppen, die sich offensichtlich permanent dieser Aufgabe widmen. Hin und wieder werden konkrete Vorschläge gemacht, aber sie lassen noch keine generelle Richtungsentscheidung erkennen. Wird sich eine eher kongregationalistische oder eine mehr zentralistische Variante durchsetzen?

 

Daraus ergeben sich verschiedene Fragen:

  • Wie lange lässt sich das repräsentative Modell bei ständig steigender Mitgliederzahl durchhalten? Die einzelnen Delegierten müssen eine immer größere Mitgliederzahl vertreten.  Wir werden sehr schnell an den Punkt kommen, an dem sich dieses Modell nicht mehr als repräsentativ erweist.
  • Wie lassen sich beim repräsentativen Modell die zunehmend sichtbar werdenden kulturellen, ethnischen und politischen Unterschiede aufheben? Die Interessenlage der Mitglieder aus der >Dritten Welt< sind kaum kompatibel mit denen aus der >ersten Welt<. So hat die Diskussion um die Ordination von Pastorinnen gezeigt, dass die Mehrheit eine Minderheit überstimmt hat – mit dem Ergebnis, dass die Länder, in denen die Frauen gesellschaftlich eine untergeordnete Rolle spielen, die Europäer und Nordamerikaner majorisiert haben.
  • Wann wird sich die bisher praktizierte Ausschussverfassung als überholt erweisen? In unseren Ausschüssen sitzen nur wenige, die für eine solche Arbeit kompetent sind. Schon lange wird darüber gesprochen, zumindest neben die offiziellen Ausschüsse >Beratergremien< zu installieren. Hier könnten sich die Entscheidungsträger Rat und Wissen holen.

 

So könnte weiter gefragt werden, aber was hilft das uns als Ortsgemeinde? Um das Ergebnis meiner bisherigen Überlegungen zusammenzufassen, könnte ich folgendes sagen:

Ob die Adventgemeinde weltweit noch meine geistliche Heimat bleiben wird, hängt auch vom weiteren Verlauf der generellen theologischen Entwicklung ab – aber es wird zunehmend von existenzieller Bedeutung sein, wie meine Ortsgemeinde beschaffen ist!

 

Wenn über die Bedeutung der Ortsgemeinde Einigkeit herrscht, sollten wir jetzt noch kurz definieren, wie diese Ortsgemeinde beschaffen sein sollte, damit sie meine geistliche Heimat wird / bleibt.

 

  • Aufgabe und Autorität der Ortsgemeinde

Ich möchte im folgenden meine Vorstellung von Ortsgemeinde darstellen und weniger die in unseren Regularien definierten. Manches ist vielleicht schon Praxis, aber einiges ist noch Zukunftsmusik. Aber wenn es uns nicht gelingt, die Ortsgemeinde in dem Sinne zu reformieren, wie ich das im folgenden versuche auszuführen, wird sie als Ausgleich zur Weltkirche versagen.

1.       Entscheidend ist die >Atmosphäre< einer Gemeinde. Das hört sich zunächst sehr simpel an, bezieht sich aber z. B. auch auf die theologische Grundstimmung in dieser Gemeinde. Kann ich hier so sein, wie ich in Wirklichkeit bin? Darf ich Zweifel äußern? Kann ich auch mit unterschiedlichen Wertungen der einzelnen Glaubenssätze anerkanntes Gemeindemitglied bleiben? Bei Atmosphäre geht es also nicht nur um freundliches, liebevolles Miteinander, sondern es geht auch um Theologie.

2.      Die Bedürfnisse einer Gemeinde sollten sich in den Funktionsstellen wiederfinden. Es geht bei den Gemeindewahlen also nicht einfach darum, die im Regelwerk aufgelisteten Ämter zu besetzen, sondern es wird vorher erkundet, was die Gemeinde braucht. Wenn es viele ältere Geschwister in einer Gemeinde gibt, dann sollte ein extra dafür bereitgestellter >Diakon< diese Aufgabe wahrnehmen. Und wenn nötig, sollte er das nicht nur ehrenamtlich tun. Das gleiche gilt für die Betreuung Jugendlicher. Hier sollte ein generelles Umdenken einsetzen.[27]

3.      Der Aufteilungsschlüssel der Gelder müsste also reformiert werden. Es ist nicht mehr zeitgemäß, alle Finanzmittel zuerst total abzuliefern und dann per Antragsverfahren einiges an Mitteln zurückzubekommen. Es bleibt bei der guten Regelung, dass die meisten Geldmittel zentral verteilt werden, aber es kann nicht so bleiben wie bisher, dass alle Mittel höheren Orts verteilt werden. Die Gemeinden wissen besser als jede andere Dienststelle, welche Missionsprojekte vor Ort Erfolg versprechend sind. Zudem würde das weit gehend auch nur die Praxis bestätigen; denn schon heute geben viele Adventisten Gelder zweckgebunden an bestimmte Projekte. Ihnen würde man das Gewissen erleichtern, und zudem würden dann auch Mittel vorhanden sein, die für die Bezahlung von >Sonderdiakonen< gebraucht würden. Das schließt auch die Verteilung des Zehnten mit ein. Sammlungen für bestimmte Projekte der Ortsgemeinde sind in Zukunft nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

4.      Die Ortsgemeinde ist Eigentümer der Immobilie – Grundstück und Gebäude. Die Konsequenzen sollten sich an Praktiken in anderen Ländern orientieren.

5.      Damit stellt sich die Frage nach der Autorität der Gemeinde. Sie hat z. B. allein das Recht, Mitglieder aufzunehmen oder auszuschließen. Sie kann >Strafen< verhängen – Gemeindezucht. Im hierarchischen System unserer Freikirche aber ist die Gemeinde der übergeordneten Verwaltungseinheit, der Vereinigung, unterstellt. Was bedeutet das? Das Bindeglied ist offensichtlich der Prediger. Er ist von der Vereinigung angestellt und ihr verantwortlich. Es kann aber in Zukunft nicht sein, dass er den Willen der Vereinigung auch gegen den erklärten Willen der Gemeinde durchsetzt. Hier müssen neue Strukturen geschaffen werden. Die Initiative dazu muss folgerichtig von der Gemeinde ausgehen.  Hier tut sich ein weites Konfliktfeld auf, aber wir müssen die Realitäten einer veränderten gesellschaftlichen Situation akzeptieren.

6.      An dieser Nahtstelle zwischen Vereinigung und Gemeinde spüren wir die Nähe zum Kongregationalismus. Hier wäre der Prediger nur der Gemeinde verantwortlich. Aber es ist müßig, von der Ortsebene her, eine generelle Strukturveränderung zu erhoffen. Schon der Begriff Kongregationalismus sorgt für Unruhe. In einer adventistischen Zeitschrift in den USA konnte man lesen: „Selbstverwaltung [Kongregationalismus] – das unanständigste Wort im Vokabular der adventistischen Gemeindeverwaltung. Der Tonfall, mit dm es ausgesprochen wird, ist der gleiche, den jemand benutzen würde, um einen massiven Ausbruch des Ebola-Virus bekannt zu geben. Es wird weit gehend angenommen, dass Selbstverwaltung, wenn nicht gerade das Ende der Welt, dann wenigstens das Ende der Gemeinde ist.“[28] Wir werden also wohl eher in die zentralistische Variante gleiten. Aber damit wir keinen >Papst< bekommen, müssten wir so etwas wie eine adventistische Variante des Kongregationalismus entwicklen. Ich habe sie „Unionismus“ genannt.[29] Es ist hier aber nicht der Ort, das detailliert auszuführen. Hinweisen möchte ich allerdings auf ein Referat, das George Knight anlässlich der Jahressitzung der GK im Sept. 1998 gehalten hat. Thema: „Adventistischer Kongregationalismus – ein Wachruf oder ein Totengeläute?“[30] G. Knight stellt fest, dass es starke Befürworter dieser Verfassungsform gäbe, v. a. in Nordamerika. Und wir könnten ihm bestätigen – auch in Europa.

7.      Eine Reform der Verfassung bezogen allein auf die Ortsgemeinde, würde nicht allzu viel nützen. Deshalb ein kurzer Hinweis auf das organisatorische Umfeld der Ortsgemeinde. Ich habe an anderer Stelle ausführlich darüber referiert.[31] Hier nur so viel: Die wichtigste Veränderung sähe ich in der Etablierung relativ selbstständiger Regionalkirchen. Das meint, es sollte eine adventistische Kirche in Europa, eine in Afrika, eine in Nordamerika etc. geben.  Ihnen übergeordnet befände sich eine deutlich veränderte Generalkonferenz – etwa unter der Bezeichnung >Weltbund adventistischer Kirchen<. Und die übrigen hierarchischen Stufen – Verbände, Vereinigungen – könnten bleiben, wenn auch mit veränderten Aufgaben. U. U. könnte eine Zwischenstufe, z. B. die Vereinigungen völlig wegfallen. Das hängt natürlich weit gehend von den Aufgabe und der Autorität der Ortsgemeinde ab.

8.      Bei einer solche Verfassungsänderung könnten z. B. eine europäische Sabbatschullektion entstehen, eine europäische Gebetslesung, eine europäische Fassung des Gemeindehandbuchs und der Gemeindeordnung etc. Das würde uns dahin führen, dass wir am Sabbatvormittag aktuelle Themen biblisch diskutieren, dass wir Gebetsversammlungen haben, deren Themen uns direkt ansprechen und dass wir uns nach Regeln richten, die Rücksicht nehmen auf den jeweiligen historischen, ethnischen und kulturellen Kontext. Dann könnte das Bibelstudium wieder Freude machen, wir könnten uneingeschränkt Forschen, und wir hätten kein Problem mehr mit dem Begriff >gegenwärtigen Wahrheit<.

 

Schlussteil

Wir sind gedanklich einen weiten Weg gegangen. Herausgefordert hat uns ein Text, den der Beirat unserer Freikirche verfasst hat: Quo vadis, Adventgemeinde? Das zum Teil schäbige Drumherum hat dem Text teilweise geschadet, aber auch teilweise genützt; denn es ist in den letzten Jahren kaum ein Text so ausgiebig diskutiert worden, wie dieser. Aber dabei darf es nicht bleiben. Wir sind von unserer Kirchenleitung aufgefordert, darüber miteinander ins Gespräch zu kommen.[32] Wenn wir diesen Aufruf ernst nehmen, kann es natürlich dazu kommen, dass wir zu Ergebnissen kommen, die nicht allen gefallen. Mein Anliegen in diesem Referat war, uns einen Ausweg zu zeigen aus der zunehmend polarisierend wirkenden Gemeindesituation. Wir können den Gang der adventistischen Weltkirche kaum beeinflussen. Ob sie weiterhin für uns alle eine geistliche Heimat sein kann, bleibt abzuwarten.[33] Aber wir können uns bemühen, die jeweilige Ortsgemeinde als Ort des Heils und der Heilung zu bewahren.

 

Dazu ist es notwendig, einige Verfassungsänderungen ins Auge zu fassen. Aber das dürften nicht die wichtigsten Aspekte sein. Ich habe sie hier nur aufgelistet, um ein etwas klareres Bild von den Aufgaben zu vermitteln, die vor uns liegen. Wichtiger dürfte die Atmosphäre Deiner Gemeinde sein. Lassen wir uns nicht von den orthodoxen Fundamentalisten an den Rand drängen. Sie haben im Augenblick offensichtlich Oberwasser und ergreifen immer ungenierter das Wort. Verbunden mit bestimmten Formen der Machtausübung sind sie in der Lage das zu verwirklichen, was sie die >Sichtung< nennen. Deshalb kämpft um Eure Ortsgemeinde. Sie bietet allein die Möglichkeit, geistliches Leben zu verwirklichen. Das geschieht nicht in den Dienststellen, sondern nur in der Ortsgemeinde. Hier wollen wir >in der Freiheit eines Christenmenschen< Gott anbeten, seine Barmherzigkeit erfahren und zusätzlich eine unbeschwerte Gemeinschaft erleben. Für viele war ein Text von Bruno Vertallier ein Hoffnungsschimmer: „Möge jedes Mitglied der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten anderen Gläubigen Halt geben, damit niemand das Gefühl bekommt, es gäbe für ihn keinen Platz in der Gemeinde, weil er zwar nach unseren Glaubenspunkten lebt, aber noch Fragen hat. … Aus diesem Grund will ich auch die Gemeindeglieder achten, die noch Fragen oder ihre eigene Sicht im Bezug auf bestimmte Lehren wie die Schöpfung, das Heiligtum, die Gemeinde der Übrigen usw. haben. Ich möchte diesen Brüdern und Schwestern versichern, dass sie als treue Gemeindeglieder angesehen werden und in der Familie der Siebenten-Tags-Adventisten willkommen sind.“[34] Besser kann man es kaum sagen, und Bruno Vertallier ist der für uns zuständige Repräsentant der Generalkonferenz in seiner Eigenschaft als Vorsteher der Euro-Africa Division.

 

Vielleicht vermisst der eine oder andere bei der Beschreibung der Ortsgemeinde Begriffe wie Liebe, Anteilnahme und geschwisterliche Gemeinschaft. Ich habe mehr von Aufgaben und Autorität gesprochen. Das will ich jetzt nicht nur der Vollständigkeit halber nachholen, sondern ich denke, dass diese Begriffe die zentrale Bedeutung der Gemeinde widerspiegeln. Wenn sie fehlen, bleiben die übrigen Aspekte Makulatur. Jesus hat das in einem Satz zusammengefasst: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13, 35) Da steht im griechischen Text das Wort agape. Ich übersetze diesen Begriff mit vorurteilsloses Wohlwollen. Damit sind zwei wichtige menschliche Verhaltensweisen gefordert: vorurteilslos ist eine Sache der Ratio – ich bin bereit, des Anderen Sicht der Dinge als echte Möglichkeit zu sehen, und Wohlwollen ist eine Sache des Gefühls. Ich bin bereit, den Anderen in meiner Gemeinde so anzunehmen, wie Christus mich angenommen hat.

 

Wenn Luther den Begriff agape meist mit >Nächstenliebe< übersetzt, dann ist das mir zu unscharf. Aber wenn ich meinem Nächsten – und hier ist der Bruder, die Schwester in der Gemeinde gemeint – vorurteilslos begegne, ihn also nicht in ein Kästchen stecke, also nicht schon eine Art von Vorverurteilung praktiziere, dann habe ich die Chance, eine Atmosphäre in der Gemeinde zu erzeugen, in der wir uns wohlfühlen. Und wenn dieses Wohlwollen hinzukommt – gegen jedermann! – dann kann Gemeinde meine geistliche Heimat sein.

 

Oft habe ich in den letzten Wochen und Monaten diese agape vermisst, aber  - und damit komme ich zum letzten Schluss meiner Überlegungen -  aber ich bin trotz allem davon überzeugt, dass Gott der Herr dieser Gemeinde ist. Er wird darüber wachen, dass nicht die Ränkespieler, die Machtbesessenen, auch nicht die Fanatiker oder die orthodoxen Fundamentalisten die Oberhand gewinnen. Wenn Gott es will und er uns gebrauchen kann, werden wir weiter für ihn kämpfen, für ihn arbeiten. Aber immer in der Gesinnung der agape. Auch wenn uns das manchmal sehr schwer fällt, es gibt keinen anderen Weg. Ich leide oft an und in meiner Gemeinde, aber sie wird meine geistliche Heimat bleiben. Und wenn Ihr von facit in Zweifel geratet, ob das, was Ihr macht, noch Sinn hat, dann kann ich nur sagen: Ich kämpfe schon seit Jahrzehnten für Gewissensfreiheit in der Gemeinde, dafür, dass jeder seine Meinung sagen darf, dass die Extremisten in die Schranken gewiesen werden. Und der >Erfolg< gibt mir recht. Noch nie hat ein Text die Gemeinden in Deutschland so bewegt, wie die Frage Quo vadis, Adventgemeinde?

 

An dieser Frage werden wir uns in den nächsten Monaten abarbeiten müssen. Heute haben wir hier einen Anfang gemacht, aber dabei darf es nicht bleiben. Sprecht in Euren Ausschüssen darüber und fasst Resolutionen, die dann in den nächst höheren Gremien Wirkung zeigen sollten. Wenn die ganze Arbeit, die vielerlei Aufregung überhaupt einen Sinn behalten soll, dürfen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Im Quo vadis Papier sind Denkanstöße, Vorschläge und Einsichten gebündelt, die es uns ermöglichen sollten, einen klaren Kurs zu steuern.

 

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten wird sich verändern, verändern müssen. Die  orthodoxen Bewahrer dürfen uns nicht aufhalten. Das gilt auch fürs Weltfeld. Jan Paulsen, der vorige GK-Präsident, schrieb 2010 im ahoi : „Wir können versuchen, zurück in die Zukunft zu gehen. Dann werden wir alle Veränderungen als störend ansehen, als würden wir irgendwie aus dem Glauben unseres geistlichen Erbes ausbrechen – ja fast als Häresie. … Ich bin überzeugt, dass ein Adventismus, der in einer bestimmten Zeit oder Kultur stehen geblieben ist, vom Weg abgekommen ist. … Veränderungen werden kommen. Sie werden kommen, weil unsere Kirche lebendig ist und weil sich die Welt, zu der wir gehören, ständig verändert.“[35] Das ist mein credo und so wünschte ich, sollte meine Kirche denken und handeln – auch hier in Deutschland.

L. E. Träder

Im Januar 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Initiative FACIT (Für Adventistische Christliche Identität und Toleranz)

[2] Das war z. B. auch das Thema des „Friedensauer Forums“ vom 22.10.2010 mit Alden Thompson

[3] So z. B. George Knight in mehreren Publikationen

[4] www.reactionengines.co.uk aus Mercedesmagazin, 02, 2008, S. 9

[5] Siehe mein Referat „Die zu erwartenden gesellschaftlichen Veränderungen und ihre möglichen Auswirkungen auf den Einzelnen und die Freikirche der S.-T.-Adventisten in Deutschland, 2008

[6] So zum Beispiel Wilhelm Fucks, Formeln zur Macht, 1. Aufl. 1965

[7] Georg Blume, China ist kein Reich des Bösen, Edition Körber-Stiftung, Hamburg, 2008

[8] National Geographic, Juli 2008, S. 92

[9] Wirtschaftswoche, a. a. O. S.30

[10] Wirtschaftswoche, a. a. O. S. 30

[11] Ich verweise auf mein Referat: “Daniel 2 und die Chinesen”

[12] Ellen G. White, Signs of the Times, May 26, 1890

[13] H.Williams, Wo bleibt die Liebe, in „adventisten heute“, Nr. 12/2010, S. 17

[14] Leserbrief von R. Stemmler, in Stimme der Übrigen, Nr. 52 Dez. 2010, S. 33

[15] „Wir wünschen uns, dass das Gespräch über die Zukunft unserer Freikirche auf der Grundlage biblischer Prinzipien fortgesetzt wird …“ Stellungnahme der Freikirche in „adventisten heute“ Nr.1 /2011, S. 23

[16] Bericht in „adventisten heute“, Nr. 12/2010, S. 5ff

[17] Mein erstes Referat mit dieser Thematik habe ich 1965 in Stuttgart gehalten.

[18] Text der Resolution veröffentlicht in „adventisten heute“, Nr. 1/2011, S.23

[19] 1. Kor. 14,19: 1. Kor. 14,28; 1. Kor. 14,34-35: 1. Kor. 6,4; 1. Kor. 7,17

[20] ROLOFF, Kirche, S. 104

[21] So im >Christushymnus< Kol.1 1, 15-18a

[22] ROLOFF, Kirche, S. 231

[23] Zit. in:Norman GOODALL (Hg.) Der Kongregationalismus. Die Kirchen der Welt. Bd. 11. Stuttgart, 1973, S.205

[24] DEDEREN, Raoul. The Church, in: Handbook of Seventh-Day Adventist Theologie. ABC 12. Hagerstown, 2000. 542

[25] Gemeindeordnung, Lüneburg, 2006, S. 50

[26] ebd.

[27] „Ein weiterer [Schritt] könnte die völlige Abschaffung des Ernennungsausschusses sein. An dessen Stelle könnte ein permanenter Arbeitskreis stehen. Man könnte ihn den >Arbeitskreis für Laien-Dienste< nennen.“ Russel BURRILL, Wir sind die Gemeinde – alle Macht den Laien, 2002, S. 88

[28] Susan Sickler, Congregationalism, in Spectrum, June 1996, v. 25(4), S. 39

[29] „Die organisatorische Zukunft der weltweiten Adventgemeinde“ 2003 als Ms. und „Die Adventgemeinde im kirchengeschichtlichen Kontext, 2008 als Ms.

[30] In Deutsch: „Aller Diener“, Nr. 2, 1999

[31] siehe 27

[32] „adventisten heute“, Jan. 2011, S. 23

[33] Sehr bedenklich ist die von Ted Wilson ausgehende Forderung nach >Beschleunigung< der Wiederkunft Christi, Kommentar dazu in www.Kaleidoskop-Freikirche.de, hier der Artikel „Die zweite Parusiefalle

[34] B. Vertallier, in „adventisten heute“, Nr. 9/ 2010, S. 6

[35] Jan Paulsen, aus Adventist World, März 2010, S. 7ff in adventisten heute, März 2010