Die organisatorische Zukunft der weltweiten Adventgemeinde

 

oder

Die Ortsgemeinde als selbstverantwortliche Kernzelle

 

Referat gehalten am 14. Juni 2003 im Rahmen des „Nikolasseer Forums“

(gekürzt und leicht verändert: Predigertagung Leipzig – 14.12.2004)

Dieses Referat ist der dritte Teil einer Themen-Trilogie, die sich mit den Hauptfragen oder den aktuellsten Herausforderungen für unsere Glaubensgemeinschaft befasst. Ich möchte auch heute wieder betonen, dass ich hier lediglich meine persönliche Meinung vortrage. Ich bin weder durch einen Beschluss, einen Ausschuss oder eine besondere Funktion legitimiert. Die hier vorgetragenen Ansichten basieren auf Studien, die ich als Kirchenhistoriker mit vieljähriger Lehrpraxis betrieben habe, auf Beobachtungen und Erlebnissen, die ich als Prediger bei den zahlreichen Gemeindebesuchen in allen Erdteilen gemacht habe und auf Erfahrungen, die ich als langjähriges Mitglied in Ausschüssen unserer Gemeinschaft auf allen Verwaltungsebenen gesammelt habe. Wenn ich von einer Trilogie spreche, meint das natürlich nicht, dass es nur um diese Fragen geht. Vielleicht gibt es sogar drängendere Probleme, denen sich unsere Freikirche zuwenden sollte. Aber ich habe mich zunächst auf diese Auswahl beschränkt.

 

Unsere Gemeinschaft sieht sich drei Herausforderungen gegenüber:

  1. Wie sehen unsere aktuellen Verkündigungsinhalte aus? Oder adventistischer gefragt: Worin besteht heute die „gegenwärtige Wahrheit“? Hat das prophetische Wort noch den gleichen Stellenwert wie zur Zeit der Adventpioniere? Können wir auch den säkularen Zeitgenossen in den Industrienationen mit der biblischen Botschaft erreichen – nicht nur die Bewohner der Entwicklungsländer? Diesen Themenkomplex habe ich im ersten Referat bearbeitet: Das prophetische Wort als gegenwärtige Wahrheit – oder – Daniel 2 und die Chinesen.
  2. Die zweite Herausforderung betrifft unsere Lehrpunkte. Es ist ja wohl kein Geheimnis, dass z. B. in den Entwicklungsländern die Täuflinge nur einen kleinen Ausschnitt unserer 27 Glaubenspunkte verinnerlichen. Aber die Diskussion um die Verbindlichkeit aller Lehrpunkte betrifft die Gesamtgemeinde. Dieser Frage bin ich im zweiten Referat nachgegangen: Adventistische Identität auf dem Prüfstand – oder – Die adventistische Lehre der „hierarchia veritatum“.
  3. Und das dritte große Thema ist die organisatorische Zukunft unserer Weltgemeinschaft. Damit wollen wir uns heute befassen.

 

 

 

 

 

Die gegenwärtige Situation

 

Seit den Anfängen hat unsere Gemeinschaft ein bestimmtes Organigramm entwickelt. Es basiert auf Erfahrungen der amerikanischen Verfassungsgeschichte und Ratschlägen von E. G. White. Sie hat sich – entsprechend ihrem politischen Umfeld – für eine Organisationsform ausgesprochen, die bis heute in groben Zügen beibehalten wurde. Jeder Adventist kennt sie – zumindest im Prinzip: An der Spitze steht die Generalkonferenz (GK). Ihr unterstehen – als Teile dieser Verwaltungseinheit – die Divisionen. In den Divisionen agieren die Unionen (deutsch: die Verbände) und als nächste Instanz die Vereinigungen. Die Ortsgemeinden bilden die Basis dieser Struktur. Nicht unerwähnt bleiben sollte die Tatsache, dass es auch eine Zeit mit zwei getrennten Generalkonferenzen gab. Eine mit dem Sitz in den USA und die zweite hatte ihren Sitz in London.[1]  „Zwar war die Europäische Generalkonferenz letztlich noch der amerikanischen Generalkonferenz verpflichtet, doch in den allermeisten Fragen hatte das europäische Werk völlige Handlungsfreiheit.“[2] Die Europäische Generalkonferenz hatte keine sehr lange Lebensdauer. Conradis missionarische Expansionspolitik brachte ihn in finanzielle Schwierigkeiten.  „Deshalb musste das Haushaltsdefizit, das im Jahre 1907 beispielsweise 18.000 Dollar betrug, von der amerikanischen Generalkonferenz getragen werden. Obwohl die wirklichen Gründe nicht genannt werden, scheint das dann der Hauptgrund dafür gewesen zu sein, dass die europäische Adventgemeinde trotz ihres starken Mitgliederwachstums ihre erst sechs Jahre zuvor erlangte weitgehende Unabhängigkeit von der amerikanischen Muttergemeinde wieder verlor. Am 16. Mai 1907 beschloss das ‚General Conference Committee’ auf seiner 172. Versammlung im schweizerischen Gland mit Beginn des Jahres 1908 die Auflösung der ‚European General Conference’.“[3]

Ich werde an diesen Sachverhalt später erinnern.

Vielleicht sollten zwei Hinweise nicht übersehen werden:

  1. Der Begriff „Generalkonferenz“ hat zwei Bedeutungsinhalte. Zum einen meint er die oberste Verwaltungsspitze mit Sitz in Washington, geleitet von einem Präsidenten, den zahlreichen Vizepräsidenten und den Leitern der verschiedenen Abteilungen. Hinzukommen die Leiter der einzelnen Divisionen. Auch sie firmieren unter dem Begriff Generalkonferenz. Zum anderen meint der Begriff GK aber auch die Gesamtheit der Delegierten anlässlich einer alle fünf Jahre stattfindenden Sitzung. Dieser Bedeutungsinhalt ist z. B. gemeint, wenn in unserem „Gemeindehandbuch“ steht: „Die Generalkonferenz ist die höchste Instanz in der Verwaltung unseres weltweiten Werkes.“[4]  Hier sollte kein Missverständnis entstehen. Es geht nur um die „General Conference in session“. Das ist sogar in einer Ausgabe des Gemeindehandbuchs angedeutet. Da ist mehrfach von „Generalkonferenz in Sitzung“ die Rede.[5] Diese zunächst etwas befremdlich klingenden Formulierungen gehen auf Aussagen von E.G. White zurück, die einem sehr ausführlichen Brief an einen Bruder entstammen.[6] Hier macht sie klar, dass nicht der Einzelne, sondern die Gesamtheit der Gläubigen bei strittigen Fragen zu entscheiden habe. In Ausnahmefällen und wenn es vielleicht sehr dringlich ist, könne auch der erweiterte Vollzugsausschuss, der jeweils im Herbst tagt, letzte Entscheidungen fällen.
  2. Das so genannte  „Präsidialsystem“ ist dem deutschen Demokratieverständnis fremd. Es ist hier nicht der Ort, die Verfassung der USA mit z.B. der der Bundesrepublik zu vergleichen. Aber jeder weiß, dass z.B. der amerikanische Präsident ungleich viel mehr Macht besitzt als der deutsche Bundeskanzler. So führt auch die gängige Praxis im Abstimmungsverhalten nach deutschem Demokratieverständnis zu Irritationen, wenn jemand z. B. die Delegiertentagung anlässlich einer Generalkonferenzsitzung besucht, wobei Veränderungen im Laufe der letzten Jahre durchaus zu beobachten sind.  Auch die Arbeitsweise innerhalb der früheren „Mitteleuropäischen Division“ verlief prinzipiell anders als in anderen Divisionen. Die deutschen Brüder, die nach der Fusion mit der „Südeuropäischen Division“ nach Bern umsiedelten, hatten erhebliche „Anpassungsschwierigkeiten“. So jedenfalls haben mir es einige später erzählt. Man war eben die Praxis der amerikanischen Präsidialdemokratie nicht gewohnt. Erstaunlich ist nur, dass bei der Lektüre amerikanischer Texte der Eindruck entsteht, dass die amerikanischen Adventisten ihr System anders einstufen. So spricht Raoul Dederen in einem Grundsatzartikel gern von der „repräsentativen „ Verfassungsform. „Als Siebenten-Tags-Adventisten glauben wir, dass die repräsentative Art der Verwaltung und Autorität der Unterweisung, wie sie bei uns praktiziert wird, mit dem Muster übereinstimmt, das uns im Neuen Testament gezeigt wird.“[7]

 

Der kirchengeschichtliche Kontext

 

Im Gemeindehandbuch wird sehr aufschlussreich über die Entstehung und die Bedeutung unserer Organisationsform geschrieben. Es wird auch versucht – in aller gebotenen Kürze – eine geschichtliche Einordnung aufzuzeigen. So ist ein Kapitel überschrieben: „Arten der Gemeindeverwaltung“[8] Darin werden vier Formen unterschieden:

  1. Die bischöfliche Kirchenverfassung
  2. Die päpstliche Form der Kirchenverfassung
  3. Die unabhängige Form der Kirchenverfassung (Kongregationalismus)
  4. Die repräsentative Form der Kirchenverfassung

 

Es wird zwar nirgendwo deutlich begründet, warum wir uns für die vierte Form entschieden haben, aber es darf spekuliert werden. Papst, Priester, Bischöfe waren nicht gefragt und das Wort Kongregationalismus ist bis heute für viele Administratoren in unserer Freikirche ein Reizwort, wenn ich es freundlich formuliere. Schon 1996 schrieb Susan Sickler: „Selbstverwaltung – das unanständigste Wort im Vokabular der adventistischen Gemeindeverwaltung. Der Tonfall, mit dem es ausgesprochen wird, ist der gleiche, den jemand benutzen würde, um einen massiven Ausbruch des Ebola-Virus bekannt zu geben. Es wird weitgehend angenommen, dass Selbstverwaltung, wenn nicht gerade das Ende der Welt, dann wenigstens das Ende der Gemeinde ist.“[9]  Es blieb also nur die vierte Form – aber, und das wollen wir nicht aus dem Gedächtnis verlieren, in der amerikanischen Version der Präsidialdemokratie. Ich werde diesen Themenbereich später noch einmal aufgreifen, wenn ich meine konkreten Vorschläge zur Organisationsreform mache.

 

Befragen wir zunächst etwas gründlicher die Kirchengeschichte.  Hier gibt es eine relativ klare Quellenlage. Es interessiert uns das erste und vor allem das zweite Jahrhundert einer religiösen Gruppe – hier der christlichen Kirche.

 

Es sei mir aber zunächst ein kleiner Einschub gestattet. Wenn wir die Anfangszeit des Christentums untersuchen im Hinblick auf die Fragestellungen unserer Freikirche, dann müsste zuerst geklärt werden, ob wir Adventisten uns auch nach denselben kirchengeschichtlichen  Gesetzmäßigkeiten entwickelt haben und weiter entwickeln wie die Großkirchen. Der von mir sonst sehr geschätzte adventistische Kirchenhistoriker George Knight verneint diese Frage. Anlässlich einer Predigertagung auf der Marienhöhe hat er sich in einem Referat sinngemäß wie folgt geäußert (der genaue Wortlaut liegt mir nicht vor): ´Es gibt eine Vielzahl von identischen Entwicklungen sowohl in der frühen Kirche als auch in der Adventgemeinde. Aber da wir Gottes besonderes Volk sind, unterliegen wir nicht den Gesetzmäßigkeiten der Kirchengeschichte.’  Ich vertrete die Auffassung, dass wir als Adventgemeinde genau die gleichen Erscheinungen in unserem zweiten Jahrhundert aufweisen wir die frühe Kirche. Ich werde versuchen, diesen Sachverhalt im folgenden darzustellen, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass der Stoff für zwei Jahrhunderte Kirchengeschichte im Unterricht bei mir ein Trimester mit drei Wochenstunden einnahm. Ich kann mich also hier und heute nur sehr allgemein ausdrücken. Aber ich hoffe, die Grundlinien werden deutlich.

 

Am 20.Nov. 1965 habe ich anlässlich des 13. Studientages der Akademiker und Studenten in Stuttgart ein Referat gehalten mit dem Titel: „Das zweite Jahrhundert – Versuch einer historischen Standortbesinnung der STA-Bewegung“. Ich werde mich z. T. auf dieses Referat beziehen. Dieses Referat hatte eine unerwartete Resonanz. Alle Vorsteher in Westdeutschland erhielten ein Exemplar (in der DDR gingen „Raubkopien“ von Hand zu Hand). Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich – meist aber kritisch und ablehnend. Seit dieser Zeit bin ich wohl endgültig bei vielen Verantwortungsträgern unserer Gemeinschaft in ein bestimmtes Kästchen gesteckt worden und habe Zeit meines Lebens kaum eine Chance gehabt, diese Einstufung zu verändern. An vielen Beispielen habe ich die Folgen dieses Referats zu spüren bekommen. Aber schon in meinem Referat habe ich – das Ergebnis vorwegnehmend – Walther von Loewenich zitiert: „Die Kirche hat immer die Ketzer, die sie verdient.“[10]

 

Bei der normalen Entwicklung einer christlichen Sonderbewegung lassen sich drei Phasen unterscheiden:

 

1. Phase – Die Anfangszeit

 

Jede religiöse – christliche – Sonderbewegung ist vor allem Protest. Jede Reformation ist Anklage – bewusst oder unbewusst – gegen einen Missstand. Bei Absplitterungen verhält es sich ähnlich. Sonderlehren entstehen, wenn ein bestimmter Bereich im Lehrgebäude vernachlässigt oder neue Erkenntnisse abgelehnt wurden.

 

Ich fasse die Ursachen für die Entstehung einer neuen religiösen Bewegung summarisch zusammen:

  1. Ursache: dogmatische Erstarrung
  2. Ursache: unterschiedliche Lehrmeinungen
  3. Ursache: persönliche Differenzen

 

Die urchristliche Gemeinde verstand sich zunächst und noch ziemlich lange als Sonderbewegung des Judentums. Selbst die Apostel scheinen lange nicht bemerkt zu haben, dass sie halfen, eine neue Religion zu gründen. Viele Christen versuchten, möglichst viel vom alten, jüdischen Glaubensgut in das neue Lehrgebäude hinüberzuretten. Aber schon das Neue Testament zeigt uns deutlich, dass bei historischer Betrachtungsweise eine neue Religion entstanden war.

 

Was kennzeichnet die Gemeinde im 1. Jahrhundert?

Die urchristliche Gemeinde lebte in einer starken Parusieerwartung. Für seriöse Theologen sind Texte wie Mt.10,23, Mt.16,28, Mk.9,1, Mk.13,30 und 1.Thess.4,15 eine große Herausforderung. Auch in der außerbiblischen Literatur wird dieses Thema behandelt. So heißt der Anfang des 1. Clemensbriefs (ca. 95/99 n.Chr.): „Die Kirche Gottes, die in Korinth zu Gast  ist…“ Man fühlte sich noch in der Fremde, man war nur zu Gast. Von daher wurden aktuelle Fragen beantwortet: Stellung zum Staat? Teilhabe an der Kultur? Bau prächtiger oder zumindest fester Gotteshäuser? Alles wurde entschieden im Hinblick auf die Naherwartung.

Die urchristliche Gemeinde ist die Stätte der charismen.  „Das Pneuma ist der Geist der Kirche, der Gemeinde, altkirchlich geredet: mater ecclesiae. Er ist dem endzeitlichen Volk Gottes, dem ‚Leib Christi’  gegeben. Die ekklesía wird jedoch konkret als die im Gottesdienst sich versammelnde Gemeinde. Alles, was in diesem geschieht, geschieht ‚im Geist’: Gebet, Hymnus, Prophetie, Glossolalie, Offenbarungsrede; alles Leben und Tun der Gemeinde: Mission, Dienst der Apostel, alle diakonía schlechthin bis zur Verwaltung - , dies alles wird vollzogen ím Geist´ und beruht auf der Wirksamkeit der Charismen.“[11]

 

Die urchristliche Gemeinde wurde stark geformt durch eine Reihe von Visionen. Sie bezogen sich auf konkrete Situationen: Vision bezüglich der Heidenmission (Apg.10,9ff.) oder Visionen bezüglich konkreter geographischer Hinweise in Bezug auf die Reisetätigkeit der Apostel (Apg.6,7; 6,9.10)

 

Ein weiteres Kennzeichen der Gemeinde im 1. Jahrhundert ist so auffallend und allgemein bekannt, dass Belege entbehrlich sind: das unbedingte Missionsbedürfnis. Es ist kaum zu begreifen, mit welchem Tempo und in welchem Umfang sich das Evangelium in der damals bekannten Welt ausbreitete.

 

Von Anfang an aber, und das scheint auch ein Kennzeichen religiöser Gruppen in ihrem Anfangsstadium zu sein, gab es die Neigung zu Sonderlehren. Schon Paulus muss sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen. An verschiedenen Stellen finden sich solche Hinweise in seinen Briefen, und er ist offensichtlich nicht immer sehr behutsam mit diesen Gruppen umgegangen.

 

Fassen wir zusammen: in der Anfangsphase finden sich fünf wichtige Kennzeichen – die konkrete Parusieerwartung, die fast vollständige Geistesleitung, verschiedene Visionen als Handlungsanweisungen, ein ungebremster Missionseifer, der selbst das Martyrium nicht scheut und die Ausbildung bestimmter Sonderlehren, die als theologische Herausforderung von der Gemeinde bewältigt werden müssen.

 

 

2. Phase: Der Umbruch

 

Gewöhnlich vergehen 60 – 80 Jahre, dann setzt eine neue Phase ein. Diese Zeitsequenz ist nicht bei allen religiösen Gruppen gleich, aber ist als Mittelwert tauglich. Eine gewisse Ernüchterung setzt ein. Die Geistesleitung tritt immer mehr zurück. Der Forscherdrang erlahmt, neue Erkenntnisse haben es immer schwerer, sich durchzusetzen. Das einmal Erkannte wird tradiert. Ein Lehrgebäude beginnt sich zu bilden und zu festigen. Die Naherwartung wird zum Problem. Die visionären Ratschläge werden seltener. Die Organisation wird ausgebaut, wenn auch noch nicht in allen Konturen. „Klar ist lediglich, dass um die erste Jahrhundertwende in Antiochia und einigen größeren Städten Kleinasiens die Vielköpfigkeit der Führung abgeschafft und die volle Macht auf einen einzelnen Episkopos übertragen worden ist. Das Kollegium der Presbyter wurde zu einer beratenden, aber doch ihm untergeordneten Behörde, und auch die Diakonen blieben als eine Mehrzahl bestehen, die kraft ihrer karitativen Funktionen besonders eng mit der Person des Bischofs verbunden war. Fragt man nach dem Grund der Veränderung, so dürfte die einfachste Antwort wohl auch die zutreffendste sein: man erkannte, dass in schwierigen Zeiten … die Zusammenfassung der Macht in einer Hand die sicherste Gewähr für gute Führung  liefert, und man handelte nach dieser Einsicht.“ [12]

 

Den Umbruch in der zweiten Phase kann man sehr anschaulich an einem Dokument dieser Zeit ablesen. Aus dem Clemensbrief habe ich schon die Eingangsformel zitiert. Es geht in diesem Schreiben um die Gemeinde in Korinth. Jüngere Gemeindeglieder hatten sich gegen die Presbyter aufgelehnt, sogar einige abgesetzt. Das Thema des Clemensbriefes heißt: Lernt Unterordnung! In diesem Brief werden aber auch einige theologische Veränderungen deutlich. Von Loewenich kommentiert: „… moralisches Verständnis bzw. Missverständnis des Evangeliums, Zurücktreten des Enthusiastischen und Apokalyptischen, kirchliches Zusammengehörigkeitsbewusstsein und endlich eine positive Stellung zum Staat.“[13] Natürlich sind die einzelnen Teilthemen bei den verschiedenen religiösen Bewegungen unterschiedlich ausgeprägt, aber es gibt deutlich wahrnehmbare Tendenzen. Parallelen zur Adventgemeinde sind vielleicht auch schon sichtbar geworden, aber ich komme später ausführlich darauf zurück.

 

3. Phase: Das zweite Jahrhundert oder die Phase der Entscheidungen

 

Neben der Gründungsphase ist gerade das zweite Jahrhundert für eine religiöse Bewegung die fast alles entscheidende Zeitspanne. Jetzt entscheidet sich z.B. auch, ob die Bewegung Bestand haben wird oder nicht. Und um es gleich grob zu formulieren: Alle christlichen Gruppierungen, die es in dieser Zeit gegeben hat – und das waren Dutzende – sind alle samt und sonders verschwunden – bis auf die Kerngruppe, die zur Kirche wurde, zur katholischen Kirche. Wir erinnern uns an den griech.-lat. Sprachhintergrund: katholisch meint „allgemein, die ganze Erde umfassend“.[14]  Die Valentinianer, die Basilidianer, die Montanisten, die Marcionisten, die Donatisten – sie alle sind verschwunden. Sie alle haben ihr zweites Jahrhundert nicht überlebt, manche nur die Lebensdauer ihres jeweiligen Gründers.

 

Es treten im zweiten Jahrhundert wichtige Veränderungen ein. Am Beispiel des Montanismus kann das sehr deutlich aufgezeigt werden. Die glühende Naherwartung ist einer ruhigeren Erwartungshaltung gewichen. Die feste Ordnung des Amtes ersetzt die freie Leitung des Geistes. Der Amtsträger wird Lehrautorität. Die Unterscheidung von Klerus und Laien setzt sich durch. An die Stelle der „geistlichen Gaben“ tritt der geistliche Stand. Es werden Kompromisse mit der Welt geschlossen. Die ursprünglichen Maßstäbe werden aufgeweicht. Sittliches Handeln wird durch juristisches Denken abgelöst, aber „alle Kasuistik neigt zu Kompromissen. Man lässt mit sich handeln über die Schwere des Falles.“[15]

 

Ein Teil dieser Veränderungen hängt mit der Tatsache zusammen, dass spätestens im 2. Jahrhundert sich neue Bevölkerungsschichten der Gemeinde anschließen. Waren es bisher eher die unteren Schichten, so finden sich jetzt in zunehmendem Maße die Gebildeten, die Wohlhabenden, die Adligen in der Gemeinde. Sie gewinnen an Einfluss. Das aber bedeutet: außerbiblischer Geist dringt ein. Die naive Vorstellungswelt der Wanderpredigerzeit wird abgelöst durch differenzierte Theologie. „Die erste christliche Literatur .. ist naiv, praktisch, erbaulich oder noch charismatisch vom Geist getrieben.“[16]  Die ersten Theologen waren Apologeten. Man will seinen Glauben verteidigen, ihn vor allem aber auch für die Gebildeten attraktiv machen. Die Folgen sind bis heute in der Kirchengeschichte nachzuweisen.

 

Im zweiten Jahrhundert entscheidet sich das Schicksal fast jeder religiösen Bewegung, auf jeden Fall aber das Schicksal jeder christlichen Sonderbewegung. Die Bewegung hört auf als Bewegung zu existieren. Dabei lassen sich m. E. drei Möglichkeiten unterscheiden:

  1. Die religiöse Bewegung wird säkularisiert. (So bilden z.B. die Mormonen heute ein weltweites, gut florierendes Wirtschaftsimperium mit religiöser Fassade.)
  2. Die religiöse Bewegung löst sich auf.
  3. Die religiöse Bewegung wird zur Kirche.

 

Die zweite Möglichkeit ist die häufigste – wie oben schon ausgeführt. Von all den vielen Sonderbewegungen, die es im Laufe der Kirchengeschichte gegeben hat, hat kaum eine ihr zweites Jahrhundert überlebt. Viele Gruppen waren z.B. zu stark an die Gründerperson gebunden. Mit ihrem Tod verschwand die Bewegung mehr oder weniger rasch.

 

An dieser Stelle der historischen Betrachtungsweise ist es kaum noch zu vermeiden, nicht direkt  unsere Gemeinschaft konkret mit einzubeziehen.

Ich komme zur entscheidenden Grundfrage meines Referats:

Wenn die sicherste Chance des organisatorischen Überlebens für eine christliche Bewegung die Mutation zur Kirche ist – wie soll sich die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten verhalten? Und wenn Verkirchlichung – in welcher Form?

 

Es ist ja nicht nur eine Frage, die sich den Adventisten stellt. Im 19. Jahrhundert sind schließlich mehrere große christliche Bewegungen entstanden. Einige zeigen deutliche Anzeichen der Verkirchlichung. Sie wollen überleben. Aber alle sind sich der Problematik bewusst. Ich greife die Gruppe heraus, die uns lehrmäßig sehr nahe steht: die Baptisten. „Das Gespenst der Verkirchlichung taucht für uns auf, wo immer es um juristische Anerkennung geht, sie sei staatlicher, kirchlicher oder innerkirchlicher Art. Die staatliche Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts wurde nur mit großer Sorge und manchem Schwanken nachgesucht und angenommen. Die landeskirchliche Anerkennung als Freikirche – an Stelle unserer Kennzeichnung als Sekte -, sich auswirkend im Zusammensitzen in der ‚Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland’ und in der Teilnahme an ökumenischen Tagungen, wird von vielen von uns teils abgelehnt, teils mit Besorgnis beobachtet. – Die kirchliche Anerkennung wird noch mehr gefürchtet als die staatliche. … Innerhalb unseres eigenen Raumes – ich nannte es innerkirchliche Anerkennung – entsteht diese doppelte Besorgnis überall dort, wo sich so etwas wie ein Kirchenregiment anbahnt, wo man sich aufs Gewohnheitsrecht beruft, wo man auf demokratisches Wahlverfahren pocht, wo man seinen Dienst als ‚Amt’ auffasst … wo sich übergemeindliche Dienstträger behördlich gebärden…“[17]  Dieses Bekenntnis zeigt deutlich, an welcher Entwicklungsstufe sich die Sekten des 19. Jahrhunderts befinden. Sie alle – und wir mit ihnen – müssen sich entscheiden: Sekte – Freikirche – Kirche?

 

 

Die notwendigen Entscheidungen

 

Mit dieser Fragestellung habe ich die rückwärts gerichtete historische Betrachtungsweise verlassen und wende mich der aktuellen Situation der weltweiten Adventgemeinde zu. Zuvor aber möchte ich doch dem möglichen Einwand begegnen, dass unsere Bewegung nicht vielleicht doch eine kirchengeschichtliche Ausnahmeerscheinung sei. Manche behaupten es. Ich habe mit dieser Meinung z.B. George Knight zitiert. Ich verneine diese Frage und zwar mit folgender Begründung (in Kurzfassung!): Die pneumatische Geistesleitung ist verschwunden. Wir haben so etwas wie ein „Kirchenrecht“ entwickelt. So spielen z.B. anlässlich der Delegiertentagungen – zumindest in Deutschland – die Juristen eine beherrschende Rolle. Ein vielleicht notwendiger Einschub: Die meisten Gemeinden in Afrika, Asien, Südamerika befinden sich noch nicht in ihrem zweiten Jahrhundert und funktionieren eben noch anders! Deshalb gelten die Kennzeichen des 2. Jahrhundert v. a. für die Gemeinden in Europa und den USA. Mit dem Schwinden der Geistesleitung verringert sich der allgemeine Missionseifer. Wir können das nur bestätigen. – Der ideale Ausweg zur Beruhigung des eigenen Gewissens ist in der allseits begrüßten Zunahme der TV-Evangelisation zu sehen. Und wie verhält es sich mit dem wichtigsten Kennzeichen der Urgemeinde: der Naherwartung? Wie es hier mit uns steht, zitiere ich aus einer Dissertation, die eine Nicht-Adventistin geschrieben hat, nach dem sie viele Monate recherchiert und dabei nicht nur Interviews geführt, sondern auch unsere Gottesdienste besucht hat. „Der heutige deutsche Adventist ist trotz seines eifrigen Glaubens an die baldige Wiederkunft Jesu jedoch weit entfernt vom Zeugengeist der ersten Generation, die die Parusie zu Lebzeiten erwartete.“[18]  „Bisher wurden Gemeindechroniken nur vereinzelt geführt, infolgedessen gab es auch keine statistischen Erhebungen der zentralen Stellen. Das entspricht völlig dem Wesen einer endzeitlich orientierten Gemeinschaft, wie die STA sie darstellten. Dass die Gemeinden heute angeregt werden Chroniken anzulegen, liegt im Zug der auf den Ausbau der internen Formen bedachten gegenwärtigen Bestrebungen. Der Blick richtet sich nun weniger auf das noch in der Zeit stattfindende Ereignis der Parusie als vielmehr auf eine dauernde Einrichtung in der derzeitigen Welt.“[19]  „Die Stellung zu Wissenschaft und Bildung ist heute eine andere als vor 60 oder 70 Jahren. Diese Veränderung hängt eng mit der korrigierten Auffassung von der Parusie zusammen. So lange das Lebensbewusstsein der ersten Generation durch eschatologische Erwartungen bestimmt wurde, waren Fragen um Bildung, Kultur, Wissenschaft von untergeordneter Bedeutung. Vor dem 1.Weltkrieg sagte man ‚ der Herr kommt bald, es lohnt sich nicht, noch viel zu lernen und zu studieren’ – diese Auffassung soll manche Adventisten in Deutschland daran gehindert haben, ein langjähriges Studium zu beginnen. Mit der Projizierung der Wiederkunft Christi in eine zwar näher rückende, aber doch unbestimmte Zeitdimension, wandelt sich in weiten Kreisen vornehmlich das Verhältnis zu Bildungsfragen.“[20]

Allein diese Tatsache und der Hinweis – oft mit einem gewissen Stolz vorgetragen – dass wir im protestantischen Lager das beste, differenzierteste und umfangreichste Bildungs- und Ausbildungssystem haben, spricht eine deutliche Sprache und bestätigt den Befund von Irmgard Simon.

 

Auch für die anderen Kennzeichen einer religiösen Bewegung in ihrem 2. Jahrhundert ließen sich eindrucksvolle Beispiele finden. George W. Reid spricht in diesem Zusammenhang von der „Krankheit des 2.Jarhunderts“[21] Wie lange wird es noch dauern, bis unsere „Glaubensgrundsätze“ zu Dogmen geworden sind? Manche scheinen das jetzt schon so zu sehen. Wie anders ist es zu erklären, dass theologische Überlegungen, die vielleicht zu neuen Einsichten führen könnten, schon im Vorfeld bekämpft werden. Als ich zum ersten Mal öffentlich das griechische Wort, das Luther mit „bald“ übersetzt hat, mit der durchaus sprachlich möglichen Übersetzung „schnell, plötzlich“ wiedergab, erhob sich ein nicht geringer Widerstand. Ich kämpfe heute mehr denn je in Referaten gegen jeden Versuch der Dogmatisierung, getreu dem Motto: „Wehret den Anfängen!“

 

Die junge Adventgemeinde hatte – wie jede christliche Bewegung in ihrer Anfangsphase – ernorme Schwierigkeiten hinsichtlich einer einigermaßen einheitlichen Lehre und einer vernünftigen Organisation. Hier half Gott der Gemeinde durch besondere Charismen. Ellen White ist hier das herausragende Beispiel. Viele Ratschläge, die sie der jungen Gemeinde gab, halfen aus großen Schwierigkeiten. Aber auch andere, davon bin ich überzeugt, erlebten Gottes besondere Führung und halfen der Gemeinde z.B. in schwierigen Lehrfragen. So konnte Hiram Edson durch eine Art Wachtraum den Fehler von 1844 korrigieren. Man studierte erneut die Bibel und fand heraus, dass es bei dem Problem um 1844 nicht um einen Berechnungsfehler ging, sondern um einen Deutungsfehler. Und wer wollte bestreiten, dass Arthur G. Daniells vom Geist geleitet wurde, als er 1924 die Aufgabe übernahm, aus der Bibel und den Schriften von E.G.White die Frage der Gerechtigkeit aus dem Glauben neu zu publizieren? Das kleine Heft mit dem Titel „Christus unsere Gerechtigkeit“ ist allerdings bis heute noch nicht von allen Adventisten verinnerlicht worden. Der innergemeindliche Streit, der 1888 in Minneapolis begann, ist offensichtlich in manchen Gemeinden noch nicht zu Ende.

 

Je älter eine religiöse Bewegung wird, desto größeres Gewicht erhalten die Apologeten. Auch in der Adventgemeinde wurden die Verteidiger – die kampferprobten Prediger, die gern und oft zu öffentlichen Streitgesprächen einluden – von den Theologen abgelöst. Streitgespräche im größten Saal der Kleinstadt – der adventistische Prediger gegen den religiösen Rest der Stadt – finden nicht mehr statt. Dafür treffen sich ranghohe Administratoren und Theologen der Adventgemeinde mit ebenso qualifizierten Vertretern anderer Konfessionen, z.B. des Lutherischen Weltbundes.

Der wachsende Einfluss der Theologen hat natürlich mehrere Konsequenzen, von denen uns im Zusammenhang des Themas vor allem eine beschäftigen sollte. Bei anwachsender Anzahl von Theologen und damit auch einer wachsenden Zahl von Lehreinrichtungen weltweit, bleibt es nicht aus, dass auch unterschiedliche „Schulen“ entstehen. Die eine Hochschule ist eher konservativ, die andere hat einen eher liberalen Ruf in der innerkirchlichen Öffentlichkeit. Die Gemeinde gewinnt den Eindruck, dass hier unterschiedliche Standpunkte gelehrt werden. Wenn es sich um einen einzelnen Lehrer handelt – wie z.B. Desmond Ford – reicht gewöhnlich die Entlassung aus dem Lehrbetrieb. Was aber, wenn ganze Schulen abdriften oder gar Teile der Adventgemeinde sezessionistische Neigungen entwickeln?

 

Beides ist für die Adventgemeinde weltweit nicht auszuschließen und z. T. ja auch schon eingetreten. Wie soll die Weltgemeinde reagieren? Die Sitzung der Generalkonferenz 1995 in Utrecht lieferte signifikantes Anschauungsmaterial. Ich greife zwei Fakten heraus.

  1. Die Stellung des Präsidenten der Generalkonferenz.   

Bislang war er im positiven Sinn primus inter pares. Die Vorlagen, die Robert     Folkenberg zur Abstimmung brachte, zeigten eine eindeutige Tendenz: Es

wurde eine stärkere Zentralisierung versucht. Die Stellung des Präsidenten sollte aufgewertet werden. Er sollte in Zukunft stärker als bisher Entscheidungen fällen können. Kirchengeschichtlich entstand im 2. Jahrhundert der monarchische Episkopat. Bei sich widersprechenden Lehraussagen – wer sollte entscheiden, was Lehre der Kirche ist? Und vor allem – es durfte auch nicht zu lange dauern, bis ein solcher Lehrentscheid vorlag. So zeigt es uns die Kirchengeschichte. Ich will niemandem zu nahe treten, aber kirchengeschichtlich war das Auftreten z.B. eines Desmond Ford keine Überraschung. Und auch die Verfahrensweise in diesem Lehrstreit war vorhersehbar. Aber man hatte wohl in der Spitze der Administration erkannt, dass nicht jedes Mal ein Riesenaufgebot wie in Glacier View auftreten könne. Und so wurde bei nächster Gelegenheit eine Änderung herbeigeführt mit dem Ziel, die Autorität des Präsidenten zu erhöhen. „Einem weiteren Änderungsvorschlag zufolge soll der GK-Präsident gegenüber den zwei anderen Vorstandsmitgliedern als erstrangiges Vorstandsmitglied  (first officer) bezeichnet werden.“[22] Ich kann mich gut daran erinnern, dass gerade bei diesen Agendapunkten die Mitarbeiter der Generalkonferenz besonders zahlreich am Mikrofon standen, um ihre Besorgnis über die geplanten Veränderungen zu artikulieren. Sie spürten wohl alle, dass hier eine Richtungsänderung durchgeführt werden sollte. Genützt haben ihre Einsprüche nichts; den Vorlagen wurde mit großer Mehrheit zugestimmt. Die Gesetze der Kirchengeschichte fordern ihren Tribut.

  1. Die Abstimmung über die Ordination von Frauen.

Auch hier zeigte sich in Utrecht die Entwicklungsstufe, an der die Weltgemeinde angekommen ist. „In Utrecht schlug die Nordamerikanische Division vor: Wenn es die Umstände nicht als unratsam erscheinen lassen, kann eine Division die Einsegnung qualifizierter Personen ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht autorisieren.“[23] Dieser Antrag wurde – wie allgemein bekannt – nach großer Redeschlacht mit großer Mehrheit abgelehnt. Cottrell schreibt dazu: „Die zur Abstimmung anwesenden Delegierten lehnten diesen Vorschlag mit einer Mehrheit von 1.481 zu 673 oder 69 Prozent ab. Zu jener Zeit gab es 11 Weltdivisionen der Generalkonferenz. …4 der 11 Divisionen (Afrika-Indien-Ozeanien, Ostafrika, Zentralamerika und Südamerika)… waren mit 1.126 Delegierten vertreten, etwas mehr als jene aus den anderen Divisionen zusammen genommen. Die kulturelle Ausrichtung dieser vier Divisionen, besonders ihre Vorstellung von der Rolle der Frau in Familie, Gesellschaft und Gemeinde steht bekannter weise der Einsegnung von Frauen genau entgegen … Diese vier Divisionen, die gegen eine Autonomie der Divisionen in der Frage der Einsegnung der Frau stimmten, haben sicherlich ein Recht auf ihre kulturellen Vorlieben und darauf, die Rolle der Frauen innerhalb ihrer jeweiligen Division zu bestimmen. Und der nordamerikanische Vorschlag garantierte ihnen vollständige Autorität, um die Angelegenheit für sich zu entscheiden.. Aber gibt ihnen ihre praktische Kontrolle der Generalkonferenz das Recht, ihre kulturellen Vorlieben der ganzen Weltgemeinde aufzudrängen? Sie waren offensichtlich nicht bereit, den anderen Weltdivisionen das gleiche Recht auf Selbstbestimmung zu gewähre, das sie für sich selbst in Anspruch nahmen.“[24]

 

Ich habe das Thema der Einsegnung von Frauen, wie es in Utrecht behandelt wurde, deshalb so ausführlich erwähnt, weil hier der Begriff auftaucht, der in meinen Überlegungen eine entscheidende Rolle spielt: Selbstbestimmung. Fassen wir die beiden Beispiele von Utrecht kirchengeschichtlich zusammen, dann ergeben sich folgende Tendenzen:

  1. Die Leitung der Generalkonferenz versuchte durch mehrere Vorlagen, ihre Position zu stärken und zwar im Sinne einer Stärkung der Zentralgewalt. Zentralisierung ist eine kirchengeschichtliche Möglichkeit, um eine Verkirchlichung zu erreichen. Allerdings steht hier das Modell des monarchischen Episkopats Pate. Den Delegierten in Utrecht – und, so hoffe ich, auch den Mitgliedern der Generalkonferenzverwaltung – war es nicht bewusst, dass die vorgelegten Anträge in Richtung „Papstkirche“ gingen. Aber es war den Verantwortlichen wahrscheinlich durchaus klar, dass die Weltkirche bei ihrem rasanten Wachstum eine neue organisatorische Struktur erhalten müsse. Die von Folkenberg vorgelegten Anträge zielten tendenziell auf Zentralisierung.
  2. Die zweite Tendenz wird als Reaktion auf bestimmte Vorgänge während der Sitzung in Utrecht deutlich. Die Abstimmungsniederlage der Nordamerikaner führte zu sehr prinzipiellen Überlegungen. Das zahlenmäßige Übergewicht der „jungen“ Divisionen ergibt bei wichtigen Abstimmungen ein Ergebnis, mit dem z.B. die Nordamerikaner schlecht leben können. Sie bemühen das Recht auf Selbstbestimmung. Das aber widerspricht genau der Richtung, die R. Folkenberg vorgegeben hatte.

 

Es stoßen also zwei gegensätzliche Tendenzen aufeinander: Mehr Zentralismus oder mehr Selbstbestimmung. Und beide müssen unter der Prämisse des Überlebens der Bewegung gesehen werden.

 

Anlässlich der Frühjahrstagung des AWA[25] 1985 hatte ich verschiedene Verantwortungsträger unserer Gemeinschaft gebeten, Referate zum Tagungsthema zu halten: „Strukturen und Veränderungen in der Adventgemeinde“. Joachim Hildebrandt, seinerzeit Vorsteher des SDV, referierte über „Organisationsprinzipien der Adventgemeinde unter Berücksichtigung des demokratischen Prinzips“.  Eine seiner Hauptschlussfolgerungen: „In der Adventgemeinde besteht also die repräsentative Form der Verwaltung.“[26] Gemeint ist das uns allen vertraute Wahl- und Ausschusssystem. Die Delegation von unten nach oben funktioniert formal fast reibungslos. Trotzdem bleibt ein unbefriedigendes Gefühl. Deshalb wird immer wieder von Veränderungen gesprochen.

 

Sehr aufschlussreich, fast revolutionär, waren Teile des Referats von Erich Amelung, seinerzeit Schatzmeister der Division in Bern, also Mitglied des dreiköpfigen Führungsteams. Sein Referat hatte den Titel: „Aktuelle Tendenzen zur Veränderung organisatorischer Strukturen der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten“. Ich zitiere: „Die Struktur dieser Organisation, sowohl in ihrem Aufbau, wie auch in ihrem Ablauf, ist nicht notwendigerweise etwas Statisches. Anpassungen an veränderte Situationen und Verhältnisse, sowohl durch Vorgänge innerhalb der Struktur wie auch durch Einflüsse und Entwicklungen von außen induziert, sind vom System her prinzipiell möglich und je nach Sachlage auch notwendig. Die Geschichte der Adventbewegung zeigt, dass solche Veränderungen von Formen und Strukturen in der Vergangenheit vor sich gegangen sind. Deshalb gibt es keine Gründe dafür, dass sich Veränderungen nicht auch heute und morgen vollziehen können. Wir leben in einer unvollkommenen Welt. Wir selbst sind unvollkommen und auch die Organisation wird in dieser Welt stets unvollkommen sein.“[27] Im folgenden beschreibt Amelung dann allerdings eine Reihe von Einschränkungen und Bedingungen, aber im Grundsatz bleibt seine Aussage bestehen.

 

Wir haben jetzt den Punkt erreicht, dass ich die verschiedenen Fäden der unterschiedlichen Betrachtungsweisen zusammenknüpfen kann. Ich werde im folgenden meine Schlussfolgerungen ziehen und konkrete Vorschläge machen.

 

 

Bausteine für ein zukünftiges Strukturmodell der weltweiten Adventgemeinde

 

Ich gehe in meinem Vorschlag von „oben“ nach „unten“, d. h. ich werde mit der Verwaltungsspitze anfangen und mit der Ortsgemeinde aufhören. Die Grundzüge meines Models habe ich bei verschiedenen Gelegenheiten skizziert, v. a. anlässlich der Klausurtagungen des WDV. Auch im Rahmen der AWA-Tagung im Frühjahr 1985 habe ich die wesentlichsten Grundgedanken geäußert. Ich weiß heute nicht mehr, wie und ob sich die anwesenden Verwaltungsspitzen in der Diskussion dazu geäußert haben, aber manche Äußerung wäre heute vielleicht eine Überraschung.

 

  1. These:  An der Verwaltungsspitze der weltweiten Adventgemeinde sollte eine neue Form der Generalkonferenz stehen, die ich den Weltbund Adventistischer Kirchen (WAK)  nennen würde. Dieser Zusammenschluss  der einzelnen Divisionen hätte deutlich andere Aufgaben als die jetzige Generalkonferenz. Sie würde – wie bisher – Mittel und Personal im Rahmen der Bedürfnisse des Weltfeldes steuern, hätte aber wesentlich weniger Kompetenzen im Umgang mit den einzelnen Divisionen. Voraussetzung für dieses neue Form der Verwaltungsspitze wäre
  2. These: Die einzelnen Divisionen bilden selbstständige Verwaltungseinheiten. Wie viele es in Zukunft sein müssten, kann ich nicht einschätzen. Ich gehe aber davon aus, dass es in Zukunft eine selbstständige Adventistische Kirche in Europa, eine in Nordamerika, eine in Südamerika, eine in Afrika etc. geben wird. Diese Verwaltungseinheiten müssen geographisch nicht den jetzigen Divisionen entsprechen. Entscheidend aber wird die Ausstattung mit Befugnissen sein. Ich erinnere an das kurze Zwischenspiel der Europäischen Generalkonferenz. Die fast totale Selbstständigkeit ermöglichte ein rasantes Wachstum in jeder Hinsicht. Conradi träumte von einem partnerschaftlichen Verhältnis der beiden Generalkonferenzen. Er wollte mit den Amerikanern in Zukunft auf gleicher Augenhöhe verhandeln. Vielleicht war das auch mit ein Grund, diese Verwaltungsform wieder zu beseitigen. Dass sich Conradi nicht heftiger gegen diesen Beschluss gewehrt hat, lag wohl in den dunklen Flecken der eigenen Biographie.[28] Ich plädiere nicht – um hier ein mögliches Missverständnis zu vermeiden – für eine Neuauflage einer historisch überholten zweiten Generalkonferenz. Ich plädiere z. B. für eine eigenständige Adventistische Kirche in Europa unter dem Dach des WAK. Wenn ich recht informiert bin, gibt es schon sehr detaillierte Gespräche in dieser Richtung, nämlich über die Zusammenlegung der beiden europäischen Divisionen. Es bot sich in dem Augenblick an, als z.B. die Euro-Afrika Division ihre afrikanischen Gebiete verlor. Eine solche europäische Kirche müsste folgende Kompetenzen erhalten:
    1. Das Recht, bei einer  Neufassung des Gemeindehandbuchs entscheidend mitzuwirken. Auf diese Weise könnten die kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa besser berücksichtigt werden. Es ergäbe sich eine eigene Variante des Gemeindehandbuchs
    2. Das Recht, eine eigene Form des Sabbatschulheftes zu entwickeln – wobei das generelle Thema durchaus weltweit gelten kann.
    3. Das Recht, eigene Texte für die Weltgebetswoche zu schreiben – mit Anliegen zum Gebet, die für Europäer nachvollziehbar – weil aktueller -  sind.
    4. Das Recht, einen eigenen Haushaltsplan zu beschließen mit Schwerpunkten, die auf das europäische Feld abgestimmt sind.
    5. Das Recht, in der Predigerausbildung die Wege zu beschreiten, die den europäischen Bedürfnissen entsprechen.
    6. Bei der Gewichtung der „27 Glaubensüberzeugungen“ eine eigene hierarchia veritatum  zu entwicklen.

 

Die hier vorgelegte Liste der Kompetenzen, die auf die europäische Kirche verlagert werden sollte, ist weder vollständig noch verpflichtend. Hier ist viel Raum für Diskussionen. Aber es ist meine feste Überzeugung, dass die Gemeinschaft weltweit mit dem bisherigen Modell nicht weiterkommt. Die schnell wachsenden Divisionen liegen nicht in Europa und nicht in Nordamerika. Der kulturelle Hintergrund der Adventgemeinde liegt aber im Protestantismus, und den haben Europäer und z.T. eben auch Nordamerikaner verinnerlicht. Sollte es dazu kommen, dass z. B. an die Spitze der jetzigen Generalkonferenz ein Südamerikaner gewählt würde, käme das kulturelle Umfeld Südamerikas zum Tragen, und das ist auf religiösem Gebiet eben der Katholizismus. Die Auswirkungen auf die adventistische Theologie wären erheblich!  Ich muss diesen Gedanken hier abbrechen, aber er wird uns u. U. in Zukunft noch sehr beschäftigen. Sollte z.B. ein Afrikaner – auch das ein rasant wachsendes Gebiet, bezogen auf die Gliederzahl – zum Hauptschatzmeister der GK gewählt werden, könnte ich mir vorstellen, dass z.B. die Nordamerikanische Division des Ausstieg aus dem jetzigen System beschließt.

 

Die Nordamerikaner haben diesen Gedanken schon im Anschluss an die Beschlüsse von Utrecht diskutiert. Wir erinnern uns: Es ging z.B. um die Ordination der Frauen. Hier war ein Antrag der Nordamerikanischen Division im Plenum gescheitert. Ich erinnere mich noch gut an das vollmundige Wort des Tagungsleiters: „The church has spoken!“ – als er das für viele Europäer und Nordamerikaner deprimierende Abstimmungsergebnis bekannt gab.

 

Was waren und sind aber die Konsequenzen? In einigen Teilen Europas, z.B. in Skandinavien, werden Frauen zum Predigtdienst ordiniert. Man setzt sich über den Beschluss der GK hinweg. Oder ich zitiere noch einmal Cottrell: „Die Zeit ist gekommen, um den Prozess der verwaltungstechnischen Dezentralisierung abzuschließen, der im Jahre 1901 begonnen hat, indem die vollständige Entscheidungsfindung und verwaltungstechnische Selbständigkeit an reife (matura) Weltdivisionen der Generalkonferenz delegiert wird. Eine reife Division ist eine, in der alle Facetten der Gemeinschaft vollständig entwickelt sind und funktionieren, eine, in der es eine ausgebildete und erfahrene einheimische Führerschaft gibt, eine, die vollständig selbsterhaltend und in der Lage ist, der Weltmission der Gemeinschaft Personal und Mittel zur Verfügung zu stellen.

Alle Weltdivisionen sollten sich weiterhin als Generalkonferenz treffen, um ihre weitere Beziehung untereinander zu koordinieren, um die Verantwortung für ihre gemeinsame Aufgabe in der ganzen Welt zu teilen und um Pläne und Vorgehensweisen zu empfehlen, die die verschiedenen Divisionen in Betracht ziehen sollten, wobei es ihnen frei steht, diese zu übernehmen, zu verändern oder abzulehnen, wenn es dem Wohlergehen der Gemeinde in ihrem Teil der Welt nicht dient. Die Generalkonferenz sollte eher zu einer koordinierenden statt zu einer verwaltenden Körperschaft werden, einer Körperschaft, in der alle Weltdivisionen für ihr gegenseitiges Wohlergehen und für die Vollendung ihrer gemeinsamen Aufgabe in der Welt zusammen arbeiten könnten.“[29]

 

Dieser doch sehr bezeichnende Text ist 1997 veröffentlicht worden. Es besteht also nicht Verdacht, dass ich mit meinem Vorschlag zur Strukturveränderung auf amerikanische Quellen zurückgreifen musste. Ich habe den ersten Vorschlag 1985 veröffentlicht. Aber man sieht, die Dinge sind in Bewegung geraten. Ob sie schon in die Nähe von Beschlüssen gelangt sind, kann ich nicht abschätzen, da ich nicht mehr in den entscheidenden Gremien sitze.

 

Aber in diesem Zusammenhang vielleicht der Hinweis auf einen 1985 veröffentlichten Diskussionsbeitrag: „1. Ich bin der festen Überzeugung, dass Strukturveränderungen von außerordentlicher Wichtigkeit für die Gemeinde sind, weil sie deren Wachstum entweder fördern oder hindern. … 2. Ich bin gleichzeitig und ebenso fest davon überzeugt, dass organisatorische Strukturveränderungen das quantitative ‚Minus-Wachstum’ unserer Gemeinde nicht aufhalten können, wenn sie nicht Hand in Hand gehen mit Strukturveränderungen im Bereich unseres religiösen und geistlichen Lebens.  

3. Ich bin auf Grund meiner Beobachtungen und Erfahrungen aber auch davon überzeugt, dass Strukturveränderungen in der Adventgemeinde tatsächlich möglich sind.“[30] Wir werden Rolf Pöhler an diesem sehr hoffnungsvollen statment messen!

 

  1. These: Verbände (Unionen) und Vereinigungen erhalten neue – teils erweiternde, teils beschränkende – Kompetenzen. Vor allem muss es endlich zu größeren Verwaltungseinheiten auf dieser Ebene kommen. Die leidige Diskussion in Deutschland will ich nicht erneut anstoßen, aber es ist meine feste Überzeugung, dass wir in absehbarer Zukunft in Deutschland einen Verband und ca. vier Vereinigungen haben werden. Nicht nur die finanzielle Situation wird uns dazu zwingen, auch Struktur-immanente Überlegungen werden endlich greifen. Die wichtigste Voraussetzung und die ist in den meisten Diskussionen während der Delegiertentagungen kaum erwähnt worden: Es ist die neue Definition der Ortsgemeinde.
  2. These: Die Ortsgemeinde als Kernzelle der Gesamtorganisation erhält wesentlich erweiterte Befugnisse. Hauptziel dieser Veränderung ist eine größere Selbstständigkeit. Hier bietet sich ein weites Feld der Überlegungen. Viele Gemeinden sind durch die bestehenden Strukturen fast völlig zur Unmündigkeit erzogen worden. Die Vereinigung oder zumindest der Verband wird es schon richten. Man erwartete fast alles an Ideen von einer höheren Dienststelle. Missionskonzepte wurden den Gemeinden vermittelt, es waren keine selbst erdachten oder durchdachten Konzepte. Der eher mäßige Erfolg all dieser Missionsstrategien war die zwangsläufige Konsequenz. Die Ortsgemeinde der Zukunft als Kernzelle des Gesamtorganismus sollte u.a. die folgenden Kompetenzen erhalten bzw. zurückgewinnen:
    1. Der Aufteilungsschlüssel der eingehenden Finanzen muss verändert werden. So sollte z.B. auch ein Teil der Zehnteneinnahmen in der Ortsgemeinde verbleiben.
    2. Sammlungen für bestimmte Projekte der Ortsgemeinde sind möglich,
    3. Die Ortsgemeinde entwickelt dem Umfeld, den Bedürfnissen und den eigenen Möglichkeiten entsprechende Missionskonzepte. Die Vereinigung hat hier lediglich beratende Funktion.
    4. Die Ortsgemeinde ist Eigentümer des jeweiligen Grundstücks und der Immobilie. Bei Neuerrichtung gilt wie in vielen Ländern der Schlüssel 50 : 50, d.h. dass die Gemeinschaft für jeden Euro, den die Gemeinde aufbringt, auch einen Euro zuschießt. Fällige Reparaturen werden vom Geld bestritten, das in der Gemeinde aufgebracht worden ist. Eine Mietezahlung o.ä. an die Grundstücksverwaltung entfällt.
    5. Die Ortsgemeinde entscheidet selbstständig über den Gottesdienstablauf.

 

Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, jetzt im Detail die neuen Möglichkeiten der Ortsgemeinde aufzulisten. Entscheidend ist das Grundmuster: Wesentliche Kompetenzen werden vom Verband und von der Vereinigung auf die Ortsgemeinde verlagert. Dadurch erst ist es auch möglich, diese Verwaltungsdienststellen durch Zusammenlegung zu vergrößern. Der Ansprechpartner in vielen Belangen des Gemeindelebens ist eben nicht mehr eine übergeordnete Dienststelle, sondern die Gemeinde ist auf sich selbst gestellt. Im Zuge der immer weniger werdenden hauptamtlichen Prediger wird sich dieser Trend fast zwangsläufig ergeben, aber wir tun gut daran, in diese Entwicklung steuernd einzugreifen. Es wäre fatal, wenn wir auch bei diesem Thema nur wie sonst üblich reagieren, anstatt, wie es nötig wäre,  konstruktiv zu agieren.

 

Wir haben die Aufgabe unseres Themas fast gelöst – bis auf einen wichtigen Punkt. Wir haben eine kirchengeschichtliche Standortbestimmung vorgenommen, wir haben Erklärungen gefunden für manches Phänomen in unserer Gemeinschaft – z.B. die Diskussionen über bestimmte Lehrpunkte mit den dadurch verursachten Spannungen und Abspaltungen – und wir haben eine neue Verwaltungsstruktur entwickelt.

 

Das Für und Wider der einzelnen Vorschläge ist natürlich noch nicht erschöpfend ausgeleuchtet worden. Das muss einer genauen Erörterung vorbehalten bleiben. Aber was fehlt noch? Es ist meine Antwort auf die innergemeindliche Diskussion zum Reizwort „Kongregationalismus“

 

George Knight hat anlässlich der Jahressitzung der Generalkonferenz im September 1998 vor den Delegierten aus aller Welt ein Referat gehalten mit dem bezeichnenden Titel: „Adventistischer Kongregationalismus – ein Wachruf oder ein Totengeläute?“ [31]Da dieses Referat im „Aller Diener“ abgedruckt worden war, erbot ich mich, aus meiner Sicht einen kleinen Kommentar zu schreiben. Der Herausgeber bedankte sich zwar artig für dieses Angebot, wollte aber keinen Gebrauch davon machen. Das Thema war offensichtlich zu heiß, und es war schon fast ein Wagnis, dieses Referat überhaupt zu veröffentlichen, aber da es vor einem großen Publikum gehalten worden war, konnte man es ja nicht einfach übergehen.

 

George Knight geht von der Tatsache aus, dass es innerhalb der Weltgemeinschaft starke Strömungen gibt, die partiell oder generell dem Kongregationalismus zuneigen. Er bedauert das auch nicht, kämpft auch nicht dagegen, sondern versucht, die Vor- und Nachteile aufzuzeigen. Bemerkenswert ist, dass er die Auffassung vertritt, dass die Befürworter dieser Kirchenform v.a. in Nordamerika wohnen. Als Kirchenhistoriker weiß er natürlich auch, dass nur in Nordamerika und eben auch in Europa, die Adventgemeinden ihr 2. Jahrhundert erleben, und deshalb diese Fragen erörtert werden.

 

Die Reinform des Kongregationalimus lehne ich ab. Dazu würde z.B. in letzter Konsequenz gehören, dass jede Gemeinde ihren eigenen Prediger aussucht, anstellt und bezahlt. Die Auswirkungen kann sich jeder ausmalen. Ich habe – genau wie George Knight in seinem Referat – immer von der Sonderform, nämlich vom Adventistischen Kongregationalismus  gesprochen.

Was bedeutet das?

  1. Die neutestamentliche Vorstellung - die auch in unseren offiziellen Texten zu diesem Thema immer wieder formuliert wird – beschreibt die herausgehobene Stellung der Ortsgemeinde. Sie allein kann z.B. Glieder aufnehmen und ausschließen. Hier findet das religiöse Leben statt. Deshalb muss die Ortsgemeinde ein erhebliches Maß an Selbstständigkeit erhalten.
  2. Herr dieser Gemeinde ist weder der Prediger noch irgendein Vorsteher oder ein Ausschuss, sondern allein Jesus Christus. Er ist identisch mit der Wahrheit. Das bedeutet, dass in der Ortsgemeinde am ehesten dieser dynamische Prozess der Wahrheitsfindung erlebt werden kann; denn der statische Begriff von Wahrheit ist eher in den verwalteten Institutionen zu finden.
  3. Die adventistische Variante des Kongregationalismus vermeidet die Gefahr des Auseinanderlebens, da wir immer noch an der hierarchischen Variante des Katholizismus einer Zentralinstanz festhalten. Aber im Gegensatz zur Röm.-Katholischen Kirche kennen wir z.B. kein höchstes Lehramt, also keinen Papst, der „ex kathedra“ ein Dogma verkünden könnte. Durch den von mir favorisierten WAK würde in den Fällen, in denen Einheit geboten scheint, diese Einheit auch gewahrt.
  4. In der Ortsgemeinde aber könnte die Vielfalt entstehen, die ich mir wünsche. Hier können eigene Missionskonzepte entwickelt und verwirklicht werden – die Finanzen dazu habe ich in der 4. These erläutert.. Neue Lieder, neue Gottesdienstformen können ausprobiert werden. Der persönliche Frömmigkeitsstil kann sich auch in der Gemeinde verwirklichen.
  5. Die Gemeinde wird wieder zu einer forschenden Gemeinde. Befreit vom Zwang, eine Weltausgabe der Sabbatschulhefte konsumieren zu müssen, findet der Einzelne wieder Freude am Studium der Heiligen Schrift. Er darf seine eigenen Gedanken äußern und wird nicht auf die manipulierenden Aussagen des Herausgebers festgelegt. Aus diesem Eifer erwächst Freude, und diese Freude belebt die ganze Gemeinde.
  6. Wenn so die Vielfalt erlaubt wird, kann auch wieder Vertrauen in die Leitungsgremien wachsen. Manche Diskussion z.B. anlässlich einer Delegiertentagung würde überflüssig werden.
  7. Der Prediger kann seiner eigentlichen Berufung wieder nachgehen. Er ist der Pastor, also der Hirte  seiner Gemeinde. Dieses Hirtenamt wird z. Zt. von vielen Gemeindegliedern schmerzlich vermisst. Der Prediger hat zu viele Verwaltungsaufgaben. Das Berichtswesen für die höheren Dienststellen könnte bei einer mündigen, selbstständigen Gemeinde deutlich reduziert werden.
  8. Die Wahlämter einer Gemeinde, die nach adventistischem Kongregationalismus organisiert wäre, würden sich nicht mehr streng an ein wie auch immer formuliertes Gemeinderegelwerk halten, sondern sich nach den örtlichen Bedürfnissen richten. In einer Gemeinde würde man dringend nach qualifizierter Seniorenarbeit Ausschau halten, in einer anderen Gemeinde wäre vielleicht ein Freizeitleiter gefragt, der Reisen, Ausflüge, Konzert- oder Museumsbesuche für jung und alt organisiert. R. Burrill empfiehlt in diesem Zusammenhang sogar die völlige Abschaffung der herkömmlichen Ernennungsausschüsse.[32]

 

Diese Liste könnte natürlich noch fortgesetzt werden, aber ich hoffe, jeder hat den roten Faden erkannt. Wenn in manchen Gremien über die Frage nachgedacht wird, wie viel Einheit zwingend nötig ist und wie viel Vielfalt gewährt werden könne, dann liefert das vorgestellte Modell auf allen Ebenen eine diskutable Antwort. Ich akzeptiere in meinem Modell eine bestimmte Form von hierarchischer Struktur. Die Generalkonferenz als WAK bildet die große und wichtige Klammer. Über Lehre, Mission, Geld, Personal kann und sollte in den turnusmäßig stattfindenden Sitzungen (General Conference in session) entschieden werden. Die Zwischeninstanzen behalten ihre Funktionen, wenn auch in veränderter Form (lean managment). Kern des ganzen wird wieder die Ortsgemeinde. Sie garantiert die notwendige Freiheit, die Vielfalt der Meinungen, das rege geistige und geistliche Leben. Hier kennt man die Nöte der Umwelt am besten, deshalb kann hier am schnellsten geholfen werden.

 

Alles nur der Traum eines gelehrtenhaft-versponnenen Kirchenhistorikers? Ich denke nicht. „Um lebensfähig und wachstumsfähig zu bleiben, müssen bestimmte Veränderungen in der Struktur unserer Gemeinschaft nicht nur respektiert und akzeptiert, sondern geradezu erwartet werden.“[33] Für diese Veränderungen sollten wir einstehen, jeder an seinem Platz: Die Vorsteher in den Ausschüssen, die Prediger in ihren Versammlungen und die Gemeinden in der praktischen Arbeit. Lasst uns Fakten schaffen, und zwar auf der Ebene der Ortsgemeinde. Sie ist der selbstverantwortliche Kern der Gesamtkirche. Aber ohne sie läuft nichts: “Zumal die Gemeinschaft als solche nur gesund sein kann, wenn auf der Ebene der örtlichen Gemeinde ein gesundes, geistliches Leben existiert.“[34] Dieser Auffassung von George Knight kann ich mich anschließen.

 

„Die Adventgemeinde des 21. Jahrhunderts hat sich weit von ihrem Ursprung entfernt. Als Folge haben wir ernsthafte Probleme mit mangelndem Fortschritt.“[35] Burrill bezieht das auf die Gebiete, in denen die Gemeinden ihr zweites Jahrhundert durchlaufen. Ich habe versucht, Wege aufzuzeigen, die es uns vielleicht ermöglichen, zukunftsorientiert den Anschluss an unsere Tradition zu finden.

 

Wir sind gedankliche eine weiten Weg gegangen. Von den kirchengeschichtlichen Vorbildern bis in die turbulente Gegenwart. Ich hoffe, dieser weite Weg hat sich gelohnt. Ich vertraue dem Herrn der Geschichte, dass er auch die Geschichte der Adventgemeinde lenkt. Aber das entbindet uns nicht, den Teil zu tun, der in unserer Macht steht. „Bete und arbeite“ war zwar ein Mönchsmotto, aber es steht auch an einer Wand in Friedensau. Wir wollen uns einsetzen für ein gedeihliches Wachstum, für persönliches Wohlbefinden aller in der Gemeinde, für freudiges Zeugnis in der Welt, für schnelle Nachbarschaftshilfe, für liebende Anteilnahme am Geschen in dieser Welt, also auch einmischen in das Tagesgeschehen. Diese lebendige, selbstverantwortliche Ortsgemeinde ist- oder muss wieder werden -  die Kernzelle der weltweiten Adventgemeinde.

 

L. E. Träder

 

 

 


[1] „Unter dem Vorsitz von Olson lösten die anwesenden 40 Delegierten zunächst die bisherige Europäische Union-Konferenz auf und organisierten drei Unionskonferenzen, die in der ‚Europäischen Generalkonferenz’ zusammengefasst wurden. … Zum Präsidenten der Europäischen Generalkonferenz wählten die Delegierten Conradi, zu ihrem Sekretär den in London ansässigen O.A.Olson.“ G.Padderatz, Conradi und Hamburg,1978, S. 157

[2] G.Padderatz, a.a.O. S. 158

[3] G.Padderatz, a.a.O. S. 180f.

[4] Gemeindehandbuch, z.B. Ausgabe 1973, S.38

[5] Gemeindehandbuch, Les Signes des Temps, 1937, S.9

[6] “… the General Conference, which is the highest authority that God has upon the earth…” Testimonies fort he church, Vo.3, S.492ff.

[7] R.Dederen, in The Church: Authority and Unity, Ministry, Supplement to the May 1995, S.6f.

[8] Gemeindehandbuch, 1973, S.36ff.

[9] Susan Sickler, Congregationalism, in Spectrum, June 1996, v.25(4), S.39

[10] W.von Loewenich,Die Geschichte der Kirche,1957, S.55

[11] Heinz-Dietrich Wendland, Das Wirken des Heiligen Geistes in den Gläubigen nach Paulus, in ThLZ, 1952

[12] Lietzmann, Gesch. der Alten Kirche, II, 1953, S.48

[13] W.v.Loewenich, a.a.O. S.33

[14] Der Große Duden, Bd.5, 1960, S.315

[15] v. Loewenich, a.a.O. S.73

[16] v. Loewenich, a.a.O. S.73

[17] Ulrich Kunz, Viele Glieder-ein Leib, 1953, S.136ff.

[18] Irmgard Simon, die Gemeinschaft der STA in volkskundlicher Sicht, 1965, S.47

[19] I.Simon, a.a.O. S.100

[20] I.Simon, a.a.O. S.199

[21] Die Gemeinde und ihr Auftrag, Studien zur adventistischen Ekklesiologie, Bd.II, 1994,S.277ff.

[22] Generalkonferenz der S.T.A., Euro-Afrika Division, Information für Delegierte über wesentliche Agendapunkte der GK-Vollversammlung in Utrecht 1995, hier Änderungsvorschläge für die GK-Verfassung, A,2.

[23] Raymond F.Cottrell, Will Someone Please Page the Three Angels, in Adventist Today,v.5(I),p.15,Jan./Feb 1997

[24] R.Cottrell, a.a.O.p.16

[25] AWA – „Adventistischer Wissenschaftlicher Arbeitskreis“

[26] AGG, Bd.25, S.84

[27] AGG,Bd.25, S. 99

[28] „Der Grund für seine Zurückhaltung mag darin liegen, dass leitende Vertreter der Generalkonferenz ihr Wissen über die in der Vergangenheit liegenden moralischen Verfehlungen Conradis benutzten, um diesen zur Annahme des Beschlusses zu bewegen, die Europäische Generalkonferenz aufzulösen.“ G. Padderatz, a.a.O. S. 200f.

[29] R.F.Cottrell, a.a.O. S.2f.

[30] AGG, Bd. 25 S. 117ff.

[31] G.B. Knight, Adventistischer Kongregationalismus – ein Wachruf oder ein Totengeläute?, in „Aller Diener, Nr.2, 1

[32] „Ein weiterer (Schritt) könnte die völlige Abschaffung des Ernennungsausschusses sein. An dessen Stelle könnte ein permanenter Arbeitskreis stehen. Man könnte ihn den ‚Arbeitskreis für Laien-Dienste’ nennen. Russell Burrill, Wir sind die Gemeinde – alle Macht den Laien, 2002, S. 88

[33] Barry Oliver,SDA Organizational Structure, Dissertation, zitiert in „Aller Diener“, 2, 1999, S. 50

[34] G.Knight, a.a.O. S. 54

[35] R.Burrill, a.a.O. S.120