Ende oder Wende?

Gesellschaftspolitische Entwicklungen im 21. Jahrhundert

 

Nicht nur Christen spüren, dass sich eine Epoche ihrem Ende zuneigt. Daraus resultiert die Frage: Was kommt? Mit diesem aufs Ende hinzielenden Gefühl verbinden Gläubige in zunehmendem Maß die Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi. Speziell Adventisten sehen in bestimmten Zeitereignissen die Erfüllung prophetischer Aussagen der Bibel. Wir sprechen dann gern von den >Zeichen der Zeit<. Bei diesem Begriff allerdings haben wir es weit gehend mit einer gedanklichen Engführung zu tun. Die Vorstellung gipfelt in der Annahme, dass es im Laufe der Zeit eigentlich immer schlechter werden müsste, es also immer deutlicher dem Ende zugeht. Zu dieser Einsicht aber kann man nur  dann kommen, wenn man die Entwicklungen der letzten 100 Jahre selektiv bewertet, sie also nur mit einer >endzeitlichen Brille< betrachtet. Diese >endzeitliche Brille< hat aber bei vielen Adventisten einen gravierenden biblischen Makel. Viele von uns haben diesen Begriff fast ausschließlich mit unheilvollen Ereignissen verknüpft. Manche haben sogar einen ständig aktualisierten Katastrophenfahrplan entwickelt. Eine biblische Berechtigung für ein solches Verfahren gibt es m. E. nicht. Der Begriff „Zeichen der Zeit<  kommt in der Bibel nur ein einziges Mal vor: „Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“ (Mt 16, 3.4) Und wenn ich das NT richtig verstanden habe, dann sehen die Autoren z. B. der Evangelien im Begriff Zeichen der Zeit zuallererst Zeichen des Heils, personifiziert in der Gegenwart Gottes durch Jesus Christus. – Das wäre nun aber ein anderes Thema, das heute nicht auf der Agenda steht. Allerdings bin ich wirklich der Auffassung, dass wir uns mit der einseitigen Festlegung auf ein bestimmtes Katastrophenszenarium weit vom biblischen Befund entfernt haben. Wir konzentrieren uns nur auf eine Variante der biblischen Aussagen. Wir zitieren z. B. gern aus der großen Endzeitrede Jesu, die uns Matthäus im 24. Kapitel überliefert hat. Da ist zweifellos von schlimmen Ereignissen die Rede. Aber wer predigt über Mt. 24, Verse 40. 41: „Dann werden zwei auf dem Felde sein; der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben. Zwei Frauen werden mahlen mit der Mühle; die eine wird angenommen, die andere wird preisgegeben.“ In meiner Sprache heißt das: Einer wird im Büro sitzen, ein anderer wird gerade das Mittagessen vorbereiten. Und mitten in diese alltägliche Situation hinein wird Jesus Christus kommen. Hier deutet sich ein weites Feld theologischer Überlegungen an, aber ich will hier nur so viel festhalten: Neben der Schilderung apokalyptischer Katastrophen-Szenarien beschreibt Jesus in seiner Endzeitrede auch eine andere Variante.

Wie erleben wir die aktuelle Verkündigung in unserer Kirche? Oder anders gefragt und damit komme ich zum Thema: Wie sieht unser Blick in die Zeit aus? Welches sind die charakteristischen Kennzeichen?

Sagen wir es konkreter: Die eine Seite der Medaille sieht bekanntlich so aus: Zunahme der Konflikte, Zunahme der Katastrophen – sprich Erdbeben, Überschwemmungen, Dürre, Zunahme der Kriminalität, etc. Und die andere Seite? Den Menschen weltweit geht es – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen - von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer besser, der Wohlstand wächst kontinuierlich, wenn auch nicht gleichmäßig verteilt. Wir haben in Europa noch keine Epoche erlebt, in der es so lange keinen größeren Krieg gab. Deshalb ist die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU vielleicht sogar berechtigt. Und wir in Deutschland? Eine Friedenszeit von über 60 Jahren gab es seit Jahrhunderten nicht. Wir leben in einem Luxus, wie wir ihn auf so breitem Niveau noch nie hatten. Natürlich können wir Schwachstellen aufzeigen, aber wann gab es einmal eine Zeit, in der niemand in Deutschland hungern musste, fast jeder zum Arzt gehen konnte und jedem durch die Sozialfürsorge ein materielles Existenzminimum garantiert wird?

Wenn ich also die beiden Seiten der Medaille anschaue, dann finde ich global    gesehen biblisch vorhergesagte Zeichen. Vor allem die >kosmische Unruhe< - wie ich es nenne -  sprich Erdbeben, Tsunamis, Tornados, etc. macht uns Sorgen. Ob sie ausreichen, als Zeichen des bevorstehenden Endes zu gelten, wage ich zumindest in Frage zu stellen. Wir hier in Deutschland jedenfalls kämen uns dann wie auf einer Insel der Seligen vor. Aber um diese Frage geht es an diesem Wochenende gar nicht. Ich habe diese Gedanken nur formuliert, weil ich davon ausgehe, dass sie im Augenblick vielleicht in euren Köpfen sind. Aber wir werden heute nicht spekulieren über irgendwelche >Sonntagsgesetze< oder über eine kommende >Weltregierung<. Das überlasse ich den uns sattsam bekannten Verschwörungstheoretikern in unserer Kirche. Wir haben als Generalthema gewählt „Zeichen und Zeiten“ und wollen uns fragen, ob wir kurz vor dem Absturz stehen, es also steil begab geht oder ob es der Menschheit gelingen könnte, die aktuellen gewaltigen Herausforderungen zu meistern. Wie sehen „die Zeiten“ aus, in denen wir leben? Dazu müssen wir uns  - wenn möglich – vorurteilsfrei umschauen, also in unsere Gesellschaft blicken. Welche „Zeichen“ – also charakteristischen Merkmale – finden wir. Und so fragen wir jetzt: „Ende oder Wende?“

I  Die drei großen Entwicklungsschübe des 19. und 20.     Jahrhunderts

Ich beschränke mich in meinem Referat auf die gesellschaftspolitischen Entwicklungen und werde nur am Rande auf mögliche theologische Konsequenzen verweisen, obwohl das gesamte Referat eine zutiefst theologische Aussage vermittelt.

Für einen echten, großen Entwicklungsschub ist es notwendig, dass auf mindestens zwei  Gebieten neue Technologien zur Verfügung stehen: Das ist der Energiesektor und die Kommunikationstechnologie. Zwischen beiden gibt es so etwas wie eine „organische Beziehung“[1]. Energie kann die Güter der Natur in Dienstleistungen und Waren verwandeln. Mit der Entdeckung der Elektrizität begann ein neues Zeitalter. Aber erst seitdem diese Energie sich zum Beispiel als Dampfkraft im Druckereiwesen auswirken konnte, kann man von der Ersten Industriellen Revolution sprechen. Die Dampfdruckpressen – in ihrem Gefolge dann die Rotationspressen und die Linotype-Setzmaschienen – sorgten dafür, dass sich Druck-Erzeugnisse – vor   allem Zeitungen, aber auch Bücher – rasch verbreiten konnten. „Zum ersten Mal in der Geschichte sahen die Massen sich angeregt, Lesen und Schreiben zu lernen. Das Aufkommen öffentlicher Schulen … zwischen den 1830er und 1890er Jahren schuf eine des Lesens mächtige Arbeiterschaft, die den organisatorischen Anforderungen einer kohlebefeuerten, dampfgetriebenen Schienen- und Fabrikwirtschaft gewachsen war.“[2] Diese Erste Industrielle Revolution bildet das Fundament unserer heutigen Wirtschaft. Es war eine funktionstüchtige Arbeiterschaft entstanden, Kapitalansammlungen waren möglich, und die Kohle als Energiegrundlage schien unerschöpflich zu sein.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Zweite Industrielle Revolution in Gang gesetzt. „Die elektrische Kommunikation traf auf den ölgetriebenen Verbrennungsmotor.“[3] Jetzt konnte es zu Massenproduktionen kommen. Das Auto begann seinen Siegeszug. „Praktisch über Nacht tauschten Millionen von Menschen Pferd und Wagen gegen ein Auto ein.“[4] Besonders in den USA kann man diesen rasanten Wechsel eindrucksvoll nachweisen. Die vielen Autos brauchten Benzin, und so entstanden in den USA die riesigen Ölkonzerne. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die Infrastruktur radikal verändert. Endlose Highways durchzogen die Weite des Landes. Die Leute zogen in die Vorstädte – ehemals kleine Dörfer. Radio, Fernsehen entstanden und veränderten das gesellschaftliche Leben grundlegend. Diese neuen Kommunikationsmittel ermöglichten die Zweite Industrielle Revolution. Das Autozeitalter war entstanden oder wie man auch sagen könnte: eine auf Öl gegründete Wirtschaft konnte sich entwickeln.

Viele würden als nächstes vom Atomzeitalter sprechen. Ich habe hier Bedenken. Die Atomenergie ist m. E. nur eine Ergänzungsenergie des Öl. Unsere Autos fahren immer noch meist mit Benzin, ebenso die Flugzeuge, die Schiffe. Die Kernspaltung hat zwar vieles in Bewegung gebracht – allerdings mehr auf politisch-militärischem, weniger auf wirtschaftlichem Gebiet. Aber ich würde mit niemandem streiten, wenn jemand als dritte industrielle Revolution das Atomzeitalter benennen würde. Ich aber habe mich für einen anderen Weg entschieden.

Wenn wir einleitend festgestellt haben, dass zwei Komponenten zusammen wirken müssen, um einen großen Entwicklungsschub in Gang zu setzen – nämlich Energie und Kommunikationstechnologie – dann befinden wir uns am Beginn eines neuen Zusammentreffens dieser beiden Komponenten. Es geht um das Zusammentreffen von Internettechnologie und den erneuerbaren Energien. Deshalb kann man davon sprechen, dass wir  am Beginn der Dritten Industriellen Revolution stehen. „Im 21. Jahrhundert werden Hunderte von Millionen Menschen ihre eigene grüne Energie erzeugen – in ihren Häusern, in Büros, in Fabriken – und diese mit anderen über intelligente dezentrale Stromnetze - >Internetze< - teilen, so wie die Menschen heute (schon) ihre eigenen Informationen erstellen und über das Internet mit anderen teilen.“[5] Rifkin zählt Beispiele für diese Entwicklung auf, die wir zwar alle kennen, sie aber noch nicht in ein neues Parameter gestellt haben. „Die Musikkonzerne hatten keine Ahnung von dezentraler Macht, bis Millionen von jungen Leuten online  Musik miteinander zu teilen begannen, und es dauerte kein Jahrzehnt, da brachen die Einnahmen ein. Die  hatte kein Verständnis für die Macht der Zusammenarbeit, die Wikipedia zur führenden Informationsquelle der Welt werden ließ. Und die Zeitungen belächelten die dezentrale Macht der Blogosphäre – heute gehen viele Publikationen entweder ein oder mit einem Gutteil ihrer Aktivitäten online.“[6]

Wer aufmerksam – oder besser gesagt ohne „Endzeitbrille“ - seriöse Informationen liest  - stößt plötzlich auf Hinweise, die er sonst vielleicht überlesen würde. So fand ich im Internet am 28. 03. 2012 folgende Notiz: „Der Energiekonzern Vattenfall will in den kommenden Jahren tausende Mini-Kraftwerke in Privat- und Geschäftshäusern installieren. Diese sollen flexibel Strom und Wärme erzeugen können, wie Vattenfall-Projektleiter Hanno Balzer der >Frankfurter Rundschau< mitteilte. Die Anlagen sollen dabei so intelligent zusammengeschaltet werden, dass sie Schwankungen bei der Produktion von Ökostrom ausgleichen können. Vattenfall spricht vom >virtuellen Kraftwerk<.

Ich hatte vorher das Buch von Rifkin gelesen und war zunächst zwar von der Logik des Autors beeindruckt, hatte aber meine Zweifel. Schrieb hier ein Theoretiker, ohne Bezug zur Realität? Dann las ich, dass Rifkin als Berater der Europäischen Union fungiert und weltweit für verschiedene Regierungen tätig ist. Gibt es Anzeichen dafür, dass er hier vielleicht schon Wirkungen erzielt hat? – Bevor ich aber darauf eingehe, will ich doch noch etwas über die Struktur der 3. Industriellen Revolution sagen.

 

II Die fünf Säulen der Dritten Industriellen Revolution

1.   „Der Umstieg auf erneuerbare Energien. Wasser, Sonne, Wind und Erdwärme sollen genutzt werden. Diese Säule ist uns inzwischen vertraut.

2.   Die Umwandlung des Baubestandes (also aller Gebäude) aller Kontinente in Mikrokraftwerke, die die erneuerbaren Energien vor Ort erzeugen. Zu diesem Stichpunkt gehört die vorhin erwähnte Meldung des Vattenfall-Konzern. Wichtig scheint der Hinweis zu sein, dass alle Kontinente  betroffen sind.

3.   Der Einsatz von Wasserstoff- und anderen Energiespeichern in allen Gebäuden sowie an den Knotenpunkten der Infrastruktur zur Speicherung von unregelmäßiger Energie.

4.   Die Nutzung der Internettechnologie, um das Stromnetz auf jedem Kontinent in ein Energy-Sharing-Netz zu verwandeln, über das lokale Überschüsse der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden können.

5.   Die Umstellung der Transportflotten auf Steckdosen- und Brennstoffzellenfahrzeuge, die Strom über ein intelligentes und interaktives kontinentales Stromnetz kaufen und verkaufen können.“[7]

Ich erspare euch jetzt die Schilderung aller Einzelheiten dieser fünf Säulen, und lasse es statt dessen mit einer schlichten Zusammenfassung bewenden, die auf die vielen Fachausdrücke verzichtet, es also etwas volkstümlicher formuliert. Worum geht es, und wie soll es gehen?

1.   Es ist doch offenkundig, dass die steigenden Kosten für die herkömmlichen fossilen Energien den sinkenden Kosten für die erneuerbaren Energien gegenüber gestellt werden. Die schnelle Hinwendung zur Grünen Energie wird das 21. Jahrhundert prägen. Wir spüren das ja schon, wenn wir nur aufmerksam durch unsere Städte, v. a. Vorstädte gehen. Viele Dächer haben schon Solaranlagen und die Landschaft wird immer mehr von Windrädern und von Photo-Voltaik-Platten geprägt. Ob wir das nun ästhetisch schön finden oder nicht, ist hier Nebensache.

2.   Das Ende der Atomenergie ist absehbar. Nicht nur Deutschland hat den Ausstieg beschlossen, andere Länder werden folgen. Aber nicht nur Fukushima hat Frau Merkel zur sensationellen Energiewende veranlasst – Fukushima war tatsächlich >nur< der Anlass. Vorausgegangen waren intensive Gespräche mit führenden Wissenschaftlern, z. B. auch mit Jeremy Rifkin, und Frau Merkel als Naturwissenschaftlerin konnte den Argumenten der Fachleute offensichtlich nur zustimmen. Und deshalb haben wir die für viele überraschende Energiewende in Deutschland.

3.   Folgende Fakten sprechen für sich:

 

  • „Eine Stunde Sonnenschein liefert der gesamten Weltwirtschaft genügend Energie für ein ganzes Jahr.“[8]
  • „Eine 20-prozentige Nutzung des verfügbaren Winds auf unserem Planeten würde siebenmal mehr Strom erzeugen, als die Welt heute braucht.“[9]
  • „Wasserkraft stellt gegenwärtig den größten Teil des weltweit produzierten grünen Stroms. Die Europäische Union erzeugt damit 180 000 Megawatt.“[10] Die Zukunft dürfte in kleinen, dezentralen Anlagen liegen.
  • „Geothermische Energie unter der Erdoberfläche bietet ein weites Reservoir praktisch unerschlossener Grüner Energie. Die Temperaturen in den inneren Regionen der Erde erreichen 4000 Grad und darüber., und diese Energie gibt die Erde kontinuierlich nach außen ab.“[11] Die Nutzung dieser Energiereserve befindet sich erst im Anfangsstadium, doch weltweit stieg sie zwischen 2005 und 2010 um 20%.
  • Nicht nur die fast grenzenlosen Ressourcen der erneuerbaren Energien werden eine Rolle spielen, sondern auch die zweite Komponente für einen echten, großen Entwicklungsschub ist unübersehbar: die modernen Kommunikationsmittel. „Das intelligente Stromnetz ist das Rückgrat der neuen Wirtschaft.“[12] „Dieses intelligente Energienetz wird praktisch jede Facette des Lebens einschließen. Privathäuser, Büros, Fabriken, Fahrzeuge – alles wird unablässig miteinander kommunizieren und Informationen und Energie austauschen. Rund um die Uhr.“[13]
  • Und die Autos? „Der ölgetriebene Verbrennungsmotor, die zentrale Technologie der Zweiten Industriellen Revolution, ist auf dem Weg ins Aus. Unsere Kinder werden Fahrzeuge fahren, die leise, sauber, intelligent und mit einem Netz verbunden sind, das flach ist, dezentral und kollaborativ. Allein das ist ein Zeichen dafür, dass wir auf der Schwelle zwischen zwei Wirtschaftszeitaltern stehen.“[14]

So langsam könnte der eine oder andere Zuhörer den Eindruck gewinnen, hier wird ein Utopia geschildert. Die harten Fakten sprechen scheinbar dagegen. Aber ist das wirklich nur das Theoriegebäude einiger weniger Wissenschaftler?

Jeremy Rifkin listet auf über 40 Seiten die Erfolgsgeschichte sehr unterschiedlicher Gegebenheiten auf. Die EU ist offensichtlich bereit, diesen Weg mitzugehen. Diverse Gesetze sind schon verabschiedet, ohne dass die Bevölkerung groß Notiz davon genommen hat. Mächtige Wirtschaftsführer sind für diese Pläne schon gewonnen, ohne dass die Öffentlichkeit informiert wurde.

Und warum diese Wende? Weil der Druck kontinuierlich steigt. Zum ersten Mal lebt die Mehrheit der Menschen in Stadtgebieten, ein Großteil davon in Megastädten. Und die Menschheit wächst rasant: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kommen pro Tag 364 000 Babys zur Welt.“[15] Unser Leben verändert sich von Tag zu Tag, ohne dass wir eingreifen können. „Noch vor 500 Jahren mag der durchschnittliche Bewohner unseres Planeten im ganzen Leben vielleicht 1000 Leuten begegnet sein. Heute hat es ein Bewohner New Yorks in Mid-Town-Manhattan womöglich mit 220 000 Menschen in einem Zehn-Minuten-Radius rings um seine Wohnung bzw. sein Büro zu tun.“[16]

Zur Erfolgsgeschichte Rifkins gehört z. B. auch der „grüne Geschäftsplan für San Antonio“. Hier wurde vieles von dem verwirklicht, was zur 3. Industriellen Revolution gehört. Und das im Staate Texas! Oder nehmen wir als weiteres Beispiel den Stadtstaat Monaco. Auch hier konnte Rifkin mit seinem Team Wesentliches im Sinne der grünen Revolution anstoßen. Ebenso in Utrecht. Das Fazit dieser Aufzählung von Erfolgsgeschichten? Sie beweisen, es geht!

III Globale Veränderungen künden sich an

Die 3. Industrielle Revolution wird nicht nur eine Veränderung in der Energiewirtschaft bringen, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse könnten sich grundlegend verändern. Bisher war Effizienz die Kardinaltugend wirtschaftlichen Handelns. „Die Maximierung des Outputs mit minimalem Input an Zeit, Arbeit und Kapital war die conditio sine quo non für praktisch jeden Aspekt des Lebens der zeitgenössischen Gesellschaft.“[17] Und wohin führte diese Einstellung?

Die Früchte dieser Einstellung bewirkten z. B. eine Ungleichheit des Wohlstandes in unverhältnismäßigem Ausmaß. Der entstandene Reichtum war ungerecht verteilt. Z. B. für die USA bedeutet das: „2001 verdienten die CEOs der größten amerikanischen Firmen durchschnittlich 531-mal so viel wie der Durchschnittsarbeiter; ein netter Zuwachs, bedenkt man, dass es 1980 gerade mal 42-mal so viel war. Bestürzender noch ist, dass zwischen 1980 und 2005 über 80% des Einkommenszuwachses in den Vereinigte Staaten in den Taschen von einem Prozent der reichsten Verdiener des Landes verschwanden.“[18]

Die neue Form des Wirtschaftens wird auch eine neue Verteilung des Wohlstands mit sich bringen. Das beginnt schon mit den Merkmalen der erneuerbaren Energie. Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme sind „verstreute Energien“, und sie sind größtenteils umsonst. Die Nutzung von Öl und anderen fossilen Energien erforderte ein riesiges Maß an Kapital. Die Kapitaleigner arbeiten bis heute meist in einer hierarchischen Befehls- und Kontrollstruktur. Das sicherte ihnen den Hauptanteil am erwirtschafteten Gewinn. „Die Ölbranche ist eine der größten  Industrien der Welt. Sie ist auch die kostenintensivste Art, Energie zu sammeln, zu verarbeiten und zu verteilen, die die Menschheit sich je ausgedacht hat.“[19]  Und was kommt jetzt?

Die verstreute Energie - für viele auf dem eigenen Grundstück oder auf bzw. im eigenen Haus – wird anders gesammelt und verarbeitet. „Der teilweise Umstieg von Märkten auf Netze bringt eine grundlegende geschäftliche Neuorientierung mit sich.“[20] Die alte Beziehung von Käufer und Verkäufer – und das war eigentlich eine auf Gegnerschaft gegründete Beziehung – wird abgelöst von einer  Beziehung zwischen Lieferant und Verbraucher.  Hier spielen Offenheit und Vertrauen eine große Rolle. Transparenz statt Geheimhaltung werden wichtig. Und ganz entscheidend: Die dezentral angelegte neue Form des Wirtschaftens wird auch eine neue dezentrale Aufteilung des erzeugten Wohlstandes bewirken. Man könnte fast von einer >Demokratisierung< des Wirtschaftens sprechen. Aber ich breche an dieser Stelle den Gedankengang ab und frage jetzt: Kann das alles überhaupt funktionieren?

IV  Die eigentlichen Probleme

„Die eigentliche große Unbekannte ist die Aufnahme dieses Konzepts in der Öffentlichkeit.“[21] Funktionieren könnte es, aber wer macht mit? Es ist doch offenkundig, dass wir uns in der Endphase einer zum Untergang verurteilten Wirtschaftsstruktur befinden. Jeder kann das fast täglich in der Zeitung lesen. Kaum jemand hat noch den Durchblick, wie das mit den vielen Milliarden Euros oder Dollars funktionieren soll. Alles ruft nach dem Staat. Er soll den Banken helfen, der Wirtschaft helfen, den Geringverdienern, den Alleinerziehenden usw. Im Grunde heißt das: Bei der Überführung in ein neues ökonomisches Paradigma wird es auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft ankommen. Die Fachleute sind sich darin einig. In Deutschland könnte das durchaus funktionieren. Wir haben keinen ideologischen Abwehrmechanismus gegen den Staat entwickelt.

Anders die Nordamerikaner. Hier wäre vielleicht schon die erste theologische Randbemerkung fällig. Es ist doch so, „dass für die meisten Amerikaner sofort das Schreckgespenst des Sozialismus droht, wenn es um die Notwendigkeit geht, Staat und Industrie zusammenzubringen, um die Strategie einer neuen ökonomischen Vision umzusetzen. Die überwiegende Mehrheit von Amerikanern hat ein quasi-religiöses Verhältnis zum Business. Ihr calvinistischer Glaube an die freien Märkte als Garanten des amerikanischen Traums und der Hass auf >Big Gouvernement< - der so weit geht, jede Einmischung des Staates als gottlos zu verdammen – verstellt ihnen den Blick auf die Gier des >Big Business<.“[22]  Barak Obama hat das mit seinem Plan für eine vom Staat verordnete Gesundheitsreform bitter erlebt. Wir können ob solcher Borniertheit nur den Kopf schütteln.

Was kann das gesellschaftspolitisch und damit auch theologisch bedeuten? Die Amerikaner werden den Anschluss an die neue ökonomische Wirtschaftsstruktur verpassen. Zumindest werden sie sehr spät auf diesen Zug springen. Ihr jetzt noch vorhandenes Übergewicht auf vielen Feldern wird wegschmelzen. Und daraus ergibt sich z. B. die Frage an unsere Theologen: Wie steht es mit den Aussagen über eine bestimmte Rolle der USA im Verein mit der röm.-kath. Kirche? Könnten diese Gedankenspiele nicht Makulatur werden im Hinblick auf die gesellschaftspolitischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts? Ich stelle nur diese Frage, ohne die bisherigen theologischen Überlegungen grundsätzlich abzulehnen. Aber wir dürfen doch noch fragen!

Kommen wir zum Thema zurück. Ich fasse zusammen: „Heute erleben wir die Begegnung eines neuen Kommunikationsmediums mit einer neuen Energieordnung und damit den Beginn der Dritten Industriellen Revolution. Saubere Energien, grüner Hausbau, Telekommunikation, Mikrostromerzeugung, dezentrale Netztechnologie, Steckdosen- und Brennstoffzellen-Transport, nachhaltige Chemie, Nanotechnologie, Logistik und Versorgungskettenmanagment – in einer Vielzahl verschiedener Bereiche entwickelt sich eine stattliche Reihe neuer Technologien, Produkte und Dienstleistungen.“[23]

V Weitere gesellschaftspolitische Tendenzen

Ich beschränke mich auf drei Stichworte

Die Institutionen

Manche Beobachter sprechen von einer Wiederkehr der Religionen. Ich halte einen solchen Satz für zu oberflächlich. Wer genau hinschaut, müsste besser von einem Verschwinden der Ideologien sprechen. Man stellt fest, dass junge Leute kein Interesse mehr daran haben, die Feinheiten der kapitalistischen oder sozialistischen Theorie zu diskutieren. Sie denken deshalb auch weniger in den Kategorien von >links< und >rechts<, sondern sie unterscheiden zentralisiert / autoritäre Systeme von dezentralisiert / kollaborativen Systemen. Eine Generation, die durch das Internet geformt ist, teilt die Welt in Institutionen, die entweder hierarchisch / geschlossen funktionieren oder in solche die transparent und offen agieren. Die politische Landschaft wird sich im 21. Jahrhundert radikal verändern. Für aufmerksame Beobachter ist z. B. das Auftreten der Piraten-Partei nichts Überraschendes gewesen. Sie vertreten genau die Art von Politik, die eine neue Generation praktizieren möchte. Noch sind viele Protestwähler dabei, die werden wieder abspringen – die Abwärtstendenz der Umfragen zeigt es - aber die Grundidee wird sich nicht nur halten, sondern Vorbildfunktion für die übrigen Parteien abgeben.

 

Und wie sieht es bei den Kirchen aus? Wer in unserer Kirche die >Rebellion< in den USA wegen der Frauenordination verfolgt hat, beobachtet das gleiche Phänomen:  Eine Institution, die hierarchisch funktionieren will, wird langsam abgelöst durch eine, die transparent-offen arbeitet.

Die Globalisierung

wird von der Kontinentalisierung abgelöst.

Für Verschwörungstheoretiker ist der Begriff >Globalisierung< ja höchst willkommen. Er lässt sie von einer Weltregierung träumen. Aber die Realität sieht anders aus. „Die Dritte Industrielle Revolution bringt uns nicht nur eine neue Generation politischer Führer, die dezentral und kollaborativ denken, sondern auch eine neue Art von entsprechend dezentraler und kollaborativer Regierung.“[24] Und wie sieht das in der Realität aus?

Das erste Kontinentalbündnis ist die Europäische Union.  Wir haben uns schon fast an Begriffe wie G 8 oder G 20 gewöhnt und erwarten von den dort versammelten Führungskräften die entscheidenden Weichenstellungen. „Europa wird so bis 2050 der weltweit größte integrierte gemeinsame Markt werden.“[25]

Asien, Afrika und Südamerika schicken sich an, dem europäischen Beispiel zu folgen. Einzelheiten erspare ich Euch aus Zeitgründen. Aber wer ein wenig aktuell informiert ist, wird dieser Aussage ohne weiteres zustimmen.

Wissenschaft und Schulwesen

Vor allem die klassische Wirtschaftslehre wird sich radikal verändern. „Eine im Internet groß gewordene Generation scheint die Aversion … gegen das Teilen von Kreativität, Wissen und Fachkenntnissen nicht mehr zu interessieren;“[26] Der klassische Wissenschaftler hat sein erarbeitetes Wissen so lange für sich behalten, bis er ein Ergebnis vorlegen konnte, das dann als sein geistiges Eigentum galt. Geistiges Eigentum als Privateigentum hat keine Überlebenschance. „Hunderte Millionen junger Menschen wirken im Internet aktiv an dezentralen und kollaborativen sozialen Netzwerken mit, opfern Zeit und Sachkenntnisse, in der Regel umsonst, um anderen zu helfen.“[27]Als Beispiel kann hier wieder Wikipedia dienen. Hunderttausende von Berufs- und Hobbygelehrten erstellen zu fast jedem Thema akademische und auch populärwissenschaftliche Lexikoneinträge. Und dann gibt es Zehntausende, die diese Artikel auf Fehler überprüfen, fehlende Belege nachtragen „und für eine Zuverlässigkeit sorgen, die mit denen konventioneller Enzyklopädien Schritt halten kann.“[28] Hier setzt sich eine Auffassung von Wissenschaft durch, die völlig neu ist. Sie ist ein Ergebnis der jungen Internetgeneration.

Diese neue Auffassung zeigt sich aber nicht nur im Begriff der Teilhabe – Teilhabe statt Geheimhaltung - sondern sie gründet tiefer, ist prinzipieller Natur. Rifkin: „Die alte Wissenschaft sieht die Natur als Ansammlung von Objekten; die neue Wissenschaft sieht die Natur  als Geflecht von Beziehungen. Die alte Wissenschaft ist charakterisiert durch Distanz, Enteignung, Zergliederung und Reduktion; Kennzeichen der neuen Wissenschaft sind Engagement, Wiedergutmachung, Integration und Holismus. Die alte Wissenschaft hat es darauf abgesehen, die Natur produktiv zu machen; die neue Wissenschaft will sie nachhaltiger machen. Die alte Wissenschaft versucht Macht über die Natur zu gewinnen; die neue Wissenschaft sucht die Partnerschaft mit ihr. Die alte Wissenschaft setzt ganz auf Autonomie gegenüber der Natur; die neue Wissenschaft setzt auf Teilnahme.“[29]

Welcher Richtung sollte sich ein bibeltreuer Christ verpflichtet fühlen?

Und nun noch ein Wort zum Schulwesen.

Wir fragen: „Was sind die neuen akademischen und technischen Fertigkeiten, die Schüler zu erwerben haben, um sie zu produktiven Arbeitern, Angestellten und Freiberuflern der Dritten Industriellen Revolution zu machen?“[30]

Ich habe nicht die Absicht, hier Bildungsmodelle vorzustellen, aber es wird sich im Klassenzimmer, im Vorlesungsbetrieb der Unis, Entscheidendes ändern. Dabei wird es weniger um die technische Ausstattung der Unterrichtsräume gehen (hier sollte man das neue Buch von Manfred Spitzer[31] lesen!) – das werden unsere Bildungspolitiker eher schaffen – als um eine radikal veränderte Grundeinstellung. Die Jugendlichen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, sind daran gewöhnt, in offenen sozialen Netzwerken zu interagieren. Darin wird Wissen, werden Informationen geteilt und getauscht, aber nicht gehortet. Bisher war ein kennzeichnendes Element der Schulbildung der Wettbewerb. Jetzt geht es um kollaborative Lernerfahrungen. Ich darf vom Nachbarn >Wissen entnehmen< - oder wie wir heute noch sagen würden: ich darf abschreiben. Das gilt natürlich nicht für Prüfungsarbeiten oder Klausuren.

Völlig neue Lernsituationen sind denkbar. „Über Plattformen und Technologien wie Yahoo und Skype können Schüler in virtuellen Klassenzimmern Verbindung zu fernen Gruppen aufnehmen.“[32]

Ein Beispiel: „Schüler der Brooklyn High School (New York) und der Lee School im Schweizer Winterthur untersuchten beispielsweise während des Irakkriegs in einem gemeinsamen Klassenprojekt, wie ihre jeweiligen Kulturen den Krieg im Nahen Osten und andere globale Konflikte und Friedensinitiativen sehen. Die Schüler tauschten Meinungen aus, befragten einander und erledigten die ihnen gestellten Aufgaben gemeinsam in virtuellen Chatrooms, Videokonferenzen und Foren.“[33] Die Rolle des Lehrers verändert sich vom Hauptwissensvermittler zum Moderator. Dadurch verändern sich die Machtverhältnisse entscheidend, weil sich die Struktur verändert: Von hierarchisch-zentralisiert in demokratisch-vernetzt.

„Die ersten Auswertungen dezentralisierter, kollaborativer Programme zur Bildungsreform sind vielversprechend. Schulen berichten von einem Rückgang von Aggression, Gewalt und anderem antisozialem Verhalten sowie einer Abnahme von Disziplinarmaßnahmen, vermehrter Zusammenarbeit zwischen Schülern, prosozialem Verhalten, größerer Aufmerksamkeit im Klassenzimmer, gesteigertem Lernwillen und einer Verbesserung kritischer Denkfähigkeit.“[34]

Noch habe ich im adventistischen Bildungswesen keine Ansätze dafür entdeckt, dass sich hier für uns ein interessantes Neuland auftut.

Damit möchte ich die Darstellung einer visionären Alternative zum herkömmlichen Denkschema beenden. Ich habe Perspektiven aufgezeigt, keine Prognosen formuliert. Das sollte niemand verwechseln. Es kann so kommen, aber es muss nicht so kommen. Und damit bin ich beim entscheidenden Punkt meiner Überlegungen:

VI  Konsequenzen

Wir sind ausgegangen von zwei unterschiedlichen Aussagen Jesu in seiner großen Endzeitrede. Zum einen ist es die Textgruppe Verse 6 und 7: Da ist von den großen Katastrophen die Rede und die andere Textgruppe Verse 40 und 41: Da ist von den zwei Frauen die Rede – eine auf dem Feld, eine an der Mühle.

Ich sehe hier zwei Konzepte, die beide etwas mit dem Ende dieses Äons zu tun haben. Die eine Möglichkeit listet auf, die auf das Ende der Welt hinweisen. Daraus haben dann manche Christen einen >Fahrplan< der Endzeitereignisse erstellt. Der wird dann immer wieder ergänzt und fortgeschrieben, und es entsteht so etwas wie ein endzeitlicher Katastrophenfahrplan. Dieses Konzept kennen wir unter dem Stichwort >Zeichen der Zeit<.

Das Alternativkonzept fragt nach ><, nicht nach einzelnen Ereignissen. Wir befragen also die Zeit in der wir leben – oder wie wir es konkreter genannt haben: Welche Perspektiven deuten sich in unserer Gesellschaft an? Gibt es da Veränderungen und in welche Richtung zeigen diese Veränderungen? Und hier sehen wir bedeutsame Zeichen, davon war im Hauptteil des Referats die Rede.

Was bedeutet das für den Einzelnen? Ich kann beim Herkömmlichen bleiben – sammle und deute also die Zeichen des Endes. Oder ich akzeptiere, dass Jesus mitten in den normalen Alltag der Menschen kommt und wir gefragt werden: Wie hast Du es mit Deiner Stadt, Deinem Land, dieser Erde gehalten? „Suchet der Stadt Bestes…“ (Jer. 29,7) Wer den Endzeitfahrplan bevorzugt, kann eigentlich die Hände in den Schoß legen, zumindest, was den Zustand dieser Erde anbelangt. Je eher hier der Kollaps  eintritt, desto besser für die Menschheit, weil dann ja Christus eher kommen wird. Ich sage das nicht zynisch, sondern rein sachlich.

Wer aber die neue Sicht der Perspektiven, die neuen Möglichkeiten der Dritten Industriellen Revolution akzeptiert, der sieht sich vor große Herausforderungen gestellt. Es geht ja nicht darum, die Welt zu erlösen, sondern die Erde zu bewahren, es geht also letztlich um einen biblischen Auftrag. Und die Wissenschaftler zeigen uns heute Möglichkeiten, an die wir bis vor kurzem noch gar nicht denken konnten. „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ (1.Mose 2,15) Dieses >Bewahren< ist die sachliche Entsprechung zu den gesellschaftspolitischen Perspektiven, die ich aufgezeigt habe. Jeder kann sich jetzt frei entscheiden, welche Alternative er bevorzugt. Biblisch besser begründbar scheint mir die zweite Variante zu sein.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Ich unterscheide zwei endzeitliche Szenarien, beide lassen sich biblisch begründen. Beide finde ich z. B. in der Endzeitrede Jesu. Ich habe mich für das zweite Endzeitmodell entschieden, auch weil ich eine andere Übersetzung des griechischen Wortes tacheos  für passender halte, nämlich nicht sondern Jesus kommt wie ein Dieb, also unerwartet (2.Petr. 3, 10) Er wird auch für bibelfeste Siebenten-Tags-Adventisten überraschend kommen. Mitten in den normalen Alltag – der Eine sitzt im Büro, jemand anderes bereitet das Essen vor – wird Jesus kommen und diesen Äon beenden. Das ist gemeint mit dem Begriff der >Stetsbereitschaft<. Ich benutze diesen Begriff selten, weil er einen sehr beengenden, fast belastenden Zustand beschreibt. Er könnte Angst verursachen. Ich spreche lieber von einer Atmosphäre der freudigen Erwartung. „Erhebet Eure Häupter!“  In dieser Vorfreude aber haben wir die Pflicht – so jedenfalls sehe ich das – unsere Erde mit allen Möglichkeiten, die sich uns bieten, zu bewahren. Das ist ein biblischer Auftrag. Wir sollten also die neuen Möglichkeiten, die sich uns in Zukunft eröffnen, bewusst nutzen.

Vor rund 40 Jahren hatte der Club of Rome einen Bericht zur Lage der Erde gegeben. „Grenzen des Wachstums“. Dieser Bericht enthielt alarmierende Zahlen, wie z. B. das Ende vieler wichtiger Ressourcen. Nach 40 Jahren zeigte es sich, dass sich viele Prognosen als falsch erwiesen haben. Warum? Nicht weil die Wissenschaftler sich verrechnet hatten, sondern weil die Menschen die Warnungen ernst genommen haben. Sie haben sich in ihrem Verhalten geändert. Jetzt hat der Club of Rome wieder einen Bericht veröffentlicht [35]und die Prognosen für die nächsten 40 Jahre sehen mehr als düster aus. Ich verzichte auf Einzelheiten, aber eine Prognose des österreichischen Club of Rome Mitglieds, Karl Wagner, fand ich besonders bemerkenswert.  Er sagt eine Revolution in den 2020er Jahren voraus, wenn der jungen Generation der Geduldsfaden reiße, weil sie nicht länger die Umweltlasten der Alten tragen wollen ... So werde die Kultur des Konsums umschwenken auf nachhaltigeres Wirtschaften.[36] Aber wird es wirklich so kommen?  Oder besteht wieder die Chance, dass wir unser Verhalten erneut ändern, diesmal vielleicht noch grundlegender als vor 40 Jahren? Wer wird recht behalten – Rifkin oder der Club of Rome? Das wird ausschließlich an uns liegen. Randers , Herausgeber des Report, schließt seinen Bericht mit den Worten: “Bitte helft, meine Voraussagen falsch werden zu lassen. Zusammen können wir eine viel bessere Welt schaffen.“[37]

Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich hier eine heile Welt beschreiben wollte, also ein irdisches Utopia, der hat mich gründlich missverstanden. Ich wiederhole: Ich habe Perspektiven beschrieben, keine Prognosen formuliert. Ich wehre mich vehement gegen einen bei manchen Adventisten latent oder sogar offenkundig vorhandenen Hang zur Untergangsmentalität. Die Bibel lehrt mich etwas anderes. Wir haben eine Verpflichtung, tragen Verantwortung für die Erde, für unser Land, für meine oder deine Stadt. Wer sich hier in Resignation übt, vergeht sich zumindest an der kommenden Generation. Die Wissenschaftler geben uns Perspektiven, die wir bisher nicht kannten. Wollen wir sie aus theologischer Engstirnigkeit ignorieren?

Ich bin kein Anhänger der Evolutionstheorie, aber ein Bericht hat mich doch nachdenklich gestimmt. Wir haben ja immer gleich Mitleid mit den Eisbären, wenn wir sie so auf einer einsamen  Eisscholle stehen sehen, vielleicht noch mit zwei putzigen Jungtieren – und der Reporter dann verkündet, dass diese Tiere bald keine Eisschollen mehr haben werden, weil durch die Klimaveränderung die Eiskappen abschmelzen werden. Ich gehe nicht davon aus, dass es in der Arche Noah Eisbären gegeben hat. Diese Spezies hat sich später den rauen klimatischen Veränderungen hervorragend angepasst. Und dann lese ich, das es erste >Hochzeiten< zwischen Eisbären und Grisslys gegeben habe. Mit anderen Worten: Die Eisbären gehen wieder aufs feste Land, woher sie ursprünglich gekommen sind. Die Tierwelt hat inzwischen offensichtlich besser verinnerlicht, dass wir uns in einem radikalen Veränderungsprozess befinden. Turmfalken brüten in den Kirchtürmen der Großstädte, Füchse, Marder und Wildschweine entdecken die Vorzüge Berlins. Die Natur ist uns offensichtlich bei der Umstellung in ein neues Zeitalter schon weit voraus. Und ich möchte nicht zu denen gehören, die die >Zeichen< dieser neuen >Zeit< fahrlässig übersehen haben.

Das Ende kommt gewiss, das ist eine klare biblische Aussage – aber eine Wende ist möglich, zumal wir zu einem treuhänderischen Umgang mit unserem Planeten verpflichtet sind – auch das ist biblische Botschaft! Also: Das Ende kommt  – aber eine Wende ist möglich!

 

L.E. Träder

Im Oktober 2012



[1] Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution,Campus Verlag,2011 S. 46

 

[2] a. a. O. S. 47

 

[3] a. a. O. S. 47

 

[4] a. a. O. S. 47

 

[5] a. a. O. S. 48

 

[6] a. a. O. S. 48

 

[7] a. a. O. S. 49

 

[8] a. a. O. S. 52

 

[9] a. a. O. S. 53

 

[10] a. a. O. S. 54

 

[11] a. a. O. S. 54

 

[12] a. a. O. S. 67

 

[13] a. a. O. S. 66

 

[14] a. a. O. S. 80

 

[15] a. a. O. S. 101

 

[16] a. a. O. S. 101

 

[17] a. a. O. S. 142

 

[18] a. a. O. S. 145

 

[19] a. a. O. S. 146

 

[20] a. a. O. S. 146

 

[21] a. a. O. S. 158

 

[22] a. a. O. S. 162

 

[23] a. a. O. S. 166

 

[24] a. a. O. S. 190

 

[25] a. a. O. S. 191

 

[26] a. a. O. S. 235

 

[27] a. a. O. S. 235

 

[28] a. a. O. S. 147

 

[29] a. a. O. S. 246

 

[30] a. a. O. S. 250

 

[31] Manfred Spitzer, Virtuelle Demenz, Droemer Verlag, 2012 – siehe meine Buchbesprechung (www.Kaleidoskop-Freikirche.de)

 

[32] a. a. O. S. 258

 

[33] a. a. O. S. 258

 

[34] a. a. O. S. 263

 

[35] Jörgen Randers, Report 2050, im Auftrag des Club of Rome

 

[36] Spiegel-Online, 08. Mai 2012

 

[37] a. a. O.