Einheit oder Vielfalt?

In manchen Diskussionen innerhalb unserer Gemeinden begegnet mir häufig der Slogan „Einheit in Vielfalt“. Zunächst war ich angetan von diesem schönen Spruch, aber nach und nach merkte ich, dass ich es hier mit einer Mogelpackung zu tun hatte. Jeder verstand unter der Einheit und auch unter der Vielfalt etwas sehr Individuelles. Man definierte diese Begriffe nach seinem Verständnis. Und dabei konnten dann sehr unterschiedliche Ergebnisse zustande kommen. Die Folge war häufig, dass in den Gemeinden, die sich zu dem Motto „Einheit in Vielfalt“ bekannten, trotzdem zum Teil sehr scharfe Diskussionen entbrannten. Das ist auch nicht verwunderlich. Wenn man sich z. B. nicht über das Ausmaß der „Vielfalt“ geeinigt, also nicht die Grenzen festgelegt hat, können sehr leicht zwei Gruppen entstehen, die keinen Konsens finden, obwohl sich beide zur Vielfalt bekennen. Die Folge ist dann ein immerwährender Streit über das erträgliche Maß an Vielfalt. Die Balance zwischen Einheit und Vielfalt wird nicht gefunden. Mein Fazit aus diesen Beobachtungen: Das schöne Motto „Einheit in Vielfalt“ ist nicht Praxis tauglich, es entlarvt sich als leere Worthülse.

 

Das Problem

Mit dieser Feststellung ist nun aber nicht das Problem gelöst. Fast alle Gemeinden kennen die zugrunde liegende Herausforderung. Immer wieder entzünden sich Diskussionen an eigentlich harmlosen Themen:

·      Welche Musik gehört nicht in den Gottesdienst, welche Instrumente sind im Gottesdienst zu meiden?

·      Ist Schmuck tragen eine Sünde?

·       Sind wir die „Gemeinde der Übrigen“, oder sind wir nur ein Teil davon?

·       Sollen wir die „Sichtung“ Gott überlassen, oder muss sie von uns aktiv betrieben werden?

·       Ist vegetarische Ernährung ein Kennzeichen wahren Glaubens und damit Voraussetzung des ewigen Heils?

So könnte ich fortfahren. Die Liste ist lang. In den 60 Jahren meiner Predigertätigkeit habe ich oft gestaunt, wie unbarmherzig manchmal in den Gemeinden der eigene Standpunkt in solchen Diskussionen vertreten wurde. Viele Verletzungen rühren daher, und oft habe ich in Versammlungen, die ich für ehemalige Adventisten organisiert habe, erleben müssen, dass solche Streitfragen letztlich zum Bruch mit der Gemeinde geführt haben. Diese Geschwister hatten nicht ihren Glauben an Christus verloren, aber das Vertrauen in die Gemeinde und ihre Theologie.

 

Kern- und Randlehren

Wir haben es also mit einer echten theologischen Herausforderung zu tun. Neben den Ehemaligen sind es vor allem die Heranwachsenden, die bohrende Fragen stellen. Oft können wir unseren Standpunkt nicht  ausschließlich mit der Bibel begründen, und auch die Flucht in die eigene Tradition hilft nicht mehr. Gibt es einen Ausweg? Ich habe seit langem versucht, die Diskussionen dadurch zu entschärfen, dass ich immer wieder von Rand- und Kernlehren gesprochen habe. Fast alle Streitthemen könnte ich unter die Rubrik „Randlehren“ einordnen. Aber meine Beobachtung ist, dass viele Gemeindemitglieder bei dieser Unterscheidung Probleme haben. Da es keine offizielle Einteilung in Rand- und Kernfragen gibt, argwöhnen einige, hier würde der Kern des Evangeliums zur Disposition gestellt. Die Praxis zeigt allerdings, dass wir alle mehr oder weniger diese Unterscheidung vornehmen. Wir praktizieren sie unaufhörlich. Fast jeder Adventist macht zum Beispiel einen Unterschied in der Bewertung der biblischen Lehre von der Wiederkunft Christi und den alttestamentlichen Hinweisen über reine und unreine Tiere, und die Botschaft vom Sabbat steht nicht auf einer Stufe mit Lebensstilfragen. Vieles, was wir als religiöse Aussage deklarieren, erweist sich im Kern als kulturelles Überlieferungsgut. Wenn z. B. in einer deutschen Adventgemeinde darüber gestritten wird, ob ein Saxophon gottesdiensttauglich sei, würden die gleichen Leute irritiert den Gottesdienst in einer afrikanischen oder südamerikanischen Gemeinde verlassen; denn die Rhythmen und fast alle Instrumente wären in ihren Augen samt und sonders verboten!

 

Und noch ein Argument wird immer wieder gegen die Unterscheidung von Kern- und Randlehren vorgebracht: Es sei eine kirchliche Erfindung. Richtig ist, dass es eine hierarchia veritatum (Rangordnung der Wahrheiten) z. B. in der röm.-kath. Kirche gibt. Aber ist das ein ausreichender Grund für eine generelle Ablehnung? In den Großkirchen wird zu bestimmten Anlässen gemeinsam das „Vater Unser“ gebetet. Ist das deshalb für uns verboten?

 

Es gibt zwar immer mehr Autoren und Redner in unseren Reihen, die von Rand- und Kernlehren sprechen oder ähnliche Formulierungen benutzen, aber die Skepsis bei manchem Adventisten ist unübersehbar. Es geht mir nicht darum, eine offizielle Liste der „Wahrheiten“ zu erstellen – und ich finde es richtig und hilfreich, dass unsere Kirchenleitung nie eine solche Liste erstellt hat – aber es wäre der Sache dienlich, würde man offiziell akzeptieren, dass es Rand- und Kernlehren gibt. Nur darum geht es mir; denn hier handelt es sich im Grunde um die Gewissensentscheidung jedes einzelnen Gläubigen. Wäre es allgemeine Praxis, dass wir uns gegenseitig das Recht auf eine persönliche Gewissenentscheidung auch in theologischen Fragen zubilligen und im Gemeindealltag auch so verfahren, würde sich eine Unterteilung in Rand- und Kernlehren erübrigen. Aber um hier etwas Klarheit in die Diskussion zu bringen, habe ich mich entschieden, zwei Begriffe einzuführen, die den Kern des Problems deutlicher beschreiben als Rand- und Kernlehren. Ich unterscheide „Glaubenseinheit“ von „Lehreinheit“. Bevor ich diese Termini erläutere, scheint mir ein kurzer historischer Rückblick sinnvoll zu sein.[1]

 

Geschichtlicher Rückblick

Es ist kein Geheimnis, dass wir Adventisten in der Anfangsphase unserer Geschichte jedwede schriftliche Form von Glaubensaussagen vehement abgelehnt haben. Die Bibel und nur die Bibel war unser Bekenntnis.[2] Als der Wunsch nach schriftlicher Abfassung unserer wichtigsten Lehren immer deutlicher wurde, hat einer der führenden Theologen der adventistischen Frühzeit sich sehr deutlich und drastisch geäußert. Vielen ist das Diktum von Elder Loughborough bekannt: „Der erste Schritt zum Abfall besteht darin, ein Glaubensbekenntnis aufzustellen, das uns sagt, was wir glauben sollen; der zweite darin, dass dieses über die Mitgliedschaft entscheidet; der dritte darin, dass man Glieder an Hand dieses Bekenntnisses überprüft. Der vierte darin, dass man die zu Abtrünnigen stempelt, die an das Glaubensbekenntnis nicht glauben und der fünfte darin, dass man mit ihrer Verfolgung beginnt.“ (im „Review“ 8. Okt. 1861) Loughborough war zwar nicht unumstritten in unserer Kirche, aber mit diesen Äußerungen befand er sich durchaus im Einklang mit der Mehrheit

der Adventisten. Schließlich waren viele von ihnen wegen schriftlich fixierter Glaubensbekenntnisse aus ihren früheren Denominationen ausgeschlossen worden. Den gleichen Fehler wollte niemand in unserer Kirche wiederholen. Erst  1872 veröffentlichte der Verlag in Battle Creek  eine Zusammenfassung unserer Lehren in 25 Punkten. Allerdings war diese „Synopse“ – so der Titel des Textes – durch keinen Ausschussbeschluss legitimiert.

 

Die „landmarks“

In diesen Zusammenhang gehört die Diskussion um die „landmarks“, die „Grundpfeiler“ adventistischen Glaubens. Auslöser dieser Auseinandersetzung war ein Thema der Generalkonferenz von 1888. In Minneapolis sollte das Hauptthema die Glaubensgerechtigkeit sein. Schon im Vorfeld argumentierte Buttler, der damalige Präsident der Generalkonferenz, sehr massiv gegen die Auffassung der Brüder Jones und Waggoner. Diese wollten über das Thema der Gerechtigkeit aus dem Glauben referieren. Bis 1888 hatten die Adventisten in der öffentlichen Verkündigung vor allem die Unterscheidungslehren betont. Deshalb die einseitige Betonung des Gesetzes.

Jetzt ging es also um die landmarks.  Was waren die Grundpfeiler des Adventismus zu diesem Zeitpunkt? Ellen White stellte sich hinter die Brüder Jones und Waggoner und schrieb: „Das Verstreichen des Zeitpunkts im Jahre 1844 führte zu einer sehr ereignisreichen Zeitperiode, die unseren staunenden Blicken die Reinigung des himmlischen Heiligtums eröffnete. Ebenso die erste und zweite Botschaft der Engel, auch die dritte, die das Banner mit der Inschrift entrollte: ’Die Gebote Gottes und der Glaube an Jesus’, die mit dem Volk Gottes auf der Erde in entscheidender Beziehung stehen. Bei dieser Verkündigung war einer der ‚Grenzsteine’  der Tempel Gottes, den sein wahrheitsliebendes Volk wiederentdeckte und zwar im Himmel – und die Bundeslade, die das Gesetz Gottes enthielt. Das Licht des Sabbats vom 4. Gebot sandte seine starke Strahlung über den Weg der Übertreter des göttlichen Gesetzes. Auch die Sterblichkeit der Gottlosen ist so ein alter ‚Grenzstein’. Ich kann mich an nichts anderes erinnern, was sonst noch unter ‚Grenzstein’ eingeordnet wurde. All das Geschrei über das Verrücken alter ‚Grenzsteine’ ist reine Einbildung.“[3]

 

Wenn wir diese Aussage zusammenfassen, ergibt sich eine Kurzfassung der landmarks, also der unverrückbaren Grenzsteine adventistischen Glaubens:

1.     Die Lehre vom Zustand der Toten (Frage der Unsterblichkeit der Seele)

2.     Die Lehre vom Heiligtum – offensichtlich mit zwei Schwerpunkten:

·      Der Versöhnungsdienst Jesu im Himmel

·      Die Bundeslade im Heiligtum mit dem Gesetz; hier v. a. das 4. Gebot

3.     Die Botschaften der drei Engel aus Offb. 14

Natürlich bekannten sich die frühen Adventisten auch zum sola skriptura Prinzip (allein die Schrift). Hierüber hat es keine Debatten gegeben.

 

Die einzelnen Lehrpunkte von 1872 erschienen wieder im Yearbook von 1889. Inzwischen hatte sich ihre Anzahl auf 28 erhöht. Von 1890 – 1904 verzichtete man auf die Veröffentlichung im jährlich erscheinenden Gemeinschaftsjahrbuch. Offensichtlich bestand Uneinigkeit darüber, ob man sich auf bestimmte Formulierungen offiziell festlegen sollte, und wenn ja, auf welche. Von 1905 – 1914 erschienen sie wieder im Yearbook. Dann trat eine längere Pause ein. Erst 1931 – fast 100 Jahre nach Gründung der Adventkirche – wurde zum ersten mal eine Fassung der adventistischen Lehrpunkte veröffentlicht, die durch einen Ausschuss der Generalkonferenz autorisiert war.  Jetzt waren es 22 Punkte. Sie behielten ihre Gültigkeit bis 1980. In Dallas wurde zum ersten mal durch eine Vollversammlung der Generalkonferenz – also „General Conference in Session“, dem eigentlich ausschließlich dafür zuständigen Gremium! – eine Neufassung verabschiedet. Der Text enthielt 27 Artikel. 2005 wurde ein Artikel eingefügt, der sich mit „den dunklen Mächten unseres früheren Lebens“ befasst (Artikel 11). Offensichtlich ein Zugeständnis an die Adventisten in Regionen, die meinen, einen ständigen Kampf gegen okkulte Kräfte führen zu müssen. Und im Augenblick arbeitet eine Kommission daran, die Aussagen über die Schöpfung neu zu fassen und sprachliche Korrekturen einiger anderer Artikel vorzuschlagen. Seit kurzem gibt es einen Antrag, den „Nichtkämpferstandpunkt“ in die Glaubensüberzeugungen einzufügen.[4] Die nächste Vollversammlung der Generalkonferenz 2015 wird darüber befinden. Dann haben wir wieder eine neue vorläufige Fassung der  „Glaubensüberzeugungen der Siebenten-Tags-Adventisten“.

 

Die Präambel

Welchen Stellenwert haben diese 28 Artikel? Sind sie Dogmen im katholischen Sinn? Der Schlusssatz der Präambel gibt hier eine klare Auskunft: “Eine Neufassung dieser Aussagen wäre anlässlich einer Generalkonferenz möglich, sofern die Gemeinde durch den Heiligen Geist zu einem tieferen Verständnis der biblischen Wahrheit gelangt oder bessere Formulierungen findet, um die Lehren des heiligen Gotteswortes auszudrücken.“ Dadurch scheint sicher gestellt zu sein, dass weitere Forschungen möglich sind, sich dadurch neue theologische Einsichten ergeben können und der adventistische Wahrheitsbegriff nichts Statisches, sondern etwas zutiefst Dynamisches ist.

 

Der dynamische Wahrheitsbegriff

Wir Adventisten befinden uns theologisch also immer noch auf dem Weg. Das haben die führenden Persönlichkeiten der Anfangsgeneration klar formuliert.  „Wahrheit, die ihren Ursprung in Gott hat, ist progressiv, sie ist nach vorn gerichtet, sie nimmt an Kraft zu, ihr Licht wird immer heller. Unsere Erkenntnis der Wahrheit beginnt im Kleinen, zunächst verstehen wir nur wenig, dann immer mehr, bis hin zur Vollendung. ... Wir haben uns selbst viel geschadet, weil unsere Prediger und Glieder davon überzeugt waren, dass wir im Vollbesitz aller Wahrheit waren, die für uns von Bedeutung ist. Aber dieser Schluss ist ein Irrtum und stellt eine der Täuschungen Satans dar; denn Wahrheit wird sich unaufhörlich entfalten.“[5]  Und zwei Jahre später schreibt Ellen White: „Es gibt keine Entschuldigung für jemanden, der die Position vertritt, es gäbe keine Wahrheiten mehr zu entdecken und alle unsere Auslegungen der Bibel seien frei von Irrtümern. Die Tatsache, dass bestimmte Lehren seit vielen Jahren von uns als Wahrheit betrachtet werden, ist kein Beweis dafür, dass unsere Anschauungen unfehlbar sind.“[6] „Wenn Gottes Kinder in der Gnade wachsen, werden sie auch beständig ein besseres Verständnis seines Wortes gewinnen. ... Wenn hingegen das echte geistliche Leben abnimmt, hat schon immer die Tendenz bestanden, dass das Wachsen in der Erkenntnis der Wahrheit aufhört. Menschen geben sich mit der Erkenntnis zufrieden, die sie bereits aus Gottes Wort empfangen haben, und versuchen, jede weitere Untersuchung der Heiligen Schrift zu verhindern. Sie werden konservativ und versuchen, Diskussionen zu vermeiden.“ [7]

 

Der „Kommentar“

Das liest sich gut und wird auch teilweise gelebt. Aber die Gefahr der Dogmenbildung ist damit nicht gebannt.  Ein riskanter Schritt bestand in der Kommentierung der 27 Glaubensartikel von Dallas.[8] Dieses Buch erschien 1988 und wurde von dem Holländer  P. Gerard Damsteegt strukturiert. Er wurde in seiner Arbeit von 27 hierfür besonders ausgewählten Theologen und Pastoren unterstützt. Und zum Schluss gab es ein Gremium von 194 Personen, die diese Arbeit in vielfältiger Weise begleitet und unterstützt haben. Die deutsche Übersetzung erschien 1996.  Welche Autorität hat dieses Buch? Sind diese 569 (!) Seiten nicht doch so etwas wie ein verbindlicher Verhaltenskatalog? Werde ich als Gemeindemitglied in meinem religiösen Verhalten, in meinem Frömmigkeitsstil nun doch generell an Hand dieses Kompendiums beurteilt?  In der Einleitung steht: „Dieses Buch ist kein offizielles Dokument der Gemeinschaftsleitung, sondern will lediglich dazu beitragen, Gemeindegliedern, Freunden der Gemeinde und solchen, die daran interessiert sind, die adventistischen Glaubenslehren verständlich und gut lesbar nahezubringen.“[9]  Es wird in Zukunft darauf ankommen, dass wir weiterhin die christliche Freiheit als ein hohes Gut verteidigen. Der Einzelne steht mit seinem Gewissen allein vor Gott. Adventisten kennen keinen menschlichen Mittler. Und insofern sind die 28 Glaubensüberzeugungen und auch die ausführliche Kommentierung als „Leitplanken“ zu verstehen. Sie helfen uns, den Willen Gottes zu erkennen, aber die praktische Verwirklichung verbleibt im Entscheidungsbereich des Einzelnen.

 

Die Einheit

Bis jetzt haben wir sehr ausführlich über den Begriff der Vielfalt nachgedacht. Diese Vielfalt entsteht, so haben wir gesehen,  einerseits durch die unterschiedlich wertende Einteilung in Rand- und Kernwahrheiten und durch den dadurch bedingten Frömmigkeitsstil des Einzelnen. Andererseits entsteht diese Vielfalt durch unterschiedliche Deutungsergebnisse biblischer Texte. Aber das ist ein weites Feld und soll hier nicht vertieft werden. Ich nenne nur als ein Beispiel die immer noch vorherrschende Deutung bestimmter prophetisch-apokalyptischer Bibeltexte ausschließlich bezogen auf die röm.-kath. Kirche. Und verdutzt fragt sich der kritische Leser: Von wem geht denn nun die reale Gefahr aus? Wer verfolgt uns? An den Islam hat damals, als wir die Texte deuteten, noch keiner gedacht.

Wir können die Vielfalt erklären und bejahen, aber wie können wir trotz aller Vielfalt die Einheit der Gemeinde sichern? Hier stellt sich indirekt die Frage der adventistischen Identität.

 

Die adventistische Identität

Die adventistische Identität wurde bisher durch den Versuch beschrieben, eine globale Einheit in unseren Lehren durchzusetzen. Nun hat sich aber in den letzten Jahren gezeigt, dass diese Form der lehrmäßigen Einheit nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Angel M. Rodriguez, viele Jahre Direktor des BRI (Biblical Research Institut – in etwa vergleichbar mit der Zielsetzung der „Glaubenskongregation“ der röm.-kath. Kirche), äußerte sich vor einigen Jahren in einem Beitrag vor den Mitgliedern des Divisionsausschusses der EUD sinngemäß wie folgt: Es besteht kein Zweifel, dass wir durch die stark wachsende Mitgliederzahl unserer Kirche die globale Lehreinheit nicht werden aufrecht erhalten können. Ich denke, dass er darin Recht hat; denn schon allein die Tatsache, dass das Wachstum unserer Kirche von Kontinent zu Kontinent mit unterschiedlichem Tempo erfolgt, bedingt Gemeinden, deren Theologie sehr unterschiedlich ist. So erleben wir in Europa als Kirche unser 2. Jahrhundert mit allen Konsequenzen, während die Adventisten zum Beispiel in Südamerika theologisch noch im 1. Jahrhundert ihrer Entwicklung stehen. Die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Entwicklungsstufen sind hier nicht das Thema, aber es ergeben sich natürlich Konsequenzen für die Weltgemeinde.

 

Mit dem Eingeständnis einer „brüchig“ werdenden Lehreinheit, ist aber keinesfalls die Herausforderung einer adventistischen Identität erledigt. Ohne eine solche kann es keine global agierende Adventgemeinde geben. Das hat weniger mit Strukturen zu tun, obwohl auch dieser Aspekt erörtert werden müsste. Viele entwickeln tief sitzende Ängste, wenn z. B. das Wort „Kongregationalismus“ fällt. Hier wird dann gleich das Ende der Adventgemeinde vermutet. Bei diesem Thema wird meist nur mit Abwehrmechanismen argumentiert. In diesem Beitrag geht es aber nicht um Strukturen, also auch nicht um die Diskussion einer adventistischen Variante des Kongregationalismus. Ich versuche die Problematik der Lehreinheit dadurch zu lösen, dass ich als Komplementärbegriff zur Lehreinheit von Glaubenseinheit spreche.

 

Glaubenseinheit

Für mich bilden die beiden Begriffe „Lehreinheit“ und „Glaubenseinheit“ den Schlüssel für die adventistische Identität. Die globale Lehreinheit ist für eine schnell wachsende Kirche offensichtlich nicht mehr in allen Einzelheiten durchzusetzen. Die kulturell-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einerseits und die traditionellen, teilweise familiären und stammesgeschichtlichen Hintergründe andererseits wirken als starke Hemmnisse. Wer z. B. in einem katholisch geprägten Kontinent wie Südamerika aufgewachsen ist, sieht auch die adventistischen Lehren meist durch eine „dogmatisch gefärbte Brille“. Die Autorität eines adventistischen Vorstehers dort ähnelt sehr stark einem katholischen Bischof. Sein Wort gilt, wird nicht lange hinterfragt. Ganz anders sind die Verhältnisse z. B. in einem lutherisch geprägten Land wie Norwegen. Auch hier gibt es eine „Brille“, aber mit anderer Wirkung. Ein norwegischer Adventist hat z. B. kein Problem mit der Glaubensgerechtigkeit, weil die Gesellschaft, in der er lebt, lutherisch geprägt ist. Aber in Südamerika wird eben doch noch mit der eigenen religiösen Leistung geliebäugelt, weil sich hier katholisches Denken auswirkt. Dr. Rodriguez hat Recht mit seinem Statement. Wie aber lässt sich die adventistische Identität aufrechterhalten? Nicht mehr durch die totale Lehreinheit, sondern durch die Glaubenseinheit. Was bedeutet das konkret?

 

Ich schlage ein adventistisches Glaubensbekenntnis vor. Mit diesem Vorschlag setze ich mich wieder der Gefahr einer zu großen Nähe zu den Volkskirchen aus. Genau so wenig, wie ich die hierarchia veritatum , also die Rangordnung der Wahrheiten (Kern- und Randwahrheiten) für einen falschen Weg halte, genau so wenig möchte ich auf ein Glaubensbekenntnis verzichten, nur weil es die Kirchen auch haben! Ich erinnere an die Praxis des „Vater Unser“. Die Gläubigen in der evangelischen und in der röm.-kath. Kirche beten es. Und wir tun es auch – ohne geistlich Schaden zu nehmen.

 

Was ist ein Glaubensbekenntnis?  Es ist eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Lehren einer Kirche und dient der Abgrenzung zu aufgekommenen Irrlehren. Vom 2. bis zum 6. Jahrhundert entstanden mehrere Texte dieser Art innerhalb der christlichen Kirche. 1564 reagierte die römisch-katholische Kirche auf die lehrmäßigen Angriffe der Reformation durch ein neues  Glaubensbekenntnis auf dem Konzil zu Trient.  Diese Fassung wurde 1968 in einer Neufassung als für alle Katholiken rechtsverbindlich erklärt. Die evangelische Kirche hat 1530 auf dem Reichstag in Augsburg ihr Glaubensbekenntnis veröffentlicht. Auch die verschiedenen Freikirchen haben ihre Bekenntnisschriften. Und wir? Wir haben die 28 „Glaubensüberzeugungen“ (Fundamental Beliefs). Aber das ist kein „Credo“ („ich glaube“).

 

Wir haben einen kurzen Blick auf die Entwicklung unserer „Glaubensüberzeugungen“ riskiert und dabei festgestellt, dass sie eine ungewöhnliche Geschichte hinter sich haben. Mal gab es sie, mal nicht und eigentlich wollten wir sie überhaupt nicht; denn eigentlich ist die Bibel als Ganzes unser Glaubensbekenntnis. Aber es hat sich im Laufe der Geschichte unserer Kirche als notwendig erwiesen, dass wir unsere theologischen Einsichten – für alle leicht verständlich – schriftlich fixierten. Aber immer mit dem Hinweis (siehe Präambel!), dass sich die Einsichten und die Formulierungen ändern können; denn für uns Adventisten ist „die Wahrheit“ eben ein dynamischer Prozess.

 

Selbst wenn 2015 anlässlich der nächsten Vollversammlung der Generalkonferenz einige Formulierungen geändert werden, bleibt es bei einem ziemlich umfangreichen Text. Nicht alle Adventisten haben die „Glaubensüberzeugungen“ verinnerlicht. Man weiß ungefähr, was drin steht, aber sie taugen kaum, um Fragenden den Kern unseres Glaubens zu verdeutlichen, weil zu lang und manchmal auch etwas kompliziert. Vielleicht sollten wir doch von den Volkskirchen lernen. Ich habe einen der Urtexte der Alten Kirche[10] genommen und adventistisch bearbeitet.

 

Mein Glaubensbekenntnis

Ich glaube an den dreieinigen Gott,

an Gott den Vater, den Ewigen und Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

 

Ich glaube an Gott den Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder, der Mensch wurde, geboren von der Jungfrau Maria, für uns gestorben und auferstanden ist von den Toten.

 

Er sitzt jetzt zur Rechten Gottes, bewirkt unsere Vergebung und wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

 

Ich glaube an Gott, den Heiligen Geist, der Gemeinschaft fördert, in alle Wahrheit leitet, zum Zeugnis befähigt und der Gemeinde die geistlichen Gaben schenkt.

 

Ich glaube, dass Christus meine Sünden vergibt ohne Gegenleistung.

 

Ich glaube, dass die Heilige Schrift das geschriebene Wort Gottes ist.

 

Ich glaube, dass durch Gottes Gesetze mein Leben bereichert wird und der Sabbat ein besonderes Zeichen ist.

 

Ich glaube, dass alle Toten auferstehen werden.

 

Ich glaube, dass die Gemeinschaft der Gläubigen gottgewollt ist.

 

Ich glaube, dass es eine neue Erde und ein ewiges Leben gibt.

 

Hier handelt es sich zunächst um einen Vorschlag. Wenn sich die Fachleute, also unsere Theologen, dieses Themas annehmen, wird es sicher hier und da Verschiebungen oder Veränderungen geben. Aber so lange es kein offizielles adventistisches Glaubensbekenntnis gibt, sehe ich in diesem Text eine Möglichkeit, die Glaubenseinheit zu sichern. Diese 10 Sätze dürften von jedem Adventisten ohne Einschränkung bejaht werden – und das sicherlich global! Und sie unterscheiden sich deutlich von den Bekenntnisschriften anderer Kirchen. Schöpfung, Sabbat, Wiederkunft – alles wird thematisiert. Aber in einer Kurzform, die jeder sofort versteht. Ich habe diesen Text auch schon von Gemeinden im Rahmen eines Gottesdienstes laut mitsprechen lassen. Natürlich habe ich die Gemeinde vorher ausführlich – sogar schriftlich – informiert. Viele waren dankbar und verstanden das Anliegen. Und natürlich haben wir auch drüber gesprochen, dass zu häufiges gemeinsames Sprechen eines Glaubensbekenntnisses durchaus einen negativen Aspekt haben kann. Es wird zur Routine, man plappert einfach nach, ohne mitzudenken. Aber diese Gefahr lässt sich leicht bannen: Das gemeinsame Sprechen des Glaubensbekenntnisses sollte nicht Teil eines „normalen“ Gottesdienstes sein, sondern für besondere Veranstaltungen reserviert bleiben. Das rechte Maß zu finden, obliegt hier jeder einzelnen Gemeinde.

 

Verkirchlichung?

Mein Vorschlag, zu besonderen Anlässen gemeinsam als Gemeinde ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, könnte bei einigen zum Vorwurf der Verkirchlichung führen. Wir haben diesen Vorwurf schon bei den Überlegungen zum Thema hierarchia veritatum diskutiert. Worin liegt die Ursache für diese offensichtliche Scheu, Einsichten oder Praktika von den Volkskirchen zu entlehnen? Wir in Deutschland sind hier besonders gefährdet, verglichen mit den Verhältnissen zum Beispiel in den USA. Jede christliche Denomination bezeichnet sich dort als Church (Kirche) – ob römisch-katholisch oder evangelisch oder baptistisch oder adventistisch oder was immer. Wir hier in Deutschland galten lange Zeit als Sekte. Mit dieser Diskriminierung hatten wir uns abgefunden. Erst seit kurzem nennen wir uns Freikirche, und es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern und wir lassen die Vorsilbe Frei einfach weg.[11] Wenn ich die „Zeichen der Zeit“ zu diesem Thema richtig deute, sind wir längst auf dem Weg zu einer gewissen Form von „Kirche“. Kaum ein Verkündiger nennt sich noch Prediger. Auf fast allen Visitenkarten steht Pastor. Wir haben das stillschweigend akzeptiert. Wie lange wird es dauern, bis wir auch für die leitenden Mitarbeiter neue Titulierungen finden werden? Kein normaler Mensch kommt auf die Idee, hinter der Bezeichnung „Verbandsvorsteher“ ein geistliches Amt zu vermuten. Ich habe es selbst erlebt, dass in einer großen Gemeinde anlässlich einer besonderen Veranstaltung der Gastredner (ein Vereinigungsvorsteher) vorgestellt wurde mit der Bemerkung: „Herr N. N. ist bei uns so etwas wie ein Bischof.“ Es war dem Gemeindeleiter wahrscheinlich peinlich oder zu missverständlich von einem Vereinigungsvorsteher zu reden. Da diese Veranstaltung im Gebiet der ehemaligen DDR stattfand, war der Phantasie in Bezug auf das Wort „Vereinigung“ keine Grenzen gesetzt. Nur wir Insider wussten ja Bescheid! Nach dem 2. Weltkrieg bezeichnete sich der Divisionsvorsteher öffentlich als „Missionsdirektor“. Der Grund lag auf d er Hand: Mit dem Wort „Division“ verband jeder Erwachsene eine militärische Einheit, aber keine kirchliche Struktur.

 

An solchen und ähnlichen Beispielen wird deutlich, dass wir uns formal schon ein ganzes Stück in Richtung Kirche bewegen. Das entspricht auch völlig den kirchengeschichtlichen Gesetzmäßigkeiten einer christlichen Bewegung in ihrem 2. Jahrhundert. Vieles nehmen wir als Veränderung in Richtung Kirche gar nicht mehr wahr. Aber es wird Zeit, dass wir uns ernsthaft vor allem mit inhaltlichen Veränderungen auseinandersetzen.

 

Tradition

Jede Kirche entwickelt im Laufe ihrer Geschichte gewisse Traditionen. So feiern viele Gemeinden bis heute viermal im Jahr Abendmahl. Das ist inzwischen Tradition geworden. Niemand erinnert sich daran, woher diese Praxis stammt.[12] Als Fachausdruck aber bezeichnet der Begriff Tradition allerdings etwas anderes. Hier geht es um schriftliche – teilweise auch mündliche – Aussagen und Einsichten bedeutender Persönlichkeiten innerhalb der jeweiligen Kirche. Und das gilt nicht nur für die christlichen Kirchen. So kennt z. B.  auch der Islam diese Unterscheidung. Neben dem Koran gibt es Texte, die von gleicher Bedeutung sind (Hadith / Sunna). Das Judentum verehrt neben dem Alten Testament auch den Talmud. Die röm.-kath. Kirche legt großen Wert darauf, dass die Texte der Kirchenväter den gleichen Stellenwert wie die Bibel haben. Das 2. Vatikanische Konzil hat diesen Grundsatz noch einmal ausdrücklich bestätigt.[13]

 

Die Adventgemeinde hat in ihren schriftlichen Aussagen immer wieder betont, dass wir unsere theologischen Erkenntnisse allein der Bibel entnehmen. Aber es ist nicht zu leugnen, dass im Laufe der Jahrzehnte außerbiblische Texte eine immer größere Bedeutung gewinnen. Immer wieder erlebe ich, dass bei theologischen Diskussionen im Zweifelsfall auf eine Aussage z. B. von E. G. White zurückgegriffen wird. Dadurch soll dann vielfach der Eindruck erweckt werden, als sei jetzt die Entscheidung gefallen. Ein nicht-biblischer Text soll den Ausschlag geben. Genau das aber ist das Problem beim Thema Bibel und Tradition. Ob Ellen White oder James White, ob Loughborough oder Andrews, ob Luther oder Calvin, ob Wessely oder Joseph Smith, ob Augustinus oder Franz von Assisi – alle haben lesenswerte und hilfreiche Texte für ihre jeweilige Kirche geschrieben, und nicht nur für sie. Aber viele Kirchen sind dann der Gefahr erlegen, diese Texte der Bibel gleichzustellen. Ein Studienkollege aus Neandertal[14] , der später viele Jahre die deutsche Gemeinde in New York betreut hat, berichtete mir von einer Erfahrung anlässlich einer großen Predigertagung in seiner Vereinigung. Man hatte den Antrag gestellt, dass der adventistische Verlag in Zukunft ein Buch herausbringen solle, in dem drei Teile enthalten sein sollten: Das Alte Testament, das Neue Testament und die wichtigsten Aussagen von E. G. White. Dieser Antrag wurde zwar abgelehnt, aber allein Tatsache, dass er gestellt worden war, provoziert bohrende Fragen. Vordergründig sollte dieses Buch der Arbeitserleichterung für die Prediger dienen, aber für jeden einigermaßen theologisch Gebildeten war klar: Mit dem Buch der Offenbarung des Johannes war der Kanon offensichtlich für Adventisten noch nicht abgeschlossen!  Im Zuge unserer Verkirchlichung stehen auch wir als Adventgemeinde in der Gefahr, den Fehler vieler Volkskirchen zu wiederholen. Je deutlicher die Position z. B. der Schriften von E. G. White der Bibel angenähert würde, umso klarer wird der Zustand unserer Verkirchlichung.[15]

 

Theologie

Das Spannungsverhältnis von Bibel und Tradition ist ja nur ein Teilbereich der Theologie, der sich bei uns in Bewegung befindet. Ich habe schon kurz auf die Deutung prophetisch-apokalyptischer Bibeltexte hingewiesen. Viele Adventgläubige sind gerade durch diese damals aktuellen Deutungen in unsere Gemeinde gekommen. Aber inzwischen erleben sie, dass sich vieles, manche sage sogar fast alles, als Irrtum erwiesen hat. Nur ein aktuelles Beispiel. Kürzlich fand in Friedensau ein Symposium zum Thema „1. Weltkrieg“ statt.[16] In  einem ersten Bericht findet sich der Hinweis: “Die damalige adventistische Auslegung vom ‚kranken Mann am Bosporus’ (dem Osmanischen Reich) wurde durch den Kriegsverlauf widerlegt und stellt die Frage nach der angemessenen Auslegung biblischer Endzeitweissagungen.“[17] „Unter anderem ging es um prophetische Verkündigung, in der konkrete weltpolitische Ereignisse vorhergesagt wurden. Allerdings trafen diese Ereignisse nicht in der vorhergesagten Weise ein. Die Deutung wurde mehrfach geändert. ... Als Lehre aus den Ereignissen um den Ersten Weltkrieg forderte er (Reinder Bruinsma) auf, sich von unfruchtbaren Spekulationen fernzuhalten und stattdessen unseren adventistischen Glauben in realitätsbezogener Weise auszuleben,...“[18]

Wenn ich heute manchmal Adventisten über die Gefahren einer akuten Sonntagsgesetzgebung schwadronieren höre, bin ich bestürzt über so viel Ignoranz der tatsächlichen Gesetzeslage. Schon vor Jahren, bei einem meiner USA Besuche, diskutierte ich mit Geschwistern über dieses Thema. Es war wohl gerade mal wieder ein Gesetzesentwurf  zum Thema „Sonntag“ in irgendeinem US-Staat eingebracht worden. Als ich die Geschwister fragte, was denn das für Auswirkungen haben dürfte, erklärte man mir: Wir dürfen dann zum Beispiel nicht mehr unsere Druckmaschinen am Sonntag laufen lassen und nicht mehr unsere Läden geöffnet halten. Ich konnte sie beruhigen: Diese Form der Verfolgung haben wir in Deutschland schon seit Jahrzehnten. Wenn es meinem Nachbarn nicht gefällt, dass ich am Sonntag mein Auto wasche oder den Rasen mähe (was ich natürlich nicht mache!), kann er die Polizei rufen und ich bekomme einen Strafzettel.

 

Die Deutungsmöglichkeiten apokalyptisch-prophetischer Bibeltexte sind ein weites Feld und sollen hier nicht weiter vertieft werden. Aber gerade am Stichwort „Theologie“ wird das Spannungsfeld zwischen Glaubenseinheit und Lehreinheit deutlich, und hier berührt sich auch die Bewertung des Verhältnisses von Bibel und Tradition. Noch sind wir auf einem guten Weg. Die offizielle Position unserer Kirche macht einen  deutlichen Unterschied zwischen Bibel und Tradition. Mit dem letzten Buch der Bibel, der Apokalypse des Johannes, ist der biblische Kanon abgeschlossen. Deshalb basieren alle adventistischen Lehreinsichten allein auf der Bibel. Und deshalb ist in unserer Verkündigung auch kein Platz für Verschwörungstheorien jedweder Richtung. Das hindert uns aber nicht, zu aktuellen Entwicklungen in unserer Gesellschaft biblisch Stellung zu nehmen. Es bleibt unsere Aufgabe: „Frage doch heute um das Wort des Herrn!“[19]

 

Praxistest

Für den einen oder anderen könnten die bisherigen Ausführungen zu der Vermutung führen: Hier wird ein rein theoretisches Problem abgehandelt. Für viele gilt: Ich praktiziere meinen Frömmigkeitsstil nach eigener Überzeugung, und auch die Lehre habe ich mir so zurecht gelegt, dass ich damit gut leben kann. Aber der Gemeindealltag sieht häufig doch leider anders aus. Hier kommt es zu Konfrontationen – nicht nur wegen des individuellen Frömmigkeitsstils, sondern auch wegen diverser Lehrunterschiede. Wie gehen wir in der Praxis damit um?

 

Der Praxistest könnte drei Aspekte haben:

1.     Wir sollten uns daran gewöhnen, beim Thema „Lehreinheit“ vorsichtig und behutsam darauf zu verweisen, dass es eine totale und global wirksame Lehreinheit nicht mehr geben wird. An welchem Punkt der Entwicklung wir stehen, lässt sich einem Aufsatz entnehmen, den Bruno Vertallier in seiner Eigenschaft als Präsident der EUD in unserer offiziellen Gemeindezeitschrift veröffentlicht hat: „Möge jedes Mitglied der Kirche der Siebenten- Tags-Adventisten anderen Gläubigen Halt geben, damit niemand das Gefühl bekommt, es gäbe für ihn keinen Platz in der Gemeinde, weil er zwar nach unseren Glaubenspunkten lebt, aber noch Fragen hat ... Aus diesem Grund will ich auch die Gemeindeglieder achten, die noch Fragen oder ihre eigene Sicht in Bezug auf bestimmte Lehren wie die Schöpfung, das Heiligtum, die Gemeinde der Übrigen usw. haben. Ich möchte diesen Brüdern und Schwestern versichern, dass sie als treue Gemeindeglieder angesehen werden und in der Familie der Siebenten-Tags-Adventisten willkommen sind.“[20] Deutlicher kann man die Situation nicht beschreiben, und Bruno Vertallier ist der für uns zuständige Vertreter der Generalkonferenz. Wer seine eigene Sicht zu bestimmten Lehraussagen unserer Kirche hat- und das bezieht sich sicherlich nicht auf Kernaussagen wie Sabbat oder Wiederkunft Christi – wird als „treues Gemeindeglied“ bezeichnet. Damit tritt als identitätsstiftendes Element die Glaubenseinheit an die Stelle der Lehreinheit.

2.     Als sehr hilfreich beim Bemühen um ein spannungsfreies Miteinander in der Gemeinde hat sich die Unterscheidung der Begriffe „Toleranz“ und „Akzeptanz“ erwiesen. Wir beschränken uns meist auf die Anwendung des Begriffes Toleranz. Toleranz heißt übersetzt „Duldung“. Wenn ich mich also jemandem gegenüber in Glaubensfragen tolerant verhalte, dann heißt das im Klartext: Ich bin zwar im Recht, aber da wir keine Hexen mehr verbrennen, dulde ich deine  (falsche) theologische Ansicht. Heimlich denke ich dabei, es wäre schön, wenn du dich meiner Meinung anschließen würdest. Erst dann bist du im Besitz der „Wahrheit“. Das Wort Akzeptanz wird übersetzt mit „einen Vorschlag annehmen“ (entstammt dem Kreditgewerbe). Hier ist die Ausgangslage völlig anders. Beim Wort Toleranz dulde ich die andere Meinung, beim Wort Akzeptanz gehe ich davon aus, dass unter Umständen der Andere Recht hat. Ich stelle also meine Meinung auf den Prüfstand. Beim Wort Toleranz bin ich schon angekommen, beim Wort Akzeptanz befinde ich mich noch auf dem Weg. Ich akzeptiere nicht nur die andere Meinung, sondern auch die Möglichkeit, dass ich mich korrigieren muss. Nur so kann sich eigentlich ein geschwisterliches Miteinander entwickeln. Wir beginnen, von einander zu lernen, wir grenzen nicht mehr aus, bewerten nicht die gegenteilige Ansicht nach richtig und falsch und entgehen so der Gefahr, Geschwister als ungläubig abzuqualifizieren. Ich kenne noch den alten Urteilsspruch: „Bruder (Schwester), du stehst nicht richtig!“ Damit war alles gesagt, und der Betreffende verschwand in einem Kästchen, aus dem er kaum je wieder herauskam.

3.     Wenn wir die Glaubenseinheit anstelle der Lehreinheit betonen, wenn wir uns gegenseitig akzeptieren und nicht nur tolerieren, dann fehlt noch ein Hinweis auf die Grundhaltung unseres Miteinander, damit wir eine Gemeinde sind, zu der wir nicht nur freudig unsere Gäste einladen können, sondern auch, in der wir uns selbst wohl fühlen. Jesus hat uns das mit einer sehr deutlichen Formulierung klar gemacht: „Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt.“ [21] Woran erkennen denn unsere Nachbarn, dass wir Christen, Adventisten sind? Nicht daran, dass wir kein Schweinefleisch essen, nicht daran, dass wir 10 Prozent unseres Einkommens spenden, nicht daran, dass wir uns als Erwachsene haben taufen lassen, nicht daran, dass wir am Sonnabend und nicht am Sonntag in die Kirche gehen, sondern daran, dass wir Liebe untereinander zeigen. Hier steht das Wort, das an vielen Stellen im Neuen Testaments gebraucht wird: agape. Es wird häufig mit „Liebe“ oder „Nächstenliebe“ übersetzt. Ich habe für mich eine etwas bescheidenere Formulierung entwickelt: „vorurteilsloses Wohlwollen“. Der Begriff „Liebe“ hat so etwas Universelles und wird in seiner Bedeutungsvielfalt so unterschiedlich gebraucht, dass ich mich mit einer schlichteren Übertragung zufrieden gebe. Zudem ergeben diese beiden Wörter eine direkte Handlungsanweisung. „Vorurteilslos“ wirkt in seiner Anwendung wie ein Zauberwort. Wie schnell haben wir ein Gemeindemitglied eingeordnet: konservativ, fundamentalistisch, liberal, Veganer und wie die Benennungen heißen mögen. Wir haben ein Urteil gefällt, unser Vorurteil diskriminiert den Anderen. Dabei meinen wir es ja gar nicht böse, es scheint unseren Umgang mit den Anderen zu erleichtern. Wir wissen immer gleich, wen wir vor uns haben und können uns darauf einstellen. Aber wenn wir einmal versuchen würden, diese Vorurtele abzubauen, den Anderen vielleicht wirklich einmal näher kennenzulernen, würden sich unter Umständen Überraschungen ergeben, auf die wir nicht gefasst sind. Und wenn dann noch zu unserem vorurteilslosen Begegnen das Wohlwollen hinzukommt, dann praktizieren wir in etwa das, was Jesus mit agape meint. Dieses Wohlwollen ist so etwas wie eine Grundstimmung. Manche begegnen dem Anderen zum Beispiel grundsätzlich mit Misstrauen. Lehrer stehen häufig in dieser Gefahr. Misstrauen zerstört, aber Vertrauen weckt ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten. Auch das erleben Lehrer – zum Glück. Und im Gemeindealltag ist es nicht viel anders. Dieses grundsätzliche Wohlwollen kann Wunder wirken. Der Umgang miteinander entkrampft sich, wir sehen im Andersdenkenden keinen Widersacher und wir stellen in der Regel sogar fest, dass der Andere mit meinen Ansichten weit mehr übereinstimmt als ursprünglich gedacht.

 

Ergebnis

Wir sind einen weiten Weg gegangen. Herausgefordert haben uns die beiden Begriffe „Einheit“ und „Vielfalt“. Wir haben sie eingetauscht gegen zwei andere: „Lehreinheit“ und „Glaubenseinheit“ und haben uns darüber Gedanken gemacht. Die Adventgemeinden in Deutschland – und ich beschränke mich bewusst auf das Gebiet, das ich einigermaßen kenne – hat eine große Zukunft. Die Menschen um uns fragen verstärkt nach dem Sinn des Lebens, nach ihrem Woher und Wohin. Unsere Botschaft vom wiederkommenden Herrn könnte ihnen helfen, die Sinnfrage zu beantworten. Unsere Botschaft vom Sabbat könnte den Menschen helfen, mit einem ihrer Hauptprobleme klar zu kommen: dem unerträglich gewordenen Zeitdruck. Unsere Schöpfungstheologie verhilft auch dem modernen Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Und so könnte ich fortfahren, die Bedeutung der adventistisch-biblischen Botschaft zu schildern als Möglichkeit, unseren Mitmenschen eine stabile Lebenshilfe zu geben – und das nicht nur für das irdische Leben. Aber unser Blick war ja speziell auf die Gemeinde und jeden Einzelnen gerichtet. Hier haben wir erkannt, dass es kaum lohnend ist, sich weiter um eine totale Lehreinheit zu bemühen, sondern wir sollten uns auf die gelebte Glaubenseinheit konzentrieren. Und das im Sinne der agape, dem vorurteilslosen Wohlwollen. Dann entstehen Gemeinden, die weit geöffnet sind für Gäste und Freunde, Gemeinden, die sich nicht nur um sich selbst drehen mit fruchtlosen Diskussionen, Gemeinden, die für alle da sind, für Konservative und Liberale, für Gemischtköstler und Veganer, für die, die das Saxophon lieben oder Orgelmusik, Gemeinden, die das sind, was der Kern jeder adventistischen Gemeinde sein sollte: meine geistliche Heimat.

 

L. E. Träder

Im Juli 2014

 


[1]Hier verweise ich auf den sehr informativen Beitrag von Lothar Wilhelm in „Glauben heute 2013“, Jahresheft für die Leserkreismitglieder, S. 31 – 68. Hier finden sich auch die genauen Quelleangaben der einzelnen Zitate.

[2] Sehr erhellende Hinweise (James und Ellen White) bei: Lothar Wilhelm, a. a. O.

 

 

 

 

[3] EGW, Counsels to Writers and Editors, 1946, S. 30f

[4] siehe adventisten heute, Nr. 7/2014, S. 20

5  EGW, Signs of the Times, May 26, 1892

[6] EGW, Advent Review and Sabbath Herald, 20. Dez. 1892

[7] EGW, Aus der Schatzkammer der Zeugnisse, Bd. II, S. 281f.

[8] Was Adventisten Glauben, Advent Verlag, 1996

[9] a. a. O. S. 10

[10] Das Apostolikum – entstanden aus dem Romanum (2. Jahrhundert)

[11] Hier sind die Adventisten in Österreich uns schon einen Schritt voraus. Sie nennen sich seit ein paar Jahren „Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten“. Warum auch nicht?

[12] „Die Bibel legt nicht fest, wie oft das Abendmahl gefeiert werden sollte (siehe 1Ko11,25.26). Adventisten sind deshalb der Praxis vieler Protestanten gefolgt, die das Abendmahl viermal jährlich feiern.“ Was Adventisten glauben, S.299

[13] „Diese Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wie er ist.“ ... Durch die Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der heiligen Bücher bekannt ...“ Die heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes.“ ... Die heilige Theologie ruht auf dem geschriebenen Wort Gottes, zusammen mit der Heiligen Überlieferung, wie auf einem bleibenden Fundament.“  Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, hier: Karl Rahner, Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, XI Die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung, S.  370ff

[14] Ehemaliges Predigerseminar der WDV (bei Düsseldorf)

[15] Die Diskussion zum Begriff „Inspiration“ soll hier nicht geführt werden. Ich verweise auf die entsprechende Literatur verschiedener Autoren. Z. B. Alden Thompson, Inspiration, in deutscher Sprache 1998, in Spes Christiana

[16] „Die Auswirkungen des ersten Weltkriegs auf die Freikirche der STA“, vom 12. – 15. Mai 2014

[17] miteinander, 3. Ausgabe 2014, S. 2

[18] miteinander, 3. Ausgabe 2014, S. 2

[19] 1.Kö 22, 5

[20] adventisten heute, Nr. 9/10, 2010, S. 6

[21] Joh 13, 35