Quo  vadis,  Adventgemeinde?

 

Referat, gehalten anlässlich der Tagung der Gemeindebeamten

 

der Mittelrheinischen Vereinigung

 

 am 27. März 2010

 

in Darmstadt „Auf der Marienhöhe“

Grundlage des Referats ist das Diskussionspapier „Quo vadis, Adventgemeinde?“ (Qv)der Freikirche in Deutschland (FiD), erstellt vom Beirat der FiD.

 

Wie ist der offizielle Stand?

Das Diskussionspapier wurde der FiD im Dezember 2009 vorgelegt, dann in einer Sondersitzung im Mai 2010 andiskutiert und am 6. Dezember 2010 abschließend behandelt. Danach ist der Text

  1. kein offizielles Dokument der FiD
  2. eine weitere Bearbeitung ist nicht vorgesehen.

Empfohlen wird in diesem Beschluss:

  1. „Etliche der aufgezeigten Problemfelder können und dürfen … nicht ignoriert werden.“
  2. „Wir wünschen uns, dass das Gespräch über die Zukunft unserer Freikirche auf der Grundlage biblischer Prinzipien fortgesetzt wird und wir gemeinsam auf allen Ebenen an positiven Veränderungen mitwirken.“[1]

Damit ist klargestellt, dass wir aufgefordert sind, uns als Gemeinde an diesen Diskussionen zu beteiligen. Auch unsere Kirchenleitung wird sich weiterhin mit den im Diskussionspapier aufgeworfenen Fragen intensiv beschäftigen: „Mit den grundsätzlichen, offenen Fragen, die das Dokument aufwirft, werden sich die Vorstände der Freikirche bei ihrer nächsten Klausurtagung in wenigen Wochen weiter befassen.“[2]

Also: Die Gesamtgemeinde – Leitungsebene und Gemeindemitglieder – sollen sich den aufgezeigten Problemfeldern stellen.

Und deshalb ist das Qv-Papier heute unser Thema.

 

I Einführung

Seit Jahren geht ein heimlicher Riss durch viele Gemeinden in Deutschland. Dieser Riss blieb bis vor kurzem weit gehend versteckt unter den Begriffen „konservativ“ und „liberal“. Dahinter verbargen sich zwei Strömungen: Auf der einen Seiten standen die „Bewahrer“, auf der anderen die „Fortschrittlichen“. Hier ausschließlich bezogen auf theologische Sachverhalte. Selten traten die Vertreter der beiden Gruppierungen in Reinkultur auf. Meist zeigten sich vielfältige Mischungen. Daneben aber gab es eine schweigende Mehrheit, die sich kaum an aktuellen Diskussionen beteiligte. Da diese formale Benennung keine wirkliche Auseinandersetzung erlaubte, kam es nie zu echten Gesprächen. Man lebte so vor sich hin. Die lehrmäßigen Differenzen wurden nicht diskutiert, jeder hatte weit gehend die Möglichkeit, seinen Glauben so zu praktizieren, wie er es privat für richtig hielt.

 

Das hat sich seit einigen Jahren offensichtlich geändert. Immer häufiger tauchte in unseren Publikationen und Ansprachen der Begriff „Polarisierung“ auf. Manche sprachen sogar von Spaltungstendenzen. Theologisch geisterte der Begriff „Sichtung“ durch die Gemeinden. Aktuell ausgebrochen ist der offene Streit durch die zunächst „versehentliche“ Publikation des Arbeitspapiers „Quo vadis, Adventgemeinde?“

 

 

II Gesellschaftliche Bezüge

Aber da die hier aufgeworfenen Fragen nicht im luftleeren Raum stehen, sei ein kurzer Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen geworfen, die Auswirkungen auf die Gemeinde und den Einzelnen haben.

Ich habe 6 Teilthemen ausgemacht, die ich für bedeutsam halte:

1.     Die Welt im Netz

2.    Ergebnisse der Biotechnik

3.    Veränderungen im politisch-wirtschaftlichen Weltgefüge

4.    Der Beginn des urbanen Millenniums

5.    Frauen auf der Überholspur

6.    Strukturwandel in der Arbeitswelt

 

Jedes Teilthema wäre es wert, ausführlich behandelt zu werden.[3] Es sind die Gebiete, die für die meisten Veränderungen in unserem Leben verantwortlich sind. Aus Zeitgründen werde ich nur ein Thema herausgreifen, dass am deutlichsten theologische Konsequenzen bewirkt, also ein Thema, das die Gemeinde als Ganzes betrifft.

 

 

Ad 3. Veränderungen im politisch-wirtschaftlichen Weltgefüge.

Dieses Teilthema berührt einen wesentlichen Aspekt adventistischer Identität. Gemeint ist die Auslegung prophetisch-apokalyptischer Bibeltexte. Noch bis in die 1950er Jahre hinein hatten wir den Mut, „Bibel und Zeitung“ nebeneinander zu legen. D. h. wir deuteten historische Ereignisse und Entwicklungen im Rahmen bestimmter Bibeltexte. Dann aber merkten wir, dass wir uns eigentlich in den meisten Auslegungen dieser Art geirrt hatten, und die Verkündiger wurden schweigsam.

 

Erst seit einigen Jahren stelle ich eine zunehmende Aktivität auch auf diesem Gebiet fest. Allerdings mit einer eher betrüblichen Tendenz: Es werden schlicht die alten Auslegungsmuster reaktiviert.  Dass sich die Welt nicht nur dramatisch verändert hat, sondern dabei ist, sich weiter rasant zu verändern, wird von diesen Bibelauslegern kaum zur Kenntnis genommen.  Ein Wust von unverantwortlichen Verschwörungstheorien ist entwickelt worden. Ein einleuchtendes Beispiel bietet unser Umgang mit den USA. Ich werde mich nicht mit dem Thema „Weltregierung“ und ähnlichen pseudowissenschaftlichen Spekulationen aufhalten, sondern die grundsätzliche Frage stellen: Welche Bedeutung hat Amerika heute und welche Schlüsse müsste man daraus im Hinblick auf die Auslegung bestimmter Bibeltexte ziehen? Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil hier sehr deutlich das Problem sichtbar wird, das im Qv-Text unter IV,3. (Text und Deutung) abgehandelt wird.

 

Mit dem Endes des Kalten Krieges begann eine neue Epoche. Die Geschichte zeigt uns, dass es nach dem Zusammenbruch großer Staatsgebilde Jahrzehnte dauert, bis sich eine gewisse Neuordnung etabliert hat und wieder Ruhe einkehrt. Das beste Beispiel, wenn auch mit bedrückendem Hintergrund, liefern uns die Randstaaten Russlands, vor allem im Kaukasus.

 

Wir sind heute mitten in einem solchen Veränderungsprozess. Das hat nicht nur etwas mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu tun, sondern auch mit dem Erwachen neuer Völker und dem Erstarken alter Großreiche. Schon in den 1960er Jahren konnte man in Fachzeitschriften und Büchern lesen, dass Russen und Amerikaner gut beraten wären, sich zusammenzutun, um wenigstens gemeinsam bis zur Jahrtausendwende den Chinesen Paroli bieten zu können.[4] Das hat ja auch weit gehend geklappt. Bush sen. und Gorbatschow haben vortrefflich kooperiert. So konnte die deutsche Vereinigung gelingen. Und auch heute sollte man sich nicht vom wieder erstarkten Russland und seinem Säbelgerassel täuschen lassen: Es wird keine ernsthafte Konfrontation mit den Amerikanern geben. Das haben wir den Chinesen und Indern zu verdanken.

 

Noch sind die USA auf fast allen Gebieten die Nummer eins in der Welt. Aber vieles ist offensichtlich nur noch Fassade. Dahinter offenbaren sich höchst bedenkliche Defizite. Das bezieht sich nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf den militärischen Sektor. Machen wir es kurz: Die Musik spielt weit gehend heute schon in Asien. Und dabei denke ich nicht an Japan – unabhängig von der letzten großen Katastrophe dort. Es geht um China und Indien. Ich habe beide Länder bereist und kann nur stauen, wie dürftig informiert die herrschende Klasse sowohl in Europa als auch in den USA ist.

 

Es ist natürlich richtig, wenn westliche Fachleute immer wieder darauf hinweisen, dass es vor allem in China viele noch ungelöste Probleme gibt, die dieses Land daran hindern könnten, den begonnenen Aufstieg kontinuierlich fortzusetzen. Die Bauernschaft verliert ihre traditionelle Rolle, versinkt in Armut und könnte durch soziale Unruhen die politisch- wirtschaftliche Lage Chinas explosiv erschüttern. Auch benennt der Hinweis auf die ungeheure Umweltverschmutzung in China ein besonderes Problem. Aber diese negativen Erscheinungen werden oft einseitig dargestellt und dabei die immensen positiven Fortschritte unterschlagen. Hier könnte das Buch von Georg Blume eine Hilfe sein.[5]

 

Grundsätzlich ist festzuhalten: China besitzt alle Mittel und vor allem auch den Willen, um zur führenden Weltmacht aufzusteigen.

  1. Die unermessliche Anzahl von Menschen
  2. Riesige, zum größten Teil noch unerschlossene Bodenschätze
  3. Eine kluge Ideologie, die bei straffer Führung durch die Partei doch dem Einzelne einen großen wirtschaftlichen Spielraum lässt.
  4. Ein starkes nationales Selbstbewusstsein, das diesem Volk Stolz und Einheit verleiht.
  5. Eine Jahrtausend alte Geschichte und Tradition.

 

China dürfte das erste Weltreich in der Geschichte sein, das sich nach tiefem Fall wieder zu alter Größe entwickelt. Das haben weder Babylon, noch Griechenland oder Rom geschafft. Die Wirtschaftsleistung Chinas steigt kontinuierlich um 10% pro Jahr. Inzwischen ist China die viertgrößte Volkswirtschaft und hat Deutschland als Exportweltmeister abgelöst. Mit 1.900 Mrd. US §  besitzt China die weltweit größten Devisenreserven. In China und Indien wachsen kaufkräftige Mittelschichten heran – in der Größenordnung von 200 bis 300 Millionen – die eine rege Nachfrage nach Autos, Maschinen und Werksanlagen auslösen. „In zehn Jahren wird China die USA als größte Wirtschaftsmacht der Welt überholen.“[6]

 

„Sowohl China als auch Indien legen großes Gewicht auf die Bildung von Humankapital.“ (Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank)[7] Beide Länder haben ein höchst ehrgeiziges Bildungs- und Forschungsprogramm aufgelegt. Sie wollen die westlichen Länder nicht nur einholen, sondern sehr bald auch überholen. „In wenigen Jahren werden Elitehochschulen wie Harvard oder Yale mit der Tsinghua-Universität und der Peking Universität sowie den Indian Institutes of Technology ebenbürtige Wettbewerber haben.“[8]

 

Die weltpolitische Lage hat sich in den letzten 20 Jahren  dramatisch verändert, ohne dass es viele Menschen wirklich realisiert haben. Wir leben in Europa in einem windstillen Flecken der Weltgeschichte. Noch zehren wir von unserer großen Vergangenheit. Noch haben wir eine Fülle wichtiger Innovationen vorzuweisen. Noch ist das Know how unserer Wissenschaftler und Großkonzerne bedeutsam. Und da wir in Deutschland zudem die längste Friedensperiode seit Jahrhunderten erleben, sind wir in einen historischen Dämmerschlaf gefallen. Wenn es nach uns ginge, sollte es alles so bleiben, wie es immer war. Aber die Welt um uns herum lässt das nicht zu. Hier haben sich gewaltige Veränderungen ergeben, und damit meine ich nicht nur den Fall des sowjetischen Großreichs. Asien ist auf dem Vormarsch, unaufhaltsam und bisher militärisch friedlich. China und Indien besitzen zwar die Atombombe, aber mehr als Drohmittel.

 

Fazit: Kurzfristig bleiben die USA noch die Nummer 1 in der Weltpolitik. Mittelfristig wird es zu einer multipolaren Welt kommen, in der die USA zwar noch eine wichtige Rolle spielen, aber die Dominanz des Westens ist beendet. Langfristig dürfte es zu einer eindeutigen Vorherrschaft Asiens, vor allem Chinas kommen.

 

Und was bedeutet das für die Gemeinde, v. a. für unsere Theologie?

Aus Zeitgründen kann ich keine spezielle Textexegese vorlegen, sondern nur eine sehr grundsätzliche Anmerkung machen. Wenn ich die adventistische Literatur richtig einordne, bewegen wir uns zum Beispiel in der Auslegung der prophetisch-apokalyptischen Texte der Bibel noch im vorvorigen Jahrhundert. Wir tun immer noch so, als sei Europa der Nabel der Welt oder seriöser formuliert: Wir deuten eurozentristisch. Das hat eine lange Tradition und durchaus seine Berechtigung. Viele Texte legen uns das ja auch nahe, aber inzwischen hat sich die Welt dramatisch verändert. Die Musik spielt in Asien! Müsste das nicht auch Auswirkungen auf unsere Theologie haben?

 

Ich habe mich schon lange gefragt, warum wir viele prophetische Texte so einseitig auslegen, so ganz auf Europa und die USA bezogen. Bei meinen privaten Reisen durch Südamerika, Afrika, Indien, China habe ich mich oft gefragt, ob es wohl der Absicht Gottes entspricht, dass all diese Völker und ihre Geschichte in der Bibel wirklich keine Rolle spielen. Bei unserer eurozentristischen Bibelauslegung entschwindet der größte Teil der Menschheit im theologischen Niemandsland. Wäre es nicht an der Zeit hier umzudenken?

 

Ich plädiere für einen globalen Ansatz bei der Deutung der prophetisch-apokalyptischen  Texte der Bibel. Was das im einzelnen bedeutet, kann ich in diesem Referat aus Zeitgründen nicht ausführen.[9] Aber ich möchte an dieser Stelle einem möglichen Missverständnis vorbeugen. Ich behaupte nicht, dass die bisherige Methode der Auslegung und deren Ergebnisse falsch gewesen seien. Was Conradi, Ellen White, Uriah Smith u. a. formuliert haben, war überzeugend und hat vielen Menschen geholfen, Vertrauen zu den Aussagen der Bibel zu gewinnen, und viele haben sich deshalb der Gemeinde angeschlossen. Aber es muss doch erlaubt sein zu fragen, ob die bislang geübte Praxis der Auslegung die allein mögliche ist, oder ob die völlig veränderte Weltlage nicht einen neuen Ansatz erfordert und auch rechtfertigt.

 

Wir kennen Auslegungen, die richtig aber zeitlich begrenzt sind.  Die deutschen Reformatoren bieten Beispiele dafür. Sie haben in manchen Bibeltexten die Türken oder den Papst gesehen.                                                                                                                                                     Wir deuten manches heute anders als sie. Aber es wäre vermessen zu sagen, sie hätten sich damals geirrt. Es ist bekanntlich ein Kennzeichen von Laodizea, wenn eine Gemeinde meint, im Vollbesitz der Wahrheit zu sein. Ellen White warnte immer wieder vor dieser Selbstzufriedenheit. Ich will es bei einem Zitat bewenden lassen: „Wahrheit, die ihren Ursprung in Gott hat, ist progressiv, sie ist nach vorn gerichtet, sie nimmt an Kraft zu, ihr Licht wird immer heller. Unsere Erkenntnis der Wahrheit beginnt im Kleinen; zunächst verstehen wir nur wenig, dann immer mehr, bis hin zur Vollendung – zuerst der Halm, danach die Ähre, danach der volle Weizen in der Ähre. (Mk.4:28). Wir haben uns selbst viel geschadet, weil unsere Prediger und Glieder davon überzeugt waren, dass wir im Vollbesitz aller Wahrheit wären, die für uns von Bedeutung ist. Aber dieser Schluss ist ein Irrtum und stellt eine der Täuschungen Satans dar; denn Wahrheit wird sich unaufhörlich entfalten.“[10] Es gibt eine Reihe ähnlicher Äußerungen in ihrem Schrifttum. Sie zeigen, dass Ellen White durchaus bereit war, immer wieder „neues Licht“ anzunehmen. Bezogen auf die Mehrheit der Gemeindemitglieder in Deutschland habe ich allerdings den Eindruck, dass wir eher der Grundstimmung von Laodizea ähneln.

 

Wenn ich hier für einen neuen Ansatz in der Deutung prophetisch-apokalyptischer Bibeltexte eintrete, dann in der Erwartung, dass wir wieder so etwas wie eine „gegenwärtige Wahrheit“ finden, die es sich lohnt, zu verkündigen. Und genau in diesem Zusammenhang stehen auch die übrigen Teilthemen der gesellschaftlichen Veränderungen. „Die Welt im Netz“ – Hat nicht dieses Medium uns  schon so verändert, dass wir Charakterzüge entdecken, die man bei bekehrten Christen kaum noch vermuten würde? Was man da manchmal, z. B. in den sogenannten „offenen Briefen“ lesen kann – Inhalt und Form betreffend! – ist schon teilweise erschütternd. Aber es zeigt doch, wie tief greifend die gesellschaftlichen Veränderungen uns und unsere Gemeinde verändert haben. Das gilt auch für die Themen „Das biotechnische Zeitalter“, „Der Beginn des urbanen Zeitalters“, „Frauen auf der Überholspur“, (hier sind wir als Gemeinde wohl noch sehr weit zurück!) und „Strukturwandel in der Arbeitswelt“.

 

Verlassen wir jetzt den Fokus der gesellschaftlichen Veränderungen und wenden uns direkt dem Qv-Papier zu. Mit dem Ausflug in die gesellschaftlichen Veränderungen wollte ich nur andeuten,dass wir mit den Fragen und Problemen rund um unsere Freikirche diesen Blick aufs Umfeld nicht aus den Augen verlieren dürfen. Wir sind Teil der Gesellschaft und alles,was hier geschieht, hat Auswirkungen auch auf uns als Einzelne und eben auch auf uns als Gemeinde.

 

 

 

 

III Das Qv-Papier

Man könnte manchmal fast den Eindruck gewinnen, als ob hier eine Streitschrift mittelalterlicher Prägung diskutiert wird, als ob hier ein kleiner Kreis im Verborgenen am Umsturz der bestehenden Ordnungen unserer Kirche gearbeitet habe, um dann mit Donnerschlag – wie weiland Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg stehend – die Mitglieder der FiD, also unseres höchsten Leitungsgremiums in Deutschland, mit einem theologischen Umsturzversuch zu überrumpeln. Reines Fantasiedenken!  Viele Reaktionen sind mir völlig unverständlich. Ich kann mir sie nur so erklären, dass der Text an manchen Stellen völlig missverstanden worden ist. Vielleicht sind so die zum Teil rufmordschädigenden Auslassungen mancher Autoren diverser E-Mails zu verstehen. Aber darum geht es heute nicht.

  • Theologische Entwicklungen

Wir fragen: Welche theologischen Entwicklungen sind in den letzten Jahren sichtbar geworden? Als Weltkirche haben wir ja einen langen und nicht immer gradlinigen Weg hinter uns. Bis 1888 vertraten wir einen eher gesetzlichen Glauben. Nach 1888 wurde die lutherische Erkenntnis sola fide in den Mittelpunkt gerückt. Erlösung geschieht allein durch den Glauben. Zwischen 1920 und 1960 gewannen fundamentalistische Überzeugungen wieder stärker die Oberhand. Teilweise wurde sogar wieder die Verbalinspiration gelehrt – sowohl auf die Bibel als auch auf das Schrifttum von Ellen White bezogen. Allerdings wurde zunehmend auch differenzierter formuliert, aber das Werk Questions on doctrine gilt bei vielen konservativen Adventisten bis heute als nicht ganz koscher. Und seit etwa 1980 beginnt die Zeit, mit der wir uns heute beschäftigen.

  • Begriffsbestimmungen

Bevor ich diese Zeit schildere, ist es angebracht, einige Begriffe zu klären, ohne umfassende Definitionen zu benutzen. Ich will nur sagen, wie ich diese Begriffe verstehe und anwende. Beginnen wir mit konservativ  und liberal. Konservatives Denken zeigt sich in dem Bemühen, das Althergebrachte, Bewährte unter allen Umständen zu bewahren. Und als liberales Denken bezeichne ich ein Denken, das aufgeschlossen ist für Neues, auch Ungewohntes. Dieses Denken scheut kein Risiko und ist bereit, auch Grundsätzliches zu hinterfragen. Beiden Denkformen entspricht ein adäquater Lebensstil und setzt sich fort in unterschiedlichen Auffassungen von Gottesdienst, von privater Frömmigkeit, von Missionsstrategien, und auch in der Frage der ökumenischen Annäherung gibt es Unterschiede. Beide Gruppen aber sind durchaus in der Lage, gut miteinander auszukommen. Sie schätzen einander und lassen beide als angesehene Adventisten gelten. Ihr beiderseitiger Grundkonsens besteht in der gemeinsamen Akzeptanz der biblisch-adventistischen Grundaussagen. Fakt ist aber auch: Es gibt wahrscheinlich wenige Gemeindemitglieder, die die eine oder andere Einstellung in Reinkultur verkörpern. Vielmehr finden wir viele, die von beidem etwas verinnerlicht haben.

 

Zu beiden Gruppen aber gibt es auch Extrempositionen. Auf der konservativen Seite ist das der orthodoxe Fundamentalismus und die extreme Form des Liberalismus bezeichne ich als Theologie der Beliebigkeit. Der Begriff Fundamentalismus ist heute einer allgemeinen Weitläufigkeit ausgesetzt.[11]  Ihm ist so etwas wie eine Begriffs-Inflation widerfahren. Ohne die historischen Wurzeln dieses Begriffes in den USA zu untersuchen – unsere Kirche hat daran einen nicht geringen Anteil! – ist er so etwas wie eine Steigerung des Konservativen, und wenn dann noch dazu der Begriff orthodox hinzukommt, haben wir es mit einer gefährlichen Mischung zu tun. Orthodox nennt man eine versteinerte Grundhaltung. Da bewegt sich nichts mehr. Alles ist ein für alle Mal entschieden oder erkannt. Der orthodoxe Fundamentalismus findet sich in zunehmendem Maß auch in deutschen Adventgemeinden. Theologisch beharren sie auf Positionen, die z. T. bis in die Phase von vor 1888 reichen. Glaubensgehorsam geht vor Glaubensgerechtigkeit. Und dass sich die Welt dramatisch verändert, bleibt in ihrer Theologie weit gehend unberücksichtigt. Der Aufstieg Chinas und Indiens, der schleichende Verfall der USA, die Herausforderungen des Islam, die deutlich nachweisbare Metamorphose der röm.-kath. Kirche – all das wird ignoriert oder anders gedeutet. Die Vertreter des orthodoxen Fundamentalismus zeigen die typischen Merkmale der Gemeinde von Laodizea: Sie haben die Wahrheit ein für alle mal erkannt, und nichts kann und darf sich ändern. Aber zu Veränderungen werden wir aufgefordert, wie es im Beschluss der FiD vom 6. Dezember 2010 heißt.

 

Fast tragisch zu nennen ist ihre Selbsteinschätzung: Sie halten sich für die wahren Adventisten, und sie versuchen mit fast allen Mitteln, ihre Form von Adventismus der Gesamtgemeinde aufzuzwingen. Das nimmt teilweise Formen an, die weit über das Maß theologischer Debatten hinausgeht. Es geht im Augenblick tatsächlich um den richtigen theologischen Kurs nicht nur des deutschen, sondern auch und vor allem des weltweiten Adventismus. Das aber ist heute nicht unser Thema. Warum ich diese Extremgruppe so konkret schildere?  Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass von dieser Gruppe die größte Gefahr für den Zusammenhalt unserer Freikirche ausgeht.

 

Jetzt aber noch kurz zur Beschreibung des zweiten Begriffs, der eine Extremposition bezeichnet: Die theologische Beliebigkeit. Er kommt auch im Qv-Papier vor. Damit meine ich die Extremform des Liberalismus. Das hat mit dem Begriff Liberalität kaum noch etwas zu tun. Die Vertreter dieser Richtung sind zwar offen für Veränderungen, lehnen aber jede Form von Verbindlichkeit ab. Der so (miss)verstandene Liberalismus zeigt sich z. B. in der willkürlichen Interpretation vieler Bibeltexte. Er neigt zu einer nur noch historischen Betrachtungsweise. Das kann bis zur Ablehnung einiger der überlieferten Glaubensüberzeugungen unserer Kirche gehen. Daraus resultiert dann eine nur noch selbst verantwortete Moral. Das Gottesbild ist privat entwickelt und Gottesdienste pervertieren häufig zum Event. Diese Form der Religiosität praktiziert eine umfassende Unverbindlichkeit und trägt somit dem weit verbreiteten Individualismus Rechnung, aber sie gipfelt doch in einer immer größeren Distanz zu jeglicher Form von Gemeinde und Gemeinschaft.

 

Wir finden alle vier Varianten von >Theologie< in unseren Gemeinden: Die Konservativen, die Liberalen und als ihre Extremformen die orthodoxen Fundamentalisten und die Vertreter einer Theologie der Beliebigkeit. Wir sollten nun aber nicht auf die Suche gehen und versuchen, die Geschwister in das richtige Kästchen zu stecken. Diese begrifflichen Unterscheidungen sollen nur dazu dienen, etwas Überblick im Dschungel der theologischen Auseinandersetzungen zu gewinnen. Natürlich gibt es neben diesen vier Gruppierungen noch die große Zahl der Gläubigen, die entweder Mischformen vertreten oder sich so in etwa in der Mitte befinden.  Bis jetzt schweigen sie noch, aber das Kampfgetümmel widert sie an. Einige – und es werden immer mehr – stehen schon am Rande der Gemeinde und überlegen ihren stillen Exodus.

 

Damit komme ich zu einzelnen Stichpunkten des Qv-Papiers, die zum Teil missverstanden oder zu konzentriert formuliert worden sind. Ich verzichte allerdings in diesem Referat auf alle historischen Rückverweise, wie sie im kirchengeschichtlichen Teil des Qv-Papiers enthalten sind. Da gibt es eigentlich wenig Diskussionsstoff, da es sich weit gehend um historische Fakten handelt.

  • Bezug zur Weltkirchenleitung

Ich beziehe mich in diesem Referat ausschließlich auf die Verhältnisse in Deutschland, möchte aber zuvor doch einen kleinen Blick über den Atlantik werfen; denn hier hat sich nach der GK-Konferenz von Atlanta 2010  ein deutlich spürbarer Kurswechsel vollzogen. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, stelle ich folgendes fest:

Der in Atlanta gewählte GK-Präsident gibt eine klare Richtung vor:

  • Eine Rückbesinnung auf die bewährten Fundamente adventistischer Identität.
  • Eine massiv verstärkte Betonung des Schrifttums von E. G. White.
  • Eine konkret detailliierte Fassung des biblischen Schöpfungsberichts.
  • Eine stark zentralistische Ausrichtung des hierarchischen Gefüges.
  • Die Parusie wird zum neuen Mittelpunkt der Verkündigung – mit der Tendenz der menschlichen Beschleunigung dieses Ereignisses.
  • Als Voraussetzung der Beschleunigung der Parusie gilt die jetzt zu erbittende Ausgießung des Spätregens.

 

Vor diesem Hintergrund nehme ich jetzt Stellung zu einzelnen Teilthemen des Qv-Papiers:

 

·         Bibel und Tradition

Jede christliche Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte neben die Bibel das gestellt, was man in der Kirchengeschichte unter dem Begriff „Tradition“ zusammenfasst. Das sind Texte, die einen besonders hohen Stellenwert haben. Das können die Schriften Luthers sein oder die Texte eines Thomas von Aquin. Entscheidend  dabei ist immer die Frage, in welchem Verhältnis stehen diese Texte zueinander. Für unsere Kirche geht es dabei hauptsächlich um das Schrifttum von E. G. White. Hier lassen sich unterschiedliche Entwicklungen nachweisen. Wichtig scheint mir zu sein, dass wir immer deutlich unterscheiden sollten zwischen der offiziellen Lehrmeinung der Weltkirchenleitung und dem, was manchmal bestimmte Theologen oder Evangelisten oder Administratoren sagen oder schreiben. Wir haben nie offiziell gelehrt, das wir die Texte von EGW auf eine Stufe stellen mit der Bibel. Wir machen hier deutliche Unterschiede. Jedenfalls ist das die offizielle Lehrauffassung unserer Freikirche. Ich erinnere hier an EGWs Bild vom kleinen Licht, das zum großen Licht hinführt.

 

Sehr aufschlussreiche Aussagen enthalten die Protokolle der Bibelkonferenz von 1919. Ich habe eine Übersetzung ins Deutsche von zwei entscheidenden Tagen dieser Tagung herausgebracht.[12] Hier kommen Männer zu Wort, die viele Jahre unmittelbar mit EGW zusammen gearbeitet haben. Wenn nicht sie, wer dann könnte uns authentisch Auskunft geben bei bestimmten Fragen, ihre Schriften oder ihre Theologie betreffend. Warum ich das jetzt gemacht habe? Weil ich den Eindruck habe, dass wir nach Atlanta in unserer Gemeindezeitschrift so etwas wie einem zunehmenden Druck ausgesetzt sind. Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich übe keine Kritik am Schrifttum EGWs, sondern nur an einer möglichen Überhöhung ihrer Texte im Sinne einer falschen Gleichsetzung von Bibel und Tradition. So sind alle Äußerungen im Qv-Papier zu verstehen. Wenn in den Gemeinden über diese Frage diskutiert wird, dann wäre es hilfreich, sowohl unsere offizielle Stellung zu bestimmten Fragen zu kennen als auch die Meinung führender Mitglieder unserer Kirche zu lesen – wie zum Beispiel in den Protokollen der Bibelkonferenz von 1919.

  • Glaubensüberzeugungen

Der Beirat hat in seinem Text auf einen Sachverhalt hingewiesen, der zu heftiger Kritik geführt hat. Manchen kritischen Äußerungen liegt aber ein einfaches Missverständnis der Begriffe zu Grunde. Der lateinische Fachausdruck, um den es hier geht, lautet hierarchia veritatum. Schlicht übersetzt heißt das Rangordnung der Wahrheiten. Und wenn dann unter diesem Stichwort von Rand- und Kernwahrheiten die Rede ist, meinen viele, hier werden biblische Grundwahrheiten willkürlich bewertet. Aber darum geht es gar nicht. Vielleicht hätte der Beirat besser von biblischen Grundwahrheiten und von biblischen Ratschlägen schreiben sollen. Wohl jeder wird folgendem Satz zustimmen: Die biblische Lehre von der Gerechtigkeit aus dem Glauben hat ein anderes Gewicht als Ernährungsratschläge. Oder: Die biblische Lehre von der Wiederkunft Jesu Christi hat einen anderen Rang als die Teilhabe an der Kultur. Natürlich gibt es auch für die Ernährung oder für die Teilhabe an der jeweiligen Kultur biblische Ratschläge, aber sie sind von anderem Gewicht. Und nur das ist gemeint.

 

Und diese Unterscheidung machen doch die meisten von uns. Das aber einzugestehen, gehört zur Redlichkeit der Diskussion, befreit nebenbei auch von einem ungerechtfertigten schlechten Gewissen. Natürlich kann ich diesen Gedanken auch weiter fassen. Welches Gewicht hat die biblische Lehre vom Zehnten, welche die spezielle Heiligtumslehre, welche die Frage der Dämonenaustreibung? Hier sind offensichtlich in unseren Gemeinden unterschiedliche Gewichtungen vorhanden. Diese gilt es zu akzeptieren. In bestimmten theologischen Randfragen ist Vielfalt möglich, in theologischen Kernfragen ist Einheit nötig. Wenn es uns gelingt, diese Grundhaltung zu verinnerlichen, sprechen wir von versöhnter Vielfalt.

 

Nun hat aber unsere Weltkirchenleitung keine hierarchia veritatum aufgestellt – und das ist gut so. So sollte es auch bleiben. Das aber bedeutet, dass jeder für sich werten kann. Jeder Gläubige ist verantwortlich dafür, welchen Stellenwert er den einzelnen biblischen Lehren und Ratschlägen in seinem Leben gibt. Und verantwortlich ist er nur Gott gegenüber. In der Gemeinde kann es bei diesem Thema durchaus zu Spannungen kommen. Wir müssen lernen, das auszuhalten. Das schaffen die Konservativen und die Liberalen, auch die in der Mitte, aber nicht die orthodoxen Fundamentalisten. Sie akzeptieren keine wertende Unterscheidung. Die Frage des Vegetarismus steht für sie auf einer Stufe mit der Glaubensgerechtigkeit. Das aber ist keine adventistische Position.

 

IV  Die Ortsgemeinde

Der gesamte Text des Qv-Papiers zielt auf das Stichwort Ortsgemeinde. Diesem Begriff wenden wir uns jetzt zu. Hier findet das geistliche Leben statt oder auch nicht. Es gilt zu prüfen:

  • Welche theologische Grundposition herrscht in meiner Gemeinde?
  • Welche Atmosphäre ist vorherrschend?
  • Welchen Charakter haben die Gottesdienste?
  • Wie ist die ökumenische Ausrichtung?
  • Wie konkret suchen wir der Stadt Bestes?
  • Welche missionarischen Unternehmungen sind sinnvoll?

 

Alle kirchengeschichtlichen, alle theologischen, alle soziologisch-pädagogischen Aspekte des Qv-Papiers, auch die strukturellen Anfragen, münden ein in die Frage nach Aufgabe und Autorität der Ortsgemeinde.

 

Ich verzichte aus Zeitgründen auf einen Überblick über die Gemeinde im NT und in der nachapostolischen Zeit.[13] Nur so viel zur Historie:

Im Laufe der kirchengeschichtlichen Entwicklung hat sich eine Reihe von sehr unterschiedlichen Modellen entwickelt. Das röm.-kath. Kirchenverständnis ist als zentralistisch zu bezeichnen. Entscheidende Funktionen sind mit dem Amt des Papstes verknüpft. Martin Luther hat seiner Kirche ein doppeltes Vermächtnis hinterlassen. Auf der einen Seite hat er das allgemeine Priestertum stark betont, aber auf der anderen Seite das landesherrliche Kirchenregiment eingeführt. Hier haben ihn natürlich bestimmte historische Sachzwänge geleitet. Entscheidend für Luthers Argumentation ist der Unterschied zwischen geistlichem und weltlichem Recht. Hier nähern wir uns schon sehr stark der aktuellen Debatte in unserer Kirche – Öffentliches Recht und Kirchenrecht.

 

Aber fragen wir weiter. Neben das katholische und das protestantische Kirchenverständnis haben sich weitere Varianten entwickelt. Die orthodoxen Kirchen und auch die reformierte Kirche haben ein eigenes Profil. Sie sollen hier nur erwähnt, ohne im Detail beschrieben zu werden. Daneben hat sich eine Kirchenstruktur entwickelt, die unter dem Begriff >Kongregationalismus< zusammengefasst wird. Für unsere Kirche scheint das ein sehr emotionales Reizwort zu sein.

 

·         Verfassungselement: Kongregationalismus

Was ist unter >Kongregationalismus< zu verstehen? Zentrum jeglicher Struktur ist die Ortsgemeinde. Sie hat fast unbeschränkte Eigenständigkeit.  Entstanden im angelsächsischen Raum, war es zunächst eine Gegenposition zum röm.-kath. Modell. Die Kirche von England sollte sich ja nicht nur theologisch, sondern auch organisatorisch von der >Mutterkirche< unterscheiden. Sollte sie synodal oder monarchisch oder presbyterial strukturiert sein? Das alles entscheidende Gremium wurde die Ortsgemeinde. Hier lag und liegt jede Ausformung von Autorität. Es gibt keine übergeordnete Instanz, kein Organ, das weisungsbefugt wäre. 1658 entstand die Savoy-Erklärung. Hier heißt es: „Neben diesen einzelnen Kirchen [Ortsgemeinden] gibt es keine zusätzlich von Christus verordnete Kirche oder Autorität, die umfassender und zur Aufrechterhaltung seiner Anweisungen mit mehr Macht ausgestattet wäre.“[14] Das bedeutet konkret, dass jede Ortsgemeinde sich ihren Prediger oder Lehrer selbst wählt. Sie bezahlt ihn  und kann ihn auch entlassen. Natürlich stehen die so organisierten Gemeinden in einem losen Verbund. Es gibt Synoden, die bei Lehrunterschieden vermitteln. Aber die Synoden haben keine Weisungsbefugnis, und es gibt auch keine >übergeordneten< Synoden.

 

Halten wir fest: Es gibt zwei grundsätzlich verschiedenen Modelle – das zentralistische Prinzip und das föderalistische Prinzip. Unsere Freikirche hat sich offensichtlich noch nicht definitiv entschieden und zwar bezogen auf die Zukunft. Aber wir stellen Bewegung fest.

 

Und Bewegung muss es auch in der Ortsgemeinde geben!

 

·         Zukünftige Kennzeichen der adventistischen Ortsgemeinde in Deutschland

Ich möchte im folgenden meine Vorstellung von Ortsgemeinde darstellen und weniger die in unseren Regularien definierten. Manches ist vielleicht schon Praxis, aber einiges ist noch Zukunftsmusik. Aber wenn es uns nicht gelingt, die Ortsgemeinde in dem Sinne zu reformieren, wie ich das im folgenden versuche auszuführen, wird sie als Ausgleich zur Weltkirche versagen.

    1. Entscheidend ist die >Atmosphäre< einer Gemeinde. Das hört sich zunächst sehr simpel an, bezieht sich aber z. B. auch auf die theologische Grundstimmung in dieser Gemeinde. Kann ich hier so sein, wie ich in Wirklichkeit bin? Darf ich Zweifel äußern? Kann ich auch mit unterschiedlichen Wertungen der einzelnen Glaubenssätze ein anerkanntes Gemeindemitglied bleiben? Bei Atmosphäre geht es also nicht nur um freundliches, liebevolles Miteinander, sondern es geht auch um Theologie. Jede Ortsgemeinde sollte sich Zeit nehmen, über die theologische Grundrichtung ausführlich und offen zu diskutieren. Nur dann haben sowohl Liberale als auch Konservative genügend Raum zum Atmen. Dadurch würde auch den extremen Randgruppen – so sie denn vorhanden sind – die Einflussmöglichkeit genommen. Ganz entscheidend bleibt bei diesem Gedanken meine Forderung, dass auch bei unterschiedlicher theologischer Position mein Adventistsein nicht in Frage gestellt wird! Der für uns hier in Deutschland zuständige Mitarbeiter der GK, Bruno Vertallier, schreibt dazu:“… ich will auch die Gemeindeglieder achten, die noch Fragen oder ihre eigene Sicht in Bezug auf bestimmte Lehren wie die Schöpfung, das Heiligtum, die Gemeinde der Übrigen usw. haben. Ich möchte diesen Brüdern und Schwestern versichern, dass sie als treue Gemeindeglieder angesehen werden und in der Familie der Siebenten-Tags-Adventisten willkommen sind.“[15]
    2. Die Bedürfnisse einer Gemeinde sollten sich in den Funktionsstellen wiederfinden. Es geht bei den Gemeindewahlen also nicht einfach darum, die im Regelwerk aufgelisteten Ämter zu besetzen, sondern es wird vorher erkundet, was die Gemeinde braucht. Wenn es viele ältere Geschwister in einer Gemeinde gibt, dann sollte ein extra dafür bereitgestellter >Diakon< diese Aufgabe wahrnehmen. Und wenn nötig, sollte er das nicht nur ehrenamtlich tun. Das gleiche gilt für die Betreuung Jugendlicher. Hier sollte ein generelles Umdenken einsetzen.[16] Einen besonderen Aspekt werde ich unter 6. ansprechen.
    3. Der Aufteilungsschlüssel der Gelder müsste  reformiert werden. Es ist nicht mehr zeitgemäß, alle Finanzmittel zuerst total abzuliefern und dann per Antragsverfahren einiges an Mitteln zurückzubekommen. Es bleibt bei der guten Regelung, dass die meisten Geldmittel zentral verteilt werden, aber es kann nicht so bleiben wie bisher, dass alle Mittel höheren Orts verteilt werden. Die Gemeinden wissen besser als jede Dienststelle, welche Missionsprojekte vor Ort Erfolg versprechend sind. Zudem würde das weit gehend auch nur die Praxis bestätigen; denn schon heute geben viele Adventisten Gelder zweckgebunden an bestimmte Projekte. Ihnen würde man das Gewissen erleichtern, und zudem würden dann auch Mittel vorhanden sein, die für die Bezahlung von >Sonderdiakonen< (für Jugendliche, für Senioren etc.) gebraucht würden. Sammlungen für bestimmte Projekte der Ortsgemeinde sind in Zukunft nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.
    4. Die Ortsgemeinde ist Eigentümer der Immobilie – Grundstück und Gebäude. Die Konsequenzen sollten sich an Praktiken in anderen Ländern orientieren. Dieser Gedanke ist sicherlich für viele neu und erschreckend. Aber denkt ihn mal zu Ende. In anderen Ländern hat man durchaus positive Erfahrungen gemacht. Aber dieser Aspekt gehört nicht zu den vordringlichen Veränderungswünschen!
    5. Aber damit stellt sich die Frage nach der Autorität der Gemeinde. Sie hat z. B. allein das Recht, Mitglieder aufzunehmen oder auszuschließen. Sie kann >Strafen< verhängen – „korrigierende Seelsorge“ früher Gemeindezucht. Im hierarchischen System unserer Freikirche aber ist die Gemeinde der übergeordneten Verwaltungseinheit, der Vereinigung, unterstellt. Was bedeutet das? Das Bindeglied ist offensichtlich der Prediger. Er ist von der Vereinigung angestellt und ihr verantwortlich. Es kann aber in Zukunft nicht sein, dass er den Willen der Vereinigung auch gegen den erklärten Willen der Gemeinde durchsetzt. Hier müssen neue Strukturen geschaffen werden. Die Initiative dazu muss folgerichtig von der Gemeinde ausgehen.  Hier tut sich ein weites Konfliktfeld auf, aber wir müssen die Realitäten einer veränderten gesellschaftlichen Situation akzeptieren. Was fällt noch unter „Autorität“ der Gemeinde? Einerseits habe ich Formalien genannt: Aufnahme, Ausschluss von Mitgliedern, Gemeindezucht. Andererseits gäbe es auch andere Bereiche, in denen die Ortsgemeinde in Zukunft aktiv werden könnte. Zum Beispiel könnte die Ortsgemeinde ein spezielles Glaubensbekenntnis formulieren, das für diese Gemeinde gilt, das natürlich nicht im Gegensatz zu den 28 Glaubensgrundsätzen unserer Freikirche stehen darf, aber vielleicht kürzer und kulturrelevanter formuliert ist. Oder die Ortsgemeinde könnte beschließen, neben die offizielle Bibelschulbetrachtung der Weltkirche in einer oder in zwei Gruppen ein spezielles Bibelstudium zu betreiben. Man einigt sich z. B. auf einen paulinischen Brief oder einen alttestamentlichen Propheten. Die beabsichtigte Wirkung  liegt in der Erwartung, dass Bibelstudium wieder mehr Freude bereitet, weil evtl. gedankliches Neuland betreten würde. Des weiteren: Es ist Sache der Ortsgemeinde, wie weit sie bei ökumenischen Kontakten gehen will.  Die hier angefangene Liste lässt sich zweifellos erweitern.
    6. Eine sehr wichtige Rolle im Leben einer Ortsgemeinde spielt der Gottesdienst. Hier kulminiert das geistliche Leben. Und was ich jetzt formuliere, wird manchem fremd anmuten. Ich gehe aus von den gesellschaftlichen Veränderungen. Viele von uns sind z. B. durch die modernen Medien weitaus gestresster als das früher der Fall war. Wir sind ständig auf dem Sprung – jeden Augenblick erwarten wir etwas oder es wird von uns etwas erwartet: E-Mail, Twitter, Facebook etc. Ich will hier nicht in die Einzelheiten gehen, aber viele Forscher bestätigen uns die eigene Erfahrung: Wir können uns weniger konzentrieren, wir haben Mühe, ein Buch zu lesen, wir erleben die Ablenkung als Lebensprinzip. Ständig will jemand unsere Aufmerksamkeit, selbst beim ruhigen Lesen im Internet springen ständig Werbeblocks ins Bild – die wir eigentlich lesen sollen. Das aber bedeutet andererseits: Wir sehnen uns nach Ruhe, nach Sammlung, nach Momenten der stillen Einkehr. Und wenn dann der adventistische Gottesdienst das genaue Gegenteil bewirkt? Wenn es keine Momente der Ruhe, der Sammlung gibt, sondern dafür ständig irgendeine Aktion, einen „Programmpunkt“? Die Alte Kirche lehrt uns, dass auch im Gottesdienst das Beständige seinen Platz haben sollte, weil der Beständige anwesend war. Beim Wort >Gottesdienst< fragen wir: Wer dient hier wem? Gott uns oder wir Gott? Wenn wir überzeugt sind davon, dass Gott uns dient, dass er schon da ist, auf uns wartet, wir ihn also nicht erst inständig betend einladen müssen, dann erfährt unser Gottesdienst einen völligen Wandel. Wir antworten auf Gottes Gegenwart – durch andächtige Stille, durch konzentriertes Hören auf sein Wort, wir vermeiden unnötiges Herumlaufen im Gotteshaus, wir unterlassen alles, was uns als profan anmutet, z. B. Essen und Trinken während des Gottesdienstes, das sollte auch für Kinder gelten. Wir achten auf unsere Kleidung und unsere Wortwahl beim Dienst auf dem Podium. Erwartet werden nicht gestelzte, sakrale Worthülsen, keine >Sprache Kanaans<. Wenn wir uns bewusst sind, vor wem wir stehen, mit wem wir reden, fällt es uns leichter, die richtige Form zu wählen. Ich breche hier ab, aber nicht ohne den Begriff zu nennen, den ich für eine Weiterentwicklung des adventistischen Gottesdienstes für unverzichtbar halte: Wir sollten, zumindest in größeren Gemeinden, einen Liturgen wählen. Der Liturg sollte – vielleicht zunächst einmal pro Monat – einen Gottesdienst ausarbeiten, der liturgische Elemente enthält. Sie könnten uns den Zugang zum Gottesdienst neu eröffnen. Wenn meine Analyse stimmt, dass die Menschen – auch wir Adventisten – im Gottesdienst Sammlung, Ruhe, Besinnung, Einkehr, stille Begegnung mit Gott suchen, dann helfen uns liturgische Elemente und religiöse Symbole. Beides sind Begriffe, die einen kirchlichen Beigeschmack haben. Aber sollte uns das hindern? Belehrung im Gottesdienst ist wichtig. Wir wollen und sollen studieren. Aber das allein kann es heute nicht mehr sein. Die Bibel kennt Lobpreis, Hymnus, Anbetung und das stille werden vor Gott. Und genau das suchen Menschen heute im Gottesdienst.

 

V Zusammenfassung

Der Text „Quo vadis , Adventgemeinde?“ ist als Diskussionspapier unseren Gemeinden von der Freikirchenleitung übergeben worden. Wir sollten davon Gebrauch machen. Dabei habe ich heute versucht, ein paar vielleicht missverständliche Formulierungen zu erklären und einiges an zusätzlichen Informationen beizusteuern. Der Begriff, so haben wir gesehen, auf den eigentlich alles zuläuft, ist die Ortsgemeinde. Hier habe ich ein paar Anmerkungen gemacht, die als Anregung dienen sollen. Vielleicht vermisst der eine oder andere bei der Beschreibung der Ortsgemeinde Begriffe wie Liebe, Anteilnahme und geschwisterliche Gemeinschaft. Ich habe mehr von Aufgaben und Autorität gesprochen. Das will ich jetzt nicht nur der Vollständigkeit halber nachholen, sondern ich denke, dass diese Begriffe die zentrale Bedeutung der Gemeinde widerspiegeln. Wenn sie fehlen, bleiben die übrigen Aspekte Makulatur. Jesus hat das in einem Satz zusammengefasst: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13, 35) Da steht im griechischen Text das Wort agape. Ich übersetze diesen Begriff mit vorurteilsloses Wohlwollen. Damit sind zwei wichtige menschliche Verhaltensweisen gefordert: vorurteilslos ist eine Sache der Ratio – ich bin bereit, des Anderen Sicht der Dinge als echte Möglichkeit zu sehen, und Wohlwollen ist eine Sache des Gefühls. Ich bin bereit, den Anderen in meiner Gemeinde so anzunehmen, wie Christus mich angenommen hat.

 

Wenn Luther den Begriff agape meist mit >Nächstenliebe< übersetzt, dann ist das mir zu unscharf. Aber wenn ich meinem Nächsten – und hier ist der Bruder, die Schwester in der Gemeinde gemeint – vorurteilslos begegne, ihn also nicht in ein Kästchen stecke, also nicht schon eine Art von Vorverurteilung praktiziere, dann habe ich die Chance, eine Atmosphäre in der Gemeinde zu erzeugen, in der wir uns wohlfühlen. Und wenn dieses Wohlwollen hinzukommt – gegen jedermann! – dann kann Gemeinde meine geistliche Heimat sein.

 

Oft habe ich in den letzten Wochen und Monaten bei der Diskussion um des Qv-Papier diese agape vermisst, aber  - und damit komme ich zum Schluss meiner Überlegungen -  aber ich bin trotz allem davon überzeugt, dass Christus der Herr dieser Gemeinde ist. Er wird darüber wachen, dass nicht die Ränkespieler, die Machtbesessenen, auch nicht die Fanatiker oder die orthodoxen Fundamentalisten die Oberhand gewinnen. Wenn Gott es will und er uns gebrauchen kann, werden wir weiter für ihn arbeiten. Aber immer in der Gesinnung der agape. Auch wenn uns das manchmal sehr schwer fällt, es gibt keinen anderen Weg. Ich leide oft an und in meiner Gemeinde, aber sie wird meine geistliche Heimat bleiben.

 

Allerdings müssen wir die Frage Quo vadis, Adventgemeinde? nicht länger als Symbol für Streit und Verleumdung nehmen, sondern als echte, konkrete Frage: Wohin geht die Adventgemeinde? Welchen Kurs steuert sie? An dieser Frage werden wir uns in den nächsten Monaten abarbeiten müssen. Heute haben wir hier einen Anfang gemacht, aber dabei darf es nicht bleiben. Sprecht in Euren Ausschüssen darüber und fasst Resolutionen, die dann in den nächst höheren Gremien Wirkung zeigen sollten. Wenn die ganze Arbeit, die vielerlei Aufregung überhaupt einen Sinn behalten soll, dürfen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Im Quo vadis Papier sind Denkanstöße, Vorschläge und Einsichten gebündelt, die es uns ermöglichen sollten, einen klaren Kurs zu steuern.

 

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten wird sich verändern, verändern müssen. Die  orthodoxen Bewahrer dürfen uns nicht aufhalten. Das gilt auch fürs Weltfeld. Jan Paulsen, der vorige GK-Präsident, schrieb 2010 im ahoi : „Wir können versuchen, zurück in die Zukunft zu gehen. Dann werden wir alle Veränderungen als störend ansehen, als würden wir irgendwie aus dem Glauben unseres geistlichen Erbes ausbrechen – ja fast als Häresie. … Ich bin überzeugt, dass ein Adventismus, der in einer bestimmten Zeit oder Kultur stehen geblieben ist, vom Weg abgekommen ist. … Veränderungen werden kommen. Sie werden kommen, weil unsere Kirche lebendig ist und weil sich die Welt, zu der wir gehören, ständig verändert.“[17] Das ist mein credo und so wünschte ich, sollte meine Kirche denken und handeln – auch hier in Deutschland.

L. E. Träder

Im März 2011

 

 

 


[1] Text des Beschlusses veröffentlicht in adventisten heute, Jan. 2011, S. 23

[2] Bericht über die Jahressitzung der FiD, adventisten heute, Februar 2011, S. 5

[3] Siehe mein Referat „Die zu erwartenden gesellschaftlichen Veränderungen und ihre möglichen Auswirkungen auf den Einzelnen und die Freikirche der S.-T.-Adventisten in Deutschland, 2008

[4] So zum Beispiel Wilhelm Fucks, Formeln zur Macht, 1. Aufl. 1965

[5] Georg Blume, China ist kein Reich des Bösen, Edition Körber-Stiftung, Hamburg, 2008

[6] National Geographic, Juli 2008, S. 92

[7] Wirtschaftswoche, a. a. O. S.30

[8] Wirtschaftswoche, a. a. O. S. 30

[9] Ich verweise auf mein Referat: “Daniel 2 und die Chinesen”

[10] Ellen G. White, Signs of the Times, May 26, 1890

[11] Erhellende Informationen liefern einige Artikel in adventisten heute, Februar 2011

[12] Nachzulesen unter www.Kaleidoskop-Freikirche.de

[13] Wer das nachlesen will, sei auf das Referat anlässlich der „facit-Tagung“ vom 05. 02. 2011 verwiesen.

[14] Zit. in:Norman GOODALL (Hg.) Der Kongregationalismus. Die Kirchen der Welt. Bd. 11. Stuttgart, 1973, S.205

[15] in adventisten heute, Nr. 9/2010, S. 6

[16] „Ein weiterer [Schritt] könnte die völlige Abschaffung des Ernennungsausschusses sein. An dessen Stelle könnte ein permanenter Arbeitskreis stehen. Man könnte ihn den >Arbeitskreis für Laien-Dienste< nennen.“ Russel BURRILL, Wir sind die Gemeinde – alle Macht den Laien, 2002, S. 88

[17] Jan Paulsen, aus Adventist World, März 2010, S. 7ff in adventisten heute, März 2010